Ammersee: Grauammer  (Emberiza calandra)

Wenn bei Raisting südlich des Ammersees die Streuwiesen blau werden, dann blüht auf der großen Vogelschutzwiese millionenfach die blaue Iris, ein grandioses Bild, das von der goldenen Sonne der Trollblumen aufgelockert wird. Mitten in dieser großen Wiese steht schon seit Jahrzehnten ein Pfahl. Ich bin nie durch die Blumentracht getrampelt um den Vogel anzusehen, der auf diesem Pfahl sitzt und singt.  Wer dieser einsame Vogel ist, erkennt man auch mit dem Fernglas. Für einen Singvogel scheint er etwas groß geraten. Dieser unscheinbare graue singende Vogel ist eine der letzten Grauammern, die uns noch geblieben sind.

Grauammern lieben Streuwiesen in weiten Wiesenlandschaften. Daher sind sie auch so gefährdet, weil die Umwandlung von Wiesen in Ackerland mit Mais oder Rapsanbau das Ende für die Grauammer bedeutet. Eigentlich war sie auch auf den Streuwiesen ein Kulturfolger. Wo aber die großen Maschinen das Land beackern, wo das Land zu einem düsteren grünen Dschungel verkommt, muss man sich nicht wundern, dass in ganz Deutschland die Grauammer rapide abgenommen hat und ausstirbt.

Grauammern sind mit 18 cm Länge und einem Gewicht von 50 g unsere größten Ammern. Ihr Nest bauen sie aus trockenen Halmen und Wurzeln am Boden. Im Grasland immer dort, wo das Gras am niedrigsten ist. Für den Innenaus-

bau nehmen sie alle Arten von Tierhaaren und Schafwolle, die am Stacheldrahtzaun eingesammelt wird. Da hinein legt das Weibchen seine 5 gesprenkelten Eier, die sie alleine etwa 5 Wochen bebrütet. Das Männchen nimmt Anteil, sitzt auf seiner Warte und singt zum Zeitvertreib sein Lied. Ein Gesang, der aus 3 Strophen besteht und etwas stereotyp ist. Er lässt sich gliedern in Vorschlag, Mittelteil und endet mit dem Triller. Nur Männchen singen, und beim Singen reißen sie ihren klobigen Schnabel weit auf.

Nach dem Schlüpfen hudert das Weibchen die Jungen erst allein 3-4 Tage. Dann füttern beide gemeinsam 9-12 Tage lang mit Grassamen oder Getreidekörnern, aber auch mit Spinnen und allen Insekten, die sie erwischen.

Grauammern sind, ähnlich wie Lerchen, Standvögel, die meist in der Nähe des Brutgebietes umherstreifen. Sie überwintern als Strichvögel, meist gemeinsam mit Artgenossen in Gruppen. Dabei kommen sie ab September bis Oktober in etwas wärmere Gebiete, und Anfang März sind sie wieder zurück.

Das Verbreitungsgebiet reicht von Gebieten der südlichen Ostsee bis in mediterrane Gebiete wie Spanien, das nördliche Afrika bis zum Atlas-Gebirge, im Süden bis Kreta und Malta. Nach Osten reicht es bis zur Türkei und darüber hinaus  bis etwa zum Kaspischen Meer. Es ist relativ zentral auf die Paläarktis begrenzt. Es ist ein zentrales Gebiet übersichtlicher Größe.

In Polen hat man beobachtet, dass die Siedlungsdichte der Grauammern auf armen Böden deutlich niedriger ist als auf fetten Böden. In ganz Europa aber wird überall deutlich, wie sehr sie an die großen Wiesenlandschaften gebunden ist. Ackerbau mit Getreide würden sie ja noch akzeptieren, alle anderen Feldfrüchte aber nicht. Tödliche Gefahr bedeutet es, dass heute 50 % der Agrarflächen zunehmend geopfert werden, um mit Mais elektrische Energie zu erwirtschaften. Mit Mais und Raps aber geht die Überlebenschance der Grauammern zu Ende. Eine naturgemäße Landwirtschaft ist Gradmesser für die Qualität einer Landwirtschaft. Wo unsere Heimat unter Beton und Asphalt verschwindet, da ist auch die Überlebenschance für die Grauammer beendet.

Wolfgang Alexander Bajohr