Ammersee-Süd: Heute kehrt der Storch ins Ammermoos zurück.
 Das Seltsame daran ist, dass sie von Westen kommen, ihre Ringe beweisen es. Einst
 waren die Froschschenkel Adebars Leibgericht, heute sind es die Wühlmäuse
 
von Wolfgang Alexander Bajohr

Weißstörche sind Menschenfreunde
Störche hatten in der Wildnis germanischer Urwälder wenig Lebensraum. Ihre Heimat waren nährstoffreiche Niedermoore oder der Auwald an der Ammer. Dort haben sie auf urigen Baumruinen gehorstet. Erst als der Mensch am Rand der Moore seine Kulturlandschaft schuf, als die Nass- und Streuwiesen mit ihrem Blütenparadies entstanden, da ist aus Bauernhand eine neue Landschaft entstanden, voller Flutmulden und Tümpel, für Störche aber war es das Biotop. Schon damals als Kelten


und Römer hier siedelten, da ist der Storch den Menschen als freiwilliges Haustier ins Dorf gefolgt, und hat sein Nest auf Reetdächer und später auch auf die Kamine gebaut. Die Bauern haben in der folgenden Zeit großen Wert auf ihren Hausstorch gelegt, weil er Glück bringt. Ohne Menschen hätte er nie so dicht gesiedelt. So wurde der Storch ein Menschenfreund. In vielen Jahrhunderten engen Zusammenlebens wurden Störche Symbol von Liebe und Fruchtbarkeit, und damit auch als Kinderbringer.

Das war so in ganz Europa. Doch die meisten Störche habe ich heute noch in Masuren und Litauen angetroffen, wo auf einem einzigen Bauernhof oft mehrere Paare nisten. Doch finden wir auch noch die ursprünglichen Nester auf alten Bäumen. Man hat oft gemeint, dass der Rückgang mit der Verdrahtung der Landschaft zu tun hat. Das ist aber nicht wahrscheinlich, denn in Ungarn und Rumänien aber auch in den neuen Bundesländern nisten die Störche bevorzugt auf den Strom-Masten. Der letzte Storch in Raisting hatte sein Nest auf dem Kamin der Bäckerei an der Bachbrücke. Ich habe ihn vor 50 Jahren noch erlebt, aber dann ist er verschwunden wie die Störche rundum im Land.

Raisti und Partnerin

Als Hugo Weigold 1937 die Störche zählte, waren es alleine in Niedersachsen 5692 Paare. Im Jahr 2000 hatte ganz Deutschland nur noch 3000. In Bayern sind im Jahr 1993 nur noch 87 Paare übrig, bei denen noch 190 Junge ausflogen. Was der Mensch ihnen einst gegeben hatte, nahm er ihnen mit der Wiesen-Entwässerung wieder fort. Über Jahrhunderte hinweg hat man Niedermoore extensiv als einmahdige Streuwiesen oder als zweimahdige Heu-Wiesen genutzt. Überall gab es Tümpel und Flutmulden. In den alten Torfstichen haben sich die Frösche getummelt.

So hat sich ein Mosaik unterschiedlicher Nutzungsarten miteinander verzahnt. Jetzt ist alles drainiert, denn Großmaschinen sind für Feuchtwiesen zu schwer. Wer auch heutzutage noch über die extensiv genutzten Wiesen in Polen, Ostpreußen, Litauen geht und erlebt wie nach allen Seiten die Frösche davonhüpfen, der versteht, was wir bei uns angerichtet haben.

Das Bild dieser Landschaft hat einst ein Blütenmeer bestimmt. Im Vorfrühling begann das mit Enzian und Mehlprimel, Himmelschlüssel und Märzenbecher. Hahnenfuß, Trollblumen und Sumpfdotterblumen haben für ein buttergelbes Paradies gesorgt. Dazwischen leuchteten Helmorchidee, Breitblättriges und Fleischrotes Knabenkraut, Wiesen-raute und blaue Iris, Sumpfblutauge und Schachblume. Schmetterlinge nuckeln an Wiesenknöterich, Sumpfkratz- und Kohldisteln. Da blüht Wiesenschaum-kraut und Bachnelkenwurz, duftende Mädesüß und karminroter Storchschnabel, violette Skabiosen und Flockenblumen, blaue Sumpf-vergißmeinnicht, lila Dost und Baldrian, oranger Sumpf-

Raisti in den Ammer-wiesen

Pippau, Wachtelweizen und Klappertopf, rot leuchtender Blut- und Gilbweiderich, Waldengelwurz und Schachtelhalm. Bei den Gräsern ist der Anteil von Sauergräsern, wie Segge und Simse, Wollgras und Pfeifengras hoch. Borstgras, Großseggen und Binsen sind sicher kein Qualitätsfutter, aber die Menschen hatten es noch fertig gebracht, spezielle Rinderrassen zu züchten und das Vieh ihrer Landschaft anzupassen, Rassen die das alles fraßen, was Wohlstandskühen nicht schmeckt. Das sollen jetzt zwei Wesen aus diesem Lebensraum bewusster machen: nach 10 Jahren kommt der Storch zurück und als Pflanze das Breitblättrige Knabenkraut. Nur auf Naturwiesen leben noch die Magergras-Schmetterlingsarten Aurorafalter und Schachbrett, Moorbläuling und Moorgelbling, die vielen Scheckenfalterarten, Schillerfalter und Brombeerzipfelfalter, Purpurspanner und Minzeneule, Grünwidderchen und der kleine Ampferfeuerfalter. Da jagen Smaragdlibellen, gefleckte Heidelibelle und Vierflecklibellen. Von ungezählten Mücken- und Gelsenarten leben Amphibien. Im Vorfrühling kommen Gras- und Springfrosch aus dem Wald. Es wimmelt von Laub- und Wasserfröschen und die Nacht ist erfüllt vom hellen Glockenruf der Kröten und tiefem Unken der Gelbbauchunke. Sie alle sind neben den Mäusen eine Hauptspeise der Störche und Kaulquappen sind erste Babynahrung für die Kinder der Störche. Sie fangen auch Blindschleichen, Mooreidechsen und Ringelnattern.

 

Wo Wasser ist, da ist auch Beute
Ihr saftiges Grün hebt die feuchten Storchenwiesen aus dem trockenen Umland ab. Sie sind eine Oase für die vielen Kulturfolger unter den Tieren und ein artenreiches Paradies für alles was blüht. Sie bremsen Hochwasser und reichern das Grundwasser in trockenen Jahren an. Nur wo die extensive Nutzung mit spätestmöglicher Mahd Tradition bleibt, lässt sich dieser Lebensraum aus Menschenhand für Störche, erhalten. Wo man sie trockenlegte, hat der Storch sich vom Menschen

abgewandt, obwohl ihn im Dorf alle gerne behalten hätten. Die Erfahrung zeigt, dass man den Störchen durchaus helfen kann. Trockene Sommer beweisen, dass die von Vogelschützern angelegten Feuchtbiotope und Tümpel in der Feldflur sich bewähren, um Nahrungsengpässe zu überbrücken und das Futter für viele Jungstörche zu liefern. Nur gibt es viel zu wenige davon. Vogelschützer brauchen Bauern als Partner, weil ohne diese Zusammenarbeit gar nichts läuft. Den Storch wollen ja beide. Bauern können aber auch durch die Zuschüsse aus den verschiedenen Förderprogrammen gutes Geld als Naturschutz- und Landschafts-Fachwirte verdienen. Schließlich ist das, was sie dann leisten, auch Schutz und Reparatur der bäuerlichen Kulturlandschaft.

Sie segeln - majestätisch wie der Adler
Ein Teil der Störche zieht über Gibraltar in den Süden, andere über den Bosporus. Nachts und über das Meer können sie nicht ziehen, weil es die tragenden Aufwinde nur tagsüber und nur über Land gibt. Sie müssen, um Kräfte zu sparen, als Segelflieger die Thermik nutzen. Ihre Reise ist gefährlich. Mancher wird über Kriegsgebieten abgeschossen und landet im Kochtopf. In Afrika leben Störche auch oft wochenlang von Heu-schrecken, die durch Insektizide getötet wurden. Diese PCBs 

 

lagern sich im Fettgewebe an. Jeder fehlende Storch ist eine Frühwarnung der Natur vor Umweltgiften, auch für uns. Selbst im Storchenland Litauen ist 2005 nur noch die Hälfte der Störche auf die Nester zurückgekehrt. Wer mit dem Vogelzug südwärts fliegt lebt also gefährlicher als der Storch, der hier bleibt und sich durch den Winter von tierfreundlichen Menschen päppeln lässt. Die Kälte tut dem Storch bei uns nichts, nur der Nahrungsmangel. Ist doch auch Raisti aus Menschenhand aus der Gegend von Strassburg gekommen. Eine andere Storchengruppe, die im Herbst im Ammermoos Futter suchte, kam ebenfalls von Westen, die Nummern auf ihren Ringen beweisen es.

 

Raistis Partnerin

Ziehende Störche sind ein grandioses Naturschauspiel. Aber auch ein einzelner Storch ist mit seiner Flügelspannweite von 2,25 m ein großartiger Anblick und steht hinter dem Naturereignis des segelnden Adlers oder Geiers in nichts zurück. Den 2,5-4 kg schweren Storch tragen aufsteigende Luftströmungen schon nach wenigen schrauben-förmigen Kreisen in beachtliche Höhe hinauf. Er nutzt die Thermik um auf dem Zug Kräfte zu sparen. Einmal in der Luft, verwendet er die Schwingen nur noch selten, um damit zu schlagen. So würdevoll wie er auf der Erde schreitet, so souverän segelt er und handhabt nur das

Steuer, um schwebend seine Wendungen auszuführen. Anfang April bis Ende Mai kehren sie zurück. Oft kommt erst das Männchen, manchmal auch beide gemeinsam. Da gleiten sie aus großer Höhe herab und sitzen plötzlich wieder auf dem vom Winter zerzausten Horst. Den haben ihm nun ebenfalls in Raisting die Menschen vorbereitet, auf der kleinen Kirche und auf dem Mast mitten im Industriegebiet.

 

Klappern gehört zur Liebe - aber wer bringt ihm die Kinder?
Liebe unter Störchen findet, eher beiläufig, im Stehen statt, nur Vater Adebar muss dabei die Balance bewahren. Klappern ist Revierab-grenzung gegen fremde Störche, die sich für den Horst interessieren. Es ist aber auch Begrüßung, wenn der Partner kommt. Er klappert bald länger, bald kürzer, bald schneller, bald langsamer, bald stärker, bald schwächer. Er klappert aus Freude und Kummer, wenn er satt oder

hungrig ist. Er klappert, wenn er die Jungen begrüßt, und die klappern auch schon. Wenn der Storch klappert, biegt er den Kopf weit nach hinten, bis der Scheitel fast den Rücken berührt. Auch frisch geschlüpfte Babys müssen die Eltern mit heftigen Verbeugungen um Futter anbetteln. Dann würgen ihnen die Eltern allerlei Kleingetier vor und sie bringen ihnen auch Trinkwasser. Zwei Monate danach im August, stehen die stattlichen Jungen auf dem Horst und beginnen mit mächtigen Flügelschlägen Luft solange im Leerlauf zu peitschen, bis ein Windstoß den Vogel hochhebt und er zum nächsten First hinübersegelt. Im September versammeln sich Alt und Jung aus mehreren Familien, um die große Wanderung anzutreten. Sobald Sonne die Luft soweit erwärmt, dass sie aufsteigt, heben die Störche ihre Schwingen und schrauben sich in Kreisen segelnd, ohne Flügelschlag, in Höhen hinauf, wo sie dem Blick entschwinden, und eine Südwestströmung sie entführt.

Eine Weile ist auch das Ammermoos der Raistinger Wiesen ein Zwischenrastgebiet für die Störche. Da suchen sie Futter und meist halten sie auf  Distanz zu den Menschen. Sie sind nicht so zahm wie die Raistinger Störche, sondern Wildtiere, die Menschen zu Fuß gar nicht mögen. Wer sie beobachten will, tut besser daran im Auto zu bleiben und nur aus diesem Versteck zu beobachten, weil das Auto allemal das bessere Versteck ist, weil sie das akzeptieren. Wer zu Fuß hinter den Störchen herläuft und sie aufscheucht, ist keinesfalls der bessere Naturschützer.
Auf ihrem Zug und unterwegs werden sie immer dort rasten, wo es genug Nahrung gibt, und es vereinen sich Schar um Schar die Störche aus ganz Nordeuropa mit denen aus dem Westen und Süden. Es sind schon Wandergruppen mit 2000-5000 Störchen gezählt worden. Vielleicht gelingt es noch rechtzeitig, einige der Feuchtgebiete in der Heimat und auf ihrem Zugweg zu erhalten und neue zu schaffen. Denn Feuchtgebiete sind ein unentbehrlicher Teil der Natur. Storch und breitblättriges Knabenkraut können uns mahnen, richtig damit umzugehen. Wem sein Hausstorch ausbleibt, der hat seinen Glücksbringer oft endgültig eingebüßt. Die Rückkehr der Störche aber ist ein Gradmesser für die richtige Beziehung von Mensch und Bauernland. In Raisting scheint es geglückt zu sein.