Ammersee: Eiderente (Somateria mollissime) als Neusiedler?
 Von Wolfgang Alexander Bajohr

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Eiderente Männchen

Die Mythologie geht zuweilen verschlungene eigene Wege, denn sie verbindet Vogelarten aus ganz verschiedenen Familien. Das ist auch bei Kormoran und Eiderente geschehen. Weniger bekannt ist, dass Kormorane keine Zunge haben, und auf den Faröer-Inseln schreibt man das seiner Schwatzhaftigkeit zu. Denn er habe noch geschnattert, als es besser gewesen wäre zu schweigen, so sagen sie. Damit sind wir aber bei den phantastischen Erzählungen aus der Schöpfungs-Geschichte angelangt.

Denn als der Schöpfer die Daunen verteilte, waren Kormoran und Eiderente die Bewerber hierfür. Geschafft hat es aber nur die große Meeresente. Verlangt wurde eine Probearbeit, denn nur derjenige sollte die Daunen erhalten, der es von Stund an  schafft nach durchwachter Nacht den Tag früh am nächsten Morgen anzukündigen.

Der Kormoran wusste wohl, dass er eine Schlafmütze war. Darum hat er beschlossen, gleich die ganze Nacht Wache zu halten. So kämpfte er tapfer die ganze Nacht gegen den Schlaf an. Als es gegen Morgen etwas heller wurde, kleidete er seine Gedanken in Worte und schwätzte vor sich hin: „Nun blaut es im Osten.“ Das aber vernahm die hellhörige Eiderente, die durchgeschlafen hatte und durch sein Geplapper langsam munter wurde. Während dem Kormoran die Augen zufielen, rief sie begeistert in den klaren Morgen hinaus: „Tag im Meer, Tag im Meer“.

Daher hat sie als Lohn die Daunen erhalten, so fein und so weich, wie sie kein anderer Vogel bieten kann. Mit diesen feinen weichen Daunen polstert sie ihr Nest aus, und bei einem Nachgelege rupft sie auch noch den Erpel. Diese Daunen halten beim kuscheligen Brüten an den kalten Küsten der Nordmeere die Eier schön warm. Dennoch ist der Zweifel erlaubt, ob die  Eiderente damit recht glücklich hat werden können. Denn die Menschen haben bald erkannt wie fein, warm und wertvoll diese Daunen sind. Sie gehören zu den  feinsten Rohstoffen, welche die Natur zu bieten hat, vergleichbar der Wolle von Kaschmir-Ziegen oder der Wolle der Wildlamas.

Um an sie zu kommen, haben die Menschen in Nordeuropa Jahrhunderte lang an den Meeresküsten die Nester der Eiderenten geplündert. Einesteils der Eier wegen, welche diese Vögel legen, vor allem aber der wertvollen Daunen wegen, deren Wert so hoch war, dass sie mit Gold aufgewogen wurden. So hatte man allmählich die Eiderenten durch Raubbau an den Rand des Ruins gebracht. Zwar gab es entlang der deutschen Nordseeküsten nie so viele von Ihnen wie auf den Inseln des Nordmeeres, aber auch auf den Nordfriesischen Inseln hatte man sie empfindlich gezehntet. Auf Sylt und den Inseln Uthörn, Amrum und Norderoog, also im heutigen Nationalparkgebiet, gab es zwischen 1785 und 1819 gerade noch um die 100 Paare. Bis gegen 1930 erholte sich der Bestand auf das Doppelte und zählte um die 200 Paare. Als ich im Jahr 1949 zu Jens Wand auf die Hallig Norderoog fuhr und erneut etwa 30 Jahre später der Seehunde wegen mit einem kleinen Kutter durch die Nordsee schipperte,  betrachtete man die Eiderenten noch als Schädlinge, etwa so wie in Bayern die Fischer den Kormoran ansehen. Man neidete ihnen die Miesmuscheln, die sie angeblich geschädigt haben. Man hätte mir bereitwillig gestattet, mit dem Kugelgewehr auf den Wellen vom Boot aus Eiderenten zu schießen. Eine bestimmte Anzahl sei stets freigegeben. Das galt auch für den Seehund. Nicht um der Jagd willen, sondern als Schädling wurden sie bekämpft, weil sie den Menschen etwas weggefressen haben.

Seit wenigen Jahren erscheinen Eiderenten auch im Binnenland. Erst kamen sie vereinzelt in der Zugzeit und nun mit steigender Tendenz. Das sind keineswegs nur Irrgäste, sondern es sind Neusiedler die Neuland suchen. Auf dem Starnberger See und dem Ammersee wurden Dreikantmuscheln durch die Boote eingeschleppt, und sie vermehren sich stärker  als uns zuweilen lieb ist. Doch auf diese Muscheln  haben es die Eiderenten abgesehen, denn mit ihrem mächtigen muskelbepackten Schnabel knacken sie die harten kleinen Muscheln spielend. Auf dem See sind sie inmitten der großen Entenscharen, die als Wintergäste verteilt auf viele Arten zu uns kommen, auch ohne Spektiv leicht auszumachen, denn die fast weißen Erpel der Eiderenten fallen auch den Laien sofort auf, besonders wenn es mehrere sind. Sie sind halt auf diese Weise leicht auszumachen.  Zuerst waren es nur Erpel, die hier erschienen. Also nur Männchen, aber längst haben auch Weibchen zu uns gefunden. Wären sie nicht so weit draußen auf dem See, könnte man viel leichter ihr trotziges Kopfschütteln ausmachen, das zum Balzritual gehört. Die Zeit, dass die sonst nur an Meeresküsten heimischen Eiderenten auch hier im Binnenland brüten, obwohl es Meeresenten sind, scheint nicht mehr fern zu sein. Vorläufig sind sie noch Raritäten, die unsere Telefone heiß klingeln lassen, wenn die Beobachter und Vogler diese Eider-Enten ihren Freunden melden. Noch sind sie ein heißer Tipp für Beobachter. Bald werden sie vielleicht mit ihren Jungen erscheinen.

Die Nahrung ist da, denn Muscheln sind ihre Hauptnahrung, gefolgt von Schnecken und Krustaceen. Die Fischer hingegen können beruhigt sein, weil sie als Meeresenten spezialisierte Speisezettel haben und ihnen Fische schnurz sind. Darum gibt es keinen Grund sie zu verfolgen und die Jäger dürfen auf die Bereicherung der heimischen Wasservogelfauna mit Recht stolz sein, und sie sind gefragt als Beschützer, damit den schönen großen Enten nichts Böses hier geschieht.