Bedr. Vogelarten: Der Neuntöter kommt zurück. Wo der Waldrand noch Hecke ist
Von Wolfgang Alexander Bajohr

Als ich einstmals noch ein kleiner Bub aus der Stadt war, bin ich auf dem Kutschbock hinter den zwei Braunen zur Feldbestellung mitgefahren. Eine tolle Sache für mich, auf ausgefahrenen Feldwegen zu holpern, immer entlang an endlosen Hecken, bis auf den Acker. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass wir damals immer wieder an einem Neuntöter auf seiner Warte ganz nahe vorbeigezockelt sind. Denn der Vogel ist sehr vertraut. Bauernland ohne Hecken wäre damals unvorstellbar gewesen. Neuntöter gibt es auch heute noch im Fünfseenland an verschiedenen Stellen am Rande des Kreuzlinger Forstes, im Ampermoos, am Maisinger See und an verschiedenen kleinen Biotopen.
Durch dessen auffällige Erscheinung hat einstmals fast jeder den Rotrückigen Würger gekannt. So ist er wohl auch zu einer langen Serie von Volksnamen gekommen. Um das Jahr 1900 beschreibt Vogelschutz-Pfarrer Jäckel ihn als häufigen Vogel. Auch Niethammer nennt ihn noch 1937 eine häufige Art.

  

Neben den Hecken gab es noch kleine Feldgehölze und solitär stehende Eichen, Eschen, Birken oder Linden, Schleh- und Weißdornbüsche, zuweilen mitten im Acker. Diese reich gegliederte Landschaft war für den Neuntöter sein Zuhause. Das aber war immer Bauernland.

Jene halboffene Kulturlandschaft unter der Sonne, mit ihren Dornhecken aus Weißdorn und Schlehe, Rose und Brombeere, Pfaffenhütchen und Faulbaum, Berberitze und Holunder, Traubenkirsche und Wildkirsche, Hasel und Wildapfel war für den Neuntöter und noch eine ganze Reihe anderer Vögel und Tierarten die Lebensgrundlage. Einst haben diese das Feld begrenzenden Hecken auch die Wucht austrocknender Winde gebremst und die Gewalt der Unwetter gebrochen.



Ältere Vogelbilder zeigen uns den Neuntöter entweder am Nest mit Jungen oder mit aufgespießter Beute. Ich habe den Vogel in allen Ländern Europas beobachtet, aber noch nie habe ich gesehen, dass er die Beute aufspießt. Weit typischer ist der Vogel auf der Warte, denn er jagt immer von einem Ansitz aus. Mal stürzt er sich auf den Boden, wenn er sie erspäht oder er folgt ihr im Zickzackflug in der Luft nach Art der Fliegenschnäpper. Anstatt von der Warte jagt er zuweilen auch rüttelnd wie ein Turmfalke aus der Luft.

Neuntöter sind Zugvögel, die sehr spät zurückkehren. Nach dem 10.Mai sitzt er plötzlich da. Das Männchen auffällig weiß leuchtend und nicht zu übersehen auf einem hoch stehenden Zweig der Heckenrose. Der Kopf ist hellgrau, rotbraun der Rücken. Flügelspitzen und Schwanz sind schwarz. Durch das Auge geht vom Schnabel her ein schwarzer Strich. Je älter das Männchen, desto schmucker ist ein Rosahauch am Bauch. Wegen seines Hakenschnabels hatte man diesen Singvogel einst zu den "Raubvögeln" gezählt und totgeschossen.

Eine Woche später als er ist auch das Weibchen da. Braun und gesperbert sieht es eher wie ein kleiner Greifvogel aus und sie scheint gar nicht zum schmucken Männchen zu passen. Er aber ist begeistert, ruft "wäht, wäht" und beginnt sein leise schwätzendes raues Liedchen, vermischt mit dem Ruf der Goldammer, dem Zwitschern der Dorngrasmücke, dem Flöten der Gartengrasmücke, ein wenig Heckenbraunelle und einem Schuss Rotkehlchen.


Er verbeugt sich artig und bringt ihr liebenswürdig einen Käfer als Nachweis, dass er eine Familie ernähren kann. Beim Balzspiel zucken beide mit den Flügeln wie bettelnde Jungvögel und schlagen erregt die Schwänze hin und her. Ihr Nest baut das Weibchen alleine. Das Männchen hilft nur ein wenig Material herbei zu tragen. Außen halten es dünne Zweiglein und Wurzelgeflecht, innen sind dünne Haarwurzeln, Halme und dicke Haare verwoben. Eine Woche braucht sie dazu. Es steht sehr versteckt im Gebüsch. Eine weitere Woche braucht sie zum Eier legen.


 

Die sind rundlich und am stumpfen Ende gesprenkelt. Während der 14-16 Tage, die sie brütet, füttert das Männchen sie und auch die ersten Tage nach dem Schlüpfen. Ich habe seine Anflüge gezählt und bin darauf gekommen, dass er an einem Vormittag 300-mal mit Futter kam. Sobald das Weibchen mitfüttert, verdoppelt sich die Zahl der Anflüge. Mittags ist Ruhezeit, aber nachmittags füttern sie erneut. So können die Jungen aus Sicherheitsgründen schon nach 2 Wochen das Nest verlassen. Jetzt kann das Wiesel nur noch Einzelnen gefährlich werden, nicht mehr allen 5-7 Jungen. Im Brutgebiet bleiben sie noch etwa 3-4 Wochen. Schon ab August/September gehen sie wieder auf die weite Reise nach Afrika. Die Beringung hat offenbart, dass sie über Griechenland und Israel fliegen und den gefährlichen Weg über das Meer meiden.



Als Vogel des Jahres 1985 hat auch der Neuntöter die Hecken nicht gerettet. Denn geschehen ist seither fast nichts. Nur weil manches ehemalige Militärgelände verwildert, profitiert er davon. Besonders in der Wifo im Kreuzlinger Forst ist damit eine neue Wildnis aus Menschenhand entstanden. Auch Geisenbrunn hat etliche Neuntöter, und wo die alte Ammer am Südende des Ammersees renaturiert wurde, singt er ebenfalls.