Ammersee-Süd: Schneeammer, einst zählte sie zu den Pest- und Sterbevögeln

Vogel des Jahres zu werden, hat 1999 nur die Goldammer geschafft. Sie ist aber nur eine der 12 in Europa heimischen Ammerarten. Für den Landesbund für Vogelschutz wurde sie zum Symbol dafür, dass heute schon Allerweltsarten vom Aussterben bedroht sind, wenn man ihnen den Lebensraum wegnimmt. Nicht anders als der Goldammer ergeht es von den 12 jenen 5 Arten, die in Deutschland brüten. Sie sind ganz heimlich still und leise einfach so selten geworden, dass sie verschwunden sind. Unter so

 
  Schneeammer Männchen


Schneeammer Weibchen

dramatischen Umständen müssen wir uns wundern, dass in manchen Jahren bei uns eine andere Ammerart erscheint, die niemand kennt, so dass sie leicht übersehen wird, wenn sie hier überwintert. Der Winter 2004/2005 mit seinen extremen Kältegraden lockte diese Vögel zu uns, obwohl es ihnen hier auch kaum besser erging als in ihrer arktischen Urheimat. Fast immer erscheinen sie inmitten der Schwärme ziehender Goldammern. Doch ist die Schneeammer hier bei uns niemals Brutvogel, denn sie zieht nur bei uns durch.

In manchen Jahren tritt sie vereinzelt auf, in anderen aber massenhaft. Das hat die Menschen in früheren Jahrhunderten zu viel Phantasie angeregt, und so sind diese Vögel zusammen mit anderen gefiederten Wintergästen im 16. Jahrhundert zu den Pest- und Sterbevögeln gezählt worden. Wenn sie hier erscheinen, da sind sie meist nicht selten, sondern stets sind es einige Hundert, ja bis zu einigen Tausend. Solche großen Ansammlungen sind aber keine feste Einheit. Die Stärke oder Dicke der Vogelschwärme wechselt dann fast täglich in der Gesamtzahl, bei gemischten Schwärmen aber auch in der Artenzusammensetzung. Die verschiedenen Lebensan-sprüche provozieren bei den unterschiedlichen Arten zuweilen Probleme. So möchten die Gold-ammer gerne in jungen Nadelwäldern übernachten. Schneeammern aber lieben das flache Land. Sie kommen ja auch aus der baumlosen Tundra weit nördlich des Polarkreises. Dort, woher sie kommen, kennt man nur 4 Jahreszeiten und spricht im Scherz darüber: Juni, Juli, August und Winter.

In der Brutheimat ist es auch in der eigentlichen Brut- und Aufzuchtzeit der Jungen selten ganz richtig schneefrei. Die Brutzeit konzentriert sich auf die allerbesten 6 Wochen. Das Nest legen sie vorsorglich in Felsspalten und geschützt unter über-hängenden Steinen an. Sie polstern es dick mit Flechten und Moosen, damit die 5 – 6 gesprenkelten Eier nicht auskühlen. Auf die äußeren Umstände nimmt auch die Färbung der Vögel Rücksicht. Ihr Brutkleid ist weiß und braun wie die Umgebung. Nahrung gibt es genug, denn sie ziehen ihre Jungen vor allem mit den in der Arktis so häufigen Mücken groß.

 
  Junge Schneeammer

Wenn sie ausnahmsweise zu uns kommen, dann sind sie auf die am Boden liegenden Sämereien angewiesen. Damit die Vögel im meist schneefreien und dürren Winterland hierzulande nicht auffallen, legen sie ihr auffälliges weißes Kleid ab und vertauschen es gegen ein mehr braunes, wie es die Bilder zeigen. Nur der Bauch ist dann noch weiß, der Kopf und ein Ring auf der Brust aber verschwommen braun, und der Rücken ist braun mit grau und braun marmoriert. Nur der Flügel hat einen deutlichen weißen Streifen. Diese Tarnfarbe ist hervorragen, ja sie ist so gut, dass die meisten Menschen diesen Vogel nicht beachtet haben, weil er ihnen nicht auffällt. Doch ist er weit häufiger als viele annehmen, zumal sie nie am Futterhäuschen erscheinen und sich mit aufgesammelten Gras-Sämereien begnügen. Nur wo der Ernte nicht gleich der Pflug gefolgt ist, finden sie auch noch ausgefallenes Getreide. Leider gibt es diese Wirtschaftsweise bei uns nur noch sehr selten. In Osteuropa und Skandinavien ist sie heute noch üblich.

 
 Schneeammerschwarm

Wenn Schneeammern auffliegen oder landen, schaut es aus, als ob Schneewolken vom Himmel herabwirbeln. Denn es leuchtet die weiße Unterseite der Flügel auf. Das hat ihnen in Russland den Namen „Schneeflocke" eingetragen. Er deutet aber auch an, in welcher großen Zahl sie auftreten können. In ihrem Verhalten und auch in de Größe ähneln sie sehr den Lerchen. Auf dem Boden laufen sie schnell und geschickt umher.

Sie fliegen in Bogenlinien, wenn es ein kurzer Flug ist, oder wenn sie einander abwechselnd - mal laufend, dann wieder flatternd - voraneilen. Immer ist ein Teil des Vogelschwarms beim Laufen und ein anderer beim Fliegen, und das wechselt sich behände ab.  Sie sind sehr muntere und bewegliche Vögel, die immer vergnügt wirken. Ihre dabei dauernd vorgetragenen Rufe klingen wie „fiet, fiet“ oder es ist ein hoher scharfer, klarer, schriller Zwitschergesang, der ein wenig an das Jubeln der Feldlerche in der Luft erinnert. Doch anders als jene, singen sie nicht im Flug, sondern sie tragen das Lied fast immer von einem Stein aus vor. Oder sie sitzen singend auf einem Schnee- oder Eisbrocken. Schneeammern sind Vögel der Kälte, und so brüten sie nie bei uns, sondern fliegen immer wieder in ihre kalten Brutgebiete zurück.

Wolfgang Alexander Bajohr