Bedrohte Vogelarten: Vom "Forstmeister"  im bunten Rock. 
Wie Markwart der Eichelhäher ganze Wälder gepflanzt hat.
Text und Fotos  Wolfgang Alexander Bajohr

Auf der LBV-Landestagung wurde vom Wissenschaftlichen Beirat der Antrag gestellt, den Staatsforst zu einer Vogelfreistätte zu machen und dort die Jagd auf Vögel einzustellen. Der Gedanke ist richtig und wichtig, doch wurde dabei übersehen, dass Bayerns Förster dank der Initiative von Dr. Sperber längst freiwillig den Eichelhäher verschonen. Dabei hatte auch der nachfolgende Beitrag geholfen. Noch immer aber werden in den an Jäger verpachteten Staatsjagden Jahr für Jahr ca. 20-30.000 Eichelhäher unter dem Vorwand "Vogelschutz" geschossen, angeblich um den Singvögeln zu helfen. Hier besteht Handlungsbedarf den Unfug zu stoppen, und Bayerns Minister-präsident ist gefordert, den Forstämtern freie Hand zu geben, den örtlichen Verhältnissen entsprechend die Pachtverträge abzuändern, um Eichelhäher und Waldschnepfe besser zu schützen.


 Eichelhäher 
Mitten in einem großen Wald wächst eine kleine Eiche. Niemand weiß genau, wie diese Eiche dorthin gekommen ist. Sie wächst am Rand einer kahlen Windwurffläche, die der große Sturm hier hinterlassen hat. Der Wald nebenan aber ist kein Eichenwald, und weit über Tausend Meter im Umkreis gibt es auch keine Eichen mehr hier. Eigentlich ist es gar kein richtiger Wald, sondern es ist eine Plantage, die Menschen angebaut haben um Holz zu erzeugen. Holzackerbau nennt man das. Der ist heute leider fast überall üblich, ohne dass die Mitbürger es bemerken, wie armselig dieser Wald ist. Denn sonst müsste er allen missfallen. Und doch muss es jemand gegeben haben, der einen schönen Naturwald viel lieber sehen würde. Jemand, der es doch nicht so gerne entdeckt hat, dass hier nur Fichten wachsen, und der eichelhaeher.eiche.jpg (54817 Byte)

darum eine Eiche gepflanzt hat, um den Anfang zu machen für einen neuen natürlicheren Wald, einen Wald mit Eichen, wie es ihn hier früher überall gegeben hatte. Wer war es wohl, der jetzt mit einem Naturwald den Anfang gemacht hat? Schaut man sich ein wenig um, dann entdeckt man inmitten der öden Monokulturen noch weitere dieser junge Eichen. Noch ist es ein Rätsel: Wem hat eine alte Eiche ihre Samen anvertraut?

Die Eiche ist ein Baum, der sein Geschäft gerne mit dem Winde macht, wenn es um die Verbreitung ihrer Blütenpollen geht, und es gibt auch Bäume, die ihre Samen dem Wind anvertrauen, wie Fichten und Eschen, Ulmen und Ahorn. Das kann die Eiche nicht, denn ihr Same ist groß und er wiegt runde zehn Gramm, das ist zu schwer zum fliegen. So hat sie eine besondere Strategie entwickelt, um diese Samen Boten anzuvertrauen, die einen Eichenwald selbst dort pflanzen, wo es noch nie einen - oder lange keinen mehr - gegeben hat. Unter diesen Boten sind die Wildschweine und Eichhörnchen, die Mäuse und Siebenschläfer die unsichersten Helfer. Sie nutzen die Mehrzahl der fortgetragenen Samen selbst. Nur manchmal, wenn sie von einem Feind vertrieben oder sehr gestört werden, lassen sie ihre Beute auch einmal liegen, und sie hat eine Chance zu keimen. Auch wenn sie den Winter nicht überleben, dann keimt wohl auch einmal ihr Vorratslager. Das mag die Eiche veranlasst haben, alle paar Jahre eine regelrechte Mast einzulegen und den Wald mit Samen zu überschwemmen, damit von den vielen Eicheln wenigstens einige zu Bäumen werden.

Es gibt aber auch Tiere, die selbst bei den größten Fressorgien nur einen geringen Anteil der Samen verzehren können. Aber sie wissen, dass auf eine Mast auch eine karge Zeit folgt, und darum verstecken sie die überschüssigen Samen und tragen damit zur Verbreitung der Bäume bei. In dieser Dienstleistung für den Wald tut sich der Eichelhäher ganz besonders hervor. Im Herbst sammelt jeder von ihnen oft binnen weniger Wochen Tausende von Eicheln. Er schlingt in rascher Folge hintereinander 12-14 Eicheln in voller Größe in einem Stück hinunter. In wenigen Minuten ist der Kropf ganz dick aufgeplustert. Sein Flug zum Waldrand und noch weiter, wird auf solche Weise sehr schwerfällig. Es wird behauptet, dass der vom eichelhaeher.schluckt1.jpg (39647 Byte)
Habicht verfolgte Häher alles schnell wieder auswürgt, um rascher fliegen zu können. Das ist sehr zweifelhaft, denn falls er noch würgen will, wenn der Habicht oder auch der Sperber angreift, dann ist er schon tot, noch ehe er würgen kann.
eichelhaeher.schluckt.jpg (42982 Byte)

Der Häher würgt natürlich schon, aber dort, wo er die Beute in der Erde verbergen will. In einer einzigen Vorratskammer hat man schon bis zu 4 kg Eicheln gefunden. Meist aber werden die Früchte einzeln am Waldrand und auch in der Wiese versteckt. Er bevorzugt dabei offene, trockene bis mäßig feuchte Stellen, besonders solche, an denen sich der Schnee nicht lange hält, weil die Sonne den Boden wärmt. Mit ein paar Schnabelhieben schlägt er Pflanzlöcher in den Boden und steckt seine Eichel hinein. 

Erstaunlich dabei ist, dass er einen Teil der versteckten Eicheln noch nach Monaten wiederfindet. Aber eben nur einen Teil, denn es bleiben genügend übrig, die in diesem von der Sonne erwärmten Waldboden keimen. So wachsen plötzlich Eichen an Plätzen, an die sie ohne die Häher nie hingekommen wären. Darum bezeichnet man den Eichelhäher seit alters her als Freund des Forstmanns und tatsächlich ist er vom Standpunkt der Forstleute ein außerordentlich nützlicher Vogel, dieser "Forstmeister im bunten Rock". Denn über die Jahrhunderttausende hinweg war er es, der seit dem Ende der Eiszeit ganze Landschaften mit Eichenwäldern, mit Buchen und Hasel gefüllt hat. Denn ohne ihn hätten sich die kahlen Tundren nie mit Eichen wiederbesiedeln können. Nur er sorgt auch dafür, dass durch diese natürliche Sukzession Windwurf- und Brandflächen in den Naturwäldern wieder zugewachsen sind. Denn die Eichen wachsen wohl zu gewaltigen Bäumen heran, aber sie sind fest an ihren Standort gebunden und können nicht wandern. Angesichts der oft bedrückenden und tristen Monokulturen mit Nadelhölzern sollte eigentlich auch jeder Jäger den Eichelhähern eine weite Verbreitung wünschen und ihnen dankbar sein für ihre Pflanzaktionen. Der Forstmann aber schätzt ihn noch aus weiteren Gründen, denn er füttert seine Jungen zu 75 % mit Insekten, die Förster als schädlich ansehen. Im ökologischen Gleichgewicht des Waldes hat er also eine so wichtige Funktion, dass eigentlich keine biologische Notwendigkeit besteht, ihn totzuschießen. Für den Wald ist er ein wichtigerer Bewohner als der Hirsch, von dem er sich auch dadurch unterscheidet, dass er keine Bäume frisst.

Mancher ist den Hähern allerdings trotzdem gram, weil einige von ihnen gelegentlich Nester von Singvögeln ausplündern, und es gibt auch unter den Vogelschützern welche, die ihn bekämpfen möchten, um einseitig andere erwünschte Singvogelarten zu begünstigen, obwohl ja auch er ein Singvogel ist. Hat ein Paar Vogeleltern sein Nest nicht gut genug verborgen, dann kann es sein, dass es ausgefressen wird. Als mir das bei einer kleinen Kolonie des sehr seltenen Schwarzhalstauchers wiederfahren ist, muss ich gestehen, dass ich eine Stinkwut auf die Häher hatte. Die Schwarzhalstaucher haben dagegen unverzüglich ein zweites Mal gebaut, dieses mal inmitten der Möwenkolonie, wo sie sicher waren. Ich habe also lernen müssen, dass ich den natürlichen Lauf der Natur miterlebt habe, und dass der Häher auch hier zur Evolution beiträgt. Die geht auch an ihm nicht vorüber, denn Elster und Krähe fressen seine Nester leer, so dass von den Eichelhähergelegen 2/3 gar nicht erst schlüpfen werden, und von den restlichen Jungen wird 1/3 nicht ausfliegen und ein weiteres 1/3 den Winter nicht überleben. In der Habichtsbeute stellt er nach der Ringeltaube mit 25 % den größten Beuteanteil. So weiß die Natur sehr gut sich selber zu helfen und sie braucht den Menschen nicht, um sie von vermeintlichem "Raubzeug" und Unebenheiten zu befreien.

Als ich noch jünger war, habe ich auch auf den Eichelhäher gejagt, aber aus anderen Gründen. Wir haben im Herbst gelegentlich einen auf der Treibjagd geschossen, damit einer als "Ersatzhase" die Strecke bunter macht. Das alleine ist sicher kein moralisch vertretbarer Grund ein Tier zu töten, sondern man muss es auch verwerten, und das ist dann in der Suppe geschehen. Ich habe aber auch gerne bei der Frühjahrsbalz auf das balzende Eichelhähermännchen gejagt. Damit war er nicht etwa nur der Auerhahn des Kleinen Mannes, sondern die Jagd auf ihn war weit schwieriger und reizvoller als die auf den Auerhahn. Und da ich beide, Auerhahn und Eichelhäher,

eichelhaeher.junge.jpg (44688 Byte)
Junge Eichelhäher

auch mit der Kamera bejagt habe, weiß ich sehr genau, dass es kinderleicht ist, einen Auerhahn zu schießen und unheimlich schwierig, den balzenden Eichelhäher anzuspringen. Wollte man den Häher nur so bejagen, erschüttert das auch die Vogelschützer nicht, zu denen auch ich gehöre, nicht nur obwohl, sondern weil ich ein Jäger bin, der Achtung vor der Schöpfung und ihren Geschöpfen hat. Würde man ihn nur zur Balz bejagen, und würde sich der interessierte Jäger auf maximal drei Vögel für eine Saison beschränken, spielt diese Jagd überhaupt keine Rolle für den Fortbestand der Art, denn der Vogel ist so häufig, dass man ihn in einer eng begrenzten Zeit um des Naturerlebnisses Balzjagd willen durchaus bejagen könnte, ohne ihn auch im Geringsten zu gefährden.

Es gibt aber auch Jäger, die anders denken oder sich vor einen politischen Karren spannen ließen, als man durch die EU-Vogelschutz-Richtlinien den Eichelhäher unter Naturschutz gestellt hat. Geschürter Argwohn, dass man scheibchenweise die Jagd abschafft, war die Folge, und es wurden Unterschriftaktionen gestartet, die den Ruf der Jäger in der Öffentlichkeit nahezu unreparierbar ruiniert haben. Denn natürlich ist die Frage gekommen, wo denn die Jäger mit ihrer Unterschriftaktion geblieben sind, als nahezu alle Lebensräume in der Kulturlandschaft durch Roden von Hecken vernichtet wurden. Jedermann hat aber auch gewusst, dass der Eichelhäher den Wald pflanzt und ein sehr nützlicher Vogel ist, und keiner hat verstanden, warum man diesen schönen Vogel auf einmal, mit der Wanderratte gleichgestellt, als Unkraut vernichten will. Mittlerweile hat auch das Landwirtschaftsministerium in Bayern schöne Farbbroschüren über den Naturwald und über den Wald in Mittelfranken herausgebracht, denen zu entnehmen ist, dass der Häher den Wald pflanzt, und einige Bundesländer haben auch eisern an seinem Schutz festgehalten. Schließlich hat man im Staatsforst freiwillig und weitgehend auf die Häherjagd verzichtet.

In Bayern haben es Politiker für günstig gehalten, einen Weg zu suchen wie man dem Wähler Jäger gefällig ist und den Eichelhäher doch schießen kann. Diese Rabenvogel-Verordnung ist seither jährlich erneuert worden. Sie sieht eine Schonzeit vom 15.3. bis 15.7., also eine Jagdzeit vom 16.7. bis 14.3. vor. Den Kopf hat dafür das Umweltministerium hinhalten müssen, und seither wird es von den gegensätzlichen Interessengruppen mit Protestbriefen bombardiert. Die Begründung für diese "Jagd" liest sich ein wenig eigenartig. Denn wer jetzt auf den Häher jagen möchte, tut das nicht mehr aus Freude an der Jagd oder am Naturerlebnis Eichelhäher, sondern "zur Abwendung Land- und Forstwirtschaftlicher Schäden" und zum "Schutz der heimischen Tier- und Pflanzenwelt". Was das wohl ist? Ich wage nicht mir vorzustellen, dass jemand zum Verwaltungsgericht geht und diese Begründung nachprüfen lässt. Schäden in der Land- und Forstwirtschaft kann dem Eichelhäher ohnehin niemand nachweisen, sondern nur das Gegenteil: Seinen hohen Nutzen. Warum und welche Pflanzenwelt man schützen will, ist auch nicht festzustellen. Dass er seit Jahrtausenden auch mal ein Nest leerfrisst, ist unbestritten, aber das machen andere Tiere auch, ohne dass man sie deshalb verfolgt. Nach dem Text der Verordnung genügt das aber auch nicht, denn es muss ja dadurch die Tier- und die Pflanzenwelt geschützt werden. Das mögen Haarspaltereien sein, aber immerhin kosten sie jährlich 20.000 der schönen Vögel das Leben. Nicht etwa um die Natur nachhaltig zu nutzen, wie es das Wesen der Jagd wäre, sondern um die Natur zu manipulieren. Die Art wird sicher auch durch diese 20.000 Eichelhäher nicht gefährdet, und im Durchschnitt schießt auch jeder Jäger in Bayern nur 0,5 Häher im Jahr, so dass auch von einem Massenmord nicht die Rede sein kann. Wenn aber nicht mehr die Kammerjäger und Schädlingsvernichter ihn jagten, sondern nur noch die wirklichen Jäger, die ihn lieben, legal und nach Jagdschein, das wäre sicher besser für diese Vogelart und für das Ansehen der Jäger auch. Denn seine Ethik ist es, die hier gelitten hat, nicht nur beim Eichelhäher, sondern bei seinem Umgang mit vielen anderen Tieren auch, von denen er meint, dass sie ihm etwas wegfressen. Nicht nur beim Eichelhäher steht der Jäger am Scheidewege, denn alleine er selber ist es, der den Fortbestand der Jagd im Jahr 2000 in Frage stellt, denn ein ganzes umweltbewusster gewordenes Volk ist auch kritischer geworden, zu kritisch um faul klingende Ausreden noch für bare Münze zu nehmen.
Eichelhäher sind muntere Vögel, die ich draußen nicht missen möchte, denn ohne sie wären Feld und Wald, Garten und Flur viel öder. Wenn sie beim Flug von einem Wald zu einem anderen frei die Felder überqueren, fliegen sie ruckartig, ähnlich wie Spechte, nur plumper. Im Geäst dagegen sind sie ungemein geschickt und wendig. Sie beherrschen alle Winkelzüge des Verklüftens, besonders den senkrechten Fallflug. 

eichelhaeher.Fall.jpg (65375 Byte)
Eichelhäher im Sturzflug
Sie plumpsen von oben wie kleine Fallschirmspringer auf ihre Eichelbeute. Ich habe großen technischen Aufwand getrieben, um erstmals diesen Fallflug in Ultrakurzzeit-Technik mit 1/50.000 Sekunde Belichtungszeit in vielen Phasen zu fotografieren. Ist die Jagd auf ihn schon schwierig, so ist die Fotojagd es noch viel mehr, und man braucht Vorbereitungen über ein Jahr oder mehrere hinweg, um gute Bilder zu bekommen, denn sie sind misstrauisch und schlau wie Füchse.  Aber man kann sie auch für Rufmordbilder hereinlegen, wenn man sie mit kleinen Eiern ködert. Wer in einer für sie verdächtigen Art durch den Wald schleicht, vor dem warnen sie "räääätsch, räääätsch", "ätsch",
da bin ich eben noch gesessen, und alle anderen Häher wiederholen das Geschrei. Sie warnen vor dem Jäger, aber sie melden ihm umgekehrt auch Fuchs und Marder. Wenn im Lenz der Schnee zurückweicht, dann sind sie beim Vogelkonzert mit dabei. Sie singen leise, plaudernd und unterhaltend glucksend, unterbrochen von einer ganzen Kette miauender und maunzender Laute, in die sie das "Hiäh" des Bussards, das Fiepen des Rehs, das Knarren von Ästen, Quietschen von Schubkarren, das Heulen des Kauzes und der Krähen Sammelruf mischen. Das ist so vielgestaltig, dass man eins ums andere Mal genarrt wird. Im Herbst, wenn der Vogelsang verstummt ist und fast alle fortgezogen sind, Fuchs, Hase und Reh sich schon rar machen, ist der Eichelhäher oft das einzige Geschöpf draußen, das mich über den Winter hinwegtröstet. Wie einsam wäre es ohne ihn und wie kurzweilig wird seine Gesellschaft alleine schon darum, weil es ihn gibt.