Aktuelles: "Tatort Wald" von Claus-Peter Lieckfeld (Buchbesprechung)
Sollen wir jagen wie die Natur selbst? Jagen wie Bär, Wolf und Luchs?

Vorbemerkung
Der Autor des Buches“ „Tatort Wald“, Claus-Peter Lieckfeld, Westend-Verlag, Frankfurt, ISBN-Nr. 3-938060-11-5 und 978-3-938060-11-7 ist vielen seiner Berufskollegen als ein hervorragender Journalist bekannt, der sich immer wieder engagiert für Tier- und Naturschutz einsetzt und häufig in Büchern und Magazinen hervorragende Arbeit geleistet hat. In seinem Buch „Mythos Vogel“, beschreibt er die Lebensweise vieler Vogelarten und zeigt, wie vertraut er mit der Materie ist. Ich stelle diesen Hinweis voran, da ich annehmen muss, dass er sich auch mit der Lebensweise der Tier- und Vogelarten des Waldes auskennt.

Von Jägern und Jagdförstern
All das sind auch Gründe, die dieses Buch „Tatort Wald“ gespannt erwarten ließen. An einen Krimi erinnert nicht nur der reißerische Titel, es liest sich auch ähnlich wie ein Krimi, da es flott und allgemeinverständlich geschrieben ist. Nicht nur die Handlung rechtfertigt das, denn die ist Kritik an dem Selbstverständnis der eigenen Person vieler Jäger, die das Ehrenschild eigener Verpflichtung und echter Tradition nicht mehr wahr haben wollen. Neu im Klassenkampf um die Jagd ist die Kritik am „Jagdförster“. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sind schwerwiegend und das schlimme daran ist, dass sie richtig sind.

Das gilt auch für die oft kuriosen Formen von allem, was sich „Hege“ nennt. Denn das Ausrotten mit dem Jäger konkurrierender Tierarten, insbesondere von Greifvögeln und vierbeinigen Beutegreifern ist durch nichts gerechtfertigt. Selbst dann nicht, wenn sich dadurch die Jagdstrecke kurzfristig erhöhen lässt.

Der Staatswald hingegen gehört ebenso wie alle seine Tiere uns Bürgern, also dem Volk!!! Es ist üblich, seit es das Reichsjagdgesetz vorschreibt, durch Füttern die natürliche Wintersterblichkeit auszuschalten und auch die Trophäenqualität damit zu verbessern. Und dann um der Eitelkeit willen, in die Zwangsjacke einer Berechnung des Jagderlebnisses nach Gramm oder Punkten zu zwängen. So sind prestigeträchtige Gesichtspunkte entstanden, die Bewertungen des Ansehens ermöglichen. Am Ende erfand man auch noch Trophäenschauen, die schließlich zu Trophäenolympiaden der Eitelkeit degradierten. Die Folgen der Fütterei waren explosionsartige Vermehrung des Schalenwildes. Trotz ständig wachsender Abschusszahlen hat das den Wildbestand ständig wachsen lassen. Das ist ein Prozess, der heute noch nicht zu Ende ist.

Naturwald verjüngt sich kostenlos
Das Buch erläutert, sich vielfach wiederholend, dass Professor Plochmann es einst war, der feststellte, dass die Wilddichte richtig sei, wenn der natürlicher Weise auf einer Fläche vorkommende Wald sich natürlich verjüngt. Das ist zweifellos richtig. Es setzt aber voraus, dass noch Altbäume der betreffenden Baumart vorhanden sind. Wenn sie fehlen, fehlt auch die Verjüngung dieser erwünschten Baumart.

An den riesigen Monokulturen, Plantagenwirtschaft mit Fichten, war aber nicht das Wild Schuld, sondern die damaligen Förster. Als vor etwa 250 Jahren die Forstwirtschaft erfunden wurde, wussten sie es nicht besser. Sie und weitere Generationen lernten Wald nach der Reinertragslehre zu pflanzen. Wir wollen ihnen aber nicht den Vorwurf machen, dass wir den heute angestrebten Naturwald nicht mehr haben. Auch Horst Stern sagte in jener  spektakulären Weihnachtssendung, dass der Wald krank auf den Tod sei und dass die Hirsche daher nicht das zu Fressen haben, was sie brauchen oder wollen. Provozieren mag zuweilen nützlich sein, um Einsichten zu fördern. Heute weit verbreitet ist deshalb die zunehmende Einsicht, dass man einen neuen Wald will, einen Naturwald. Den aber muss man meist ganz neu pflanzen, weil er nur noch sehr selten aus der Verjüngung hervorgehen kann.

Dort wo artenreicher Naturwald ganz ehrlich geschaffen wird, sind auch die Jäger einsichtig, denn auf den neu gepflanzten Flächen wird er helfen, und mit der Wilddichte zurückgehen. Das muss leider so lange durchgehalten werden, bis dieser neue Wald aus dem Äser herausgewachsen ist. Nach spätestens 10 Jahren sind diese neuen Wälder ohnehin so bürstendick, dass man auf der Jagd kaum noch etwas zu sehen bekommt. Regional begrenzt  ist es durchaus sinnvoll, jenen neuen Wald durch weniger Wild zu fördern. Es ist aber nicht seriös, einen flächendeckenden Klassenkampf für den gesamten Wald auszurufen.

Jeder dritte Mann in unserem Volk wäre gerne Förster
Da mache ich keine Ausnahme. Aus den Gründen, die auch das Buch nennt, war es mir zunächst nicht vergönnt. Als schließlich der ebenfalls im Buch genannte Baden-Württembergische Forstpräsident Hubert Rupf, ein väterlicher Freund, einen Seiteneinstieg ermöglicht hätte, blieb ich das, was ich inzwischen gelernt hatte. Für einen Wechsel war es zu spät.

Aber auch als Normalbürger blieb ich ein Freund des Waldes. Da man nie auslernt, habe ich auch Kremsers  „Forstgeschichte in Niedersachsen“ vom Anfang bis zum Ende gelesen. Ich weiß aber auch aus anderen Quellen, dass alle bemerkenswerten Bäume weit älter sind als jene 250 Jahre alte Forstwirtschaft mit Förstern. Diese Bäume wurden zuweilen in ihrer Jugend vom Wild gnadenlos zusammengefressen oder auch nur die Bäume neben ihnen. Man kannte noch keine Umtriebszeiten nach den Wünschen der Sägewerke, die Bäume nach längstens 80 Jahren ernten lassen und dicke Bäume gar nicht mehr verarbeiten können.

Urwald - Naturwald
Auch jene Weißtannen in dem Urwald, den Dr. Meister mit seiner Doktorarbeit die Ehre erwies, fallen am Ende ihres Lebens um. Sie sind oft 600 Jahre alt. Andere Baumarten sterben früher, aber sie werden ebenfalls uralt. In der genannten Lebens-Zeit-Spanne kommt längst nicht jeder Baum durch. Manche werden vorher aufgefressen. Nur hatte man damals im Urwald Zeit und viel Platz. Rehe, Hirsche, Gams, vielleicht auch Auerochse, Wisent und Elch haben an solchen Wäldern genagt. Nur ist Naturwald eben kein Wirtschaftswald. Im Naturwald siegt die Ökologie, im Wirtschaftswald aber die Ökonomie. Wir brauchen leider auch jene Wirtschaftswälder. Wir brauchen sie leider und wir wären froh, wenn darin nicht nur Ökonomie sondern nebenbei auch ein wenig Ökologie geduldet würde.

Dann aber dürfen die gängigen Regeln der Forstwirtschaft nicht mehr gelten. Wir freuen uns über jeden Eichelhäher. Denn wo er den Wald pflanzt, das weiß nur er und der liebe Gott. Wir Jäger aber danken es ihm nicht und schießen den Forstmeister im bunten Rock mausetot.

Schutzwald soll Fehler ausbügeln
Einst hatte man es gewusst, dass man in Lawinenstrichen keine Häuser bauen kann und durch Lawinengelände keine Strassen. Man tat es doch, und heute muss man sie durch Schutzwald sichern. Obwohl Ursache und Wirkung am Schwanz aufgezogen sind, wollen wir das akzeptieren. Man könnte ja die Sache umdrehen und künftig vermeiden, in Lawinenlagen Strassen zu bauen.

Genau genommen ist dieses Buch nicht ein Buch, sondern es sind zwei Bücher. So stammen die Wünsche in diesem Buch von Dr. Meister, und Herr Lieckfeld kommentiert sie und verbindet alles mit einer Biografie des Herrn Dr. Meister. Obwohl auch wir uns einen Naturwald wünschen oder gerade weil wir ihn wünschen, vermissen wir in diesem Buch die Tiere des Waldes. Wir vermissen, dass man über die Biologie und die Lebensansprüche des Schalenwildes mehr erfährt als nur den Wunsch, die Tiere totzuschießen, um die Bäume zu retten. Und der Fall Bruno hat deutlich werden lassen, dass Bruno sich an Haustieren vergriffen hat, weil er kein natürliches Fallwild mehr gefunden hat. Den Luchsen und Adlern geht es ähnlich. Der Steinadler wäre schon längst ausgestorben, wenn er sich nicht seinen Hunger an Igeln und Katzen im Ortsbereich stillen könnte. Dem Uhu geht es ähnlich.

Staatswald gehört dem Volk
Noch etwas vergessen die Autoren, dass der Staatswald uns, den Bürgern gehört. Er gehört nicht den Förstern. Es ist dankenswert, wenn Herr Lieckfeld klar macht, dass der Wald bei der Jagd zum Selbstbedienungsladen wurde. Während der Bürger für die Jagd, nach Trophäengesichtspunkten zur Kasse gebeten wurde, haben Staatsbeamte kostenlos jagen dürfen. Sie tun das noch heute, wenn auch unter dem Vorwand „Wald vor Wild“ und sie schießen den kostenlosen Reduktionsabschuss. Schlimmer noch, auch in Nationalparkgebieten wird auf Kosten der Steuerzahler gejagt. Nur nennt man das dort verschämt „Wildlife-Management“.

Ich gönne den jagenden Förstern ihre Jagd, aber entweder sollte der „Reduzierer“ ebensoviel zahlen wie der Jagdgast oder aber die revierlosen Jäger dürfen den Förstern kostenlos bei der Jagd helfen. Gleiches Recht für alle tut Not, das sollte in der Demokratie selbstverständlich sein, noch ehe der Rechnungshof sich daran erinnert.

Der Rechnungshof sollte aber einmal nachsehen, ob es richtig war, so viele Menschen, die im Wald ihre Arbeit fanden, auf die Straßen zu setzen und nach Hartz 4 leben zu lassen. Verglichen mit privaten Forstbetrieben war der Staatswald sicher personell überbesetzt. Sonst hätte man wohl dort nicht soviel Zeit für die Jagd finden können. Es ist aber doch verwunderlich, dass ein Österreichischer Sägewerksbetrieb sein Holz um 1/3 billiger erhält als ein Privatsägewerk, das Marktpreise zahlen muss. Nicht nur das, dieser Naturalrabatt von 33 % ist für 10 Jahre fix garantiert.

Sollen wir uns also unter diesem Gesichtspunkt noch über Wälder fressendes Wild ärgern und Wald vor Wild fordern? Gewiss, wir wollen wieder Naturwald statt Fichtenholzackerbau. Das ist ein Grund, regional und unter Kontrolle neuen Wald anzubauen. Sonst aber kann man getrost das Wild in Ruhe lassen. Denn das Wild ist für den Bürger auch unter ökologischen Gesichtspunkten allemal erstrebenswerter als Holz zum Dumpingpreis vor Wild.

Urwälder in denen man zum Nulltarif wirtschaftet sind keine Wirtschaftswälder. Für mich sind sie mehr. Sie sind ein Heiligtum. Wenn auch nicht im Urwald, so werden durch die neue Forst-AG zunehmend Altholzbestände heruntergeklopft, ohne dass man noch Zeit hat auf Spechthöhlen zu achten. Darum muss der Bürger mehr Altholzbestände, mehr Totholz im Wald, mehr Naturwaldreservate und mehr Urwälder und Altholzbestände fordern und alternativ auch den Aufbau junger Wälder als Naturwald. Der Bürger wünscht sich mehr davon, denn es wird sie wohl niemand in Zweifel ziehen.

Warum schaffen wir die Jagd nicht ganz ab?
Wenn wir weiterhin das Wild im derzeitigen Umfang reduzieren, dann wird es keine Wiederkehr von Beutegreifern mehr geben können, weil wir ihnen das Futter wegschießen. Die Trophäe ist sicher der schlechteste Anlass um Schalenwild zu erjagen, denn sie ist nur eine Erinnerung an diese Jagd. Darum ist es bedenklich, Jagdgelegenheiten an revierlose Jäger für viel Geld zu verkaufen und dieses Jagderlebnis nach Trophäeneigenschaften zu berechnen, also nach Gramm oder Punkten. Ebenso bedenklich ist, wenn Angehörige einer Verwaltung kostenlos Trophäenträger erjagen dürfen. Es wäre also sinnvoll, den Geldwert dieser Abschussgebühr ihrem Gehalt zuzuschlagen und als Einkommen zu versteuern.

Eine phantastische Idee hatten sogar jene, die den Wald und seine Bäume davor retten wollen, dass sie aufgefressen werden. Wald vor Wild bedeutet für sie, dass sie sich aufopfern und damit kostenlos jagen dürfen. Für sie gibt es auch keine Jagderlebnisse, denn sie töten ja nur mit Widerwillen, aber nur weil sie ihre Pflicht erfüllen. Das ist in einer Demokratie ungeheuer, dass in Wäldern, die den Bürgern gehören nach ganz verschiedenen Gesichtspunkten gejagt wird, je nachdem welcher Gruppe jemand angehört. Geht es wirklich um den Tatort Wald, dann müssen alle kostenlos jagen dürfen, ausgenommen im Nationalpark. Wie jemand mit seinem Lustgefühl dabei zu Recht kommt, ist jedem Einzelnen überlassen. Ebenso ob er eine Andachtsstunde einlegt oder ins Horn stößt, grüne oder weiße Unterwäsche trägt den Bruch links oder rechts hat, das ist Privatsache. Wenn man aber auch wirklich die Rückkehr der großen Beutegreifer wünscht, wenn wir die Wiederkehr von Bär, Wolf und Luchs wollen, von Stein- und Seeadler, Uhu und vielleicht noch anderen, dann gibt es nur die Lösung, dass alle diese Tiere kostenlos jagen, dass sie also Beute machen dürfen, ohne zur Strafe dafür erschossen zu werden. Sie brauchen also einen Managementplan.

Tierschützer würden die Jagd gerne ganz abschaffen. Es ist also eine Frage, ob wir überhaupt jagen dürfen. In Wirtschaftswäldern ist eine Reduktion immer nötig und auch in Ordnung, solange keine Beutegreifer das besorgen. Jagd ist nicht die Lust am Töten, sondern die Liebe zu allem Lebendigen. Die Natur kann auch ohne den Menschen auskommen, sie braucht den Jäger nicht, um Gott zu korrigieren. Aber der Wirtschaftswald braucht den Jäger. Dabei ist es den Tieren egal, ob sie auf der Jagd oder durch ein Wildlife-Management erschossen werden.

Was ist waidgerecht?
Überlegen wir noch, wann wir waidgerecht jagen, denn dafür gibt es viele Bedeutungen. Die Jagd des Menschen ist nur dann waidgerecht, wenn wir ebenso wie die Natur jagen, aber nicht gegen sie. Ökologisch sinnvoll und wie die Natur aber jagen wir nur dann, wenn wir wie die Natur selber jagen, bevorzugt vor allem junges Wild und überaltertes, das kurz vor dem natürlichen Tode steht. Sie sind unser Beispiel. Die mittlere Altersklasse ist die Säule der Population, und sie müssen wir in Ruhe lassen. Denken wir auch daran, dass es Rudeltiere frustriert und Schäden am Wald auslöst, wenn wir sie hindern, im Rudel zu leben.

Wolfgang Alexander Bajohr