Ammersee/ Maisinger See: Ein fliegender Prinz - Eisvogel , der Herrlichste von allen


Eisvogel   Foto W.A. Bajohr

"Zieht, zieht" pfeift er scharf, und dann ist die sonnendurchflutete Bucht vom Funkeln seines Gefieders erfüllt. Hier wohnt er, der Herrlichste von allen, unser prächtigster aller Vögel, der Eisvogel. Inmitten der Auwaldwildnis schlängelt sich als silbernes Band der Fluss. Mal springt er gischtend über Geröll und Kies, oder bei Flut kriecht er müde und lehmgelb dahin. Dann wieder scheint er verträumt, denn tiefschwarz steht das Wasser in den Unterwasserhöhlen der Gumpen, über die sich die Schwarzerlen neigen, die das Ufer mit vielfingerigem Gewirr ihrer Wurzeln festhalten und bändigen. Hier neigt sich eine muntere Weißbirke über das Wasser, dort plätschert es unter hagstolzen Eichen, mächtigen weit ausladenden und knorrigen Silberweiden, Eschen und Schwarzpappeln. Hier spiegelt das Wasser rotbuntes und emsig zappelndes Gezitter der Espen. Vor sich hin rotten die Stämme der vom Splintkäfer dürr gewordenen Ulmen und behäbigen dickköpfige Weiden, Pfaffenhütchen, Hartriegel und Weißdorn. Auen sind wahre Vogelparadiese für Eisvögel,

die anderen vielfältigen Vogelarten und das übrige Tierleben, in allen Etagen der Stämme. Der Fluss erzählt von einem kleinen Felsental im Oberlauf und murmelt etwas von dem Moor das er tiefschwarz durchfließt. Auen sind außerdem Trittsteinbiotope beim Vogelzug. Im Vorfrühling, noch ehe die Blätter sprießen, schmückt sich der Auwald bunt. Er beginnt vieltausendfach mit den Glöckchen der Märzenbecher, zarten Anemonen in weiß und in gelb. Weiß oder lila blüht Lerchensporn, violett blühen die Veilchen. Bleicher Aronstab ist auf Beutefang aus, und neben dem stolz aufgefalteten Türkenbundlilien blühen als Rarität Schachblumen und die Orchidee Rotes Waldvöglein.

Am Rand im Schlehbusch säugt der Hase seine Babys, in der hohlen Weide der Iltis die seinen. Reineke ist allgegenwärtig und immer auf Graugansnester aus. Mauswiesel schlüpfen durch Mäusebaue, derweil Vetter Hermelin ein Stockwerk höher im Astgewirr klettert. Überall piept und wispert es im Frühling. Doch nicht nur Weidenmeisen, Haubenmeise und Zaunkönig haben dort ihre Kinderwiege versteckt. Hier hat auch die Schwanzmeise ihr Beutelnest im Astgewirr aufgehängt.
Der Gesang des Sumpfrohrsängers schwätzt unermüdlich aus dichtem Brennnesselwald. In Faulbaum, Holunder und Schneeball ruft der Zilpzalp sein eintöniges Lied. Wilder Hopfen ist allgegenwärtig. Er umschlingt alles, was dort wächst, umwürgt selbst den stacheligen Verhau wilder Brombeeren. Er ist Deckung und Kinderwiege zugleich für das Rotkehlchen. Ist aber auch für den Gegenspieler Hermelin ein tückischer Verhau.

Hier inmitten dieser guten Stube ist am Flussufer eine Lehmsteilwand abgerutscht. Noch haben die Wasserbauer das nicht repariert, denn hier ist die gute Stube der Natur, die keiner richtig kennt und die niemand ahnt. Versteckt und  ungesehen wohnt darin der Herrlichste von allen, der fliegende Prinz unser Eisvogel (Alcedo atthis). Imponierender als alle unsere Vogelarten prahlt er mit seiner funkelnden Gefiederpracht. Doch die versteckt er an der heimlichen Lehmwand in der Flussbiegung.

Als sicherstes Rezept gegen seine großen Winterverluste ist ihm nur üppige Vermehrung eingefallen: bis zu dreimal im Jahr zu brüten und jedes mal um die 8 Junge aufzuziehen. Das ist Schwerarbeit, und so will er in der Nähe seiner Wohnung einfach nur in Ruhe gelassen werden. Hier im stillen Winkel hat er in die Lehmwand eine meterlange Bruthöhle gegraben, zwei Zoll im Durchmesser. Am Ende erweitert sich der Tunnel zu einem Kessel, der Wohnstube. Dort hat dann das Weibchen seine fünf bis acht auffallend großen kugelrunden Eier gelegt. Weiß wie Porzellan sind sie und so durchscheinend, dass man den Dotter durch die Schale sieht. Sobald die jungen Eisvögel schlüpfen, sind sie seltsame nackige Wesen, denen ihre spätere Schönheit nicht anzusehen ist. Sie haben mächtig dicke Köpfe und sie ferkeln mit Kot ihre ganze Kinderstube derart übel voll, dass die Eltern nach dem Füttern immer erst ein Vollbad im Fluss nehmen müssen.

Darum wohl sprießen die Federn der Kinder erst sehr spät. Doch wenn sie erst flügge ihre Höhle verlassen, prangen sie im fast gleichen prächtigen Federkleid wie die Alten. Wer diesen Zeitpunkt einmal erlebt hat und durch Zufall in die stille Auwaldbucht gekommen ist, der wird niemals vergessen, wenn neben den Alten noch weitere fünf bis acht der farbenprächtigen Vögel durcheinander flirren, dass es am Fluss nur so leuchtet, funkelt und blitzt, dass es schimmert und glänzt wie edles Geschmeide. Das ist ein Gewirr von scharlachroten Bäuchen, Weiß, Blau und Grün. Sie schreien dabei in einer Folge schriller heller scharfer Töne. Fortwährend spritzt und plumpst es im Wasser. Sie tragen das tropische Feuer in den heimischen Auwald. Wenn ich ein wenig träume, dann ist es ein jähes Erwachen, dass da nicht Palmen wachsen. Doch Lianen gleich umschlingt alles der Hopfen. Der Eisvogel hat die Farben im Sonnenlicht erst zum Funkeln erweckt.

Da sitzen die kleinen Eisvögel, kaum größer als ein Spatz, überall auf den Weidenzweigen oder mitten im Fluss auf dürren Gezweig im Treibholz. Ganz ruhig hocken sie. Bei jeder Bewegung ihres großen Kopfes aber leuchtet das Gefieder in der Sonne. Eine Lust ist es sie mit dem Fernglas zu bewundern. So entdecke ich eine silberweiße Kehle über dem scharlachroten Bauch. Lasurblau und smaragdgrün gesprenkelt ist der Rücken mit dem hellblauen Aalstrich, und die hellblauen Schwingen sind grün gezeichnet. Der dicke Kopf ist dunkelgrünblau, von schwarzen Bändern überzogen und zierlich weiß getupft. Hinter dem leuchtend rostroten Wangenfleck folgt ein strahlend weißer, und auch vor dem tief dunklen Auge sitzen noch je ein spitzer rostroter und ein schwarzer Tupfen. Die Füße sind korallenrot, und der sonst so dunkle lange Schnabel zeigt an der Basis einen leicht rötlichen Anflug. Je nachdem wie die Sonne auftrifft, leuchtet das Gefieder anders, ganz wie bei schillernden Schmetterlingen in der Art geschliffener Brillanten. Doch ist der Eisvogel kein Kolibri, sondern eine urdeutsche Vogelart unserer Heimat. Bei uns hat er auch keine Verwandten, wohl aber 75 Arten rundum in der Welt. An Gestalt sehen all diese Fischer sich ähnlich. Wäre bei unserem die bunte Farbe nicht, dann wäre so ein Eisvogel nicht schön, sondern plump. Das übersehen wir gerne bei dem prunkenden Gefieder.

Um die Jahrhundertwende hat man Eisvögel noch geschossen, denn es war eine dumme Sitte ihn ausgestopft auf Damenhüten zu tragen. Die Fischer aber haben Tellereisen auf Pfähle gesetzt und den Kollegen Fischesser vernichtet. Das alles hat ihn an den Rand des Aussterbens gebracht, bis er unter Naturschutz gestellt wurde. Heute droht ihm von Menschen keine Gefahr mehr. Fischarten, die er fängt will der Mensch nicht, und auch den Fischern ist bekannt, dass eine einzige große Forelle von der eigenen Fischbrut mehr frisst als noch so viele Eisvögel.
Sein Name deutet an, dass er im Winter bei uns bleibt, und wenn der Winter sehr streng wird, frieren auch viele der schnell fließenden Bäche und Flüsse zu. Als Folge davon sterben viele Eisvögel, weil sie verhungern. Sie versammeln sich dann an den wenigen Gewässern, wie Isar und Ammer oder an der Würm, die auch im Winter offen bleiben.

Das hat die Hoffnung geweckt, dass man sie an diesen Flüssen wieder ansiedeln kann. Da aber die natürlich entstandenen Prallwände hier fehlen, hat der Landesbund für Vogelschutz mit viel Mühe und Arbeit künstliche Brutwände errichtet. Doch so einfach ist das leider doch nicht, denn fast alle diese Wände wurden bis jetzt nicht von Eisvögeln angenommen. Einer der Gründe ist sicher, dass an diesen Brutplätzen die Stille fehlt, die er an seiner Kinderstube so sehr schätzt. Wir wissen auch von der Isar, dass er immer wieder an Brutplätzen vergrämt wird, weil Wanderer und Bootfahrer oder Angler diese Ruhe stören, ohne dass sie die Vögel selbst bemerken. 
Auch der Tierfotograf vermeidet heute die Nähe eines Nestes, denn er kann mit seinen neuen großen Objektiven an der Warte viel reizvollere Bilder aufnehmen, ohne den Vogel zu stören. Denn dort sind sie auch nicht annähernd so empfindlich wie am Nest. Solche Warten gibt es unendlich viele, man muss sie nur finden, doch das hängt vom Zufall ab. Als ich einen vollen Tag im Versteckzelt hockte und auf alles passte, was vorbeikommt, war auch der Eisvogel mit dabei.

Immer wieder schnurrt der Eisvogel in blitzschnellem Flug mit schrillem Pfiff an der Warte vorbei. Er folgt jeder Windung des Flusses und den sich gabelnden Wasserarmen im Delta. Gegenüber hat das Hochwasser einen Riesenberg Baumstämme und Holz zusammengetragen. Dort suchen pickend und flatternd Bachstelzen nach Futter. Wippend trippelt auch ein Flussuferläufer auf dem Holz und pickt unentwegt für mich Unsichtbares. Aus der Tiefe der Fluten taucht ein Zwergtaucher im Winterkleid auf und treibt dann im Fluss vorbei. Er taucht anhaltend, oft und ist unersättlich. Hinter den Büschen rufen die Wildgänse und Kormorane, sie unterhalten sich lautstark und fordernd. Viele Brachvögel flöten melodisch. Ganz so, als hätten sie sich viel über ihre Reise zu erzählen. Heute stehen 36 Große Brachvögel draußen im Watt, vor drei Tagen waren es noch 70. Meist schlafen sie im Schlickwatt, umgeben von Wasser, aus Angst vor dem Fuchs. Auf einer Kiesbank putzt sich eine Rostgans, die wohl aus Nordgriechenland zu uns gekommen ist. Ich sinniere gerade wie schön es wäre, wenn sich auf dem Ast, den vor mir ein angeschwemmter Baumstamm in den Himmel ragen lässt, ein Eisvogel sitzen würde.

Kaum habe ich den Wunsch gedacht, da sind die Wassergeister mir schon hold. Plötzlich sitzt gerade 5 m vor mir ein Eisvogel auf dem Ast. Viel zu nah für die Einstellung des großen 1:4/600 mm Objektivs, so dass ich erst einen Zwischenring einsetzen muss. Mein Puls geht rasend. "Bitte, bitte, fliegt nicht weg", bete ich zum Sankt Hubertus, denn die Tierfotografen haben noch keinen eigenen Heiligen. Immerhin hilft es. Der Eisvogel bleibt sitzen, wendet sich hier- und dorthin, späht in das Wasser und ignoriert mich völlig. So komme ich zu meiner ersten Bildserie und kann mich zwischendurch an dem Vogel satt sehen, der zum Greifen nahe vor mir sitzt. Direkt vor meinem Versteck hat ein Wirbel beim Hochwasser das Ufer ausgekolkt und einen Flachwasserbereich geschaffen, in dem ganze Schwärme Fischchen sich in dem von der Sonne durchwärmten Flachwasser tummeln. Jetzt entdeckt der Eisvogel sie. Mit seitlich geneigtem Kopf blickt er nach unten und fliegt auf mich zu. Sicher ist er hungrig. Aber es gelingt ihm nicht einen Fisch zu ergattern, und er vertreibt die Beutetiere schließlich alle, dieser Tollpatsch. Er fliegt ein Stück stromaufwärts, wo das Wasser brodelt, aber auch dort scheint er bei der Jagd kein Glück zu haben.

Es ist schon eine faszinierende Leistung sich wieder und wieder in die Flut zu stürzen und mit den Flügeln rudernd nach Futter zu tauchen. Wie ein silbriger Pfeil folgt er den Fischchen und taucht dabei gegen die Strömung. Er erreicht dabei Geschwindigkeiten bis zu 20 km/h. Steil stürzt er sich in das Nass und steil erhebt er sich auch aus dem Wasser, um sich auf eine der Warten zu setzen. Jeder dieser vergeblichen Angriffe kostet Kraft. Welche Energie muss in dem kleinen Vogel stecken, dass er es trotz aller Fehlstöße immer wieder versucht. Es liegt wohl in der Natur seiner Jagdmethode, dass erst jeder 6 Stoßtauchgang Erfolg bringt. Nass wird sein Gefieder dabei nicht, weil er es aus seiner Bürzeldrüse wasserabstoßend imprägniert hat. Eisvögel sind auch Vagabunden und streifen im Winter weit umher, aber sie wissen auch, dass an der Würm und der Ammer ihr Tisch reich gedeckt ist.

Auf einmal sitzt er wieder vor mir auf der Warte, und es ist nicht einer sondern es sind zwei Eisvögel zur gleichen Zeit. Schade, dass sie nicht näher beisammen sitzen, weil nicht beide zugleich auf ein Bild kommen. So fotografiere ich erst den Einen, dann den Anderen. Wer das Weibchen und wer von beiden das Männchen ist? Beide sehen völlig gleich aus. Sie verschwinden auch so gleichzeitig wie sie gekommen sind, sobald sie mit einem Fehlstoß die Fische in der Gumpe vor mir erschreckt haben. Natürlich jagt ein Eisvogel immer dort, wo es neben Fischchen eine Unmenge von Gewürm und Larven aller Arten gibt. Ob er nun die Moderlieschen, Schmerlen, Ellritzenbrut, Groppen, winzige Äschenkinder oder Forellen fängt, das ist ihm egal. Und gemessen am Gesamtbestand ist das ebenfalls bedeutungslos, weil ein eventueller Schaden nicht einmal messbar wäre. Denn ein Eisvogelpaar hat ein riesiges Einzugsgebiet, in das er keine Artgenossen als Konkurrenz hinein lässt.  Um richtig satt zu werden, braucht er am Tag ganze 30 Gramm Fisch. Den klopft er vor dem Verzehr mit kräftigem Aufschlagen erst einmal tot, bevor er ihn hinunterschlingt. Im Schnabel rückt er ihn zurecht, und dann: ein Schluck nur und fort ist die winzige Beute. Wollte man, wie einst zur Zeit der Großeltern, von Schaden reden, es wäre lächerlich.
Auf einer seiner vielen Warten sitzen, Gefieder pflegen, Ausschau nach schwimmender Beute halten, Tauchen und sich sein Frühstück erkämpfen, das ist der Vogelalltag des Herrlichsten von allen. Heute gehören auch für den Angler Beobachtungen des Eisvogels zum Naturerlebnis am Wasser und er gönnt ihm die Fischlein gerne. Dort fliegt er dahin. In pfeilschnellem Flug ganz flach über das Wasser und für das Auge ein funkelnder Kristall. "Zieht, zieht" ruft er dabei. Er, der herrlichste von allen, unser fliegender Prinz.

Wolfgang Alexander Bajohr