Ammersee-Süd: Der Flussregenpfeifer

Ein lerchengroßer Vogel rennt vor uns über die Steine, mit so schnellen Trippelschritten, dass man die gelben Beinchen gar nicht sieht. Auch die großen dunklen Knopfaugen haben einen gelben Ring. Die Oberseite ist erdgrau, der Bauch weiß. Kopf und Hals schmückt ein nach hinten zu schmäler werdendes Band. Den schwarzen Schnabel und Auge verbindet ein schwarzer breiter Strich. Die Stirn ist weiß, schwarz und wieder weiß gebändert. Das Vögelchen rollt so flink über den Kies dahin, als würde es auf Rädern gezogen.

 

"Tüdühdüh, tüdühdüh", sein Ruf ist nicht zu überhören. Dann sagt er zweimal "djüew, djüew", und drei sandfarbene Flaumbällchen mit dunkelbrauner Zeichnung rennen auf den Altvogel zu. Der nimmt sie unter sich, um sie zu hudern und zu wärmen. Ihre Tarnfarbe ist perfekt, die Anordnung der Zeichnung gleicht schon jener der Eltern. Ein Flaumbällchen, dem die Tarnung zuweilen zum Verhängnis wird, wenn Menschenmassen auf den Kiesflächen lagern und Grillfeste feiern. Wird ein Nest zertreten oder fortgeschwemmt, brütet der Regenpfeifer auch dreimal. Dieses Nachlegen hat die Art trotz aller Verluste durch Badegäste doch noch überleben lassen, und manchmal hilft halt auch ein regnerischer Sommer, wenn die Menschen ausbleiben.Aber was ist denn mit dem Altvogel los? Mit hängenden Schwingen hinkt er auf nur einem Bein davon. Dann fällt er ganz einfach um, überschlägt sich, liegt auf dem Rücken und zuckt nur mit den Flügeln. Mitleidig bücke ich mich, um ihn aufzuheben. Da hinkt er weiter. Ich folge ihm. Das Spiel wiederholt sich, bis er mich, jämmerlich dabei flötend, 50 m weit weggelockt hat und auffliegt um zu seinen Jungen zurückzukehren.


 


Ihren Winterurlaub verbringen die Flussregenpfeifer südlich der Alpen, rund um das Mittelmeer und in Afrika. Dorthin ziehen sie gerne in Gesellschaft, und in großen Flügen mit der weiteren Verwandtschaft, zu der auch die Kiebitze gehören. Zur gleichen Zeit wie jene kommen sie auch schon früh zurück. Ende März, Anfang April, sind sie wieder im Brutgebiet. Weil dann zuweilen noch Schnee fällt, beginnen die Männchen aber erst gegen Ende April, manche auch erst im Mai, die Nestmulde auf weiten Kiesflächen

zu drehen und von großen Steinchen zu säubern. Dann steht das Weibchen oft unbeweglich daneben, sobald das Männchen beginnt mit Steinchen zu werfen. Irgendwann schnackelt es aber auch bei ihr, und sie läuft zum Mulde bauenden Männchen. Während sie herantänzelt, spreizt das Männchen den Schwanz, duldet es aber, dass seine Braut weiterbaut, und er wirft ihr die kleinsten und schmuckesten Kiesel zu. Irgendwann, nach der Kopulation, liegt dann auf einem "Polster" vieler gleich großer kleiner Steinchen ein verhältnismäßig großes Ei und dann jeden Tag ein weiteres, bis 3 oder 4 beisammen sind, die mit der Spitze immer zur Mitte zeigen. Zwar brütet überwiegend das Weibchen, aber das Männchen löst es immer wieder ab, damit es Insekten suchen kann. Immer, wenn einer von beiden die Brutablösung wünscht, deutet er das damit an, dass er dem Sitzenden weitere Steinchen in die Nestmulde wirft. Bevor er sich selbst dann setzt, baut er zuweilen auch noch ein Hälmchen mit ein. Der ablösende Vogel kommt stromauf- oder stromabwärts von der Futtersuche laut pfeifend herbeigeflogen. Bevor der abgelöste Partner pfeifend davonfliegt, wirft auch er meist noch mit einigen Steinchen. Die Brut dauert runde 24 Tage, also recht lange für einen so kleinen Vogel. Bis die Jungen ebenso geschickt weit und rasant fliegen wie die Eltern, vergeht noch einmal die gleiche Zeit. Damit bleibt in der Regel noch genügend Spielraum, um vor dem Herbstzug noch eine zweite Brut aufzuziehen, denn im Kies und im Flachwasser am Fluss wimmelt es in dieser Zeit von Insekten, Larven und Krebschen. Etwa September/Oktober versammeln sich die Familien miteinander und an den Schlickbänken auch mit Kiebitzen, um gemeinsam die weite Reise in den Süden anzutreten.


"Tüdühdüh, tüdühdüh, djüew, djüew". Manchmal reihen sich diese Lockrufe zu einem melodischen Triller aneinander. Trotz massiver Störungen ist der Bestand von Flussregenpfeifern in der Pupplinger Au an der Isar mit etwa 6-8 Paaren konstant geblieben. Regenpfeifer pfeifen nicht etwa nur, wenn das Wetter schlecht ist oder vielleicht Regen naht. Sie pfeifen bei Sonne und Mond, unter dem Sternenhimmel und bei Gewitter, sie pfeifen immer. Gerne begrüßen sie den Morgen. Sie pfeifen am allermeisten, wenn die Sonne mit rosigem Hauch den Nebel verzaubert.


 

Wo natürliche Bäche und Flüsse sich in Mäandern durch das Land winden, ändern sie jeden Tag vielfältig das Bild der Natur. Gerade das ist es, was reich gegliederte Lebensräume entstehen und wieder vergehen lässt. Die Fließgewässer formen ihr Bett täglich, und gerade darum sind ihre Ufer und ihr Lauf so reichhaltig, dass es dem Flussregenpfeifer und vielen anderen Tieren dort gefällt. Da wechseln seichte Stellen, welche die Sonne erwärmt, mit Kiesinseln und tiefen kühlen Gumpen. Der Flussregenpfeifer liebt die bei jedem Hochwasser sich verändernden kahlen Sand-, Schlick- und Kiesflächen. Sie sind eine Voraussetzung für die Brut von Flussregenpfeifer, Flussuferläufer und Flussseeschwalbe.

Natürliche Lebensräume sind heute noch immer das Ammerdelta, der Lech und die naturbelassenen Wildflussabschnitte an der Isar mit ihren Kiesbänken entlang der Pupplinger Au. Hier aber ist der Freizeitdruck das Problem. An schönen Wochenenden baden bis zu 30.000 Menschen, und es befahren Hunderte von Booten und Flößen den Fluss. Dass sie vorübergleiten, akzeptieren die Vögel, nicht aber, wenn sie anlegen und die Leute Grillfeste feiern, während die Eier nebenan auskühlen und absterben

oder Jungtiere verhungern. Es ist dem Flussregenpfeifer auch egal, ob Menschen, die seine Eier zertreten, nackend sind oder eine Badehose anhaben. Wenn es nicht gelingt, diesen Massentourismus anders zu kanalisieren, dann geht einer der letzten natürlichen Lebensräume für den Vogel des Jahres 1993 auch noch verloren.


Unsere Flüsse sind heute eine Kette von Stauseen und in begradigten betonierten Kanälen ist in einem ausbaubedingten Verödungsgerinne kein Platz mehr für eine Kiesinsel. Ihre neuen Brutgebiete sind zum Beispiel im bayerischen 5-Seen-Land, aber auch in Nordbayern, die Kiesgruben. Darum ist es eine Tragödie, wenn man diese Überlebensinseln mit Bauschutt oder dem Müll einer Wohlstandsgesellschaft zufüllt, wie es bei Traubing trotz aller Proteste des Landesbundes für Vogelschutz leider passiert ist.


 


 


Der kleine Vogel nutzt aber auch oft fernab vom Wasser Kiesgruben, wie in Gilching, hinter Fürstenfeldbruck oder südlich von Raisting. Er ist dankbar für Lebensräume aus Menschenhand, wie jene künstliche Kiesinsel, die mit viel Arbeit der Vogelschützer von der Schutzgemeinschaft Ammersee-Süd in der Bucht am Südende des Ammersees errichtet hat. Im Dachauer Moos hat der Landesbund für Vogelschutz eine Torfschicht über dem Kies abschieben lassen, und sofort sind mehrere Flussregenpfeifer eingezogen und haben gebrütet. Sie haben auch die vom Vogelschutz für Flussseeschwalben gebauten schwimmenden Brutinseln auf dem südlichen


Starnberger See angenommen und auch das Nistfloß des Herrn Zintl auf dem Isar-Stausee bei Bad Tölz. Es ist ein großes Glück, dass die Flussregenpfeifer sich anzupassen verstehen und Ersatzlebensräume besiedeln. Sie nutzen jede sich bietende Chance. Trotz allem sind sie extrem selten geblieben. Es gibt in ganz Bayern insgesamt kaum mehr als insgesamt 250 Paare. Wären sie nicht so vertraut und anpassungsfähig, wären sie längst ausgestorben.


Nicht vorgesehen in ihrem Plan ist aber, wenn Rabenkrähen sich an Müllplätzen mästen und stärker als natürlich vermehren. Damit kann ihre Überzahl für Flussregenpfeifer zum Problem werden. Ich befürworte keineswegs den totalen Krieg gegen die Rabenkrähe, den manche Jäger früher geführt haben. Auch die Krähe hat ein Lebensrecht und soll zur Brut ihre Schonzeit haben. Aber an den nur rund 250 Nestern von Flussregenpfeifern in Bayern ist sie nicht gern gesehen. Viele Vogelschützer haben darum schon den Kontakt zum Jäger gesucht, damit er ihnen hilft den Krähenbestand auch in Naturschutzgebieten beizeiten einzuregulieren, bevor er bei seltenen Problemvögeln eine Gefahr wird. Gegen wenige Krähen weiß sich auch der Flussregenpfeifer zu wehren, aber nicht gegen einen durch Futter an Müllplätzen unnatürlich überhöhten Bestand. Wir kommen heute auch an einem Management nicht vorbei. Darum hat der Landesbund für Vogelschutz vorgeschlagen, für die Nachfolgenutzung von Kiesgruben ein Starnberger Modell zu entwickeln und die Nachfolgenutzung ausgebeuteter Kiesgruben dem Vogelschutz anzuvertrauen. Er könnte mit der Hälfte der vorgeschriebenen und bis jetzt hinterlegten Sicherungssumme, neue Biotope schaffen, in denen der Flussregenpfeifer und Uferschwalben ihren Brutplatz und Amphibien Laichgewässer finden, wovon aber auch noch viele andere Tiere und Pflanzen profitieren könnten. Was einst nur Unland war oder Müllplatz wurde, ist künftig für den Flussregenpfeifer die Kinderstube und ein Lebensraum aus Menschenhand. Kiesgruben-Manager Jais aus Gilching hat sich da besonders aufgeschlossen gezeigt. Er hilft nicht nur durch Gestaltung der Kiesgrube den Vögeln, sondern außerdem mit Geld. In seiner Kiesgrube hat sich eine Uferschwalbenkolonie etabliert und sogar auf einem Nistfloß die Flussseeschwalbe.
An einer Kiesgrube bei Traubling brütet neben arbeitenden Maschinen der Flussregenpfeifer. In einer vom LBV Fürstenfeldbruck betreuten Kiesgrube haben Schafe die Landschaftspflege übernommen. Es entstand ein Biotop für Kreuzkröte und Wechselkröte, an dem aber auch Flussregenpfeifer und sogar Flussuferläufer nisten. In einer von der Schutzgemeinschaft Ammersee-Süd betreuten Kiesgrube bei Raisting ist schon seit Jahren die Uferschwalbenkolonie zu Hause und die jungen Flussregenpfeifer habe ich selber dort rennen sehen. Gestern verpönt als Unland, oft missbraucht als Müllplatz ist die Kiesgrube schon heute und auch morgen ein Lebensraum aus Menschenhand für seltene Arten. Immer vorausgesetzt, dass auch das Landratsamt mitspielt.

Wolfgang Alexander Bajohr