Bedrohte Vogelarten: Das rasante Ende der schwarzen Hähne

In den Alpen könnte es dem Birkhahn noch gut gehen

Im Jahr 2012 ist es gerade 20 Jahre her, da schätzte man den Gesamt-bestand der Birkhähne in Westdeutschland auf 15.000, in Bayern immer-hin noch auf 4.500 Hähne. Nur 5 Jahre später waren von der einst so stolzen Population an der Grenze zwischen Bayerischem Wald und Böhmerwald gerade noch 10-20 übrig. Ich hatte sie in vielen Gebieten noch erlebt. In Raisting am Ammersee, im Königsdorfer Moos, im Ampermoos, am Federsee und und und … Auch nach der Wende fand sich der eine oder andere Hahn auf Truppenübungsplätzen. Aber seither ist überall in den deutschen Ländern der Bestand so gut wie erloschen. Nur im geschlossenen Areal des gesamten Alpenraumes sind bis heute die

Bestände konstant geblieben. Die Jäger sind stolz darauf und leisten sich heute noch einen angemessenen Abschuss, der die Art sicher nicht gefährdet, der aber mächtig umstritten ist. Ein Bergjäger versuchte auch mir klar zu machen, dass man nur einen reifen alten Hahn mit 4 Krummen jagt, der für den Bestand keine Bedeutung hat und als Raufer Unruhe in den Bestand bringt. Auch die Wissenschaft hat diese Meinung, und daher sei dies auch Waidgerechtigkeit, da es die Existenz der Art sichert. Mir war das nicht neu, denn auch ich habe vor vielen Jahren - dem Rat von Freunden folgend - den einzigen Hahn meines Lebens nach diesem Grundsatz geschossen. Dennoch ist das Erlebnis Birkhahnbalz weit höher und ausgeprägter als das Erlebnis Jagd.

Birkhühner besiedelten unser Land seit uralten Zeiten auf allen Sukzessionsflächen der Wälder, die noch ursprünglich waren, gerade so, wie die Natur sie gestaltet hat. Naturwälder werden geformt durch Sturm und Schneebruch, Feuer und Insektenkalamitäten. Doch Naturwälder und Baumgruppen waren unerwünscht, Feuchtgebiete und Moore wurden trocken gelegt. Auch der vielstufige Waldrandaufbau wurde weggesägt, Lichtungen und Patches als lichte Stellen im Taiga-Wald aufgeforstet. Taigawald ist etwas für Norden und fernen Osten, und selbst die bunte Welt des Indian Summer – ganze Zwergsträucher, Heidelbeeren usw. - wurden weggefräst.

Obwohl Birkhühner ja gejagt werden, sind sie am allerbesten noch mit dem Jäger zurecht gekommen. Wo man „Wald vor Wild“ dafür gesorgt hat, dass die Heidelbeere nicht so vom Schalenwild zusammengefressen wird, dass es wie abgemäht aussieht, da bleibt für die Birkhühner noch genügend. Die Heidelbeeren wurden aber nicht abgemäht, sondern in Wirklichkeit abgefressen. Da bleibt für die Birkhühner nichts übrig – und Beeren schon zweimal nicht. Die Folge ist daher, dass der Birkhahn bald am Ende ist.

Im Flachland ist damit die Population der Birkhühner ausgestorben. Darum hat sich der Birkhahn in den Alpenraum zurückgezogen. Die letzten 20 Jahre hat sich bereits gezeigt: Machen wir ebenso weiter wie bisher, dann gibt es bald auch im Hochgebirge kein Birkwild mehr und es hilft auch nicht, wenn sich das Birkwild auf die höchsten Berge gerettet hat.

Nur noch im Alpenraum haben wir die Chance, die schwarzblauen Hähne für die kommenden Generationen zu erhalten. Vorausgesetzt natürlich, dass wir mit den Bergen nicht ebenso rücksichtslos umgehen wie mit der Kulturlandschaft im gesamten Voralpenland. Soeben vom Hohen Göll zurück, habe ich berechtigte Zweifel, dass es klappt.

Birkhähne haben auf jeder Feder ein Auge, ein Spruch der auf ihre hohe Wachsamkeit hinweist. Dennoch sind sie keine Kulturflüchter. So, wie sie einst Bauernland besiedelten, haben sie auch heute noch gelernt, zusammen mit Menschen zu leben. Sie sitzen kullernd auf der Stütze des Berglifts, ja sogar auf dem Auto, in dem Menschen lauern. Die Birkhahnbalz auf dem Parkplatz, neben dem Almweg, auf dem Viehstadl oder gar auf dem bäuerlichen Wohnhaus, ist nicht ungewöhnlich. Man kann die Balz aus dem Auto fotografieren, ja man kann auch zu dem Birkhahn, der auf dem Schneehaufen balzt, hin fahren. Nur eines darf man nicht: Aussteigen! Einen Menschen auf zwei Beinen akzeptiert kein Birkhahn!!!  Birkhähne akzeptieren auch keinesfalls, wenn der Alpenverein Fernwanderwege oder Skiwege mitten über den Balzplatz führt. Er akzeptiert unser Fotoversteckzelt - aber nicht, wenn er durch Ski-Langläufer oder Jogger aus seinem Schnee-Iglu, in dem er tagelang auf bessere Zeiten wartet, aufgescheucht wird. Dieses Aufjagen und der damit verbundene Energieverbrauch ist für den Hahn tödlich, weil er ins Energie-Defizit kommt.

Ein Birkhahn lässt es zu, dass ein Auto auf der Alm oder an den Schneehaufen im Schneckentempo heranfährt. Dass sich die Fenster öffnen, und dass er fotografiert wird, stört ihn nicht. Wehe aber, wenn sich die Türe des Fahrzeugs öffnet! Nur das fahrende Versteck duldet er. Wenn Neugierige zum Versteck des Fotografen kommen, um zu fragen, was die da wohl machen, bedeutet dies: für diesen Morgen ist die Balz vorbei. Es gibt aber auch Wanderer, die mit verklärtem Blick die Morgensonne anbeten und das Kullern der Hähne dazu genießen wollen. Auch diese „Naturfreunde“ tragen dazu bei, den Birkhahn in seinem letzten Rückzugsgebiet auszurotten.

Die kurioseste Art, dem Hahn ein frühes Ende zu bereiten, sind die Rennfahrer auf Bergstraßen. Dabei ist es gleichgültig, ob diese Alpenfreunde sich auf Dutzenden von Motorrädern von Kurve zu Kurve vor uns verneigen, ob Rennwagen mit 500 PS bergan röhrend durch die erhabene Bergwelt donnern, oder ob bei einer Rallye Berge keine Natur mehr sind, sondern „Sportgeräte“ der besonderen Art.

Wenn sich das Birkhuhn auf die hohen Berge gerettet hat, dann hat es nur noch im Alpenraum die Chance zu überleben. Wenn die schwarzblau schillernden Hähne überleben sollen, dann dürfen wir mit dem empfindlichen Alpenraum nicht ebenso umgehen, wie mit dem Flachland und dem Voralpenland. Die Berge sind Natur und Kulturlandschaft zugleich, aber sie sind auch Lebensraum für den Birkhahn.

Wolfgang Alexander Bajohr