Ammersee-Süd: Goldene Sonnen leuchten auf sattgrünen Wiesen - jetzt blüht die Trollblume
 
von Wolfgang Alexander Bajohr

An einem wunderschönen Spätfrühlingstag unter Tausenden goldener Sonnen zu träumen - ach, wenn man das wieder einmal kann. Die Sonnen, goldene Sonnenkugeln, strahlen ungemein fröhlich, prall und kugelrund aus der vieltausendblütigen Feuchtwiese unter dem Hang. Sie leuchten neben der blauen Iris und dem purpurnen breitblättrigen Knabenkraut, neben Wiesenknöterich und Bachnelkenwurz. Bienen-summen und Hummelgebrumm gehört dazu, unaufhörliches Knistern


Trollblumen

von Käferbeinen im Halmgewirr, und dazwischen die goldenen runden Blüten der Sonnenkugeln,
auf denen die Tautropfen blinken und funkeln wie edler Brillant.

Mittendrin in jeder der goldenen Kugeln, da steht als hundertfache Wirklichkeit der Lebensgeheimnisse ein Ring gelber Staubgefäße. Die Männlein umlauern ein Büschel grünlicher Weiblein, aber sie kommen doch nicht hin. Das schaffen erst die quirligen Gäste im Blütengrund, winzige Fliegen und Käferchen, die mitten in jeder Sonnenkugel hausen und darin herumkrabbeln. Sie sind vor dem kalten Frühlingswind geschützt, der rau von den Bergen herabfällt, denn die Blütenblätter der gelben Butterkugeln umhüllen die winzigen Tierchen, die drunten am Blütenboden voll beschäftigt sind, mit dem Putzen ihrer Flügel und wenn sie einander mit dem Fühler zuwinken. Beschirmt von gebogen geneigten Blütenblättern tun die kleinen Gäste ihre Arbeit und bestäuben in der geschützten Kugelstube die Weiblein der Blüte.

Vom Hügel herab durch die Wiese plätschert ein Bach, und triefend saugt sie sich voll. Am Rand nebenan auf den trockenen Magerstandorten blüht der Klappertopf neben Augentrost und Borstgras. Am Bachsaum vereint sich die Trollblume mit Iris sibirica, mit Bachnelkenwurz und Sumpfdotterblume, Ranunkeln, Knabenkräutern, Wiesenraute und Knöterich. Ihre sattgrünen Blätter sind gefiedert wie bei all den anderen Hahnenfußarten. Sie glänzen satt grün vor lauter Saft. Oben auf jedem der gerieften Stiele aber schaukeln dick, prall und kugelrund die goldgelb glühenden Lampions so kugelrund wie Butterkügelchen. Davon aber hat die Trollblume ihren Namen. Denn vom Bergtroll hat sie ihn nicht, denn der Name stammt von der Kugel. Trollius europaeus, die Trollblume, Blume des Jahres 1995, hat ihren Namen davon, dass sie rund ist. Denn Trollius hat im Althochdeutschen und im Lateinischen die gleiche Bedeutung. Rugula, Rolle, Bälleli, Butterkügeli und Butterknolle heißt sie anderenorts, aber immer spielt man an auf die kugelrunden Goldlampions.

Kaum ein Wanderer, der in den Bergen über die Alm schreitet, kann sich dem dekorativen Charme ihrer Blüten entziehen. Dort auf den Almen und auf den feuchten Wiesen im Alpenvorland, war sie einst eine ganz gewöhnliche Blume. Als Kinder haben wir sie noch in dicken Sträußen gepflückt und die Mädchen haben Kränze daraus gewunden. Heute gibt es nur noch an wenigen Plätzen Trollblumenwiesen, auf denen sie in solcher Menge wild wachsen, dass man vor dem Naturereignis eines Blütenmeeres staunend verharrt. Doch werden diese Wiesen immer seltener.

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es solch einen traumhaften Standort noch am Schellenberg bei Gilching, nahe den drei großen Bäumen in der Feldflur, neben der knorrigen Moorkiefer. Doch dann ist einer gekommen. Er hat Törichtes getan, was heute Mode zu sein scheint. Er hat an seine Enten gedacht und hat sein Biotop mitten in das intakte Biotop gebaggert und sich dabei noch eingebildet, dass er für die Natur etwas Gutes tut. Aber nicht anders als bei der Sprengung des Meteoritenkraters, wurde damit ein Stück heile Natur vernichtet. Wenn es wenigstens noch beim Wasserloch geblieben wäre. Nein, der ganze Aushub wurde gleichmäßig auf die noch vorhandenen Trollblumen verteilt und damit wurden sie metertief unter Schlamm und Kies vergraben. Einer der schönsten Standorte dieser Pflanze ist vernichtet. Daran haben auch die Vogelschützer nichts mehr ausrichten können, die einen kleinen Reststandort jetzt im Herbst mähen und betreuen. Am Platz der goldenen Kugeln wächst jetzt ein ödes Rohrkolbendickicht.

Die Trollblume ist eine Charakterpflanze der Toteislandschaften. Je näher man den Bergen kommt, desto häufiger sind auch die feuchten Moor- und Feuchtwiesen in Mulden und unter Hängen. In den offenen Minimooren inmitten der Urwälder hat es sie wohl immer schon gegeben. Dass sie sich hat ausbreiten können, verdankt sie den Bauern. Denn sie haben die Urwälder gerodet und Weideland geschaffen. Das haben sie extensiv bewirtschaftet. Die Trollblume ist als Hahnenfußgewächs leicht giftig. Weil sie darum das Weidevieh verschmäht, konnte sie sich mehr ausbreiten als manche andere Pflanze, und sie wurde eine Charakterblume der bäuerlichen Kulturlandschaft. Darum ist es eine ganz besondere Tragödie, dass nicht nur der Bauer dem landwirtschaftlichen Unternehmer weichen muss, sondern mit der drainierten und zur Fettwiese aufgedüngten Weidefläche auch die Pflanzengesellschaft einstiger Feuchtwiesen. Als Blume des Jahres 1995 blüht die Trollblume ab Mitte Mai. Sie ist heute das Mahnmal für die stark gefährdeten Lebensgemeinschaften feuchter, mooriger und quelliger Wiesen. Sie folgt der Wiesen-Schlüsselblume und blüht stellvertretend für andere stark gefährdete Lebensgemeinschaften dieser feuchten und moorigen quelligen Wiesen. Da muss der Storch genauso weichen wie Brachvogel und Kiebitz, Schwarzkehlchen und Braunkehlchen.

Übel nachgestellt haben den Trollblumen aber auch Gartenfreunde mit der Schaufel. Doch die fehlende Standortqualität lässt sie im Garten bald absterben. Darum ist Ausbuddeln verboten. Wer Trollblumen im Garten will, für den gibt es Züchtungen beim Gärtner preiswert. Aber auch wer sie als Blumenstrauß pflückt, rottet sie aus. Denn abgerissene Blüten bilden keine Samen mehr. Heute neigt man dazu, den anzuzeigen, der eine geschützte Blume pflückt. Dem weit Schlimmeren, der sie wegbaggert, passiert oft leider nichts. Draußen aber geht es mit der Trollblume immer dann zu Ende, wenn man Wiesen drainiert und sie zu Fettwiesen aufdüngt. Auf einmahdigen Feuchtwiesen mit geringem Nährstoffgehalt fühlen Trollblumen sich wohl. Ob es nebenan eine der eintönigen EU-Wiesen im Hochleistungsgrün gibt, spielt keine Rolle. Nur kann diese wunderschöne Blume leider nicht weiterwandern und sich einen besseren Platz suchen, wenn ihr der Standort nicht mehr zusagt. Nur auf mageren Feuchtwiesen haben Trollblumen eine Überlebenschance. Es sind die gleichen Wiesen, auf denen sich auch Storch und Brachvögel ihr Futter suchen müssen.