Ammersee-Süd: "Von Wilden Männle, Hexen und Jägerbärten" -
 die Gemeine Küchenschelle verschwindet zusammen mit den Trockenrasen
 
von Wolfgang Alexander Bajohr

Eine seltsame Gesellschaft ist es, die sich schon im zeitigen Frühling auf den spärlich bewachsenen Trockenrasen einstellt. Denn alle Küchenschellen sind Frühlingsblumen. Ihr Name hat aber mit der Küche nichts zu tun und ist wohl von der "Kuhschelle" abgeleitet, der die Blüte ähnelt. Alle Jahre wieder muss eine andere Blume daran glauben. Doch ist die "Blume des Jahres" nie Ehrentitel für einen Star, sondern schlicht

Frühlingsküchenschelle

die Vorwegnahme einer Katastrophe, dem Untergang der selten gewordenen Blume. Im Jahr 1996 hat es die "Gemeine Küchenschelle" (Pulsatilla vulgaris) erwischt. Dabei hätte sie eigentlich ein riesiges Verbreitungsgebiet. Sie blüht auf allen Trockenrasen, danach ist sie eine Berg- und Talblume. Auf den Bergen ist mir einst nicht die Blume, sondern mir sind ihre Jägerbärte aufgefallen. Schließlich habe ich darüber nachgedacht, warum diese schöne Blume eigentlich gemein sein soll. Denn gemein ist ja eigentlich nur der Mensch, der ihr die Lebensgrundlage entzieht. In allen Berichten, die ich bis jetzt über die Blume des Jahres gelesen habe, vermisse ich die Erkenntnis über den Anlass Ihrer Gefährdung.

Genau genommen ist die Küchenschelle ein Kind der Hirten. Sie ist zwar außerdem eine Blume, die gut mit der Kälte zurechtkommt und darum schon gleich der Eiszeit gefolgt ist. Aber sie war auf Tundren und jene Waldlücken angewiesen, die Wildtiere ihr geschaffen haben. Danach war der Mensch mit seinen Viehherden in der Kulturlandschaft weitaus gründlicher. Entweder hat er den Wald gleich gerodet und abgebrannt, oder er hat sein Vieh in den Wald getrieben. Was die Tiere abgebissen und an Nährstoffen entfernt haben, das konnte er einst nicht ersetzen, denn Düngung gab es noch nicht. Trockenrasen sind das Ergebnis von Raubbau am Boden, den Sonne, Wind und Regen vollendet haben. Auf diesen Böden hat sich dann eine Reihe spezialisierter Blütenpflanzen angesiedelt. Menschenwerk sind auch die Kalkmagerrasen, auf denen die Gemeine Küchenschelle blüht.

Uns blieb es vorbehalten, diese alte Kulturlandschaft zu zerstören, um uns die alten Magerrasen wieder dienstbar zu machen. Da sie ohnehin "nichts wert sind“, hat man sie oft dem Jäger als Wildacker gegeben. Der pflügt sie um, düngt und schafft damit den Kohlacker im Deutschen Wald. Aus ist es mit der Küchenschelle. Förster im Staatsforst forsteten sie in großer Zahl auf. Damit verschwinden viele Schmetterlinge: Schachbrett, Silbergrüner Bläuling, Blutströpfchen, Scheckenfalter und andere. Es sterben Küchenschelle, Graslilie, Silberdistel, Flockenblume. Doch auch mit jedem saueren Regentropfen fällt Stickstoff auf den Boden. Das düngt Jahr für Jahr den Trockenrasen. Schleichend und ohne dass es uns bewusst wird, verabschiedet sich das Blütenwunder ein Stückchen mehr, und keiner weiß das aufzuhalten.

In früheren Jahrhunderten hätte man die Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) gerne zum Teufel geschickt, denn ihr Gift war gefragt für vieles "Hexenwerk". Wenn die Strubblebueben auf der Wiese tanzen, die Schaudermandl, wilden Männle, wie die Jägerbärte heißen, dann wird vom Wind das Krautzeug gesät, das aus den "Rubbleten Köpfen" fiel. Es segelt über die Wiesen und verteilt sich. Ist erst die giftige Pflanze mit ihrem Kraut daraus gekeimt, dann frisst das Vieh davon, aber es verträgt das nicht. Der Hexenbart wächst überall dort, wo der Jäger eine Hexe aus der Luft geschossen hat. Will man das glauben, dann hat auf manchem Trockenrasen der Jäger viele Hexen erlegt. Heute aber gibt es wohl nur noch erfolglose Jäger oder keine Hexen mehr.

Dicht an den Boden duckt sich die Rosette behaarter Blätter und auch die Blütenblätter sind außen behaart. So schützt sich die Blume gegen Kälte. Von der tief violetten Blüte heben sich kontrastreich die gelben Staubgefäße ab. Im Gebirge ändert sich ihre Farbe, und die meisten Küchenschellen sind weiß. Dort vermengen sie sich mit weißen und gelben Alpenanemonen, verwandten Arten. Einmal verblüht, tragen sie alle Jägerbärte. Das sind die Fruchtstandbündel aus behaarten Griffeln, an deren unteren Ende der Same hängt und im Winde weithin segelt. So gesehen könnte die Küchenschelle noch weit gemeiner und verbreiteter sein.

Ihr Gift spielte in der Medizin einst eine wichtige Rolle. P.A. Mattioli, Leibarzt von Kaiser Ferdinand I. und Maximilian II. fasst schon 1563 von der Pest bis zur simplen Erkältung eine Fülle von Anwendungen zusammen. Von der Homöopathie wiederentdeckt, ist die geburts-erleichternde - vielleicht auch anregende - Wirkung beim Menschen bekannt. Die den Ablauf beschleunigende Wirkung bei der Scheinträchtigkeit von Hunden ebenfalls. Die alten Slawen werden schon gewusst haben, warum sie glauben, dass die Muttergottes den Wirkstoff verflucht. Die mit der Pflanze in Verbindung gebrachten Hexen sind ja nicht ihres Zaubers wegen verfolgt worden, sondern weil ihre Kunst der Geburtenregelung bei Herrschern unbeliebt war.

Wir wollen trotz der Hexen die Gemeine Küchenschelle für kommende Generationen erhalten. Mit ihrem Biotop, dem Trockenrasen.