Ammersee: Bartmeisen besiedeln den Schilfwald

Seit ich mit meinem Lehrmeister H.W. Ottens die Natur durchstreifte sind ziemlich genau 70 Jahre vergangen. Es beeindruckte mich damals sehr, wenn er von seinen einstigen Pirschgängen mit dem ersten Ökologen, Hermann Löns, erzählt hat. Denn auch damals sind schon Tiere und Vögel ausgestorben. Andere wiederum sind neu zugewandert. Manche dieser Vögel sind schöner als andere. Den Eisvogel hat man damals noch verfolgt, und der Bienenfresser war so gut wie unbekannt. Jetzt erscheint er auch bei uns. So geht es auch mit der Bartmeise, die nur wenig größer ist als eine Schwanzmeise, bunt in vielen Farben ist, heimlich, doch wenig scheu im verborgenen Schilfwald ganz versteckt lebt,

aber den Meisten unbekannt ist. Bartmeisen kennt fast keiner, doch auf einmal sind sie da. Sie sind bunt und wie die Bilder sie zeigen, haben sie ein gelbes Auge und einen gelben Schnabel. Wir wissen, dass Bartmeisen bereits am Südende des Ammersees wohnen, aber ein Brutnachweis ist erst möglich, wenn man Nester findet. In der Nähe des Vogelbeobachtungsturmes sind sie schon fotografiert worden. Ich habe dort ganze Tage danach gesucht und gewartet, aber habe sie nicht gefunden.

Weil ich aber unbedingt Bartmeisen kennenlernen wollte, habe ich dankbar das Angebot von Klaus Kerner angenommen und bin mit ihm an den Federsee in Oberschwaben gefahren. Dieses Biotop habe ich vor 60 Jahren schon besucht, als ich mit Bernhard Strehl dort die Birkhahnbalz fotografierte. Die Birkhühner sind dort längst ausgestorben. Aber als Neubürger ist die Bartmeise in die weiten Schilffelder eingezogen. Erstmals haben im Jahr 1974 Bartmeisen dort gebrütet. Seither haben sie sich dort rasant vermehrt. Wie die IUCN feststellte, soll es mittlerweile in Mitteleuropa 400.000 bis 960.000 Bartmeisen geben, und doch sind sie für die Meisten noch unbekannt. Im Jahr 1974 waren es am Federsee etwa

30 Brutpaare, inzwischen schätzt man die Zahl auf 800 bis 1000. Meist sind es Veränderungen der Biotope und des Klimas, wenn eine Vogelart verschwindet, aber im Gegenzug kommen auch andere Arten als Neusiedler. Als wir noch den Birkhähnen nachspürten, gab es dort keine Bartmeisen. Auch heute sind sie dort nicht leicht zu finden, aber in Teilen der Schilfwälder haben sie, dem blühenden Schilfwald folgend, vielleicht auch vom wärmeren Klima begünstigt, in geradezu unvorstellbarer Zahl einen neuen Lebensraum besiedelt. Obwohl Bartmeisen nur kurze, aber sehr schnell schlagende Flügelchen haben, steigen sie in großer Zahl als Schwarm steil in den Himmel. Man kann kaum erraten, woher sie kommen. Der Schwarm fällt herab in das Schilf, hängt als Bündel in den Schilfähren um die winzigen Schilfsamen herauszupicken. Dabei schaukelt sie der Wind. Blitzschnell flatternd gleiten sie herab bis zur Wasserfläche innerhalb des Schilfes. Dann klettern und flattern sie wieder nach oben und suchen wohl auch alles ab nach kleinen Spinnen, Käfern und Räupchen. Hastig picken sie auch vom Holzsteg, der zu der Fischerhütte führt, schier unsichtbare Schilfsamen. Die sammeln sich vor allem dort, wo irgendjemand eine Handvoll feinen weißen Sand verstreute, in dem sich die feinen Samen verfangen.

Fotografieren ist denkbar schwierig, obwohl sie ganz nah und gar nicht scheu sind. Man muss sie am Halm, von denen jeder dem Anderen gleicht, erst einmal finden, muss ihnen im Bildausschnitt folgen, scharf stellen und auslösen. Sie sind dabei oft unheimlich nahe, auf 3 m, auf 2 m, auf einen Meter und noch näher, und das alles in Windeseile. So versuchen wir, ob es möglich ist, auch Auge in Auge Porträts von den Vögeln zu schießen. Sie flitzen wie kleine Mäuse, beständig pickend auf dem Steg herum, und so gelingen auch Porträt-Grossaufnahmen. Dabei wimmeln die vielen kleinen Kerle auch noch wie die Wiesel durcheinander und neben jeder Aufnahme, bei der man sie erfasst, gibt es auch viele, die selbst mit kürzester Belichtungszeit unscharf sind und Fehler, Fehler, Fehler. Lange haben wir nicht soviel Ausschuss produziert.

Schaut man ihnen so nahe in die Augen, ist das ungemein lustig anzusehen. Denn in dem gelben Auge blitzt die kohlschwarze Pupille und beiderseits vom gelben Schnäbelchen ist der kohlschwarze Schnurrbart angeklebt. Bartmeisen fotografieren ist mindestens so reizvoll wie Eisvögel oder Bienenfresser aufzunehmen. Denn sie alle sind bunte Vögel. Aber am ersten Tag haben wir kein Glück, da dichter Nebel

die Sonne verhüllt. Erst am 2. Tag gelingt es. Wir haben auch herausgefunden, dass die Chancen früh morgens am höchsten sind, denn tagsüber sind die Bartmeisen verschwunden. Wenn sie dann kommen, erscheinen sie immer gleich in großer Zahl. Da fallen mit einem Schlag gleich 50 oder 100 Vögelchen ein. Es können mit einem Schlag auch gleich mehrere 100 sein. Sie kommen hoch am Himmel, immer etwas schwerfällig fliegend und man hört schon lange hoch oben im Nebel die etwas nasalen metallischen Kontaktlaute und hört sie Stimmfühlung nehmen. Woher sie aus den großen endlosen Schilffeldern kommen, bleibt ein Rätsel. Im Winter

ist es auch nicht einfach zu ahnen, wo ihre Nester sind und wo sie bleiben. Selbst alte Nester haben wir nicht gefunden. Allerdings laufen wir auch nicht im Schilf, sondern halten uns meist auf dem Eichenholzsteg auf, den man über das Schilfmoor gebaut hat, damit die Touristen ungestört und aus der Nähe die Wildtiere beobachten können. Aber auch mitten in den Schilffeldern gibt es nicht überall Bartmeisen, sondern nur an bestimmten Stellen, die eine Sache der Erfahrung oder Information sind. Man muss schon einige Kilometer diesen Holzsteg entlang wandern, bis man die Stellen entdeckt, wo Bartmeisen zu erwarten sind, denn es sind riesige Gebiete, wo keine Einzige zu finden ist.

Das erklärt auch, warum es am Ammersee so schwierig ist überhaupt welche zu Gesicht zu bekommen. Selbst stundenlanges Warten führt dort nicht zum Erfolg, aber es kann erfolgreich sein. Einen Brutnachweis gibt es natürlich immer nur dann, wenn man auch Nester findet. Aber man kann schließlich nicht in einem Naturschutzgebiet im Schilf herumtrampeln. Daher hilft auch dort, wo es nur wenige Bartmeisen gibt, wie hier bei uns, dass man wartet und immer wieder wartet.

Nicht an jedem See und auch nicht in jedem Schilfgebiet gibt es Bartmeisen. Selbst die Mecklenburgische Seenplatte garantiert den Erfolg, doch meist ist die Besiedlung sehr dünn. Mehr Erfolg kann man in Masuren, also in Ostpreußen, haben oder in Litauen. Wirklich häufig sind sie nur am Federsee.

Die Chance wechselt aber auch als Folge des Winters, denn Bartmeisen sind keine Zugvögel, wohl aber Strichvögel. In kalten Wintern sterben viele von ihnen, aber milde Winter durch den Klimawandel begünstigen diese Vögel. So können sie in einem Jahr untergehen und sich in anderen Jahren wieder erholen und neue Gebiete erobern. Da sie nicht in die Toskana oder nach Ägypten fliegen, droht ihnen von den Vogelfängern keine Gefahr. Freund oder Feind dieser so ungemein faszinierenden bunten und niedlichen Vögel sind stets Lebensraum und Klimaentwicklung. Sie sind also Zeitzeugen der Evolution.

Wolfgang Alexander Bajohr