Ammersee-Süd:  Die Silberdistel, die "Wunderblume" des Kaisers Karl,
 Silberdisteln sind Wetterpropheten, sie war Blume des Jahres 1997
 von Wolfgang Alexander Bajohr

Ein Blütenwunder auf kargem Boden, das ist die Silber- oder Wetterdistel auch heute noch. Vielleicht hätte die Weltge-schichte in Europa einen ganz anderen Verlauf genommen, wäre nicht Kaiser Karl in der Gautinger Reismühle geboren worden. Eben diesem Karl ist ein Engel im Traum erschienen. Der lispelte heiser und leise in sein Ohr: "Dein Heer soll von der Pest besiegt werden. Pass auf, dagegen ist in der Natur

 
 Silberwurzdistel

ein Kraut gewachsen, und ich zeige Dir welches." Dann legte er einen Pfeil in seinen Bogen und schoss. Dort aber, wo der Pfeil zu Boden ging, da duckte sich ganz bescheiden und scheu eine stachelige Blume in das spärliche Gras des Trockenrasens: "Carline acaulis L. heißt seither die Silberdistel, und von eben diesem Kaiser Karl hat sie ihren ehrenvollen Namen erhalten. Denn durch den Hinweis des himmlischen Engels konnten die "Feldscher" seines Heeres, wie man damals das Sanitätspersonal nannte, das große Feldheer vor dem Untergang durch die Pest retten - so die Sage.

Seither verwendet die Volksmedizin jedenfalls Silberdisteln und füllt die Hausapotheke mit dieser Medizin, denn sie erwiesen sich als schweiß- und harntreibend. Ihr zweiter Name acaulis besagt, dass diese Distel stengellos wächst.

Doch damit nicht genug. Als sympathisches Mittel vermag die Silberdistel auch Kräfte und Ausdauer fremder Personen oder die von Tieren auf den zu übertragen, der diese Pflanze pflückt und bei sich trägt. Das freilich kann recht stachelig sein. Nützlich ist es auch, sie dem Vieh, und da vor allem den Schweinen, an den Trog zu nageln. Dann bleiben die daraus essenden vor Krankheiten bewahrt. Aberglaube? Vielleicht, aber zugleich ist das auch eine Erläuterung des Volksnamens "Eberwurz".

Für den Namen "Wetterdistel" gibt es zumindest eine geläufige Erklärung. Inmitten einer großen stacheligen grünen Blattrosette sitzt ein einziger 7-10 cm großer Blütenkopf. Seine äußeren Hüllblätter umstehen strahlenförmig und silberglänzend den Blütenboden aus weißlichen bis bräunlichen Röhrenblüten. Bei Nacht und feuchtem Wetter schließt die "Wetterdistel" diesen Sternenkranz zu einer Hülle und schützt damit die kleineren inneren Blüten vor Regen und Sturm oder im Gebirge sogar vor Schnee. Damit gilt die Pflanze als Wetterverkünderin. Weil sie stets bei Sonne blüht und die Blüten inmitten der grünstacheligen Blattrosette selbst an eine Sonne erinnert, nennen die Tiroler sie auch "Sunnrose". Weil aber die Kinder auf der Alm gerne den Blütenboden essen, der wie eine Artischocke schmeckt, ist sie bei denen der "Almkas" oder das "Jägerbrot". Im Salzburg’schen ist sie die Sonnwenddistel, weil man sie am Abend des Sonnwendtages gleich scharenweise ausgräbt und mit Moos und Erde zwischen die Fugen der steinernen Hauswände pflanzt. So viele Pflanzen, wie bis zur nächsten Sonnenwende absterben, werden auch Menschen in dem Haus sterben. Warum das so sein soll, wird allerdings schamhaft verschwiegen.

Wie alle Disteln ist auch die Silberdistel, Carlina acaulis L., gegenüber Insekten recht großzügig mit süßem Honigseim. So hat sich das Wissen von süßer Lockspeise bei den Waldhummeln und den seltenen Schmetterlingsarten dieses kargen Standortes genetisch vererbt. Gewiss haben unter den Schmetterlingen schon Generationen von Schachbrettfaltern oder Silbergrünen Bläulingen am Rande des Görbelmooses ihre Arbeit als Bestäuber geleistet und dafür Met aus der Blüte genascht.

Alle diese Schmetterlinge sind Arten, die es bei uns nicht geben würde, wäre Germanien wirklich nur mit finsterem Urwald bedeckt gewesen. Gewiss waren auch diese Pflanze und deren Gäste schon auf den Tundren nach der Eiszeit verbreitet. In den nachfolgenden Wäldern sind sie nur auf beweideten Trockenrasen erhalten geblieben. Auf altem Weideland an der Moränenkante, z.B. von Görbelmoos und Wildmoos, aber auch auf den Almen am Rande der Baumgrenze, wächst die Blume des Jahres 1997, die Silberdistel gleich neben der Frühlingsküchenschelle, Blume des Jahres 1996. Mit ihren Stacheln weiß die Silberdistel sich gegen die rupfenden Mäuler der Kühe und Schafe zu wehren. Der Magerrasen rundum wird abgeknabbert, aber die Silberdistel bleibt stehen, sofern sie der Mensch in Ruhe lässt.

Im Hochgebirge wächst die Silberdistel bis über 2.800 m, also ist sie eine Berg- und Talblume. Sie ist ein Kind der Hirten und seiner Herden. Weil aber mit dem saueren Regen zu viel Stickstoff auf die Magerrasen fällt, werden alle Trockenrasenblumen maßlos überdüngt, und darunter leiden sie.

Silberdisteln sind auch dort am Ende, wo sich der Mensch sogar Magerrasen noch dienstbar machen will: Er forstet die Trockenrasen auf. Für Forstleute ist es ein Wald wie viele andere. Wenn Förster Trockenrasen im Wald aufforsten, verschwinden viele Schmetterlinge: Schachbrett, Silbergrüner Bläuling, Blutströpfchen und viele der verschiedenen Scheckenfalterarten. Es stirbt die Silberdistel neben der Küchenschelle, die Graslilie neben der Flockenblume. Sie sterben nicht schlagartig, sondern schleichend. Sie verschwinden unbemerkt, noch ehe sich das Naturschutzgesetz auswirkt. Lange bevor wir es bemerken, haben sich die Blütenpflanzen der Trockenrasen verabschiedet. Holz gibt es genügend, meist ist es sogar als Papierholz kaum zu verkaufen. Hingegen sind Trockenrasen Raritäten, die wir erhalten müssen. Daran soll die Blume des Jahres erinnern.

Wenn der Herbstwind aus ihrem Blütenboden die Samenfrüchte an kleinen Fallschirmen davongeweht hat, stehen nur noch die hellen Blütenböden auf der Alm. Bis kalte Winde den Nebel vom Tal herauftragen, ihn zerfetzen und große Flocken fallen. Dann breitet sich die weiße Schneedecke über die Magerrasen. Zusammen mit den darunter ruhenden Blütenpflanzen wartet sie auf das Frühjahr. Sobald der Schnee vergeht, wird sie binnen weniger Tage erblühen.