Ammersee: Birkhähne im Reif


Birkhahn    Fotos W.A. Bajohr
Jahr für Jahr ging der Birkhahn zurück. Dort auf der Streuwiese hinter dem Ammersee bei Raisting, wo mein Freund Eugen Schumacher noch mehr als hundert Hahnen filmte, balzt jetzt kein einziger mehr. Natürlich gibt es in den Bergen noch besser besetzte Balzplätze, aber im großen und ganzen ist die Herrlichkeit selbst dort vorbei, wo das Revier noch geeignet erscheint. Hauptursache des Rückgangs sind sicher Veränderungen am Einstand und der Äsung durch gewandelte land- und forstwirtschaftliche Nutzung, worunter ich auch die Verwendung, von Chemikalien oder Giften verstehe, auf die der Spielhahn empfindlicher reagiert als der Mensch.

Eine sehr wesentliche Ursache ist aber auch die Entwässerung der Moore, wie ich im Vergleich mit den schwedischen Hahnenplätzen erkannt habe. Denn nur im nassen und nährstoffarmen Hochmoor bleibt die Vegetation so niedrig und übersichtlich, wie es der Birkhahn gerne hat und vor allem braucht. Sobald ein langsam leerlaufendes Moor aber zu trocken wird, kommt Bruchwald auf, und aus ist es für den Hahn.
Weitere Ursachen sind mit Sicherheit auch die wachsende Beunruhigung der Einstände durch intensivere Wirtschaftsmaßnahmen und zunehmende Freizeitgestaltung in freier Landschaft. Vor allem stört der Skilanglauf.
Der Spielhahn ist ein Frühindikator im Warn- und Alarmsystem der Natur. Wo er nicht mehr leben kann, ist morgen vielleicht auch der Lebensraum des Menschen verloren. Die Abschussquote von zuletzt 5,6 Prozent im Jahr bei einem Bestand von rund 2000 Stück, hatte mit Sicherheit keinen Einfluss auf den Rückgang, obwohl nicht zu übersehen ist, dass wir Jäger den Birkhahn meist falsch bejagt haben. Der starke Platzhahn, der sogenannte »Raufer«, wurde bevorzugt erlegt, und das war falsch, denn gerade er tritt die Hennen. Ich habe einmal an einem Balzplatz zwei Hähne, aber neun Hennen gesehen.
Das spricht eine gefährliche Sprache. Den Spielhahn darf man nur bejagen, wenn rund ein halbes Dutzend Hähne am Balzplatz sind. Aber auch dann sollte man nur jüngere Hähne schießen oder ganz uralte, keinesfalls aber mehr als 10 Prozent des Bestandes, denn das natürliche Geschlechterverhältnis liegt meist bei 1:1. Außerdem darf nicht vor Ablauf des ersten Mai‑Drittels geschossen werden. Hätten wir uns daran gehalten, wäre der Birkhahn vielleicht noch da, aber der Jäger hat ihn nicht ausgerottet.

Als die erste Auflage dieses Buches 1965 erschien, hatte man gerade den Spielhahn für vorerst drei Jahre gesperrt. Man hoffte, dass sich der Bestand durch die Verschonung von der Jagd wieder erholen würde. Es wurde eine Sperre für immer, obwohl sie im Hochgebirge vielleicht auch heute noch nicht nötig wäre. Die damals einsetzende Wildforschung hat zwar einige Ursachen aufgezeigt, aber sie konnte das Aussterben der Hähne nicht mehr aufhalten. In der Röhn ringt man um den letzten Bestand und hat sogar eine positive Zwischenbilanz ziehen können. Auch am Rande des Bayerischen Waldes gibt es noch einige kleine Restvorkommen. Auch alle Gebiete, die ich noch in Norddeutschland kannte, sind verwaist. Selbst in Gebieten, die noch geeignet erscheinen und in denen sich nach meiner Beobachtung in den letzten dreißig Jahren nichts verändert hat, sind vom Birkhahn verlassen.

Nach einer Schwedenreise, die in erster Linie gut besetzten Birkhahnbalzplätzen galt, habe ich viele der einstigen Birkhahnbalzplätze in Bayern noch einmal aufgesucht und mit denen in Schweden verglichen. Am auffälligsten war hierbei, dass jedes unserer Moore, selbst wenn sie noch bestehen, ganz erheblich trockener ist als die Biotope in Schweden. Ohne Wiedervernässung der Moore, also ohne Schaffung geeigneter Biotope, war es vergebliche Liebesmühe durch das Aussetzen von Vögeln nachzuhelfen. Es blieb eine Alibifunktionen.
Man kann den Birkhahn auch nicht damit retten, indem man auf Habichte schießt, denn das ist nichts als einen Vorwand. Obwohl ich natürlich sogar erlebt habe, dass der Habicht durchaus auch einmal einen Birkhahn schlägt. In der Regel aber können die Birkhähne auf einem guten frei liegenden Platz den Habicht schon von Ferne kommen sehen und sich entsprechend verhalten, also in Deckung stürzen. Habicht und Birkhahn schlägt. Birkhähne brauchen in natürlicher Umgebung uns Menschen nicht, Sie haben auch ohne uns Jahrtausende lang miteinander gelebt. Vernichtet aber hat en Birkhahn weder der Habicht noch der Adler oder Fuchs, aber auch nicht der Jäger, doch hat ihm der umweltzerstörerische Partner Mensch sehenden Auges den Lebensraum genommen. Wir alle haben es mit angesehen.
Den Spielhahn nicht nur zu belauschen und zu beobachten, sondern ihn auf eine andere Art, mit der Kamera zu bejagen sind wir hinausgegangen ins Königsdorfer Moos hinter Wolfratshausen. Auch diese Hähne gibt es nicht mehr.


Birhähne
Das Revier war ein abgelegenes, damals noch wenig begangenes Moor im Voralpenland, in dem die Jäger schon seit Jahren freiwillig die Birkhähne mit der Jagd verschont haben. Am leuchtend blauen Himmel erinnern nur ein paar Föhnstreifen daran, dass eigentlich schlechtes Wetter sein müsste. Aber der Föhn hat die Wolken vertrieben, und die Sonne strahlt. Am Horizont steht steil aufragend kristallklar die schneebedeckte hohe Mauer der Alpenkette. 
Ein märchenhafter Anblick über dem braunen Moor mit den glitzernden Kolken und den grünen Latschen. Die Luft flimmert über dem Heidekraut. Unter jedem Schritt biegt sich der Boden tief durch, wankt und schwankt. Wie ein Schwamm steht das Hochmoor über der umgebenden Wiesenlandschaft. Am Rande schlängelt sich durch die grünen Sumpfwiesen der Moorbach an hellen Birken vorbei. Zwischen gelben Seggen wiegen sich lange Rohrhalme im steifen Föhnwind. Am Ufer blüht schwefelgelb die erste Sumpfdotterblume. Neben quellenden Sumpflöchern blüht Rosmarinheide, und auf dem Torfmoos kriechen Moosbeeren neben dem Sonnentau. Im Wasser der Torfstiche und in den Wiesengräben feiern Moorfrosch und Unke ihre hohe Zeit. Am Moorende stehen ein paar knorrige Kiefern und gezauste Birken. Im Moor aber haben, hier klein, dort als große Bäume, vereinzelte Moorlatschen ihren Platz. Es sind die gleichen Bäume wie im Hochgebirge. Nur hat sie hier keine Schneelast zum Kriechen gezwungen. Ruhig ist es im Moor, ja totenstill. Nur hin und wieder klingt der jauchzende Schrei des wolkenhoch kreisenden Bussards herab, kichert der Turmfalke rüttelnd über dem Horst in der Kiefer, und der Große Brachvogel streicht mit traurig melodischem Flöten vorüber. Irgendwo im Heidekraut oder im Gras der umliegenden Wiesen hat er sein Nest. Das ist die Landschaft, in der noch im Mai 1965 unser Spielhahn sein Lied der Minne singt und tanzt, ein Lied, das dem bayerischen Landler als Vorbild diente und ein Tanz, dem die Schuhplattler ihre Hupfer abgeschaut haben. Darum wohl ist der Spielhahn bei der Landbevölkerung auch so beliebt.
Ich suche den Balzplatz, obwohl ich nicht schießen will. Aber die Balz gehört zum Frühling. Darum will ich sie erleben und so gut es geht mit der Kamera festhalten. Ich weiß schon, wo ich zu suchen habe: dort, wo die Vegetation am allerniedrigsten ist. In einer Latsche steht ein alter Torfkarren, auf dem sich gut sitzen lässt, und der Latschenbusch ist ein natürlicher Schirm. So braucht man am Balzplatz nichts zu verändern. Hier und dort liegen ein paar dunkle Federn. Auch etwas Losung finde ich. Der Balzplatz wird also noch besucht. Ich stecke ein paar Fichtenzweige in den Latschenbusch, damit er noch dichter wird, denn der Spielhahn hat, auf jeder Feder ein Auge.
 Birkhahn im Schnee

Die Nacht verbringe ich gleich draußen im Moor. Am Rande steht ein alter, nach Osten offener Heustadl, unter dem die Füchse hausen. Das Heu ist ein weiches Lager, und in dem dicken Daunenschlafsack ist es mollig warm. Wer diese zauberhaften Nächte in der freien Luft noch nicht erlebt hat, der hat viel Schönes versäumt. Ich behalte diese liebe Gewohnheit aus jungen Jahren auch heute noch bei. Es gibt dem Naturerlebnis den Hauch Romantik der alten Jägerlieder, wenn draußen das Käuzchen schreit, unter mir die Jungfüchse rumoren und die Fledermäuse wispern. Vor dem Stadel äsen Rehe im Mondlicht. Aber dann zieht der Nebel auf, und weil der Frost mich beißen will, ziehe ich auch die Nase in den kuschelig warmen Schlafsack zurück. Weder zu Hause noch in den besten Hotelzimmern habe ich je besser geschlafen als hier. Um halb drei Uhr, noch ehe der sicherheitshalber gestellte Wecker rasseln kann, bin ich mit einem Schlag hellwach. Die Kopfuhr weckt mich. Mit einem Satz fahre ich in die kalten Gummistiefel und in den warmen Fuchspelz. Dann taste ich mich in der Dunkelheit durch knisternden Reif zum Schirm. Dicker Bodennebel liegt über dem Moor, und ehe ich mich noch von Latsche zu Latsche zu meinem Schirm tasten kann, habe ich mich verlaufen. Der Weg nimmt kein Ende, und an der verfallenen Torfhütte merke ich, dass ich einmal im Kreis gegangen bin. Aber schließlich finde ich doch meinen Schirm, mache es mir auf dem Torfkarren so gut es geht bequem und stelle die große Telekamera auf das Stativ, denn es ist mit langen Belichtungszeiten zu rechnen. Noch ist es still. Vom Dorf drüben am Berg dröhnt die Kirchenglocke herüber. Vier dumpfe Schläge für die volle Stunde und dann dreimal hell. Drei Uhr ist es also. Wohl aus den Schwarzpappeln an den Viehweiden dringt das jämmerliche Stöhnen der Waldohreulen herüber, die dort ihren Horst in einem alten Elsternnest haben. Der Nebel scheint noch dichter zu werden, und die Kälte beißt durch die Gummistiefel. Aber sonst kann mir im dicken Fuchspelz nicht viel passieren. Stockfinster ist es noch, da lässt sich, zaghaft zunächst, aber dann hell jubelnd, die erste Lerche vernehmen, in deren Lied bald die ganze Sängerschar einstimmt. In der Ferne bellt ein Fuchs, und irgendwo flötet leise mit geschlossenem Schnabel eine Amsel. Der Unken heller Glockenruf klingt aus den Torfstichen, und fast unsichtbar in Dunkelheit und Nebel hoppelt ein Hase vorüber.

Plötzlich zischt und rauscht etwas durch die Luft. Ganz so, als mache sich ein Sturm auf. Dann plumpst etwas Unsichtbares mit Gepolter zu Boden. Und jetzt rauscht und poltert es wieder. Das sind die Hähne, die zu ihrem Balzplatz heranstreichen. Meine Augen versuchen das Dunkel zu durchdringen, aber nichts ist zu erkennen. »Tsch-chsch«, faucht es ganz in der Nähe. Nicht viel weiter weg antwortet es, und wenig später ist die Balz in vollem Gange. Die Birkhähne blasen zunächst einige Male heiser und beginnen dann dumpf zu kollern. Bald brodelt es ringsum, und es scheint fast, als wäre das ganze Moor und der kleine See ein kochender Wasserkessel. »Rutturru, rutturu, ruik, urreurreurre, rutturu, urreurreurre urreurreurre, kollert es ganz nah am Schirm. »Ruttururururururu­ ruru ruttururururururururuta«, hört man den Hahn jetzt aus der Sinfonie deutlicher heraus. Langsam wird es auch heller, so dass ich die ersten Hähne erkennen kann. Licht ist es geworden, und die Hähne sind noch unentwegt beim Balzen. Einige sind so nah, dass man sie greifen könnte, nur eine Handbreit vor dem Schirm. Hell genug zum Beobachten ist es schon. Es wäre auch hell genug zum Schießen, aber zum Fotografieren reicht das Licht noch nicht aus. Trotzdem versuche ich, die ersten Aufnahmen zu machen. Fast zu  laut klickt der Verschluss der schweren 6 x 6 Kamera. Aber entweder dringt das Geräusch doch nicht so weit oder die Hähne sind für dieses Geräusch nicht empfindlich. Im Gegensatz zum Auerhahn sind Birkhähne während gewisser Balzphasen nicht taub und blind für alles, sondern äußerst wachsam. Die Balz ist Liebesgesang und -tanz zugleich. Die Hennen dort fühlen sich zwar davon betört, aber sie kommen zuweilen auch gar nicht zum Balzplatz. Wunderbar kann ich jetzt die Balz im Spiegel der Kamera sehen und durch das Teleobjektiv beobachten. Nicht weniger als elf Hähne zähle ich. Ihr Kollern und Fauchen wechselt ständig miteinander ab. Ein Hahn sitzt erst ganz ruhig etwa fünfzehn Meter vor mir. Hin und wieder pickt er im Riedgras etwas auf, um dann wieder zu balzen. Dabei kollert er beständig, reckt hin und wieder den Stingel hoch, bläst und bläst wieder, vollführt einen zwei Meter hohen Luftsprung und faucht dabei wie närrisch. Herrlich leuchtet der weiße Flaum unter den gebogenen Sicheln des Spiels.

Das Moor hat Farbe bekommen. Glutrot schiebt sich der Sonnenball über den Horizont und verzaubert alles mit seinem Feuer. Die roten Rosen der Spielhähne leuchten jetzt noch kräftiger, und das blauschwarze Gefieder schillert in allen Regenbogenfarben. Je gebogener die Sicheln, je dicker die roten Rosen und je schwarzschillernder der Rücken, desto älter der Hahn. Die jungen Hähne sind am Rücken bräunlicher.

Weiter hinten fällt neben einem Hahn polternd noch ein zweiter ein, und jetzt legen die beiden erst richtig los. Leider ist es zu weit für die Kamera. Vor dem Kollern halten sie den Stoß senkrecht und breiten die Schwingen aus, richten den Kopf mit gesträubtem Gefieder in die Höhe, lassen dann die Schwingen hängen, fauchen und vollführen einige Sprünge. Endlich drücken sie Kopf und Stoß zur Erde nieder und beginnen zu kollern. Dabei trippeln sie so schnell umeinander herum, dass man meint, sie fahren auf zwei Rädern. Ganz unvermittelt springen sie wild gegeneinander los und hacken sich die Federn aus. Aber schon rollen sie kollernd wieder voneinander fort. Blitzschnell wenden sie und schlagen sich auch schon wieder. Interessant ist es, dass sich der angegriffene Hahn nie wehrt, sondern immer durch einen Luftsprung auszuweichen sucht. Auch wird stets unten in den Hals gehackt. Dabei wechseln die Rollen oft, und die Hähne sehen schon ganz zerrupft aus. Vorhin hätte ich das Sonnenlicht gut brauchen können, aber jetzt nutzt es wenig, denn nun sind die Hähne zu weit entfernt. Ebenso unvermutet wie er gekommen ist, reitet der erste Hahn nach etlichen Luftsprüngen plötzlich wieder ab, und auch der zweite folgt bald nach. Inzwischen ist es halb sieben Uhr geworden. Die Sonne klettert höher, und die Hähne reiten nacheinander ab. Leider kommt keiner nahe genug. Es wird oft von einem Verschweigen beim Sonnenaufgang, von einem sogenannten Morgengebet der Hähne gesprochen. Ich habe davon nichts bemerken können, wenn auch der eine oder andere Hahn einmal irgendwann ausgesetzt hat. Hinten im Moor steht noch der letzte Spielhahn und sucht nach Moosbeeren. Neben ihm stochert ein Großer Brachvogel mit seinem langen gebogenen Schnabel im Boden. Dann streicht er mit melodischem, flötendem Trillern wieder ab, und der Spielhahn folgt ihm. Ich aber atme auf, denn nach etlichen Stunden stillem Sitzen kann ich endlich die steifen Glieder wieder bewegen. Drüben in einer Kiefernschonung balzt irgendwo noch ein Hahn. Ich versuche ihn anzupirschen, aber als ich heran bin, streicht er sofort ab. Ich krieche durch die Schonung, quer durch das dickste Unterholz und habe Glück. Kaum sechs, sieben Meter vom Dickungsrand balzt ein Hahn auf einem vermoderten Baumstumpf in der strahlenden Sonne. Ich mache einige Aufnahmen, aber eine unvorsichtige Bewegung lässt ihn abreiten.

Bald hört man wieder irgendwo ein Kollern. Ich aber gebe es auf und gehe, um meinen versäumten Schlaf nachzuholen. Am Abend hört man wieder irgendwo Spielhähne in der Dickung kollern, aber auf das Moor kommen sie nicht heraus. Das ist die Abendbalz. Spielhähne haben eine Morgen- und eine Abendbalz. Der Höhepunkt der Balz liegt wie beim Auerhahn um den 1. Mai herum. Aber wie Vögel das ganze Jahr über - wenn auch mehr oder weniger häufig - singen, so balzt auch der Spielhahn das ganze Jahr. Wie ich es bei der Gamsbrunft unter goldenem Himmel erlebt habe, balzte da der Spielhahn noch im November und verschönte mir damit das Gamsjagd-Erlebnis in der Bergeinsamkeit. Weil der Balzmorgen gar so schön war, versuche ich es am nächsten Tag nochmals. Und wieder gelingen einige Aufnahmen, aber sehr viele davon sind nur reine Erinnerungen an schöne Balzerlebnisse im Moor. Man kann sie anderen kaum zeigen, und doch sind sie für mich eine Art Jagdtrophäe für das herrliche Erleben. Den Hähnen ist nichts geschehen. Sie leben, lieben und balzen weiter. Das Erlebnis war für mich das gleiche, und als Trophäe bleibt ein selbstgeschossenes Foto, das vielleicht nicht ganz so dekorativ wie ein Spielhahn an der Wand ist, das dafür aber die herrlichen Erlebnisse noch lebendiger wieder auferstehen lässt.


Birkhenne
Manchmal habe ich Zweifel, ob es richtig ist, den Hahn in der Balz, also bei der Liebe zu bejagen. Meine Frau meint immer, dass so etwas nur den Deutschen einfallen kann - ein Franzose würde das niemals machen. Tatsächlich jagt man auch in Schweden den Birkhahn nicht in der Balzzeit, weil man das für zu einfach hält. Vorerst haben wir solche Sorgen nicht mehr. Aber auch der hier geschilderte Balzplatz ist inzwischen verwaist. 

Birkhahn
Das Moor ist zu trocken geworden. Erst hat man Teile der Moorflächen entwässert und minderwertige Wiesen daraus gemacht. Das hat den Hähnen noch nicht geschadet, denn die Landschaft blieb noch offen und übersichtlich, wie sie es lieben, und natürliche Moorflächen lagen noch daneben. Als sich die Weidewirtschaft auf den Grenzertragsflächen aber nicht mehr gelohnt hat, forstete man sie mit Fichten auf. 

Zu Beginn saßen die Hähne bei der Sonnenbalz noch in den Jungfichten, aber schließlich wurden diese zu groß, und die Übersichtlichkeit, die der Hahn liebt, war dahin. Heute steht dort auf dem saueren Standort ein elender, gelber, im Säureregen dahinsiechender Fichtenwald, für den das vertriebene Birkwild ein zu hoher Preis war. Ein Flötenlied klingt über dem Moor. Ein Trillern ist es, das weich und mit melodischem Flöten beginnt, jauchzend und jubelnd anschwillt und endlich jammernd und klagend erlischt. Um heute mehr und mehr für immer zu verstummen. Nur wenn wir unsere Verantwortung ernstnehmen, jeden Abbau von Mooren einstellen und das Wasser wieder zurückstauen, bis es über den Rand quillt, haben Birkhahn und Brachvogel, Goldregenpfeifer, Bekassine und Uferschnepfe noch eine Chance.

Beobachtungen aus dem Buch „Vom waidgerechten Jagen“
Mai 1965 in Ammermoos und Königsdorfer  Moos
von Wolfgang Alexander Bajohr