Ammersee/ Maisinger See: Silberreiher - Raritäten auf brandroter Liste
Schneeweiße Reiher fischen im Ammersee

 
 Silberreiher am Ammersee


Silberreiher im Ammermoos

Schwere Wolken  verfinstern die Nacht. Der Herbstwind pfeift kalt von Osten und die Wogenkämme auf dem Ammersee tragen Schaumkronen. Irgendwie scheint es verrückt, bei dem Wetter das schwere Fotogerät in den Tarnschirm zu schleppen, der sonst ganz legal der Jagd dient und aus dem der vogelfreundliche Jagdpächter doch nie schießt. Dieser Ansitz ist ein Glücksfall für den Tierfotografen, denn von hier sind es nur wenige Meter bis zu den Vögeln im Flachwasser und Schlickwatt. Ein wenig mühsam ist der schmale Pfad dorthin geworden, weil die Zweige und Halme das ganze Jahr gewachsen sind und so zur Barriere werden, wenn man die Hände nicht frei hat.

Gedeckt und unbemerkt komme ich sehr früh morgens dorthin, und nur die Graugänse empfangen mich, denn sie haben, gesichert vor dem Fuchs auf dem See geschlafen. Jetzt aber fliegen sie Schar um Schar dicht über meinem Kopf mit lauten Schrei gen Süden zur Weide auf den Wiesen. Bis sie zurück kehren, sitze ich schon 2-3 Stunden gut getarnt auf  der Lauer. Kurzweilig ist nur ein trippelnder Kampfläufer, der an der Brandungskante im Schlick stochert. Immerhin, je heller es  im Osten wird, desto mehr legt sich der Wind, und das Wasser beruhigt sich. Einige Kolbenenten schwimmen nahe vorbei. Sie haben ihre  inzwischen erwachsene Kinderschar  dabei, denn sie sind im Delta Brutvögel. Bald kommen die Gänse von der Weide zurück, weil sie jetzt trinken müssen. Sie kommen familienweise, einzeln und in wechselnd großen Scharen bis an die hundert beisammen sind. Mitten unter ihnen sitzt eine, die sieht ganz anders aus, eine Rostgans. Kaum sind die Gänse da, erscheinen aus dem Nichts die kleinen Limikolen: Zwergstrandläufer und Temminckstrandläufer, kaum größer als  Meisen.

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Dann aber rauscht es in der Luft und inmitten der Gänse landet senkrecht herabschwebend ein Silberreiher, der wie ein Engel wirkt. Schneeweiß, mit gelbem Schnabel und Auge, langbeinig und als er im Flachwasser steht, macht er erst einmal einen S-Hals. Ein Reiher ganz zweifellos, aber einer von besonderer Art und noch neu hier, ein Juwel für den Ammersee. Bedächtig und rundum sichernd schreitet er durch das Flachwasser mitten durch die Gänseschar, die gar kein Auge für ihn hat. 

Mit anmutig tänzerischen Bewegungen springt er bald nach links, bald nach rechts, dreht und wendet sich, lupft die weiten weißen Schwingen, verbeugt sich und pickt dabei mit dem Schnabel ins Wasser.  Beschwingt und  nicht ganz ohne jene Melodie, die der Wind dazu pfeift. Ballett vergleichbar wohl, wenn nicht der Picker ins Wasser wäre. Zweifellos, der Vogel jagt, und es ist immer faszinierend jagenden großen Vögeln bei ihrer  Jagd auf Fische zuzusehen. Irgendetwas fängt er da, wenn es auch klein ist und ihn wieder und wieder veranlaßt den nadelspitzen Schnabel vorschnellen zu lassen.  Sind es Fische, Quappen oder Insektenlarven? Stets verschwindet es rasch im Schnabel. Manchmal kommt er ganz nahe, so nahe, dass er kaum in den Kamerasucher passt. Er stellt die Flügel auf, und der Wind hebt ihn noch einmal hoch und setzt ihn wieder ein Stück  weiter ab.

Ich kenne diese Vögel schon aus dem nächstgelegenen großen Brutgebiet am Neusiedler See hinter Wien. Dort hat sich seit dem Krieg der Bestand von 100 auf 350 Brutpaare vergrößert. Dort habe ich ihn vor 30 Jahren schon fotografiert, aber das hier ist anmutiger als am Nest, und hier ist der Silberreiher noch kostbarer als dort.

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In der Avifauna Bavariae habe ich nachgelesen, dass er schon Mitte des letzten Jahrhunderts ein unregelmäßiger Gast an vielen Gewässern in Bayern war. Doch stets hat man ihn damals totgeschossen, in rund 100 Jahren an die 40mal. Teils wurde er dann präpariert und verkauft, teils wurden die Schmuckfedern des Rückens vermarktet. Heute ist der Kampf zwischen Hutfedernindustrie und Vogelschützern vergessen. Noch siegte damals also der Profitgeier und beendete alle Versuche der Art, sich westwärts auszubreiten.

Jetzt scheinen diese Besiedelungsversuche mehr Erfolg zu haben, weil kein Jahr und keine Jahreszeit ohne Silberreiher bleibt. Zuweilen sind es mehrere Vögel, die erscheinen, zwar meist Jungtiere, wie am gelben Schnabel zu erkennen ist. Aber diese Jungvögel werden ja auch einmal älter. Ob sie schon hier gebrütet haben? Wir wissen es nicht, denn die Schilffelder sind endlos,  ohne Not dringen wir da nicht ein, und erlaubt ist es auch nicht. Wenn nach der Brutzeit aber Gruppen mit bis zu 20  der schneeweißen Reiher zu sehen sind, macht es nachdenklich. Und an einem Donau-Altwasser sind ebenfalls 5 Silberreiher erschienen. Sicher können das Zugvögel sein, aber ebenso gut auch hier erbrütete. Auch der  Silberreiher vor meiner Kamera ist ein Jungvogel, kenntlich am gelbem Schnabel, anstelle eines schwarzen. Sein gelbes Auge und gelber Schnabel sind ein Kontrast zwischen grauen Gänsen und der braunen Rostgans.

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Auf einmal wird sein Hals lang und länger, er streckt ihn weit vor, rennt mit Riesenschritten im Flachwasser durch die Gänseschar, und ich bilde mir ein, dass er mich mustert. Aber das geht gar nicht, da ich im Versteck sitze und nur das große Kameraauge hinausragt. So ein hellgelbes Auge fühlt man eben auf sich gerichtet. 

Dann breitet er die Flügel, schlägt aber nicht damit, sondern hebt sie nur ein wenig  an. So kann der  Wind darunter fassen und hebt ihn an. Geschickt steuernd schwebt er und lässt sich näher an mich heranwehen und streckt die langen Beine vor. Landend steht er dann auf einer angeschwemmten Baumwurzel und  blickt mit schief gestelltem Kopf, dann mit S-Hals, und ich kann mir nicht helfen, schaut er hierher?  Als er den S-Hals  doch einzieht, wirkt er ein wenig nachdenklich. Wieder ansteigend landet er im hauchdünnen Wasserfilm auf der Sandbank und fischt mit tänzerischer Grazie. Er stellt dabei wieder die Flügel hoch. Es sieht aus, als ob er damit winkt. Das macht er bei jeder Links- und Rechtsdrehung. Der schneeweiße Reiher ist auch auf  weite  Entfernung nicht zu übersehen und mit keinem anderen zu verwechseln. Einen Meter ist er groß, etwas größer als ein Graureiher, der  mit 1,5 Kilo schon ein stattlicher Vogel ist.

Wolfgang Alexander Bajohr