Ammersee: Säbelschnäbler, der Vogel mit der Stupsnase


Säbelschnäbler

Wer ihn erlebt hat, kennt ihn als Vogel der Weite, wo Himmel und Wasser sich treffen, und wer ihn gehört und gesehen hat, wird Freundschaft mit ihm geschlossen haben. Man sieht es ihm an, dass er eine große Rarität ist, ein eleganter Vogel für Kenner. Für viele ist er ein Vogel des Urlaubs. Er erinnert an lange Wanderungen auf dem grünen mit Gras bestandenen Deich, an Salzwiesen und Priele, an Schlick, Sand und Wasser. Erinnerung an jenen einmaligen Lebensraum, der Wattenmeer heißt und als Mittelpunkt einer einzigartigen hier

lebenden und durchziehenden Vogelwelt jetzt Nationalpark wurde. Die Vogelwelt ist oft so zahlreich, dass sie den Himmel verdunkelt. Doch schon viel kleiner ist die Zahl derer, die hier brüten. Mittelpunkt und Perle unter ihnen ist der Säbelschnäbler, der wohl eleganteste Watvogel überhaupt. Er ist ein Ernährungs-Spezialist im Flachwasser und eine Ballerina unter den Seevögeln. Er ist eine der wenigen Vogelarten die häufiger geworden sind. Seit dem Ende des Krieges hat sich der Bestand verzehnfacht. Das mag einer der Gründe sein, warum der Vogel nicht nur an der Küste, sondern immer wieder auch im Binnenland vorkommt. In den flachen Steppenlaken hinter dem Neusiedler See ist er schon lange ein nicht einmal seltener Brutvogel. In Bayern hat er erstmals 1971 auf einem der Innstauseen gebrütet und erstmals sah man 1958 eine größere Gruppe auf einer Schlickfläche am Ammersee. Er ist so auffällig, dass er eigentlich nie übersehen werden kann, denn das Gefieder ist schwarzweiß, so dass es keiner Schwarzweißmalerei bedarf. Die schwarzen Partien auf dem Kopf, an Schultern und Flügeln heben sich klar begrenzt von dem sonst schneeweißen Gefieder ab. Mit seinen langen blaugrauen Beinen, langem Hals und langem aufwärts gebogenem Schnabel ist er ein unverwechselbar typischer hübscher und eleganter Vogel von einer besonderen Ausstrahlung. Vor allem die Art seiner Futtersuche macht ihn zu einer Besonderheit unter den Sumpf‑ und Watvögeln. Am Schnabel erkennt man den Spezialisten, der mit hypnotischem Blick und ungewöhnlicher Umsichtigkeit vorgeht. Im seichten Wasser, im Schlick und im Flachwasser watet er dabei. Er stochert aber nicht nach Art von Brachvogel oder Uferschnepfe im Erdreich herum, sondern durchsäbelt rasch vorwärts schreitend mit einer seitlichen Pendelbewegung des Kopfes das seichte Wasser, Sand und Schlick, um Weichtiere und feinste Organismen herauszufiltern.

Er ist also, wie man schon am aufwärts gebogenen Schnabel erkennt, hochgradig spezialisiert. Wenn er beim Vorwärtsschreiten an eine tiefe Stelle kommt, macht er unverwandt weiter, auch wenn er den Kopf dabei tief untertauchen muss. Wenn es dann noch tiefer wird, schwimmt er, denn er ist ein gewandter Schwimmer, weil er zwischen den Zehen Schwimmhäute hat. Bei der Nahrungssuche liebt er die Gesellschaft von Seinesgleichen. Manchmal kann man sie dann in einer Schützenkette ganz systematisch vorgehen sehen, wenn sie das Flachwasser durchsäbeln. Sind sie dann müde, so steht die Gruppe immer noch in einer Linie auf einem Bein herum, pflegt das Gefieder oder steckt das Köpfchen unter die Flügeldecken. Wenn die taubengroßen Vögel so müde herumstehen, ahnt man kaum, was für gewandte Flieger und schneidige Verteidiger ihrer Brut sie sein können und wie schneidig sie selbst den Menschen angreifen. So wie sie gemeinsam das Wasser durchsäbeln, schätzen sie aus Gründen der Sicherheit auch in Gemeinsamkeit zu brüten, und so findet man sie in einer Art von aufgelockerten Kolonien in den Monaten April bis Juni. An der Küste meist in den sumpfigen Salzwiesen, im Binnenland zuweilen ganz frei und einzeln auf Sandbänken oder in überschwemmten Seggen-Wiesen. Doch ist er hier als Brutvogel eine sehr große Rarität.

Wichtig ist dabei immer ein nahegelegenes Flachwasserwatt, wie es sich jetzt, bald 30 Jahre nach dem Aufstauen, auch am Ammersee wieder bildet. Da eilt denn so ein Säbelschnäbler mit langen fördernden Schritten dahin, wedelt mit dem Kopf und nimmt schnatternd Plankton auf. Schritt für Schritt geht er voran, säbelt mit dem gebogenen Schnabel während des Laufes im Halbkreis um sich herum hin und her. Dann mach er ein paar schnelle Schritte und eilt kaum 10 m weit auf eine über das Wasser ragende Verlandungszunge los, wo ein paar Holzreste angetrieben sind. Und ohne einen Augenblick zu zögern, setzt er sich auf das Gelege. Das Nest ähnelt in seiner Dürftigkeit aus ein paar Hälmchen dem des Kiebitzes, hat aber nur 3 Eier. Sie legen meist aber 4 Eier und brüten mit 24 Tagen etwas länger als der Kiebitz. Ein Nest, das völlig frei und ohne jede Deckung steht ist zwar nicht die Regel, aber doch auch wieder typisch, denn es kommt auch an der Küste immer wieder einmal vor.

Fotografiert habe ich ihn hier nicht, sondern an einem anderen Ort, ebenfalls im Binnenland. Es gab dort überall in feuchten Jahren überschwemmte Sauerwiesen mit Binsen und Seggen. Da stehen dann auch mehrere Nester in der Nähe. Sie liegen mitten auf einer Seggenbülte im flachen Wasser. Ich habe sie insbesondere vom Auto aus neben Feldwegen und Straßen fotografiert. Hier war es leicht möglich sie zu fotografieren ohne sie zu stören.

Wir haben sie damals vor 40 Jahren noch am Nest fotografiert, was heute bei so seltenen Vögeln nicht mehr empfohlen werden kann, denn man kann die Vögel sehr gut auch bei der Nahrungssuche aufnehmen und muss nicht am Nest stören und womöglich ein Risiko eingehen, wenn man zu wenig Erfahrung hat.

Wir sind damals vor 40 Jahren allerdings mit sehr viel Erfahrung und optimaler Tarnung an die Sache herangegangen, und die folgende Schilderung stammt von damals. Das Versteckzelt war ganz hervorragend mit dürren Schilfbündeln und Seggen getarnt und glich aufs Haar den überall herumstehenden Streuhaufen. Wir hatten alles sehr gut vorbereitet und alles innerhalb weniger Minuten installiert. Die Vögel haben es, wie wir mit dem Fernglas gleich feststellen konnten auf Anhieb und ohne jede Zögerung akzeptiert. Tarnung ist eben alles. Das müssen unsere heutigen Tierfotografen erst noch wieder lernen, die da glauben, dass ein Versteckzelt alleine genügt. Am folgenden Morgen sind wir wieder hinausgegangen und nähern uns in aller Ruhe dem Versteck. Aber der nicht brütende Partner hat uns schon von weitem entdeckt und fliegt uns mit klagendem Pfeifen entgegen und versucht uns fortzulocken. Das hilft natürlich nichts. Da geht er schneidig zum Angriff über und fliegt ständig um uns herum. "Kliep, kliep, klieep, kliep" ruft er ohne Unterlass, und der brütende Vogel macht sich noch ganz flach, um nicht gesehen zu werden. Als wir auf etwa 50 m heran sind, fliegt auch der auf, aber nicht am Nest, sondern ein Stück entfernt, weil er geduckt erst einmal ein Stück im Flachwasser davongelaufen ist. Jetzt umfliegen uns beide mit lautem Klagen. Sie fliegen in Tiefflügen immer wieder Scheinangriffe gegen uns, wie man es sonst vor allem vom Kiebitz kennt. Und als ich ins Versteck schlüpfe, ist einer ganz nahe eingefallen, dass man ihn eigentlich schon so fotografieren könnte. Er stellt sich flügellahm, wie wir es von den Regenpfeifern kennen. Jetzt aber rasch ins Versteck. Fertig, und los geht mein Begleiter Fred, immer noch von den Vögeln ein Stück weit mit lautem Rufen verfolgt. Aber dann fällt schon der erste ganz nahe im flachen Wasser ein.

Am Versteck hat sich natürlich etwas verändert, denn das große Glasauge des damals verwendeten Novoflex‑Schnellschuß-Objektivs schaut heraus. Doch das beunruhigt ihn nicht weiter. Er schleicht einmal rund herum, ist aber offensichtlich beruhigt und schreitet rasch zum Nest. Er steigt hinauf, wendet die Eier und setzt sich, dass die langen Beine weit nach hinten hinausschauen. Der zweite Vogel ist stets sehr nahe. In der jetzt folgenden sehr langen Periode ungestörten Brütens schreitet er stets im flachen Wasser herum. Schnatternd sucht er immer nach Futter. Er steigt bedächtig hierhin und dorthin, folgt mit heftigen Rufen einer vorüberkommenden Krähe. Er schlägt sie offensichtlich siegreich in die Flucht, dass sie das Weite sucht und kehrt zurück. Irgendwo hört man das Schreien von Lachmöwen, das Flöten der Goldregenpfeifer und den Schrei des Kiebitz. Sonst geschieht eigentlich gar nichts, endlos lange gar nichts. Manchmal steht der brütende Vogel auf, wendet die Eier, duckt sich, steigt vom Nest und schreitet fort, und der zweite steigt hinauf und brütet weiter. Irgendein Zeremoniell beim Wechsel gibt es nicht. Männchen und Weibchen lassen sich jedoch nicht unterscheiden. Manchmal schreitet der Wache haltende Vogel dicht hinter dem anderen vorüber. Natürlich versuche ich beide scharf zu bekommen. Aber das geht nicht, selbst mit Abblenden nicht, denn die Schärfentiefe nimmt bei dem 400 mm Objektiv selbst mit Abblenden kaum zu. Außerdem würde ja auch die Belichtung zu lang werden. In einer Ebene sind sie nie, so bekomme ich eben nicht beide zugleich scharf, so nahe sie sich auch sind.

Dann kommt die Zeit meiner Ablösung. Schon lange bevor ich die im Wasser plantschenden Schritte des nahenden Freundes höre, vernehmen ihn die Wachtposten. Der nicht brütende Säbelschnäbler eilt ihm entgegen. Der brütende Vogel brütet weiter. Natürlich gelingt es nicht, den bösen Eindringling in die Flucht zu schlagen. Das beunruhigt den brütenden Vogel gleichfalls. Erst macht er ein paar hastige Nicker mit dem Kopf. Dann springt er plötzlich auch auf, rennt einige Meter geduckt durch die Halme aus der Nähe des Nestes fort und erst als er ein Stück weg ist, fliegt er auf. Beide veranstalten dann im Chor ein furchtbares Geschrei und wir beeilen uns wegzukommen. Die Beunruhigung, denn eine solche war es ganz zweifellos, ist vorüber, und gleich werden sie alleine beim Nest sein und niemand stört mehr.

Einige Tage sind vergangen, da kommen wir noch einmal, aber das Nest ist leer. Die Jungen sind geschlüpft. Ich suche im Schilf und zwischen den Binsen, aber sie sind fort, verschwunden. Hier ist es auch hoffnungslos, sie in der optimalen Deckung zu suchen und zu finden.

An einem anderen Tag bin ich den Feldweg langgefahren, der an der Lacke entlang führt. Plötzlich sehe ich vom Wagen aus ein Wollbällchen hastig über Sand und Schlick rennen, und noch eines und noch ein drittes, das im flachen Wasser davonschwimmt. Ich warte nicht lange, sondern renne hin, aber ich finde sie erst einmal nicht. Zu gut ist die Tarnung, denn die Wollbällchen haben sich sofort gedrückt. Doch dann kann ich die wolligen grauen, dunkel gesprenkelten Küken auch noch aufnehmen. Entzückende Küken, die auch schon eine richtige kleine Stupsnase haben und ganz sicher schon ganz selbständig ihr Futter suchen, während die Alten weiter hinten mitten im Flachsee stehen. Sie haben nicht einmal mitbekommen, dass ich in der Nähe der Jungen bin. So lasse ich sie denn auch gleich in Ruhe und ziehe mich ganz zurück. Bald werden auch sie ein Federkleid haben und schmucke graziöse schwarzweiße Vögel sein, die mit ihren anmutigen Gesten, ihrem Ruhen auf einem Bein und der dezenten Farbe den Vergleich mit einer Ballerina aufdrängen. Wenn wir ihnen auch im Binnenland wieder günstigere Bedingungen schaffen würden, weite Flachwasserzonen und wattähnliche Flächen, vielleicht würden sie auch hier neue Lebensräume zurückerobern, denn die beachtliche Zunahme an der Küste lässt hoffen. Vielleicht brüten sie bald auch an den Wattflächen des Ammerseedeltas.

Wolfgang Alexander Bajohr