Ammersee: Unbekanntes Schwarzkehlchen
Von Wiesenschmätzern und anderen Seltenheiten der Vogelwelt


Schwarzkehlchen    Foto W.A. Bajohr

Als man das Braunkehlchen 1987 zum Vogel des Jahres wählte, hat sich mancher darüber gewundert, denn früher war es ein ganz gewöhnlicher Vogel der Weide- und Wiesenlandschaften. Es war gewissermaßen eine  Zugabe zu Kiebitz und Brachvogel und schon für ein wenig extensivere Bodennutzung sehr empfänglich, ohne dass sich jemand groß Gedanken darüber gemacht hat. Vielleicht hat es mit seiner Wahl Glück gehabt, denn eigentlich kam es noch überall vor, wenn auch weit seltener als einst. Die beiden anderen Schmätzerarten, Steinschmätzer und das  Schwarzkehlchen hatten weniger Glück, denn nur wenige kennen sie.

Wenn Wald und Feld, Heide und Moor, Ödland und Kulturlandschaft, Berg  und Tal vom Jubel vieler Vogelstimmen erklingen und die Natur sich längst mit der Vielfalt bunter Blüten geschmückt hat, sind die Braunkehlchen noch nicht einmal zurückgekehrt. Erst wenn die blaue Iris sibirica die Streuwiesen schmückt, sind sie da. In günstigen Lagen mit warmem Weideland frühestens Ende April, auf kühlen feuchten Böden  erst Anfang Mai und nach nur einer Brut ziehen sie schon Ende August oder Anfang September zurück ins tropische Afrika um in den Gras-Savannen und Baumsteppen die bei uns unerfreuliche Zeit zu verbringen. Das Schwarzkehlchen aber hat zwei Bruten vor sich und kommt darum zuweilen schon im März und bleibt bis in den Oktober hier.

Ein Vogel des Jahres soll immer alarmieren und auf schwindende Lebensräume hinweisen. Das mag beim Braunkehligen Wiesenschmätzer nötig  gewesen sein, aber beim Steinschmätzer wäre es nötiger und es wäre beim Schwarzkehlchen am allernötigsten. In der Kulturlandschaft mit Viehauftrieb und Grünlandwirtschaft saß einst überall das Braunkehlchen auf den Koppelpfählen um von dort aus Insekten aus der Luft heraus  zu fangen. Seine an eine extensive Agrarwirtschaft gekoppelte Lebensweise zu sichern, sollte eigentlich einfach sein. Da ergeht es den  Steinschmätzern schon weit schlechter, denn die mit Felsbrocken durchsetzten einstigen Weideländer hat man meist aufgeforstet. Lesesteinwälle wurden wegplaniert mit riesigen Maschinen, und Steinmauern gibt es eigentlich bei uns fast nirgends mehr. Eine solche durch Trockenmauern begrenzte ehemalige Kulturlandschaft mit ein paar Dornbüschen dazwischen wünscht sich eigentlich auch das Schwarzkehlchen. Schafweide, Steinmauern, Steinhaufen, Trockenrasen, Streuwiesen am Hochmoorrand, dazwischen ein paar Schlehenbüsche und Weißdornsträucher, Feldraine mit Wildkräutern und Brombeere. Doldenblüter, die ein Magnet für Fluginsekten sind, Schafköttel und alle Insekten, die um die grauen Wolltiere herumschwirren und damit auch Menschen, die es verstehen extensiv und schonend selbst mit einer kargen Landschaft umgehen und mit ihrer Herde die kahlen Buckel der Landschaft pflegen. Wo das Braunkehlchen stellvertretend für alle Bewohner von feuchten und sumpfigen Wiesen und Weiden steht, die durch die intensivere Landwirtschaft, also Fettwiesen, EG-Einheitsgrün, Wiesenumbruch und Bebauung bedroht sind, da ist das Schwarzkehlchen für die oft angrenzenden Lebensräume, für Trockenrasen und Weidehänge. Kommt das Braunkehlchen, wenn auch selten, so doch überall noch vor, so wird die Verbreitung beim Steinschmätzer schon lückenhafter. 

Beim Schwarzkehlchen ist sie schon eine mittlere Katastrophe. Wo es noch  vorkommt, ist es noch regelmäßiger Brutvogel, aber es ist zugleich auch einer der seltensten, den kaum noch jemand kennt. Schwerpunkt des Vorkommens ist heute noch Unterfranken im weiteren Umkreis von Würzburg. Die übrigen Gebiete liegen südlich von Bayreuth und nördlich der Donau. In Südbayern beschränkt sich die Verbreitung auf ein Gebiet nördlich des Chiemsees, das Ampermoos, die Gebiete zwischen Starnberger
See und Isar und südlich der Osterseen und das Murnauer Moos. Nicht in allen Fällen ist der Brutnachweis sicher. Sollte auch weiterhin die Alternative für eine extensive Landnutzung: „Aufforstung”  heißen, ist mit dem totalen Verlust der Art sehr rasch zu rechnen. Der Rückgang  vollzog sich bisher so schnell und weithin unbemerkt, dass sie kaum  jemand mitbekommen hat. Er wäre vielleicht früher bemerkt worden, wenn die heutige Generation der Jäger mehr die ganze Natur als die  Schalenwildarten und deren Trophäe im Kopf gehabt hätten. Der typische Lebensraum des Schwarzkehlchens ist die offene sonnige unkultivierte Fläche wie Heideland, Sandgruben, Trockenrasenhänge mit einzelnen Streuobstbäumen oder Büschen. Auf denen sitzen sie gerne.

Auf der Baumspitze oder auf dürren Ästen auf der Warte. Sie benutzen dafür aber auch Pfähle und Leitungsdrähte, Weidedrähte und auf verwilderten ehemaligen Äckern die Disteln und vertrocknete Stauden. Während das Weibchen brütet, kann das Männchen dort stundenlang sitzen und die Umgebung beobachten. Hin und wieder startet er los, fliegt mit tänzerischem Geschick auch im Zickzackflug rüttelnd einem Insekt nach und schnappt es aus der Luft heraus. Zwischendurch singt er auch auf  seiner Warte oder im tänzelnden Balzflug, der an die Baumpieper erinnert. 
Das Jahr über sind diese Borstgrastrockenrasen oft karg. Noch ein
paar Zittergräser und die Trespe, Steppenlieschgras und Schafschwingel bestimmen das Bild. Warm und trocken ist es fast immer dort, vor allem im Sommer verdorren die Südlagen. Wenn das Schwarzkehlchen eintrifft,  ist aber alles grün.  Hellviolett läuten die Küchenschellen den Frühling ein, und an wenigen dieser Orte blühen auch Adonisröschen und die  weiße Anemone mit dem dicken Pelz. Der Orchideenfreund findet Fliegen-  und Hummelragwurz, Bienenragwurz und Pyramidenorchis und noch etliche andere Orchideen. Rosa schmücken sich die Polster des Heideröschens,  einer winzigen Seidelbastart. Daneben blühen unendlich viele sattgelbe Prächtige Schlüsselblumen. Flach duckt sich die Sonnendistel. 
Die  gelbköpfige Goldddistel und Kratzdisteln locken Schmetterlinge und Vögel an. Gelbe Arnika  blüht neben Katzenpfötchen und roten Spornblumen. Blau sind Fransenenzian und Teufelskralle, auf der die Scheckenfalter so gerne einkehren. Andere lockt die Flockenblume und der Wachtelweizen, denn zu jeder gibt es einen eigenen Scheckenfalter, dessen Raupen nur auf dieser einen Pflanze leben und nicht auf anderen. Später  folgen blaue Büschelglockenblumen und karminrote Karthäusernelken. Beliebte Schmetterlingsgastgeber sind die verschiedenen Fingerkräuter, Zwergginster, Geißklee und gelber Hornklee. Sie locken die Bläulinge an. Anderen sagt Brunell oder Wundklee zu, Kronwicke, Esparsette und Tragant. Die Raupen der Schmetterlinge, die hier leben sind zugleich die Nahrung der Vögel hier, und das Angebot ist reich, reicher als man auf derart trockenen Standorten vermuten würde. Die Käfer und Heuschrecken lassen sich gar nicht alle aufzählen. Auf Wildmöhre und Bärwurz kehrt der Schwalbenschwanz ein und um ihre Blüten summt es nur so von Schwebefliegen, Hummeln, Fliegen und anderen Hautflüglern, die unser Schwarzkehlchen so geschickt im Flug aus der Luft herausfängt.

Sein Nest aus Halmen, Moos und Haaren ist immer sehr versteckt zwischen der Vegetation am Boden und unter Haufen dürrer stacheliger Äste. Es wird alleine vom Weibchen gebaut und vom Vollgelege an (5-6 Eier), auch alleine von ihr 14 Tage lang bebrütet. In dieser Zeit ist es fast nie zu sehen. 
Denn  natürlich wird es ständig vom Männchen fleißig gefüttert, damit es nicht das Nest verlassen muss. Doch selbst wenn man es dabei beobachtet,  ist der Wunsch das Nest zu finden hoffnungslos. Nur das Männchen mahnt bei nahe geglaubter Gefahr ,,id-teckteck, id-teckteck'. Das kann ein Fuchs verursachen, der nichtsahnend vorüberschnürt, eine Elster, ein Hermelin, der Hirtenhund, ein Mensch oder auch der  Rotkopfwürger, der im gleichen Gebiet brütet.

Trotz Versteck und Aufmerksamkeit muss aber die Verlustrate doch höher sein als beim Braunkehlchen, denn dieses kommt mit einer Brut aus. Vielleicht weil es sich in der höheren Vegetation besser verbergen  kann. Oder die Gefahren auf dem Zug in den Süden sind beim Schwarzkehlchen größer. Hermelin oder Igel brauchen natürlich auch nur die Büsche oder Reisighaufen systematisch abzusuchen, beim Braunkehlchen müssten sie da schon die ganze Wiese durchkämmen. Der zeitigere Zug über die Alpen im Frühjahr und der spätere im Oktober, wenn dort schon Schnee liegen kann, sind weitere Gefahrenmomente. In warmen Gegenden,  wie in Baden und im Rheinland haben sie auch schon zuweilen überwintert. Das ist nicht so ungewöhnlich, denn auch von den Rotkehlchen bleiben immer einige hier. Das Risiko ist weit geringer als die Gefahr des Vogelzuges, und so nehmen die Hierbleiber bei den meisten Vogelarten gegenüber den Zugvögeln allmählich zu. Die in den Ländern rund um das Mittelmeer brütenden Vögel bleiben im Winter noch häufiger im Brutgebiet. Eigentlich sind die Schmätzer wohl afrikanische Vogelarten, die nach der  Eiszeit und jetzt erneut im Zuge der Erderwärmung versuchen ihr Verbreitungsgebiet nach Norden auszudehnen. Darum haben sie wohl auch in den südlichen Ländern der EG ihre Verbreitungsschwerpunkte, und die Vögelchen leben bei uns am Rande ihres Verbreitungsgebietes. Im Süden gibt es zudem weit mehr verwilderte ehemalige Kulturlandschaften mit denen man nicht so perfektionistisch umgeht wie bei uns. Dort steckt man zu unsrem Schrecken zwar immer noch Singvögel ins Bratrohr, aber für die Gesamtpopulation scheint das weniger Einfluss zu haben als die Vernichtung alter Kulturlandschaften, wie bei uns.
An manchen Orten kommen alle drei Schmätzerarten gleichzeitig vor. Dann sind die Weibchen von Braunkehlchen und Schwarzkehlchen oft nicht sehr  leicht zu unterscheiden, da sie sich ähneln. Doch hat das Schwarzkehlchen immer eine dunkle Kehle. Die Männchen sind leicht zu unterscheiden, weil das Schwarzkehlchen bunter ist mit seiner morgenrotfarbenen Brust, dem schwarzen Kopf und Kehle. Rücken und Flügel und  Schwanz sind braun, der Bauch ist gelblich weiß, wo er nicht getönt ist. Schwieriger wird die Sache bei den Jungvögeln draußen im Brutrevier. Obwohl Schwarzkehlchen ein wenig größer sind, wiegen sie etwas weniger als  Braunkehlchen, die etwas mopsiger  wirken als das schlanke Schwarzkehlchen.

Es gehrt zu unseren muntersten und hurtigsten Vögeln. Auf der Erde hüpfen sie mit schnellem Sprung dahin und halten auf jeder Erdscholle,  auf  jedem Stein oder Strunk ein wenig an um die Umgebung nach Fluginsekten zu mustern. Sie knicksen wie die Rotkehlchen, wenden das Köpfchen mit den blanken Knopfaugen rundum, mustern alles, wippen mit dem Schwanz wie Bachstelzen und beschreiben im niedrigen Flug über den Boden immer deutliche Bögen. Stets aber können sie die Flugbahn im spitzen oder rechten Winkel verlassen um entgegengesetzte Haken in der Luft zu fliegen und dem taumelnden  Flug der Schmetter- linge oder dem Zielflug der Hautflügler zu folgen. Dann sitzt es wieder irgendwo auf  einem Busch, schaut sich rundum nach Beute um  startet wieder blitzesschnell auf den Boden hinab oder in die Luft, um hier eine Fliege und dort ein Räupchen zu packen, wieder auf seine Warte zurückzukehren. Hier  verspeist es die Beute blitzschnell oder trägt sie zum Nest.

Diese Warten sind ein todsicherer Tipp für den Tierfotografen, der nicht am Nest fotografieren will. Nicht nur weil das verpönt ist, sondern auch weil er das Nest nicht finden würde, obwohl das fütternde Männchen immer wieder dorthin huschen wird. Aber es versteht sich darin das sehr heimlich zu machen. Zwischendrin singt das Männchen mit seiner reinen Stimme eine klare  Strophe vor, in die es die Töne aller in der Umgebung singenden Vogelarten mit einbaut. Das sind Töne aus den Liedern der Stieglitze und  Hänflinge  aber auch der Würger, die nahebei brüten.

Dann aber jagt es wieder. Auf Weideland ist der Tisch immer reich gedeckt mit Käfern, kleinen Heuschrecken und ihren Larven, Raupen, Ameisen, Fliegen, Mücken und Bremsen, aber auch kleinen Schmetterlingen und Blattläusen. Weil beide Eltern füttern, wachsen die Jungen schnell eran und verlassen das Nest schon nach 14 Tagen, wenn sie noch gar nicht flügge sind. Das soll wohl die Gefahr mindern im Nest gefressen zu werden. Solange sie im Nest sind, kann ein Beutegreifer immer alle fressen, aber nach dem Ausfliegen erwischt er allenfalls eines. Mal erwischt ein Wiesel eines,  dann wieder ein Baumfalke, aber auch die Würger sind alle nicht so  zimperlich und fressen Jungvögel. 
Da die Menschen  sie wohl  sehr selten verfolgen, sind sie meist recht vertraut und lassen einen oft relativ nahe heran. Allenfalls fliegen sie einige  Meter weiter auf die nächste Warte und schimpfen ihr ,,id-teckteck, id-teckteck", falls man umbewusst dem Nest zu nahe gekommen sein sollte.

Doch auch, wenn der Mensch keine unmittelbare Gefahr für sie bedeutet, ist er doch eine mittelbare durch die Veränderung der alten Kulturlandschaf ten und die totale Beseitigung von Lebens- räumen. Früher hatte er die technischen Mittel nicht dafür, aber heute setzt er sie bedenkenlos ein um die Natur nach seinen Vorstellungen neu zu ordnen. Oft ist ihm dabei gar nicht bewusst, wie vielen anderen Geschöpfen er damit den Lebensraum unwiederbringlich wegnimmt.  Sicher gibt es auch Lebewesen  die andere Lebensraumansprüche haben und davon profitieren. Doch ist es wohl richtiger sich auf das Altbewährte zu besinnen, von dem man weit mehr weiß wem es helfen und nutzen kann. Extensive Naturnutzung durch Hutweiden ist dabei immer ein Vorteil für das schmucke Vögelchen Schwarzkehlchen. Es ist bisher meist nur dem Kenner aufgefallen, der das muntere Vögelchen zu finden weiß. Wo eine Landschaft alleine für den Menschen urbar gemacht wird, da wird sie zugleich für viele Tiere auf lange Zeit total unbrauchbar gemacht.

Wolfgang Alexander Bajohr