Wer schimpft wie der Rohrspatz? Spatz im Halmenwald ist die Rohrammer!

Fotografiert und beobachtet von Wolfgang Alexander Bajohr

Rohrammern sind unscheinbare Vögel, die dem Haussperling ähnlich sind. Aber sie sind gar keine Spatzen, sondern Ammern, eben Rohrammern. Dass der Vogel zu seinem Spitznamen kam, liegt an seinem endlos schwätzenden Gesang. Den trägt er vor während er sich an die hohen Schilfhalme im Schilfwald klammert und schier endlos singt. Doch genau genommen ist dieser Gesang recht langsam und monoton. Daneben ruft er aber auch noch gedehnt und langgezogen „zieht“ oder gedämpfter „psö“ und auch aggressiv „tschrrrrrrrrrrrje“. Dabei wippt er dann mit dem Schwanz, ehe er in der doch recht eintönigen Vegetation untertaucht.

Sein Flug ist immer etwas ruckartig. Es sind meist ganze Schwärme, die gemein-sam auf Nahrungssuche umherstreifen oder ihre Warten an den Schilfhalmen ansteuern. Unterseits sind Rohrammern leicht hellgrau mit brauner Längsstriche-lung der Flanken. Der kohlschwarze Kopf des Männchens kontrastiert deutlich zum weißen Kragen. Merkmal ist auch ein schwarzweißer Bartstreif, ähnlich dem der Bartmeisen. Im winterlichen Schlichtkleid sind sie weniger kontrastreich gefärbt, und sie haben einen hellen Überaugenstreif. Wie schon der Name andeutet, leben Rohrammern verborgen im Schilfwald, und da sind sie gegenüber dem Beobachter oft überempfindlich. Nur in guter Deckung kann man nahe an sie herankrabbeln. Ihr Lebensraum, der Schilfwald, steht in der Regel immer nahe am Gewässer. Doch suchen sie auch die Deckung in Getreideflächen, Raps und Brennesselfeldern.

Hauptnahrung sind alle Arten von Sämereien der Gräser und auch Schilfsamen. Doch nehmen sie auch kleine wirbellose Tiere, Insekten, Schnecken und Würmer. Die Jungen und die Weibchen sind im Winterkleid etwas heller als die Männchen.

Ihr wesentliches Brutgebiet finden sie im 5-seenland in der Ufervegetation dieser 5 großen Seen und am Maisinger See sowie an den Ufern unserer großen Flüsse. In ganz Deutschland sind Rohrammern fast flächendeckend verbreitet, und doch kennt sie kaum jemand. Im Brutgebiet treffen vor allem die Männchen sehr zeitig im Frühjahr ein, meist schon im Februar und März. Die Weibchen erreichen ihr Brut-gebiet etwas später. Darum sind es die Männchen, die frühzeitig schon ihr Brutgebiet gegen andere Paare abgrenzen. Das Nest wiederum bauen überwie-gend die Weibchen. Das ist aus Gras, Seggen und ähnlichem Pflanzenmaterial. Es wird napfförmig gebaut und mit zarten feinen Gräsern gepolstert. Bald liegen dann 4 bis 5 Eier darin. Diese sind ganz auf Tarnung ausgerichtet. Ja die Zeich-nung ist eine perfekte Camouflage. Daher sind die Eier der Rohrammer einzigartig. Mit 300.000 bis 380.000 Varianten lohnt es sich für den Kuckuck nicht, sie nach-zumachen und damit zu publizieren. Weil der Kuckuck bei der Rohrammer so erhebliche Schwierigkeiten hat, bleiben Rohrammern vom Kuckuck weitgehend verschont.

Profitierend von den großen Flächenstilllegungen hat der Bestand der Rohr-ammern bis etwa zum Jahr 2000 erheblich zugenommen. Doch jetzt ist er wieder rückläufig, da die Lebensraumverluste in den Feuchtgebieten so dominierend sind. Nur dort, wo durch Schutzmaßnahmen Verlandungsflächen oder Teichan-lagen in Feuchtgebieten neu geschaffen wurden, geht es aufwärts. Nur dort wo Rapsanbau und Mais zur Energiegewinnung den Vorzug haben, wird der Rohr-ammer gezielt ausgerottet. Immerhin war die Hälfte des Gesamtbestandes auf

 

 

 

Agrarflächen ausgewichen. Diese Flächen werden jetzt den Vögeln wieder weggenommen. Empfindlich reagiert die Art auch auf klimatische Kapriolen. Die Rohrammern neigen dazu, sehr früh im Frühling ins Brutgebiet zurückzukehren. Da hat ein schneereiches Frühjahr natürlich einen stark negativen Einfluss. Wo hingegen zur Verhinderung von Überschwemmungen Ausgleichsräume für den Wasserrückstau entstehen, profitiert auch die Rohrammer davon.

Wenn der Wind morgens im Halmenwald flüstert, ist das in der Morgenstunde die Zeit der Rohrammern. Sie verdrängen die Schatten der Nacht und erfüllen den Morgen mit ihrem Gruß singend, während sie an den Schilfrohrhalmen umherklettern. Dann schäckern in den Weiden die Elstern. Kiebitze rufen und jauchzen und gaukeln durch die Luft. Bekassinen meckern hoch am Himmel bei jedem Sturzflug. In den Wiesen leuchten gelb die Sumpfprimeln und die gelben Wasserschwertlilien, in deren Blüten die Hummeln brummen. Einer aber überbietet den Chor der gefiederten mit dem Gesang. Es ist der Chor der Rohrammer. Wo hingegen Wiesen trockengelegt werden, verstummen selbst die anspruchlosen Rohrammern.

Wolfgang Alexander Bajohr