Im Jahreslauf: Ein Flötenlied klingt über dem Moor. Sterben die Brachvögel mit ihrem Lebensraum aus?
von Wolfgang Alexander Bajohr

Das Flötenlied im Vorfrühling
Es klingt eine neue Stimme im Moor. Ein Trillern ist es, das weich mit melo-dischem Flöten beginnt, dann jauchzend und jubelnd anschwillt und endlich jammernd und klagend erlischt. Jetzt schallt es wehmütig wimmernd von der Erde. Um dann wieder anschwellend und jubelnd aus der Luft zu rufen. Ein krähengroßer langflügeliger Vogel mit langem gebogenem Schnabel ist es, und mit langen, herabhängenden Füßen schwebt er über die Wiesen im Amper-moos, kreist in weitem Bogen, streckt die Beine vor und landet, einige Schritte auslaufend, auf dem noch niedrigen Gras der Streuwiese. Mitten zwischen

dem Blütenreigen unendlich vieler leuchtend gelber und zart duftender Schlüsselblumen, tief blauem Stengellosem Enzian und rosa Mehlprimeln. Mit lang ausgestrecktem Hals bleibt er stehen und sichert aufmerksam in alle Richtungen. Als sich rundum nichts rührt, glaubt er ungefährdet zu sein, ruft melodisch flötend öträüihtö - und damit hat sich im April der Große Brachvogel in seinem Stammrevier zurückgemeldet. Er ist der typische Wiesenbrüter, ein Grünlandvogel. Darum finden wir ihn vorwiegend in Gebieten, in denen die Grünlandwirtschaft vorherrscht. Doch liebt er die einmahdigen und zweimahdigen Wiesen, die extensiv bewirtschaftet werden, am allermeisten. Zu Hause ist er nur dort, wo Streuwiesen und Kulturland einander abwechseln und nicht alles drainiert oder in Fettwiesen verwandelt wurde. In der ursprünglichen Wildnis im Rätischen Bayern, in den wilden Mooren der einst von Kelten, Römern und Germanen bewohnten Landschaft war er noch selten. Erst die Bauern haben ihm mit ihrer extensiven Wirtschaftsweise auf dem Grünland den idealen Lebensraum geschaffen, der ihm so gut gefallen hat, dass er häufig wurde. Die auf Hochleistung getrimmte Agrarpolitik der vergangenen Jahre hat ihn wieder selten werden lassen, und in weiten Gebieten unseres Landes ist er sogar ausgestorben. Das gilt für das Ammermoos ebenso wie für das Ampermoos. Hier aber hat 2004 erstmals ein Paar wieder gebrütet. Gewissermassen ein Lohn für die Arbeit von Herrn Niederbichler.



Feuchtwiesen sind seine Leidenschaft

Als Kulturfolger hatte er die Norddeutsche Tiefebene und die großen Niede-rungen beiderseits der Donau besiedelt, aber auch die Mooslandschaften im Voralpenland. In unserem 5-See-Land habe ich ihn sogar noch auf dem ursprünglichen Moor am Maisinger See erlebt. Wahrscheinlich ist er dort verschwunden als aus den Feuchtwiesen am Rand wieder Moor geworden ist und sie verbuschten. In den heutigen Ramsar-Schutzgebieten Ammermoos und Ampermoos habe ich ihn vor mehr als 30 Jahren noch fotografiert, ebenso im Palsweiser Moos bei Maisach. Dort, wo ich ihn im Dachauer Moos und bei

Schleißheim noch brüten sah, ist entweder das Moor entwässert und damit zu trocken für ihn, oder es sind dort Hochhäuser gebaut worden. Das Flötenlied der Brachvögel ist hier lange verklungen. Aber auch aus den Streuwiesen im Ampermoos wurden Fettwiesen, und man senkte den Grundwasserspiegel ab. Das geschah, weil eine falsch durchdachte Agrarpolitik die Massenproduktion honorierte, aber nicht die Leistung der Bauern für die Natur und die Brachvögel. Der Brachvogel ist ganz zweifellos ein Opfer gestiegener menschlicher Nutzungs-Ansprüche an die Natur, und damit wurde er vom Butterberg vertrieben. Als der Bauer noch mit der Natur in Harmonie lebte, hatte er dem Großen Brachvogel jene neuen Lebensräume geschaffen, die man ihm heute im Maschinenzeitalter wieder weggenommen hat.

Aus dem Ampermoos ist er ganz verschwunden, weil das Wasser fehlt. Heute hofft man ihm durch Mähen der Streuwiesen und durch Wiedervernässung diese Niedermoorlandschaft wieder schmackhaft zu machen. Als ich ihn vor mehr als 25 Jahren noch im Ammermoos fotografierte, gab es dort noch fast ein Dutzend Paare. Heute lebt dort zum Kummer der Schutzgemeinschaft Ammersee Süd nicht ein einziges Paar und selbst der Kiebitz ist verschwunden. Auf der großen Vogelschutzwiese schritt er einst durch ein Blumenparadies zwischen Orchideen, Wiesenrauten und den Millionen blauen Iris sibirica. Jahrelang  brütete er jedes Jahr dort, doch war zweifelhaft, dass er auch jährlich Junge hochbringt. Der Bestand hätte nur dann gleich bleiben können, Wenn das Paar am Ende seines über 20-jährigen Lebens wenigstens zwei Nachkommen hinterlassen hätte. Nur wenn mehr überleben, hätten  es überall wieder mehr werden können. Um dabei zu helfen, werden die Streuwiesen hier wieder gemäht. Doch das gedieh langsam zum Luxus, Kritik setzte ein und schließlich wurden die Gelder dafür gekürzt. Wenn die bäuerliche Kulturlandschaft mit ihren Streuwiesen wiedererstehen soll, dann ist die Arbeit der Vogelschützer Bauernarbeit.  Aber dafür hätte man auch den Grundwasserstand wieder anheben und die Drainagen schließen müssen.  Als kürzlich beim Herbstzug 25 Große Brachvögel auf den Kiesinseln im Ammerdelta rasteten, war das ein Lichtblick, aber noch kein Grund zur Freude. Denn diese Durchzügler rasten dort nur wenige Tage und ziehen dann weiter.


Maschinen sind schlimmer als Füchse

Kommt ein Traktor auf dem öffentlichen Feldweg daher, regt das den Großen Brachvogel nicht besonders auf. Er greift die Maschinen nur dann schneidig an, wenn er Junge zu verteidigen hat und der Schlepper denen zu nahe kommt. Wenn der Traktor dann mit seinem Kreiselmäher auf die Brachvogel-Wiese fährt, sollte man meinen, dass er dort vom Naturschutzwächter ver-trieben wird, wie der einsame Beobachter. Aber den zu verjagen ist einfacher und an die Erntemaschine traut er sich nicht heran. Dabei geht die wirkliche


 

Gefahr für die jungen Brachvögel doch nur von dem schnell laufenden Kreiselmähwerk aus, und niemand weiß genau, ob sie sich vor den scharfen Messern noch in Sicherheit bringen können, denn sie sind lange noch nicht flugfähig. Sicher hat früher auch da oder dort ein Fuchs einen Brachvogel gerissen. Das aber war schon immer so, und der Fuchs hat den Großen Brachvogel nie ausrotten können. Darum ist es Augenwischerei eine Fuchsjagd im großen Stil mit vielen Jägern als Rettungsaktion für den Brachvogel und als Vogelschutz-aktion zu deklarieren. Nichts gegen eine Fuchsjagd, wenn sie im Winter zur rechten Zeit erfolgt, aber da sollte man das Argument Brachvogel aus dem Spiel lassen, der ohnehin längst in den Süden geflogen ist.

Schon vor dem ersten Weltkrieg mahnte der Heidedichter Hermann Löns in einem Brief einen Freund: "Eine Bitte: Schießen Sie den Kolüt, den Brachvogel nicht. Ich liebe ihn so sehr, den Heideflötcher. Sein Ruf ist voller Süße, Sehnsucht, Angst und Stolz." Es ist noch gar nicht lange her, da wurden Brachvögel aus Skandinavien, die hier durchziehen, in Schleswig-Holstein geschossen. Gewiss hat die Mehrzahl der Jäger ihm auch damals nichts angetan, obwohl es erlaubt war. Viel lieber haben sie entzückt gelauscht, wenn er mit seinem Flöten verkündet hat, dass der Frühling ins Land zurückgekehrt ist. Ich habe damals einen empörten Brief an den dortigen Landesjagdverband geschrieben und Erfolg gehabt, denn in Bayern war er schon längst geschont.

Darum ist es neuerdings unverständlich, dass Italiens Umweltminister neben einigen Kleinvögeln auch den Großen Brachvogel, die Uferschnepfe und den Rotschenkel wieder zum Abschuss freigeben will, obwohl er sich damit eindeutig über die EG-Vogelschutzrichtlinie hinwegsetzt. Offenbar stört es ihn nicht sonderlich, dass diese Abschussliste gegen EG-Recht verstößt und bei diesen hochgradig gefährdeten Vögeln den Fortbestand der Arten total infragestellt. Bis vor kurzem wurden Brachvögel auch in der Sardischen Provinz und in Korsika noch geschossen. Dass sie jetzt geschützt sind, scheint manchen zu wurmen. Es war natürlich nicht die Jagd, die den Vogel an den Rand des Ruins gebracht hat. Schlimmer ist es da schon, wenn in Sardinien 2005 auch heute noch Ferienzentren, Campingplätze, Hotels und Ferienhäuser an die flachen Lagunen gebaut werden oder wenn man solche Lagunen auffüllt, der Mücken wegen, oder gegen diese mit der Chemischen Keule vorgeht.



Es ist haarsträubend und weitaus schlimmer als jede Jagd auf diese Vögel. Denn in den Rastgebieten gefährdet es auch Stelzenläufer, Seeregenpfeifer, Flamingos und neben dem Brachvogel auch andere Limikolen. Wenn heute 80 % aller Sumpf- und Wiesenvögel gefährdet sind, dann auch nicht deshalb, weil wir damals vor 30 Jahren über die Wiesen gelaufen sind oder ihn am Nest fotografiert haben. Die Bilder in diesem Beitrag stammen von 1967, und das Hudern der Jungen zeigt, dass wir das Gelege nicht gefährdet hatten. Dennoch ist es heute nicht mehr vertretbar sie auf diese Weise zu fotografieren. Der Ruf des Heideflötchers ist voller Sehnsucht.

Doch schauen wir zurück in jene Zeit, in der es hier noch eine heilere Welt gegeben hat. Gewichtig stelzt der Große Brachvogel über die Wiese. Das auf dem Feldweg stehende Auto des stillen Beobachters stört ihn nicht. Es würde ihn aber erheblich stören, wenn der Beobachter "umweltfreundlich" zu Fuß daherstapfen würde. Im Spektiv lässt sich der schöne Vogel bei 30-facher Vergrößerung ganz genau beobachten. Das Gefieder der Oberseite ist braun und licht rostgelb gerandet, das des Unterrückens weiß und braun, in der Länge gefleckt. Die Schwingen sind schwarz, weiß gekantet und weiß gefleckt. Die Steuerfedern sind auf weißem Grund schwarzbraun gebändert. Das Auge ist dunkelbraun, der etwa 20 cm lange Schnabel in einem sanften Schwung gebogen und schwarz. Beim Männchen ist er, wie ich bald herausgefunden habe, ein wenig kürzer und sanfter gebogen als beim Weibchen, das auch etwas größer ist. Die Füße sind bleigrau. Die Gesamthöhe des stehenden Vogels kann von Kopf bis Fuß rund 50 cm betragen. Beim größeren Weibchen ist die Zeichnung ein wenig verwaschener als beim Männchen, das mit seiner klareren Zeichnung schmucker wirkt. Beobachtet man aufmerksam, kann man beide gut voneinander unterscheiden.

Um Heide und Moor zu kennen, muss man die Balz des Großen Brachvogels miterleben und ihn belauschen, wie er unter dem blauen Lenzhimmel in der linden Luft im Auf und Ab seines bogenförmigen Balzfluges schwebend sein sehnsüchtiges werbendes "Tui, tüi, truih, truih, truih, truih, truih, truih" über die weite ergrünte Streuwiesenlandschaft ruft. Wie er in Dur trillert und in Moll flötet, dabei sachte herab gleitet und endlich auf dem Boden das Weibchen unter Verbeugungen mit prahlerisch gespreiztem Schwanz steifbeinig umtrippelt. Oft nimmt er symbolisch Hälmchen als Nistmaterial vom Boden auf. Das ist natürlich leicht übertrieben, wenn man bedenkt, wie primitiv das Nest sein wird. Das Weibchen dreht mit der Brust allenthalben Nestmulden in die Wiese, um sich schließlich für einen ihr besonders zusagenden Platz zu entscheiden.

Wenige Tage später sind wir schon früh im Moor. Langsam fahren wir auf der Straße, die es teilt. Am Rand einer Bauernzufahrt bleiben wir stehen und beobachten aus dem Fenster, ohne auszusteigen. Das stört Tiere in der Regel nicht und sie bleiben sitzen. So kann ich den Brachvogel durch das Spektiv auch auf weite Entfernung auf dem Nest sitzen sehen. Heutzutage würde ich es dabei belassen, dass es ein tolles Erlebnis ist, wenn ich ihn überhaupt gesehen habe.


Damals, vor fast einer Generation haben wir uns darüber noch keine Ge-danken machen müssen, und so mag man mir verzeihen, dass wir noch die Nester suchten und dort die brütenden Vögel fotografierten. Diese Nestfoto-grafie gilt heute bei uns als verpönt und ist verboten, besonders bei gefähr-deten Arten. Obwohl der Brachvogel bei richtigem Vorgehen sich nicht stören lässt. Das mag in anderen Ländern anders sein, wo er noch sehr häufig ist. Dagegen kann man ihn aus dem Auto vom Feldweg aus durchaus beobachten und auch fotografieren. Wenn er freiwillig auf 25 oder 15 m näher kommt, ist dieses ein Zeichen, dass es ihn nicht stört. Schließlich haben wir


 

heute auch eine viel bessere Fototechnik mit großen Objektiven und Digitalkameras mit Brennweitenver-längerung zur Verfügung, dass man nicht mehr so nahe heran muss wie einst. Unsere Bilder von damals können heute helfen für einen Vogel zu werben, der einstmals ganz gewöhnlich war und nahe am alltäglichen Verkehrsstrom gebrütet hat, ohne sich stören zu lassen. Erst wenn man auf 20 m in die Nähe des Nestes kam, hat der Vogel sich nicht mehr gedrückt und ist aufgeflogen. Einmal hat er uns sogar auf 1 m heran gelassen und ist sitzen geblieben. Ich habe damals vor etwa 50 Jahren am Ammersee den Menschen und den frei lebenden Vogel nebeneinander fotografiert. Als er schließlich doch abgeflogen ist, weil er sich nicht streicheln lassen wollte, ist er nur 10 m weit fortgestrichen und hat versucht, uns mit aufgeregten "träüieht"-Rufen fortzulocken. Er hat uns solange schreitend umkreist, bis wir gegangen sind. Er hat uns etwa 100 m weit fortgelockt und ist dann auf das Nest zurückgeflogen. Daran mag auch der Kritiker unserer Nestfotografie erkennen, wie vertraut dieser heute so rare Vogel damals zuweilen war.

Nach einer Weile stützt er den langen gebogenen Schnabel vor sich auf den Boden und hebt sich, den Schnabel dabei als Hilfe benutzend. Breitbeinig steht er über dem Gelege, wendet die Eier sorgfältig mit der Schnabelspitze und setzt sich wieder. Doch noch einmal stützt er sich mit den Schnabel hoch und ordnet die Eier. 

Manchmal kommt der Partner, der irgendwo Wache hält, herangeschwebt. Er kreist einmal hoch über dem Nest, lässt sich weit davon nieder und schleicht dann leise und geduckt näher, weil er nicht gesehen werden will, wenn er den brütenden Vogel ablöst. Auch der schleicht geduckt davon, um erst weit vom Nest entfernt aufzufliegen. Dicht nebenan sitzt ein Braunkehlchen mal auf einem Schilfhalm, dann wieder auf den Samenständen der vorjährigen Schwertlilien. Es ist ein Weibchen, das sich da schüttelt. Auch das ist ein Vogel, der auf diese Wiesenlandschaft angewiesen ist und heute eine bedrohte Art ist, weil die Streuwiesen selten geworden sind. Zuweilen fliegt er auf, macht in der Luft blitzschnell etliche Zickzacks, um nach Fliegenschnäpperart einige Insekten heraus zu fangen. Dann landet das Braunkehlchen wieder auf seiner Warte. Damals waren Braunkehlchen ganz gewöhnliche Vögel in dieser Wiesenlandschaft, aber heute sind sie bedroht wie der Brachvogel. Ein Schwalbenschwanz flattert vorüber, aber das Braunkehlchen scheint satt zu sein. Schwalbenschwänze brauchen Streuwiesen, die man nicht jedes Jahr mäht, sondern nur alle 2 oder 3 Jahre. Denn seine Puppen überwintern frei hängend an den Halmen. Werden sie jährlich abgemäht, wie heutzutage mit den Pflegeprogrammen, dann verschwindet die Puppe mit der Einstreu.



Des Flötchers Kinderstube

Nach vier Wochen Brutzeit schlüpfen die Jungen. Es sind vier wollige, grau-gelbe, braunschwarz gefleckte Küken mit kurzen, leicht gekrümmten Schnä-belchen. Sie schlüpfen nacheinander. Während die Alten noch abwechselnd weiterbrüten, klettern die Jungen ihnen auf dem Rücken herum. Sie kriechen unter das Brustgefieder oder laufen unter die schützend ausgebreiteten Schwingen der Eltern. Auch nachdem schon alle geschlüpft sind, bleiben sie noch zwei Tage am Nest, denn es regnet. Die Alten versuchen sie vor der

Nässe zu schützen und zu wärmen, aber die Küken sind ebenso unartig wie kleine Menschenkinder. Mal schlüpft eines unter dem Brustgefieder hervor, dann wieder unter den Schwingen. Sie klettern auf den Rücken der Alten oder suchen im Gras nach undefinierbarer Beute. Bis es dem Elternvogel zu dumm wird und er die Kinder mit ausgestrecktem Hals und langem Schnabel zu sich heranschubst und unter die Schwingen lanciert. Wären die Brachvögel von meiner ganztägigen Anwesenheit beunruhigt gewesen, hätten sie spätestens jetzt ihre Jungen ein Stück weit davon geführt. Da sie noch zwei Tage hier bleiben, erkenne ich, wie nahe wir uns gekommen sind.

Bald werden die Eltern ihre Küken lehren, wie man im Boden nach Insekten stochert oder Würmer heraussticht. Sie lernen auch, wie man sich drückt, wenn der Flötenruf vor Feinden warnt. Langsam werden die Kiele sprießen, und sie werden sich befiedern bis sie 20 Wochen alt sind. Dann sind sie von den Eltern nur noch schwer zu unterscheiden. Bis es soweit ist, herrscht die Sommersonne über das Land und Heuduft liegt in der Luft. Kompliziert wird es nur, wenn schon gemäht wird, wenn noch Eier im Nest liegen. Natürlich mähen die Bauern darum herum, wenn man die Stelle kennzeichnet, aber wissen muss man sie. Noch besser ist natürlich eine Streuwiese die erst im Herbst und nur alle zwei Jahre gemäht wird. Richtig wäre immer abwechselnd ein gemähter und ein ungemähter Streifen, die man ein ums andere Jahr wechselt. In einer total gemähten Wiesen haben die Jungen keine Deckung und weniger Nahrung. Wenn man sieht, wie gedankenlos und radikal zuweilen Streuwiesen gemäht wurden, freut man sich, wenn die öffentlichen Gelder gekürzt werden.


Das Wiesenbrüter-Programm war ja nicht als Förderung für die Bauern gedacht.  So ist es denn nur noch möglich streifenweise zu Mähen und die Wiesen umschichtig stehen zu lassen, wie es einst Tradition bei den Bauern war.. Wenn der Sommer trocken wird, suchen die Brachvögel ihr Futter am Rand von Torfstichen und Altwassern oder im flachen Schlickwatt vor dem Ammerdelta. Sobald das letzte Heu von den Wiesen gekehrt ist, kommen sie noch einmal zurück und suchen gemeinsam mit den Störchen, was der Sternradrechwender der Bauern alles offen gelegt hat, und da finden beide Arten eine Menge.


 

Dann vereinen sie sich im Schlickwatt mit den durchziehenden Brachvögeln aus Nord- und Osteuropa, und da sind schon einmal 25 Brachvögel zugleich beisammen in diesem international so wichtigen Ramsar-Rastgebiet für ziehende Arten. Denn Rastgebiete sind mindestens so wichtig wie die Brutgebiete. Von dort sind sie schon im Hochsommer verschwunden, sofern es sie überhaupt noch gegeben hat. Auch im Rastgebiet bleiben sie im Herbst nur wenige Tage. Wer weist ihnen den nächtlichen Weg, erst an den Bodensee, dann weiter in das ferne Afrika? Das ist ein Weg, den ihnen nur Sterne und Mond erleuchten. Einige bleiben in den Sumpfgebieten des Rhone-Deltas, andere fliegen in die Mündung des Guadalquivir, zum Bosporus und nach Afrika. Brachvögel, welche die Gefahren der langen Reise und die überall unterwegs lauernden Gewehrläufe überstehen, werden im nächsten Jahr weiter gereist sein, als viele von uns Menschen.

Wenn Ende März der Schnee schmilzt, werden sie wieder in der Heimat eintreffen, vorausgesetzt, dass dieser Lebensraum noch da ist.. Dann werden manche von ihnen nicht mehr dabei sein. Doch die Überlebenden werden wieder den Flötenruf über unsere Wiesen und Moore schicken, diesen süßen, sehnsuchtsvollen wehmütigen Flötenruf, der von ihrer großen Reise durch die melancholischen Weiten des Orients, vielleicht auch vom Nil erzählt. Diesen Ruf, der mit das Schönste ist, was uns der Lenz in den oft so öden und artenarmen Mooren zu schenken vermag. Hoffentlich gelingt es uns, dieses Zauberwesen und seine Lebensräume zu erhalten. Die vertraute Stimme im Moor, die weich und melodisch flötend beginnt, jauchzend und jubelnd anschwillt, in ein jubilierendes Trillern übergeht, und endlich jammernd und klagend erlischt.