Ammersee/ Wald: Mittelspechte vom Seeholz am Ammersee

  Im Eichen- und Hainbuchen-Naturwald, wo es viel Totholz gibt, ist der seltene Specht auch heute noch anzutreffen. Außerdem in meinem naturnahen Garten.
Um
seiner urigen großartigen Eichen willen ist dieser  traumhaft schöne Wald Seeholz (am Ammersee bei Rieden) ein Naturschutzgebiet geworden. Doch es gibt nicht minder alte urige Bäume anderer Hartholzarten hier: Einzelne mächtige Rotbuchen und schlanke Eschen auf feuchten Grund. Oder knorrig gedrehte Stämme vom Baum des Jahres 1995, der Weißbuche. Vom Sämling bis zum gewaltigen Baumgreis steht hier noch ein naturnaher Wald, der etwa so aussieht, wie einst alle unsere Wälder im 5-Seen-Land ausgesehen haben ehe der Altersklassenwald und der Fichten-Holzackerbau erfunden wurde. 

Das Seeholz  ist so beispielhaft ein Wald des Lebens, in dem aus ehrwürdigen alten Bäumen noch junge Triebe sprießen. Es ist ein Wald mit Bäumen, die jeder für sich ein Naturdenkmal sind, inmitten des schmückenden Blütenreigens am Waldboden. Wir lieben diesen alten Wald, der mit seinen überwältigend mächtigen Eichen für uns ein gutes Stück Naturerlebnis ist, auf das wir schon seit einigen Jahrzehnten nicht verzichten mögen, denn zur Blütezeit besuchen wir ihn jährlich. Dieser Naturwald ist zugleich ein überkommenes Erbe aus einer Zeit, als unsere Vorfahren sein Holz und ihre Schweine seine Früchte brauchten. So ist diese Hartholzau am Ufer des Ammersees erhalten geblieben, obwohl es vor 250 Jahren noch keine Förster gab, die ihn gehegt hätten. Die Mehrzahl seiner alten Bäume ist zwei- und dreimal so alt wie die ganze Forstwirtschaft. In vielen der hohlen Stämme wohnen Tiere, andere Bäume sinken eines Tages dahin und schaffen Platz. So ist das Seeholz ein Rückzugsgebiet für viele Pflanzen und Tiere. Nicht weniger als 7.000 Tierarten sind dort nachgewiesen.


Im zeitigen Frühling, noch ehe Laub und Kronenschluss den Waldboden verdunkeln, schmückt sich der Wald mit einer Blütenpracht von Millionen und Abermillionen Frühlingsknotenblumen, auch Märzenbecher genannt. Einmaliges Blütenwunder, nur an wenigen Stellen durchmischt mit weißen oder gelben Anemonen, gelbem Scharbockskraut, blau leuchtenden Leberblümchen und Lungenkraut. Wo schmale Bachläufe sich als Mäander durch den Wald schlängeln, kommen noch Lerchensporn und Pestwurz hinzu. Sobald die Blätter sich entfalten, passen Kräuter und Blumen sich dem Lichtmangel an. In Waldlücken wachsen Orchideen, wie Helmorchis, rotes und weißes Waldvöglein oder einige Stendelwurzarten. Wo der Sturm alte Baumgreise im Klimaxalter fällt und Äste abbricht, dringt Sonne in die Waldlücken. Pilze höhlen von den Bruchstellen her das Hartholz und grüner Teppich überwuchert das gefallene Holz, aus dem eine emsige Schar Kleinlebewesen Walderde macht.


 


Eschen- und Weißbuchensaat eilen auf Flügeln herbei. Nur fressen die Rehe,  80 % der Naturverjüngung gleich wieder auf, so dass eine Waldlücke sich langsamer schließt als gedacht. Das ist im Naturwald auch gut so, denn es erspart später das Durchforsten, und viele Vögel sind auf diese Waldlücken im Urwald angewiesen. Ohne sie würden hier nicht fast alle 6 Spechtarten trommeln. Nur der Schwarzspecht fehlt, weil es fast keine Rotbuchen gibt. Grau- und Grünspecht, Großer und kleiner Buntspecht trommeln. Ein Specht aber trommelt nicht, das ist der Mittelspecht, den ich schon im Januar hier quäken höre. Denn jenes Quäken mit angeknüpften Warnrufen, dem großen Buntspecht ähnlich, ersetzt bei ihm die Trommelei. Ganz selten nur soll er allerdings auch trommeln. Sein Einzelruf ist ein leises „Gügg”, das sich bei Störungen in rascher Folge in einer etwas höheren Tonlage aneinander reiht  und schließlich im Ton abfällt. Sein Quäken aber ist die auffälligste Lautäußerung, die im Frühling  klagend, obertonreich und geräuschhaft frequenzmodellierend jammert und schließlich in ein zeterndes „gig-gegegegegeg” übergeht, das einerseits dem Zetern des Großen Buntspechts aber andererseits dem Schimpfen der Amsel ähnlich, aber doch wieder ganz anders, ist, wenn wir genau hinhören.


 

Es gehört ein gutes Auge und ein scharfes Ohr dazu ihn zu entdecken, denn meist fliegt er hoch in den Baumkronen, weil er die Zweige nach den Raupen der Eichenspinner und vielen anderen Insekten absucht. Auch sein Nest ist hoch in den Kronen der Eichen, aber nicht im Stamm, wie bei den anderen Spechtarten, sondern er bohrt es von unten in fast morsche abgestorbene Äste. Um im harten Holz zu zimmern, fehlt ihm der starke Schnabel des etwas größeren  bunten Vetters. Und auch beim Nahrungserwerb hält er sich an die Äste hoch droben oder er stochert zwischen den Ritzen der Eichenrinde und in den Spalten der Weißbuchen allerlei Essbares hervor.  Daher gilt er auch als Stocherspecht. 

Von all unseren Spechten ist er der seltenste und ringsum im  5-Seen-Land gibt es ihn ständig nur hier, das allerdings gleich in 4- 5 Brutpaaren. Viele  alte Ornithologen, wie auch Prof. Wüst, glaubten gar, das er nur in manchen Jahren, also nicht regelmäßig, hier gebrütet hat. Auf Kilometer Weite rundum im Land findet der Vogel den ihm ganz genau zusagenden Wald nur hier, wenn man einmal von Kleinstrukturen in den übrigen Wäldern absieht. Gewiss, es gibt  ihn noch da oder dort in Deutschland, aber unheimlich selten und fast immer sind das Wälder, die dem Typ des Seeholzes entsprechen, Auwälder meist, mit einem Reinbestand von alten Eichen und Weißbuchen. Mit Holzackebau und Fichten-Monokulturen kann er nichts anfangen. Darum ist er auch so selten geworden als Opfer früherer Förster-Generationen, die ihn mit ihrer Art von Waldbau ausgerottet haben ohne es überhaupt zu bemerken.


Wer flüchtig hinschaut, der wird den Mittelspecht für einen jungen Buntspecht halten, denn wie er trägt er eine leuchtend rote Kopfplatte, die nur am hinteren Ende beim Weibchen in einen goldenen Punkt endet. Sonst sind die Partner gleich gefärbt. Der Bürzel ist nicht so leuchtend rot wie beim Grossen Buntspecht, sonder leicht rosé und am ebenfalls leicht rosig überhauchten Bauch sind Längs-Striche charakteristisch. Auffallend ist die schwarz-weiße Streifung von Flügeln und Rücken und der auf den ersten Blick mehr weiß wirkende Kopf, dem die schwarze Zeichnung, also auch der schwarze Backenstrich fehlen. Zudem ist er ein Stück kleiner als der große Vetter. Dem aber geht er gerne  aus dem Weg, denn gegen dessen derben Hackschnabel kann er sich kaum verteidigen. Buntspechte sind sehr territorial und prügeln sich gerne mit ihresgleichen, und da schaut der Buntspecht beim Mittelspecht gar nicht erst genau hin, sondern treibt den gleich in die Flucht, wenn er das kann.


 


Auch der Mittelspecht ist territorial, aber nicht so ausgeprägt aggressiv wie der Vetter, denn er ist friedlicher, weil ihm die harte Waffe fehlt. Allerdings fällt bei seiner leuchtenden roten Kopfplatte das Sträuben des Gefieder stärker auf. Jahrelang habe ich dennoch versucht ihn mit dem Ruf eines Rivalen anzulocken. Aber er misstraut rasch dem Schwindel, eilt im Schwebeflug von Baumkrone zu Baumkrone und versucht mit dem Weibchen gemeinsam den vermeintlichen  Rivalen zu vertreiben. Kurze Rufreihen, Scheitelsträuben, Übersprungverhalten und Schwebeflüge wechseln einander ab. Aber er hält meist auf Distanz und der Lockruf, auf jene Territorialität zielend, verpufft. Widersacher behalten sich gegenseitig sorgfältig im Auge, sinken auch zuweilen ineinander verkrallt zu Boden. Aber echte Beschädigungskämpfe sollen selten sein. Ich habe sie noch nicht gesehen. So bin ich Jahr für Jahr trotz 600mm Objektiv, teils sogar zusätzlich mit 2-fachem Konverter, mit vergleichsweise jämmerlichem Fotoergebnis heimgekommen, aber ich habe es Jahr für Jahr versucht den Mittelspecht in der Balzzeit zu überlisten. Zwar  brachte ich immer einige Bilder mit, aber der Erfolg des Tierfotografen war eher bescheiden, und an die himmelhohen Nisthöhlen war ohnehin nicht heran zu kommen. Anderen Buntspechtarten gegenüber  zeigt er das typische Feindverhalten: Verstecken hinter dem Stamm.


 

Ihre Balz beginnt schon im Januar, wenn andere Spechtarten zu trommeln anfangen. Sie streifen im Naturwald-Nistgebiet umher und lassen suchend immer wieder das Quäken hören. Hämmern im Nistbereich und Quäken, verbunden mit einem Flatter-Schwebeflug und sträuben des roten Kopfgefieders zu einer Holle, sollen das Weibchen animieren, und schließlich findet dort auch die Kopulation statt. Je weiter das Frühjahr voranrückt, desto schwieriger wird es den Mittelspecht mit der Kamera zu überlisten, weil er sich nicht mehr herausfordern lässt. Meist legen sie dann 4 oder 5 Eier; selten weniger, häufiger aber mehr Eier. Die sind  weiß wie bei allen Spechtarten. Bis zur 1. Mai-Woche ist das Gelege vollständig, und nach 12 bis 14 Tagen schlüpfen die Jungen. Spechte sind an der Höhle sehr vertraut, aber es half alles nichts, ich fand keine. Schließlich bot sich zu Beginn des Winters eine andere  Lösung.  Der Mittelspecht kam während der ersten Schneefälle zusammen mit einigen Großen Buntspechten vor mein Wohnzimmerfenster.

In der Nähe meines Hauses  haben die Waldränder und Hecken just jene Strukturen wie im Seeholz. Zwar ist das kein geschlossener Wald dieser Art, sondern nur ein Streifen, aber er hat eben jene Zusammensetzung von alten Eichen und Hainbuchen, aber ich hatte ihn in den letzten 25 Jahren nie zu sehen bekommen, obwohl ich täglich dort entlanggehe. Er ist zwar zurückhaltend, aber wirklich scheu ist er nicht. Wenn er  fein gemahlene Erdnüsse aus den Ritzen eines Eichenstammes schleckt, verhält er sich wie bei der Naturnahrung im Wald. Dabei ist er dem Grossen Buntspecht  mit seiner längeren Pinselzunge überlegen. Scheu war er nur gegenüber den anderen Futtergästen und gegenüber dem Großen Buntspecht. Meist zeigt er sich früh morgens in der Zeit zwischen 8 und 9 Uhr, denn dann sind noch wenige andere Vögel an der Lockfütterung und naschen. Zu anderen Zeiten kommt er unregelmäßig, und man muss Geduld haben beim Fotografieren. Ich habe die Nahrung entweder zwischen die Rinde oder in Hackstellen und auch  zwischen die Rindenritzen der Eiche geschmiert. Er  hat es rasch gelernt auf diese Weise sein Futter zu suchen, denn meine  Art der Fütterung, mit gemahlenen Nüsschen  zwischen den Ritzen entsprach ganz der gewohnten Nahrungsaufnahme.

Nahrung für die Jungen suchen sie meist im Nest-Umfeld, überfliegen aber auch Freistrecken von 3-400 m dabei. Bis zum 9.Tag bleiben die Eltern abwechselnd hudernd in der Höhle um die Jungen zu wärmen. Nach zwei Wochen schauen die Jungen aus dem Loch und von  jetzt an füttert er sie von außen. Aber bis dahin hört und sieht man sie nicht und sie verraten den Standort der Höhle auch nicht durch Wispern oder Rufen. Bis zur 3. Woche nächtigt das Männchen mit den Jungen in der Höhle, aus der sie meist morgens schlagartig innerhalb eines Tages ausfliegen, um jetzt noch 2 bis 3 Wochen von den besorgten Eltern in das feindliche Leben eingeführt zu werden. Die natürlich Nahrung ist den Sommer über fast immer animalisch. Nur im Winter nehmen sie auch Sämereien, oder  Früchte, und so ist auch das Erscheinen des Mittelspechtes vor meinem Fenster zu erklären. Wahrscheinlich haben ihn Grosse Buntspechte mitgebracht. Meine Art des Fütterns entspricht fast der Natur, weil ich das Futter in Baumlöchern präsentiere. Dennoch ist Füttern so unnatürlich, dass ich 25 Jahre gebraucht habe, bis ich diese scheuen Vögel so zahm hatte, dass sie zu mir kamen um sich satt zu essen. Dass es 25 Jahre gedauert hat, bis überhaupt ein Mittelspecht in Menschen-Nähe eine künstliche Fütterung entdeckte, ist daher in jeder Hinsicht bemerkenswert.

Wolfgang Alexander Bajohr