Grünschenkel  - Limikolen besuchen die Großstadt
Ersatzbiotope zwischen Aubinger Lohe und Autobahn bewähren sich
Von Wolfgang Alexander Bajohr

Heute sind von den einst in Bayern lebenden 35.000 Tierarten 40 % akut bedroht oder schon ausgestor-ben. Von den Sumpf- und Wasservögeln sind in den vergangenen 50 Jahren alleine 80 % verschwunden. Darum hat es für uns eine große Bedeutung, wenn eine der Arten in ihren einstigen Lebensraum zurückkehrt, wenn es auch nur beim Durchziehen ist. Rund um die Aubinger Lohe habe ich damals noch den Kiebitz als Brutvogel beobachtet und habe auch Jungtiere gesehen. Der Grünschenkel, von dem hier die Rede sein soll, ist zwar in Osteuropa und in Nordkarelien ein häufiger Brutvogel, aber bei uns ist er schon lange eine Rarität. Was ich hier

schildern will, spielt sich auch nicht irgendwo in fernen Mooren oder an Seeufern ab, sondern vor unserer Haustüre im Umfeld der Millionenstadt München.

Wer erwartet hier schon den  Flussregenpfeifer, oder Kiebitz und gar noch den Grünschenkel? Der wiederum ist ein langbeinigen Sumpf- bzw. Schnepfenvogel, den man am allerwenigsten im Außenbereich der Großstadt vermuten würde. Der Grünschenkel verdankt seine Rückkehr ausgerechnet der Autobahnverwaltung, die hier für andere zerstörte Lebensräume ein Ersatzbiotop geschaffen hat, das Fachleute eingerichtet haben. Was einstmals Müllplatz war, das wurde hier jetzt Lebensraum und wird morgen auch noch Kinderstube für etliche der Rückkehrer sein.
 

Der Vogel, den ich hier vorstelle, ist ein Wasserläufer mit langem Schnepfenschnabel und langen grünen Watbeinen. Bürzel, Rücken, Schwanz und Bauch sind rein weiß, und auch die Oberseite ist weiß. Der lange Schnepfenschnabel ist leicht aufwärts gebogen. In Sumpf, Sand und Moor, stochert er damit nach Futter, oder er rennt im Flachwasser dahin, steckt den Schnabel hinein und schüttelt dabei den Kopf, um unter Wasser oder zu Lande die Torftrockenstreifen nach Futter durch zu sieben. Ähnlich geht er auch zu Lande vor. Grünschenkel sind recht große Mitglieder

aus der Schnepfenfamilie, die wir lateinisch als Limikolen bezeichnen. Ihre größte Verbreitung haben sie auf der Tundra und Taiga in Sibirien und im Norden von Karelien. Dort sind sie häufig, aber bei uns nur auf dem Durchzug zu sehen.

Uferschnepfe und  Rotschenkel gibt es bei uns nicht mehr. Selbst als Durchzügler bekommt man sie sehr selten zu sehen. Vor 20 Jahren begegneten sie uns wenigstens noch als durchziehende Arten. Wie der Brutatlas der Vögel Bayerns feststellt, wurde am Brombachsee ein balzendes Grünschenkel-Paar beobachtet und man hatte daher einen Brutversuch vermutet. Die Liebesspiele endeten 1997 mit Nestbau und Ei ablegen. Dabei blieb es, denn zu einer Brut ist es nicht mehr gekommen.
 

Auf den Schlickflächen bei Niedrigwasser hat es alle Jahre Durchzügler gegeben, aber noch nie an einem Kunstbiotop. Für die bei der Autobahnverwaltung arbeitenden Biologen ist es eine schöne Aner-kennung durch die Natur selbst. Feldlerche, Kiebitz und Flussregenpfeifer, Neuntöter und Grünschenkel sind schon im ersten Jahr nach der Neuanlage der Flachteiche erschienen. Vor allem die ganzjährig Wasser führenden Flachteiche haben dazu beigetra-gen, die im Frühling und Herbst durchziehenden Limikolen zur Rast einzuladen.

Längst haben sich auch Wasserpflanzen, Wasserkäfer und Grünfrösche hier eingestellt. Auf den Kiesflächen blüht üppig eine Trockenrasenflora. Ziel der Limikolen ist im Herbst das Winterquartier in den Lagunen Afrikas und im Frühjahr ihr Brutgebiet hoch im Norden oder weit im Osten. Bei meinen Bärentouren in Nordkarelien habe ich Grünschenkel häufig angetroffen, und obwohl sie territorial und streitbar sind, rücken sie mit ihren Nestern am Boden der Taiga oder auf den feuchte Teilen der Tundra verblüffend eng zusammen. Da sind die Nester oft nur 150-200 Meter voneinander entfernt.

Um die Jahrhundertwende bejagte man die Grünschenkel sogar noch. Denn aus der Umgebung von Ismaning stammen die Magenuntersuchungen, die uns zeigen, dass dieser Vogel Käferlarven und von den im Wasser lebenden Insekten nahezu alle verzehrt. Sie rasen aber auch bucklig und mit vorgestrecktem Kopf durch das Wasser, dass es aufspritzt, um kleine Fische zu schnappen. Am Strand picken sie zeitweise Köcherfliegenlarven auf oder auch Undefinierbares. Bis zum Kopf stecken sie den Schnabel in den Schlick und schnattern ihn durch.
 

Im Tundrapond neben meinem Bärenansitz in Finnland sind sie nach Futter stochernd oft auf kaum einen Meter an mich herangekommen. Es sah aus, als stünden sie in glühendem flüssigem Metall, wenn das stille Wasser das rote Licht der Nordlandsonne reflektierte. Doch auch am Ammersee suchten sie wenige Schritte vor mir im Flachwasser nach Futter. Sie ignorieren dann den Menschen total und zeigen keinerlei Scheu, wenn man sich ruhig verhält. Sie stammen aus

menschenleeren Gebieten und kennen den Menschen noch nicht als den Feind, der er in Wirklichkeit ist. Wenn sie bei uns erscheinen, ist es März oder April und im Herbst August/September. Schon der Pfarrer Jäckel, der Begründer der systematischen  ornithologischen Beobachtungen in Bayern schilderte den Grünschenkel. Er hat nicht nur die Durchzügler, sondern auch Schwärme von übersommernden Vögeln beschrieben. Er spricht dabei von Trupps von 30, oder 40, 50 oder 60, ja bis zu 150 Grünschenkeln, die den ganzen Sommer über hier bleiben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind das alles Jungvögel, also Junggesellen, die noch nicht am Brutgeschehen beteiligt sind. In milden Wintern bleiben auch immer einige an den verschiedenen Seen des 5seenlandes. An der Aubinger Lohe habe ich bisher nur Einzelgänger beobachtet.

Bei der Futtersuche wechselt der Vogel gerne von einem zum anderen Flachgewässer oder fliegt auch mit klagendem Flötenruf umher, der etwa ebenso klingt wie beim Rotschenkel, mit dem er ja eng verwandt ist. Aneinander gereiht wird aus den einzelnen Motiven der Flötenrufe ein Gesang, der trillert ähnlich wie beim Großen Brachvogel. Erst wenn eine große Schar dieser Vögel ruft, kann es zu einem Singgewitter werden.

Woher diese Vögel kommen und wohin sie ziehen, ist durch die Beringung recht gut erforscht worden. Selten sind sie eigentlich nur bei uns, in den Brutgebieten und im Winterquartier können sie dagegen häufig sein. Da sie in breiter Front durch unser Land ziehen und auch das Mittelmeer überqueren, dehnt sich ihr Zuggeschehen also sehr auseinander. Erst am Ziel in Afrikas Schlammbuchten und Lagunen vereinen sie sich mit anderen Limikolen zu schier unübersehbaren Scharen. Dabei sind sie recht tolerant untereinander und erst im Brutgebiet verteidigen sie wieder ihr Revier im Nestbereich.
 

Dort startet dann auch das Männchen von erhöhter Warte aus zu seinem Singflug, etwa vergleichbar dem Singflug der Feldlerche. Er fliegt singend in steilem Bogen hinauf und kommt dann im steilen Sturzflug wieder auf seine Singwarte zurück. Von hier aus wiederholt sich der Balzflug dann mehrfach.
Da der Vogel bei uns nicht mehr brütet, möchte ich hier auf die Brutbiologie nicht weiter eingehen.