Ammersee/ Maisinger See: Bei den Wasserteufelchen - Den Haubentauchern
geht es im 5-Seen-Land ausgezeichnet 


Haubentaucher   Foto: W. A. Bajohr

Wenn ungestümer Herbstwind die Röhrichtbestände wogen lässt und den Wellen Schaumkämme aufsetzt, Brecher am Kiesstrand zerschellen und als Sprühregen über die Ufer fegen, hat er auch die meisten Menschen von unseren Seen vertrieben. Es scheint einsam geworden, aber so einsam ist es doch nicht, denn nach den Massen der Touristen und Ausflügler sind neue Gäste angekommen, die in weit größerer Zahl diese Seen bevölkern. Es sind die Winter-gäste aus den Ländern im Norden und Osten von Europa, die auf ihrer weiten Reise hier rasten.

Wer eine weite Reise vor sich hat und sie mit Muskelkraft auf eigenen Schwingen zurücklegt, der muss auch einmal Pause machen. Darum sind Rastgebiete auf den großen Seen, wie Ammersee und Starnberger See für Wasservögel mindestens so wichtig wie Brutgebiete. Wer mit oft letzter Kraft diese gastlichen Seen erreicht, der  muss sich erholen, ehe er weiter reist. Für viele dieser Herbst- und Wintergäste ist es eine Überlebensfrage, dass sie bei dieser Rast Ruhe finden. Das hat auch unsere Bundesregierung zur Kenntnis genommen, und sie ist dem Ramsar-Abkommen beigetreten. Diese internationale Verpflichtung soll ziehenden Vogelarten die Rastgebiete sichern. Darum sind unsere beiden großen Seen als Rast- und Überwinterungsgebiete benannt, eben weil sie so wichtig sind. Das ist schon seit 1976 rechtsgültig. Nur ist es mit der Ruhe oft auch an Winter-Tagen nicht weit her, und es wird unsere Aufgabe sein, den Vögeln diese Ruhe wenigstens auf eng begrenzten Teilen der beiden Seen zu sichern. Auf rund 1 qkm von 56 qkm Fläche den Menschen auszusperren. Tiefes und klares Wasser, aber auch eine unermessliche Zahl von kleinen Weißfischarten macht beide Seen gerade für tauchende Vogelarten so wichtig, besonders für Haubentaucher, die im Jahr 2001 Vogel des Jahres sind.

Haubentaucher, von mir oft Wasserteufelchen genannt, sind unter den Gästen in besonders großer Zahl, aber sie brüten auch hier bei uns. Auf dem Ammersee steigt ihre Zahl ab September von 600-800 und schließlich bis November auf über 1400 an. Auf dem Starnberger See beginnt es mit etwa 500, und steigt an auf fast 1500 gleichzeitig rastende Haubentaucher. Im zeitigen Frühjahr sind es immer noch über 600. Sie bleiben, solange der See nicht zufriert. Aber das geschieht nur alle 10-15 Jahre, weil der See bis 128 m tief ist und rund 3 Mrd. Kubikmeter Wasser enthält und damit die Sommerwärme lange speichern kann. Eine so hohe Zahl von Gästen ist nur darum möglich, weil sie über einen längeren Zeitraum hinweg genügend Fische der für sie essbaren kleinen Arten finden. 
Die Seen haben im Winter eine Sichttiefe bis maximal 14 Meter, so dass sie ihre Beute bei der Unterwasserjagd auch erkennen können. Sie jagen tauchend bis in Tiefen von 25-45 m und können bis zu 2 Minuten unten bleiben. Ihre Hauptbeute ist von den Weißfischen das besonders häufige Rotauge, das in den Wintermonaten besonders träge ist und in kompakten Schwärmen dicht über dem Grund steht. Mit Sonarmessungen hat man das genau untersucht. Da sie sich nun eng gepackt am Grund aufhalten, sind sie von den Vögeln auch viel leichter zu erbeuten als z.B. Renken. Denn nach dem anstrengenden Tauchen können sie nicht noch lange suchen, sondern schnappen sich den ersten besten Fisch. Man hat schon bis zu 15 Weißfische in einem Tauchermagen gefunden. Die Fischer sollten froh darum sein, denn die Weißfische wären sie gerne los, weil die sich in den letzten Jahren enorm vermehrt haben.
Zur Brutzeit sind es deutlich weniger Haubentaucher. Auf dem ganzen Starnberger See verteilt gerade noch 40-60 Paare. Denn rund 7000 Boote auf dem See schaffen erhebliche Unruhe. Im Schutzgebiet Ammersee Süd brüten zwischen 30 und 70 Paare. Für so große Gebiete mit gutem Nahrungsangebot ist die Zahl der brütenden Taucher noch viel zu gering, und ihre Zahl steigt leider nur langsam an, doch war es einmal weitaus schlechter. Ich erinnere mich noch an meine Beobachtungen vor über 25 Jahren, da gab es in der Bucht "Großer Binnensee" am Ammersee gerade ein Paar und in guten Jahren noch ein zweites, weil man damals noch ihre Nester ausnahm. Ich habe sie schon damals mit der Kamera belauscht.

Balz der Wasserteufelchen
Wenn die Wintergäste unsere Seen verlassen haben, das Schilf hoch genug ist, und die Schwimmblattzone der See- und Teichrosen genügend Deckung bietet, beginnt zwischen April und Juni Ihre Brutzeit. Draußen in der Bucht schwimmen zwei Haubentaucher. Sie gleichen einander aufs Haar, doch einer ist geringfügig größer, etwa wie eine Stockente. Sie sausen wie flache Torpedos dahin. Nur ein schmaler Strich des Rückens, der steil aufragende lange Hals, und ihr mit zwei Federhörnchen als Haube geschmückter Kopf ragt aus dem Wasser. "Gruhk, gruhk" rufen Sie, rauh und heiser. Sie schwimmen aufeinander zu, aber noch ehe sie sich erreichen, tauchen sie wieder unter das Wasser. Je häufiger sich das Männchen nähert, desto seltener taucht das Weibchen weg. Sie waren auch im Winter beisammen und beginnen ab Mitte April schon mit der Balz. Einzelne bauen ihr Nest im Schilf schon Ende April.

Als das Männchen "quorr, quorr" immer zärtlicher wird, erlaubt sie ihm schon nebenher zu schwimmen. Auf einmal hält sie ein und wendet sich um. Auch er rudert nicht mehr so kräftig, und beide treiben, vom Schaukelspiel der Wellen gehoben und gesenkt, leise aufeinander zu. Als sie voreinander schwimmen, stürzen sich urplötzlich beide Vögel, wie auf ein Kommando, kopfüber in die Tiefe. Nebeneinander kommen sie bald darauf fast gleichzeitig hoch, und jeder von ihnen hat modrige Pflanzenreste im Schnabel. Jetzt richten sie sich Brust an Brust voreinander auf, so hoch es irgend geht, um sich gegenseitig ihren Fund zu zeigen. Damit symbolisiert jeder dem Partner, dass sie gemeinsam die Absicht haben, ein Nest zu bauen. Die Hälse verschlingen sie gar seltsam, rufen immer wieder "gruhk, gruhk", packen sich bei den Schnäbeln und lassen dabei die Niststoffe zurückfallen, richten sich noch höher auf und gleiten dann ins Wasser zurück, um zu tauchen und abermals mit dem neckischen Liebesspiel zu beginnen.
In einer stillen Bucht am Schilfrand tauchen sie wieder auf, jagen sich über und unter Wasser, bis sie sich erhaschen, sich wieder voreinander aufrichten und erneut ihr Nistmaterial vorweisen. Das Balzspiel ist aber stark ritualisiert, denn das Nistmaterial fällt immer wieder zurück, wenn sie beginnen sich zu schnäbeln. Es ist ein reizvolles Balzspiel, das die beiden Wasserteufelchen dort treiben. Heute sind sie weit vertrauter als vor 25 Jahren, als sie noch bejagt wurden. Sie legen ihre Nester ganz offen an, dass man sie auch ohne Versteck vom Ammerdamm aus den Büschen heraus fotografieren kann.

Man nennt alle unsere Taucherarten auch Steißfüße, wegen ihrer eigenartigen Beinstellung, die den Eindruck erweckt, als seien die Füße zu weit hinten am Steiß angewachsen. Wahre Meister sind die Haubentaucher im Variieren der Schwimmlage. Bald liegen sie wie ein Kork hoch obenauf, bald schwimmen sie mit größtem Tiefgang, dass nur die Rückenlinie herausschaut oder dass nur noch Hals und Kopf oder gar nur noch Augen und Nasenlöcher über das Wasser ragen. Dieses meisterhafte Jonglieren mit dem spezifischen Gewicht vollbringen sie nur durch Aufstellen oder Anpressen des Gefieders. Dadurch vergrößern sie oder verkleinern die Menge der eingeschlossenen Luft. Die gespaltenen Zehen tragen einen breiten Flossensaum. Das erleichtert dem Vogel das Schwimmen und Tauchen, und er taucht sehr tief hinab. Er schwimmt an den großen Hechten vorbei, schreckt die alten Barsche, jagt den Ukelei, den Gründling, alle Weißfischarten und weiß auch Gelbrandkäfer, die Larven der Wasserlibellen und Pferdeegel zu erwischen.
Lockeres Rohrdickicht war für die Vorsichtigen unter den Tauchern schon immer ideal als Brutrevier. Am Starnberger See und Wörthsee ist es heute noch so. Wo ein paar Schilfhalme vom Wellenspiel geknickt sind, beginnen sie mit dem Nestbau. Sie schichten ein Gemisch von Schilfstängeln, modrigen und frischen Pflanzenteilen auf, bis eine frei schwimmende Wasserburg von etwa 30 cm Durchmesser entstanden ist. Bald darauf springt das Weibchen unter fortwährenden Halsverrenkungen auf das schwimmende Nest, macht sich ganz niedrig und lockt leise. Das Männchen naht jetzt dicht dahinter, hat die Federhaube gesträubt, antwortet erregt rufend, springt mit einem Satz hinauf, um nach der Begattung sofort wieder in das Wasser zu gleiten. In die flache Mulde der Nestmitte legt die Taucherin vier anfangs bläulichgrüne Eier, die aber vom Modder schnell braun werden. Die Brutdauer beträgt vier Wochen. Da sie vom ersten Ei an brüten, schlüpfen auch die Jungen in Abständen, darum sind sie noch lange unterschiedlich groß.

Ich habe ein Paar schon lange beobachtet und finde Anfang Mai das fertige Nest mit Gelege. Zu dieser Zeit ist das Wasser hier noch eiskalt. Auf etwa 4-5 Meter Entfernung soll mein Versteck stehen. Damals, vor 25 Jahren, musste ich noch relativ nahe heran, und über eine Störung durch Fotografieren am Nest hat man seinerzeit noch nicht nachgedacht, aber wir waren damals bereits Meister der Tarnung. Um beim Bau nicht solange zu stören, bringe ich das Material im Boot bei einer einzigen Fahrt heran und ziehe das voll beladene Gefährt hinter mir her. Die Kälte des Wassers kann mir wenig anhaben, denn eine lange Wathose schützt mich. Vier lange Stangen stecke ich in den schlammigen Grund, verbinde sie mit Querstangen und lehne einige dicke Schilfbündel vorne dagegen. Für den Vogel hat sich in dieser Blickrichtung im Schilfwald damit fast gar nichts geändert, außer dass jetzt hier das Schilf dichter geworden ist. Dafür entferne ich einige störende Halme zwischen Wasserburg und der Versteckattrappe. Bei einem späteren Besuch bringe ich erneut Schilf mit dem Boot und vollende das Versteck als Schilfpyramide. Jeder Besuch, einmal am Tag, dauert nur ganz wenige Minuten. Das ist ebenso harmlos, als wenn der Fischer einmal am Tag draußen vorüberrudert. Natürlich ist auch das eine Störung, und der Taucher deckt rasch die Eier zu, ehe er abtaucht. Aber ein Griff in den Modder zeigt mir, dass sie noch da und ganz warm sind. Ich warte auch noch einige Tage, denn je stärker die Eier bebrütet sind, desto stärker ist auch der Bruttrieb.
Dann ist es soweit. Meine Frau bringt mich zum Versteck. Ich stehe tief im Wasser. Als ich dann auf meinem Stühlchen hocke, reicht das Wasser bis an die Brust. Irgendwann wird die Kälte des Wassers durch alle Hüllen kriechen. Am Versteck hat sich nur eines geändert: ein großes Glasauge schaut heraus. Damals war es das 5,6/500 mm Novoflex-Schnellschussobjektiv an der Hasselblad. Wird es stören oder nicht? Wir wissen es noch nicht. Bald fährt die "Störung" mit dem Boot wieder auf das freie Wasser in die Bucht hinaus. Vögel können nicht zählen. Sie erkennen nur, dass die "Störung" weg ist. Am Knarren der Ruder höre ich, wie sich das Boot immer weiter entfernt. Im Ohr habe ich einen Knopf, denn durch das Sprechfunkgerät bekomme ich Nachricht, wenn der Taucher das freie Wasser verlässt und in das Schilfgebiet kommt. Aber zu diesem Nachrichtenaustausch kommen wir gar nicht. Denn als ich in den Lichtschacht schaue, sitzt der Haubentaucher schon auf seinem Nest, noch ehe er mir gemeldet wird. So schnell ist er zurückgekehrt, und so wenig fühlt er sich von mir gestört. Unser Dialog über Sprechfunk beunruhigt den brütenden Vogel auch nicht, obwohl er nur 4-5 m vor mir sitzt. Er wendet mir zunächst den Steiß zu, ignoriert mich also. Dann bekomme ich über Funk die Nachricht, dass zwei Paddler am Schilf entlang gleiten. Das gefällt dem Taucher nicht, denn er steht auf, deckt hastig die Eier zu, rutscht in das Wasser, und weg ist er. Aber so habe ich ihn auch beim Wenden, Auf- und Zudecken der Eier fotografieren können.

Kaum ist das Kanu vorüber, kommt er schon wieder. Gespannt bin ich, wie der große Vogel auf die Wasserburg steigt, ohne dass er sie zum Kentern bringt, denn er macht das gar nicht vorsichtig, sondern springt mit einem Satz hinauf, schaut sich einen Augenblick prüfend um, verbiegt schlangenartig seinen langen Hals, räumt mit hastigen Bewegungen die faulen Blätter an die Seite, mit denen die Eier bedeckt sind, spreizt das Brustgefieder, und einen Augenblick später sitzt er schon wieder. Den Federkranz auf den Backen und die Federohren hat er ganz straff angelegt, dass er einen ganz dünnen Kopf bekommt. Von mir nimmt er keine Notiz, wirkt aber dennoch unruhig. Denn nur drei Meter entfernt im Schilf sitzt irgendwo verborgen der Partner und ruft "Pitz, pitz" oder gackert wie eine Henne. Es ist aber kein Ernstfall, denn im näheren Nestbereich erscheint ein Blesshuhn, und es stellt sich heraus, dass nur 5 m nebenan rechts im Schilf dessen Wasserburg ist.
Auf unseren großen Seen brütet nur der stattliche Haubentaucher. Besonders reizvoll ist das Köpfchen mit dem kecken Federputz. Weil die obenauf sitzende Holle mit einem schwarzen Federbusch zwei Hörnchen andeutet, wie bei einem Teufelchen, habe ich sie Wasserteufelchen getauft. Wangen und Umgebung der rubinrot leuchtenden Augen sind weiß. Dahinter setzen sich zwei fuchsrote, schwarz gesäumte Hängebäckchen aus weichen Federn an, die ganz wundervoll zu dem vorne weißen und hinten schwarzbraunen Hals kontrastieren. Die Seite des Körpers ist dunkelrotbraun mit schwarzgelockten und hellgesäumten Federn durchsetzt. Der Schulterrand ist weiß durch die Schwungfedern. Auf dem Rücken ist das Gefieder dunkelbraun mit einigen hellgesäumten Federn vermischt. Der Schnabel ist blass rot, der Fuß auf der Außenseite dunkel hornfarbig und auf der Innenseite horngelblich weiß. Von den Farben des schmucken Vogels bin ich so begeistert, dass viele Bilder schieße, obwohl alle sich ähnlich sind, weil er nur manchmal den Kopf dreht. Die Sonnenstrahlen glitzern in den Wassertropfen auf dem Gefieder und geben den Farben einen noch prächtigeren Glanz. Beide Taucher sehen gleich aus, aber sie sind nicht gleich groß. Das Weibchen ist deutlich größer. Manchmal steht sie auf, um die Eier zu wenden. Und wenn nach Stunden die Brutablösung naht, wird sie durch mitgebrachtes Baumaterial für das Nest ritualisiert.

Laut und knarrend singt nebenan der Drosselrohrsänger sein "Karrekarre kietkietkiet" im Schilfwald. Leiser und feiner, doch ebenfalls "Karrekarre kietkietkiet" antwortet seine Taschenausgabe, der Teichrohrsänger, und der Wind trägt vom Ufer her das spottende Geschwätz der Sumpfrohrsänger herüber, die ihm aufs Haar im Aussehen gleichen, aber anders singen und statt im Schilf in Brennnesseln brüten. Sie alle singen ohne Pause den ganzen Tag und wetteifern um den ersten Platz im großen Piepkonzert. Die Kleinvögel singen Piano und die große Konkurrenz Fortissimo. Die Blesshühner nebenan streiten den lieben langen Tag, der riesige Seefrosch quorrt und quakt, manchmal auch hört man die Karpfen plumpsen und schmatzen. Von der Lachmöwenkolonie dringt ein höllisches Gekreische herüber. Die Taucher stört das alles nicht. Sie rutschen erst wieder vom Nest, als das Boot kommt, um mich abzuholen.
Eine Woche später schaue ich noch einmal vorbei, und der Zufall will es, dass die Jungen gerade schlüpfen. Sie sind auf dem Rücken längs hellbraunrötlich und schwarz gestreift, wie die Frischlinge der Wildsau. An den Seiten sind sie schwarz und zum Bauch hin weiß. Den Eltern ähneln sie nur an den Rudern. Sonst sehen sie aus, wie Junge einer völlig anderen Vogelart. Aber die Lust am Schwimmen, Tauchen und Fischen haben sie schon aus dem Ei mitgebracht, sie ist angeboren.

Sie werden fürsorglich von den Altern geführt und auch gefüttert. Mit ihren spitzen Schnäbelchen picken sie schon von der Wasseroberfläche Insekten oder im Plankton nach Krebschen und Larven. Die sonst so zurückhaltenden Eltern sind jetzt gegen jeden anderen Vogel in der Nähe ihrer Kinder aggressiv. Besonders gegen andere Haubentaucher, und sie dulden dort weder Blesshuhn noch Teichhuhn und vertreiben auch Tüpfelsumpfhuhn und Wasserralle. Beim Füttern fällt auf, dass sie den Jungen aus dem Wasser aufgelesene Federchen reichen, die sie zuweilen auch bei sich selbst auszupfen. Diese Federnfresserei ist auch von anderen Taucherarten bekannt, dient möglicherweise ihrer Mineralstoffversorgung . Sind die Taucherkinder müde geworden, klettern sie auf den Rücken der Eltern, und diese fahren, stolz wie ein Dampfer, mit ihrer Besatzung über den See. Manchmal sitzen alle vier Jungen oben, was nicht immer ganz einfach ist, so dass eines herunterplumpst. Dann macht sich der Altvogel hinten ganz flach und breitet die Schwingen ein wenig, damit das Junge wieder an Bord klettern kann. Sie verkriechen sich auch im Gefieder und bleiben dort verwahrt, wenn die Eltern tauchen. Sitzen sie oben drauf, plumpsen sie alle herab. Bald können die Jungen schon mehrere Stunden alleine schwimmen. Jetzt sind die Eltern immer mehr gefordert, um Jungfische und nochmals Fische in passender Kleinheit zu fangen und in die hungrigen bettelnden Schnäbel zu stopfen. Sobald sie einen Altvogel sehen, eilen sie aus weiter Entfernung auf ihn zu. Sie betteln auch noch im Spätsommer, wenn sie längst selber Fische fangen können und den Eltern überall hin folgen. Aber sie brauchen die Alten immer noch als Führer und Warner. Bald sehen die Kinder den Eltern ähnlich, und der Sommer geht dahin.

Haubentaucher-Eltern geben auf ihre kleinen Zebras gut Obacht, und es kommt selten vor, dass Greifvögel sich eine Beute fangen können. Bei uns kann es der Sperber sein, in den neuen Bundesländern ist es die dort häufige Rohrweihe. Vielleicht schnappt ein Junges auch ein großer Hecht, aber sonst haben sie nicht viele Feinde. Darum können die Haubentaucher es sich leisten, nur einmal im Jahr zu brüten und nur vier Junge aufzuziehen. Weit mehr Gefahr droht ihnen vom Freizeitrummel. Wenn alle paar Minuten ein Gummiboot vorbeikommt oder gar ein Boot sich im Schilf verankert, wagen die Eltern sich den ganzen Tag nicht auf das Gelege und in den Eiern stirbt das Kind ab. Zudem wird dadurch der Schilfbestand vernichtet, denn geknicktes grünes Schilf stirbt ab. Es ist zu bequem das Schilfsterben am Starnberger See den maximal 200 auf das ganze 5-Seen-Land verteilten Graugänsen anzulasten. Das kann auch ein Entenjäger oder ein Angelfischer verursachen, der seine Gasse durch den Schilfwald trampelt. Vogelschützer kritisieren auch, dass Berufsfischer im Ramsar-Gebiet und Naturschutzgebiet Ammersee Süd ausgerechnet in der Brutzeit der Haubentaucher inmitten der Kolonie in der Schwimmblattzone elektrisch Aale abgefischt haben. Für die Durchsetzung unserer Verpflichtungen aus dem Ramsar-Abkommen gibt es darum nur noch eine Konsequenz: Teilgebiete, nicht mehr als 1/50 der Seefläche, für alle Menschen zu sperren. Das ist nicht mehr als rund ein Quadratkilometer Wasserfläche von 56. Dazu gehört auch, dass Fischereirechte und die Wasservogeljagd in den Schutzgebieten nicht mehr verpachtet werden dürfen. Die erwähnte Elektrofischerei hatte Folgen. Der Bruterfolg der geschützten Vögel ist dramatisch zurückgegangen und von den 70 Brutpaaren hat nur ein rundes Dutzend seine Jungen großziehen können und auch die nur aus Nachgelegen. Späte Bruten stammen immer aus Nachgelegen. Die werden aber zuweilen auch von den Tauchern selbst veranlasst, wenn sie um ihren Revieranteil kämpfen. Sie regulieren sich damit selber ein und beugen damit einer Überbevölkerung vor.

Wenn es Herbst wird, und die Wintergäste kommen, schließt sich der Kreis. Dann streifen auch die hier brütenden heimischen Taucher zwischen unseren großen Seen umher, solange die nicht zufrieren. Dann können die hier brütenden Haubentaucher im Winter daheim bleiben und noch viele Gäste empfangen. Bei geschlossener Eisdecke wandern sie ab auf Ammer, Amper und Isar, die im Winter immer offen bleiben. Von den Wintergästen ziehen manche weiter in wärmere Nachbarländer oder bis zum Mittelmeer. In dieser Zeit legen sie auch das prahlerische bunte Frühlingskleid ab und ein schlichtes Reise- und Wintergewand an. Das Gefieder ist jetzt schlicht graubraun und nur am weißen Halskragen mit etwas Rostrot untermischt. Sie lassen sich gut von allen anderen hier überwinternden Verwandten unterscheiden, denn da kommen noch Stern- und Prachttaucher, Gelbschnabel- und Rothalstaucher, Eistaucher und Zwergtaucher, die alle von außergewöhnlich günstigen Umständen gerade an diesen Seen profitieren: klares Wasser und viele Weißfische.
Ist der Winter vorbei, ziehen die jeweils rund eineinhalbtausend Gäste auf jedem der beiden großen Seen wieder heimwärts. Zurück bleiben noch unsere eigenen Haubentaucher in den wenigen verbliebenen Schilffeldern am Starnberger See und im Schutzgebiet Ammersee Süd. Die noch nicht brutfähigen Jungvögel des Vorjahres sammeln sich in Teenagerklubs und pflegen die Geselligkeit. Ein Jahr später werden auch sie brüten. Vor 25 Jahren waren Haubentaucher noch sehr selten und scheu. Seit sie geschützt sind, wurden die Wasserteufelchen als Brutvögel und Wintergäste relativ vertraut, bezaubernde Mitgeschöpfe und allen zur Freude.

Wolfgang Alexander Bajohr