Von Galgenvögeln und Rabenvätern. Je schwärzer ein Vogel, desto verrufener ist er
Von Wolfgang Alexander Bajohr

Unter den vielen Vögeln in unseren Gärten sind besonders die bunten beliebt, die den Frühling mit ihrem Gesang und Gezwitscher aufwecken. Bei denen bedanken wir uns auch damit, dass wir sie den ganzen Winter über füttern, und wir hängen ihnen Nisthöhlen auf. Tatsächlich singen sie aber  nicht, um uns zu danken und auch nicht, um den Herren und Schöpfer zu lobpreisen. Sie haben eher das eigene Weibchen im Sinn, allenfalls noch die Abgrenzung des eigenen Reviers gegen die Konkurrenz des Nachbarvogels.

Wehe aber dem Vogel, der tiefschwarz auf die Welt gekommen ist und auch noch eine hässlich krächzende Stimme hat. Da ruft man gleich nach dem Jäger, der das richten soll, weil schon die schwarze Farbe ein Beweis dafür ist, dass dieser Vogel kleine Vögel und Küken, junge Hasen und Schaflämmer frisst. Selbst mancher Vogelschützer vergisst seinen Auftrag und meint, dass ein so schwarzer Vogel mindestens daran die Schuld trägt, wenn die jungen Kiebitze aufgefressen werden.

Dazu fällt mir eine Sage ein: Einst als der Herrgott die Welt erschaffen hat, konnten die Vögel des Gartens noch nicht singen. Sie saßen alle im Paradies herum und lauschten dem Choral Engel. Dabei haben Amsel, Drossel, Fink und Star und noch viele andere die Ohren gespitzt, die sie damals wohl noch hatten, und sie haben gelauscht und gelernt. Nur die Raben, die Rabenkrähen, Elstern und einige andere passten nicht auf. Weil sie mit den Gedanken nicht bei der Sache waren, wie Eulen, Krähen und Raben, krächzen sie auch heute noch. Wenn wir aber genau hinhören, dann müsste uns jene Mischung maunzender, krächzender und flötender Töne auffallen, denn auch Eichelhäher und Rabenkrähe, Elster und Kolkrabe sind Singvögel.

Es gibt aber nicht viele unter uns, die alle Arten der großen Rabenvogelfamilie richtig auseinander halten können. Doch gerade sie zeigen oft mit dem Finger auf die Rabenvögel. Dabei sind sie die schlauesten Vögel, die wir haben. Rabenkrähen haben zudem von den Müllhalden profitiert und konnten sich darum tüchtig vermehren. Sie haben als Kulturfolger auch sehr schnell erkannt, wann wir nicht im Garten sind. Sie sind so schlau wie der Fuchs, der ebenfalls längst herausgefunden hat, dass es lohnt nachts den Kompost zu durchwühlen.

Rabenkrähen wühlen am Tage weiter und verdienen sich so redlich ihre Kotelettknochen, Spagetti und andere Leckereien. Wer es nicht liebt, dass Krähen über den Rasen schreiten, sich satt essen und Plastiktüten verstreuen, der sollte spätestens jetzt wissen, dass all diese Essensreste nicht auf den Kompost gehören. Wer nur Gartenabfälle entsorgt, der hat auch keine Kostgänger. So einfach ist das Problem meistens zu lösen.

Die Rabenkrähen, sind  besonders kluge Vögel, die rasch entdeckt haben, wie bequem man im Garten leben kann. Sie sind dabei in guter Gesellschaft mit anderen Tieren, die alle die ausgeräumte Feldflur verlassen haben, wo es weder Deckung noch Nahrung für sie gibt. Außerdem brüten in Gärten und Anlagen die Elstern, und im Winter kommen die Heerscharen der  harmlosen Saatkrähen hinzu, die streng genommen gar keine Krähen und auch noch geschützt sind. Unsere Gärten sind aber auch  Überlebensinseln für viele - selbst für die Galgenvögel.

Denn Rabenkrähe und Kolkrabe waren es einst, die Tote auf dem Schlachtfeld, die Gehenkte am Galgen, Geräderte und Gekreuzigte gefressen haben. Davor graut manchen von uns heute noch, aber der Urheber und  Rabenvater war schließlich der Mensch. Nicht besser sind wohl wir, wenn wir den Vögeln die Türe weisen, während sie bei uns nur Futter  suchen. Wir müssen aber wohl zuweilen auch noch lernen, dass eine Rabenkrähe gar kein Rabe ist. (Kolk)-Raben sind deutlich größer, werden viel älter und wiegen doppelt soviel wie eine Krähe, ja oft das Dreifache. Ein Rabe ruft auch nicht „Krah”, sondern „Rab, Rab” oder „Klong”. Er tritt immer paarweise auf, brütet im Forstenrieder Park und an der Isar, kommt aber kaum in die Gärten. Er ist durch seine längere Lebenserfahrung ein ganzes Stück klüger als Krähen.

Nicht immer waren die schwarzen Galgenvögel so unbeliebt wie heute. In einer Fülle von Märchen sind sie verwandelte Prinzen. Sie wissen den Zauberstein zu finden, den der Mensch gerne hätte. Ja selbst auf der Arche Noah waren sie dabei. Damals hat Noah sie als Späher ausgesandt, ob das Hochwasser vorbei sei. Doch weil sie nicht wiederkamen, hat die Sonne sie zur Strafe schwarz gebrannt. Elias aber verdankt ihnen seine Gabe zur Wettervorhersage, denn sie flüstern ihm ins Ohr. Eine sehr alte Sage. Nur ist es dann wieder der Rabe, der den Göttern Odin oder Wotan auf beiden Schultern sitzt und als Götterbote mit in die Schlacht zieht. Bei den Griechen waren die Raben und Rabenkrähen Orakel-Tier.

Krähengesindel oder Hausgenosse?
Drei Wochen brütet die Rabenkrähe auf bis zu 7 Eiern. Wer den Eltern die Arbeit von 4 Wochen Füttern erleichtert und sich ein Junges zahm aufzieht, kann viel Freude an dem klugen Vogel haben. Sie folgen uns wie ein Hund, doch Krähen klauen wie die Raben und lernen sprechen wie ein Mensch. Auch wundern wir uns, warum wohl manche Jäger Jahrzehnte lang einen Vernichtungsfeldzug gegen die schwarzen Vögel führten. Um Krähenbraten ging es dabei wohl nicht, denn der soll nicht besonders schmecken. Manche Niederwildjäger meinten, dass es richtig sei, die Natur zu korrigieren. Mit Gift und Schrot verfolgten sie die Krähen, immer in der guten Absicht den Hasen, Rebhühnern und Fasanen zu helfen. Dass dies ein Irrtum war, beweist jetzt neuerdings ein Gutachten der Professoren Helb und Martens von den Universitäten Mainz und Kaiserslautern.

Denn Rabenkrähen leben ganz anders als viele von uns meinen – und die ostdeutsche Rasse, die Nebelkrähe ebenfalls. Ihre Hauptnahrung sind zu 83,4 % Gliederfüßer, davon 78,4 % Insekten und davon 45,2% Käfer. 7,6 % sind Regenwürmer,  5,2 % Getreidekörner und 1,7 % Wildkrautsamen. Wirbeltiere, vor allem Feld- und Wühlmäuse sind zu 0,5 % in der Beute. Reste von Niederwild konnten nicht nachgewiesen werden, und nur 0,1 % waren Vogeleier und Jungvögel. Rabenkrähen sind also gar nicht die Eierdiebe, für die wir sie bisher gehalten haben.

Die angeblichen Schäden in der Land- und Forstwirtschaft, vor allem an Schafen waren unbewiesene Sensationsmeldungen aus der Presse. Der Interessenkonflikt zwischen Naturschutz und Landwirtschaft, aber auch mit den Jägern entbehrt damit jeder Grundlage. Zweifelsfrei hatten offene Mülldeponien die Vermehrung der Rabenkrähe begünstigt, aber es gibt kaum noch solche Deponien. Wir kommen also nicht umhin zu erkennen, dass die schwarzen Raben und Rabenkrähen keine politische Wegwerfware mehr sind, die man bekämpfen muss. Für die Biologen besteht kein Zweifel, dass durch eine Reduktion von Rabenvögeln für gefährdete Arten kein wirksamer Schutz zu erzielen ist, und sich die Zahl der Singvögel nicht erhöht.

Was für alle Mitgeschöpfe fehlt, sind die noch immer schrumpfenden Lebensräume, die das Konzept Natura 2000  fordert, das die Grundlage der FFH-Richtlinie ist. Es ist zu einfach nach dem Jäger zu rufen, damit er die Rabenkrähen totschießen soll, was er in unseren Gärten und Grünanlagen ohnehin nicht darf, weil das beruhigte Zonen sind. Es ist sicher ungefährlich für den Fortbestand der Art, falls jemand sich leidenschaftlich danach sehnt Krähenragout zu essen. Dass die Mehrzahl der Jäger längst aufgehört hat Krähen zu bekämpfen und kein Interesse an Rabenkrähen hat, spricht immerhin sehr für die Einsichtigen. Es hat sich hier wieder einmal gezeigt, dass wir die Natur nicht korrigieren müssen. Freuen wir uns also über den Besuch der Rabenkrähen in unseren Gärten. Wir sollten Freude haben an dem zutraulichen und klugen Vogel, der einst extrem scheu war, heute aber zuweilen aus der Hand frisst.

Wenig Einsicht beim Umweltminister
Jedenfalls hatte der Herr Minister ein offenes Ohr für die ewig Gestrigen, als man die Aufnahme der Rabenvogelarten in den Anhang 2 der jagdbaren Arten aussetzte. Er entdeckte die Liebe mancher Jäger zum Totschießen von Eierdieben und sie bemerkten es erst, als das Kind schon im Brunnen lag. Sie haben sich auf den im Schrank hängenden Lodenanzug besonnen. Und haben sich auf die Couch gelegt und auf die alte neue „Hegemaßnahme“ besonnen. Dabei ist unbedeutend, dass die Vögel derzeit in unseren Hausgärten mit Rattengift und Schlagfalle bejagt wurden, aber nicht mit Schießgewehr.
Ihnen zur Ehre sei gesagt, dass schon vor der EU-Vogelschutzrichtlinie die Krähenbejagung stark rückläufig war. Dennoch hat man lautstark gefordert was man gar nicht wollte: die Krähe stärker bejagen. Die Zurückhaltung hat schließlich die Krähen zahmer gemacht und ihr Fluchtabstand ist auf wenige Meter gesunken. Rabenkrähen auf 200 m mit der Kugel zu schießen, ist eine Dummheit, die ich inzwischen längst nicht mehr mache, denn den Kindern fressen die zutraulichen Vögel auf dem Schulhof das Pausenbrot aus der Hand.

Zugegeben, bei gefährdeten Arten können die Raben zuweilen zum Problem werden, wenn sie die Nistflöße mit Flussseeschwalben aufsuchen wollen, und vor allem die Junggesellengruppen Kiesinseln systematisch nach dem  Gelege von Flussuferläufer und Flussregenpfeifer absuchen. Immerhin sieht die Rabenvogelverordnung eine Schonzeit vom 15.3. bis 15.7. vor, damit die Jungen nicht verhungern. Ich möchte aber daran erinnern, dass der längst überfällige Entwurf für ein neues Jagdgesetz ein Totschießen von  Rabenvogelarten nicht vorsieht.

Es ist letztendlich nur moralisch ein Tier zu bejagen, das man hinterher auch nutzt. Man kann nicht alleine um des Tötens willen mit Hochrasanzmunition auf Krähen schießen, die das Tier regelrecht explodieren lassen, so dass es in tausend Fetzen zerrissen wird, und es Mühe macht noch Restfetzen zusammenzusuchen, um sie auf dem Kompost zu entsorgen.

Gewiss wollen wir nicht alleine Krähen erhalten, sondern auch Flussregenpfeifer und Kiebitze. Die Krähe ist ein kluger Vogel, der bald begreift, wenn es erhöhten Jagddruck in ihrem Brutgebiet gibt, und sie weicht dorthin aus, wo man sie in Ruhe lässt. Das klappt aber nur, wenn man in den Ruhezonen die Krähen gewähren lässt. Das setzt Zusammenarbeit von Jägern und Vogelschützern voraus. 

Der LBV hatte einen alternativen Vorschlag, der die bisherige Rabenvogelverordnung ablösen sollte. Er empfahl als sachgerechten Kompromiss: Hahn in Ruh für Elstern im Ortsbereich und für den Eichelhäher, weil der den Wald pflanzt. Verstärkten Jagddruck aber in Brutgebieten gefährdeter Arten. Jagddruck muss nicht unbedingt Töten bedeuten, und man muss auch die Rabenkrähen vom 15.3. bis 15.7. am Nest in Ruhe lassen. Das gilt umso mehr, weil Krähenpaare die lästigen Junggesellen-Rudel unter Druck halten und aus dem Brutgebiet vertreiben. Wir müssen lernen, mit der Rabenvogelverordnung zu leben. Dazu gehört aber nicht nur guter Wille beim Jäger, sondern auch Einsicht im Umweltministerium.

Siehe auch Schwarze Gesellen - Mythen, Meinungen und Fakten zu den Rabenvögeln