Ammersee/ Bedrohte Vogelarten: Saatkrähen,  ihr Krach macht die schwarz
beschwingten Müllmänner unbeliebt 
von Wolfgang Alexander Bajohr

Saatkraehen.verliebt.jpg (37548 Byte)
Verliebte Saatkrähen

Rook ist ein riesengroßer Vogel. Wenn er mit vielen seiner dunklen Gefährten auf schmalen schwarzen Schwingen leicht und behände durch die Lüfte gleitet, rudert er selbst bei starkem Sturm so kraftvoll schlagend dagegen an, dass ich nur Achtung vor dem Vogel haben kann. Auch wenn er auf die Wiese einschwenkt, sich senkrecht gegen den Wind stellt und sanft aufsetzt, flößt er Respekt ein, denn er ist fast einen halben Meter lang. Neben ihm hat seine Frau aufgesetzt, und

der flüstert er liebevoll quarrend Freundlichkeiten ins Ohr, die für manche Menschen nur ein hässliches Krächzen sind. Sie sehen auch nicht die Schönheit des mächtigen Vogels, der für sie nur ein Rab’  und damit ein Schädling ist, der nebst Anverwandten nichts anderes im Sinn habe, als Lärm zu machen und die Jungen der Singvögel zu fressen. Für Rook ist das Dummheit, denn er ist ja selber ein Singvogel, und das nicht nur nach Meinung seiner Frau, sondern ganz offiziell nach dem Vogelbuch. Dann müsste man die Amsel ja auch zu den Rabenvögeln zählen, denn die ist viel schwärzer als er, und ihr wunderschönes Flötenlied kann morgens auch ganz schön lästig sein, wenn jemand schlafen will.
Als die Sonne durchbricht, da wird der Rook erst richtig schmuck. Wer jetzt sein Fernglas hebt und ihn genauer ansieht, der muss staunen, wie wunderschön bunt der sonst so schwarze Vogel ist, denn in vielen metallischen Farben schillert sein Gefieder als habe ein Goldschmied es entworfen. Mit wechselndem Farbenspiel erfreut Rook den Vogelfreund. So schrieb schon Löns: "Ein blankes Krähenpaar auf der grünen Aprilsaat, der gelben Auguststoppel oder einem weißen Schneefeld, ein Krähenflug, der unter dem blaugrau und rosenrot getönten Abendhimmel dahinzieht, der zärtliche Balzruf der Krähen im kahlen Vorfrühlingswald, ihr Krächzen im sturmzerzausten Herbstwalde, das alles gehört zur deutschen Landschaft. Behalten wollen wir sie in der Landschaft, die blanken klugen Krähen, Deutschlands interessanteste Großvögel."

Rook versteht die Welt nicht mehr
Wenn die Nachtigall ihr Liebessehnen in der Mondnacht flötet, schluchzt und schlägt, dann hat man ihr Gedichte gewidmet und Musikkompositionen. Vom Frühlingsflöten der Amsel, da schwärmen sie, obwohl der Vogel sie lange vor dem Weckerrasseln weckt. Und das Tirilieren der Lerche ahmen sie mit Geigen nach und bauen sie in die Poesie des Himmels ein. Rook versteht die Welt nicht mehr, denn auch er ist ein Singvogel, der seiner Angebeteten ein Liebeslied singt, wenn auch ein ganz bescheidenes. Rook übt schon im Vorfrühling auf seiner Singwarte und sorgt für Kurzweil. Früher habe ich geglaubt, dass Krähen nur harsche, harte, krächzende Stimmen haben. Heute weiß ich, wie sanft und zärtlich sie reden. Auch wenn seine Frau ganz alleine auf den Eiern brütet, hockt Rook mit eingezogenem Kopf daneben. Ein wenig gluckernd und krächzend klingt sein Stakkatolied, aber er hat halt nichts anderes gelernt als "Krah" in verschiedenen Tonlagen und jene Sammlung von zärtlichen gutturalen Lauten, die nur seine Frau versteht. Und weil nun Rook sein Nest immer in Gesellschaft mit anderen baut und, aus einem Schutzbedürfnis heraus, auch immer in der Nähe von Menschen, denen er traut, geht denen zuweilen das ewige dezente Geplärre auf die Nerven.

Bei uns ist das noch harmlos, infernalisch war es einst, als es die großen Brutkolonien mit bis zu 2000 Paaren noch gab. Aber diese Zeit ist hier längst vorbei. Erst in der Summe wird das dezente "Krah, krah" zum Schmerz, der Ohrennerven fast betäubt. So große Kolonien gibt es in Deutschland nicht mehr. Aber auch wenn in Mecklenburg heute noch 400 Saatkrähenväter gleichzeitig und sanft "Krah, krah" sagen

Saatkraehen.schwarm.jpg (39909 Byte)
Saatkrähenschwarm

und 400 Ehefrauen sanft und leise "Gahk, gahk" antworten, ist das schon eine Sache, die sich kaum einer vorstellen kann. Jedes Paar zankt mit dem benachbarten um Baumaterial fürs Nest, weil Zweige einer ganz bestimmten Größe bei so vielen Vögeln ein Wertgegenstand sind. Und wenn einer nicht aufpasst, dann stiehlt ihm der Nachbar die Zweige unter dem Hintern weg und gibt seinen Kommentar dazu. Auch der Bestohlene plärrt und krächzt. Wenn bei einer Störung die Wolke schwarzer auffliegender Vögel die Sonne verfinstert, dann steigert sich ihr kollektiver Gesang zu einem infernalischen Krach, der sich verdreifacht, wenn die Jungen geschlüpft sind und die Eltern um Futter anbetteln. Sie rufen noch nach Sonnenuntergang, und sie beginnen zu singen, ehe die Sonne sich wieder erhebt. Nur in der eigentlichen Nacht ist Ruhe, und natürlich, wenn die Brutzeit vorbei ist. Das geht schnell. Denn knapp drei Wochen brüten sie, und weitere 3 Wochen füttern sie ihre Kinder. Dann ist Ende mit dem Krach, der nur in den Riesenkolonien wirklich unerträglich ist.

Saatkrähenvater Rook ist jetzt 20 Jahre alt, das lässt sich an seinem Aluminiumring ablesen. Weil er in dieser kleinen Kolonie, in diesem kleinen Wald, inmitten von Kulturlandschaft und Ort großgeworden ist, weiß er, dass es immer schon eine ganz kleine Kolonie war, mit nicht mehr als 30-40 Horsten. Ganz genau hat man sie in den dichten Fichten niemals zählen können. Zusammen mit einer ebenso kleinen Kolonie bei Haar/Ottobrunn, sind es die einzigen brütenden Saatkrähen im Großraum München. Mehr als 1500 Brutpaare gibt es in ganz Bayern nicht. Mit einem Paar pro 5500 Einwohner sind Saatkrähen noch seltener als der seltene Brachvogel. Darum hätten die Gilchinger stolz auf ihre Saatkrähen sein können. Aber es hat immer schon empfindliche Leute gegeben, die nach der Feuerwehr rufen oder nach dem Jäger. Aber seit 1980 stehen diese Vögel unter Naturschutz und 1986 sind sie gar als Vogel des Jahres ein Symbol für bedrohte Arten geworden, denn in manchen Gebieten sind sie ausgestorben, in anderen auf 1/10 bis 1/20 des alten Bestandes zurückgegangen. Mit dem Absterben der alten Fichten und Ausweisung des Geländes als Baugebiet, verschwindet auch die Kolonie in Gilching.  Die Vögel ziehen um nach Hechendorf am Pilsensee.

Profitiert haben sie bei uns von der Kultursteppe des Flughafens aber auch vom weichen Moorboden im Teggermoos. Ihr Wald war so klein wie sie es gerne haben, und die Autobahn hat sie so wenig gestört wie die Häuser der Siedlung, die immer näher herangerückt sind. So mancher Baum wurde umgesägt, denn Wald wurde Baugrund. Mancher Horstbaum stand auf einmal mitten im Garten, weil die Menschen sich inmitten dieser Kolonie angesiedelt haben. Hernach staunen sie nicht schlecht, wenn der ganze Plastikmüll, Bindfäden und Papier, die Saatkrähen in der Landschaft zusammenlesen und in ihre Nester einbauen, von oben auf Dächer und Gärten herabrieselt. Aber die Vögel haben das Plastikzeug ja weder erfunden noch fortgeworfen, und sie haben sich mit den Menschen trotz ihres älteren Wohnrechtes arrangiert und haben die Siedler geduldet, trotz deren Stereoanlagen. Ihr Verderben waren erst die umgesägten Horstbäume. Schlimmer noch war, dass der Sturm auch noch den Rest umgeknickt und der Borkenkäfer sie zum Absterben gebracht hat. Da haben sich die meisten Saatkrähen neue Horstbäume suchen und ganz neue Nester bauen müssen. Die aber stehen in Hechendorf in einem neuen kleinen Wald. Hier müssen Menschen erst lernen, dass bedrohte Vögel auch ein Lebensrecht haben. Jene 6-8 Wochen bleibt den Menschen nur die Wahl, sich mit ihnen anzufreunden oder die Ohren zuzustopfen. Der Jäger, nach dem auch hier gerufen wird, kann nicht helfen, denn er würde seinen Jagdschein verlieren, weil diese Vögel nicht dem Jagdrecht unterliegen, sondern unter Naturschutz stehen.

Eine Krähe, die eigentlich keine Krähe ist
Rook ist allerdings auch der Meinung, dass er gar keine Krähe ist, sondern sich von dem "Gesindel" gründlich unterscheidet. Für ihn spricht nicht nur sein buntes Gefieder, sondern auch sein Speisezettel. Für seinen unglücklichen Namen Saatkrähe kann der Vogel nichts, denn der ist fast Rufmord. Auch die Ornithologen weisen auf viele Unterschiede hin, die Saatkrähen von echten Krähen unterscheiden, und so heißen Saatkrähen in anderen Staaten der EU nicht Krähe, sondern Rook, Roek... etc. So hat auch der Vogel dieser Schilderung seinen Namen Rook bekommen. Rook isst keine Vögel, nicht ihre Eier und auch keine Junghasen. Eigentlich sollten die Bauern ein Denkmal für ihn bauen, weil er sie von Feldmäusen und Schadinsekten befreit, und das ganz ohne Chemie.

Rook ist ein stolzer Vogel, und wenn er mit wiegendem Gang über die Wiesen schreitet, schaut er aus, als hätte er Schlotterhosen angezogen. Sein ganzes Federkleid wirkt drei Nummern zu groß, denn es hängt mit seiner ganzen Konstruktion ein wenig schlapp herab. Im Flug sind Saatkrähen schlanker und die Flügel sind schmaler, der Schwanz ist runder als bei Rabenkrähen. Sie schlagen kräftiger und auch elastischer mit den Flügeln und segeln häufiger. Am deutlichsten unterscheiden sie sich durch den Schnabel. Bei Saatkrähen ist er lang und spitz, und weil sie ihre Nahrung unter der Erde suchen, ist am Ende beim Gesicht kein Federkleid. So steht ihnen die Art des Broterwerbs schon ins Gesicht geschrieben. Wer sie ohne Vorurteil betrachtet, muss sie achten.

Mit seiner Frau lebt Rook in Dauerehe für ein ganzes Vogelleben, und wenn sie nicht gerade brütet, sind beide stets zu zweit unterwegs. Drei Dinge sind es noch, die Rook besonders schätzt: einen Lebensraum mit reichlich Nahrung, hohe alte Brutbäume wo man ihn in Ruhe lässt und eine weite übersichtliche Kultursteppe mit weiter Rundumsicht. Kombiniert man das, dann will er keinen Wald, sondern kleine Feldgehölze und Wiesen mit weichen feuchten Böden. Damit ist Rook Kulturfolger. 

saatkraehe.paar.jpg (58600 Byte)
Saatkrähenpaar

Eine Mülldeponie im Wald meidet er. In offener Landschaft stürzen sie sich scharenweise drauf. Ihr Leben und Brüten im Sozialverband hat viele Vorteile. Darum will er Gesellschaft, weil viele Augen mehr sehen, als nur vier. Und Feinde lassen sich gemeinsam besser vertreiben. Viele Tiere verständigen sich auch über Futtervorkommen, und sie nutzen es gemeinsam besser, weil immer jemand aufpasst und warnt. Saatkrähen sind sozial hoch entwickelte Vögel, die ihr ganzes Verhalten und ihre Neigungen auf das Gemeinschaftsleben abstimmen, auch auf der Winterreise und in der Brutkolonie.

Anfang März, wenn die Sonne Kraft gewinnt und die Tage länger werden, verspürt Rook ein seltsames Sehnen und beginnt seine Ehefrau zärtlich zu umwerben. Das ganze Jahr über suchen sie gemeinsam Futter und schlafen dicht gedrängt auf dem gleichen Ast. Sie reisen gemeinsam in den Winterurlaub, und nun bessern sie gemeinsam ihr altes von den Winterstürmen zerzaustes Nest aus. Mehr als sonst kraulen sie sich mit dem Schnabel. Er sagt zärtlich "krah" und sie "groh". Manchmal sitzt er auch auf dem Nachbarhorst, entfaltet den Schwanz zu einem Rad wie ein Auerhahn, lässt die gelifteten Flügel herabhängen, streckt den Hals weit vor und singt. Er fliegt zu seiner Frau, und das Spiel wiederholt sich. Streckt er den Hals vor, reckt sie ebenfalls den Hals, und die Schnäbel berühren sich zärtlich. Sie duckt sich, zuckt bettelnd mit den Flügeln, spielt Kind und sagt ganz hell "kruu, kju". Sie bettelt Rook an, und manchmal füttert er sie dann richtig, zuweilen spielt er das auch nur. Bald fliegen sie auf das Nest, und paaren sich dort. Selbst während des Brütens, zuweilen, wenn er sie füttert, verpaaren sie sich immer mal gelegentlich. Vorher verbeugt er sich, spreizt den Schwanz und singt.

Normaler Weise bessern sie ihre alten Nester aus. Sind die herabgeweht, oder muss die Kolonie umziehen, weil die Horstbäume weg sind, pflücken sie sich neue Zweige von den Bäumen. Sehr gerne stibitzen sie sich aber auch gegenseitig das Baumaterial. Fertige Nester sehen wie lockere Reisighaufen aus, die mit Grasbüscheln, trockenem Mist, Moos, Erde, Papier- und Plastikmüll ausgepolstert sind. Nachbarn beachten sich kaum, auch nicht wenn Rook nebst Frau auf dem Nestrand hockt und sie im Rufduett lärmen. Gegen fremde Vögel verteidigen sie den Nestbereich. Aber für manchen Vogel ist so ein Krähennest wichtig. So brüten dort Waldkauz und Waldohreule, oder Turmfalken, die keine eigenen Nester bauen können. Zuweilen siedeln sich auch Reiher an. Keine Baumart wird bevorzugt, und sie wechseln auch von einer auf eine andere. Nur sind bei uns die Nester immer sehr hoch. Ich sah sie in Schweden neben Tankstellen mit viel Betrieb in nur 5 m Höhe, und in Russland haben sie am Boden in einem Schilffeld gebrütet.

Saatkraehe.jung.jpg (42370 Byte)
Junge Saatkrähe

Ihre 3-6 Eier legt Frau Rook im Abstand von 2 Tagen und brütet oft vom 1. Ei an zeitweise und vom letzten Ei an ständig. Wenn sie für einen Bewegungsflug vom Nest geht, passt er derweile auf. Nach 16-20 Tagen schlüpfen die Jungen, und die werden nach 28-30 Tagen flügge. Natürlich sagen auch die Kinder schon "kroh", aber viel gequetschter, bettelnder und drängender, dass es zuweilen an Eichelhäher erinnert. 

Manche zerschellen vor dem Ausfliegen unter dem Horst, andere fängt tags bald danach der Habicht oder nachts der Uhu. Die Eltern führen sie zwar in das feindliche Leben ein, aber nur 1/3 überlebt. Weil sie erst mit 2 Jahren geschlechtsreif werden, finden sich Jungvögel in Junggesellengemeinschaften mit bis zu 200 Vögeln zusammen. Die schlafen in der Nähe der Brutkolonie und sind besonders zum Lärmen aufgelegt.

Bauern sollten Rook ein Denkmal setzen
Tagsüber durchstreifen Saatkrähen paarweise die Umgebung ihrer Kolonie. Oder ein ganzer Schwarm rückt auf die umliegenden Wiesen aus. Feuchte weiche Wiesen sind ihnen am allerliebsten. Wo Menschen Wiesen umbrechen, um Maisäcker daraus zu machen, müssen Saatkrähen auf die Felder ausweichen. Da gibt es zuweilen dann Schaden an frisch aufgegangener Saat oder herausgepickten Körnern. Auf Wiesen gibt es niemals Schaden. Aber selbst im Umfeld von Großkolonien mit mehreren hundert Paaren ist nie mehr als 0,5 % der Saat ausgefallen, wie Biologen untersucht haben. Aber es ist müßig zu streiten, ob sie nützlich oder schädlich sind.

Die Saatkrähen bezahlen den Schaden den sie anrichten tausendfältig, weil sie mehr Feldmäuse und Schadinsekten vertilgen, als sie Schaden stiften. Schon in Zeiten vor der chemischen Schädlingsbekämpfung erkannte man, dass der Nützling Saatkrähe eine Massenvermehrung von Schädlingen mit sehr hohen Ernteausfällen biologisch verhindert. Weil man Gewölle und den Mageninhalt untersuchte, weiß man ganz genau, was sie essen. 

Saatkraehe.acker.jpg (33332 Byte) Saatkrähe.Acker

Das sind Feld- und Wühlmäuse, Drahtwürmer und Engerlinge, Getreidekäferlarven, Erdraupen, Schnecken, Rüsselkäfer, Dung- und Schildkäfer, Ohrwürmer, alle Arten von Heupferden und Maulwurfsgrillen, Feldwanzen, Kohlschnaken, aber auch mal ein Fröschlein.

Ihre Schnäbel sind Spezialwerkzeuge
Ein Beobachter hat mir erzählt, dass die schlauen Saatkrähen auf einem abgeernteten Maisfeld eingefallen sind, wo sie die Raupen des Maiszünslers entdeckt hatten, die sich in die Maisstoppeln zurückziehen. Um an diese Beute zu gelangen, müssen sie ihre ganze Kraft aufwenden und die Stoppeln mit dem Schnabel zerschlagen. Eine auch für diese großen Vögel mühevolle Arbeit, an deren Ende der Lohn von nur einer oder zwei fetten Raupen winkt. Sie wissen aber stets genau, welche Stoppel besetzt ist und welche nicht, denn immer hatten sie Erfolg.

Bevorzugt sucht Rook seine Nahrung unter der Erde, ganz im Gegensatz zur Rabenkrähe, die sie obenauf sucht und bis zu 30 % ihrer Nahrung auch aus Eiern und Jungvögeln bestreitet. Das darf man nicht der Saatkrähe anlasten, die überwiegend von Pflanzen, den aufgezählten Kleintieren und allerhand Abfall lebt. Auch Rook ist ein Generalist, der sich auf den Mülldeponien liebend gerne mit Gummiringen vollstopft, obwohl er die gar nicht verdauen kann. Doch die Jungen zieht Familie Rook vorzugsweise mit der eiweißreichen Insektennahrung auf. Nur im Umfeld von Mülldeponien stiften Saatkrähen, nach Untersuchungen, auf den Feldern verstärkt Schaden. Zwar kennt man nicht den Grund, aber Betreiber von Deponien sind wiederholt zu Schadenersatz verurteilt worden. Mag sein, dass sie die Wintervögel vermehrt anlocken.

Die schmalen spitzen Saatkrähenschnäbel haben an der kahlen Schnabelwurzel keine Federn. Die würden sich auch abnutzen, wenn die Vögel dauernd unter der Erde herumgraben, um Samen und Beutetiere aufzuspüren. Die spitze Pinzette ist hervorragend, wenn es gilt aus schmalen Spalten etwas herauszuziehen. Rook stößt seinen Schnabel in die Erde und pflügt voranschreitend knabbernd den Boden durch. Oder er stößt ihn in das Mäuseloch und pflügt dann rüttelnd den Gang auf, bis er im Nest mit den leckeren rosa Mäusebabys landet. Beim Ackern spreizt er den Schnabel etwas und eggt dann lockernd mit drehenden Bewegungen die Erde, was sicher eine sehr anstrengende Methode ist. Darum lieben Saatkrähen auch lockere feuchte Böden, und sie leiden nicht im Winter Not, sondern im Sommer, wenn die Erde steinhart austrocknet. 


Saatkrähe

Dann kann man nur noch Hälmchen für Hälmchen mit dem Pinzettenschnabel aufheben und schauen, was darunter sitzt oder liest Körnchen und kleine Beutetiere von der Oberfläche ab. Saatkrähenschutz heißt also: Blumenwiesen erhalten. Wenn am Morgen die Wiesen voller Reif und Tau sind, könnte Rook auch im warmen Boden erfolgreich nach Beute graben. Dann aber wandelt er gerne würdevoll schreitend durch das nasse hohe Gras, um kältestarre Insekten einfach von den Gräsern abzupicken.

Saatkrähen auf der großen Winter-Reise
Kaum eine andere Vogelart macht das Phänomen des winterlichen Vogelzuges so bewusst wie die Saatkrähe. Die Vögel sind nicht zu überhören, denn das "Krah krah" mischt sich mit dem "Jack, jack" der im Zug mitziehenden Dohlen. Großen Heerscharen gleich, überfluten sie auch den Großraum München. Das eindrucksvolle Schauspiel vom Zug der oft gleichzeitig fliegenden 10.000, in manchen Jahren auch 25.000 Saatkrähen, kann überwältigend sein. Und weil die Partner vor dem Einschlafen miteinander reden, verstärkt sich der Lärm an dem Hauptschlafplatz in der Aubinger Lohe zu einem Orkan. Dieses Massenauftreten ist für uns verwirrend, denn warum soll der Vogel selten sein? Doch im Münchner Raum gibt es nicht einmal 100 Brutpaare. Sie ziehen im Winter ebenfalls fort, nicht weiter als längstens 400 km nach Südwesten. 

Die uns besuchenden Wintergäste haben aus Osteuropa 1500 km hinter sich, jene aus den russischen Steppen sind gar 3000 km weit angereist. Sie ziehen dann 2500 m hoch mit mehr als 50 km/h Reisegeschwindigkeit als eine schwarze Wolke unendlich vieler Vögel. Hier überwinternde Gäste ziehen morgens vom Schlafplatz in breiter Front unter 300 m Flughöhe westwärts auf die Felder im Teggermoos bei Gilching, in das Ampermoos und westwärts zum Lechfeld und darüber hinaus. Abends kehrt sich der Zug um, und sie streben Zwischenrastplätzen bei Freiham zu und dem Aubinger Friedhof. Ganz schlaue, die den Tag in den nahrhaften Anlagen in München verbrachten, sammeln sich im Nymphenburger Park. Wenn dann die Abendsonne ihr schillerndes Gefieder vergoldet, erheben sich auf einmal alle und streben dem Hauptschlafplatz zu. Erst wenn es dunkel wird, herrscht dort Ruhe, und diese Ruhe brauchen sie, denn jedes Auffliegen kostet in der nahrungsarmen Zeit unnötig Energie. Wenn auch bei uns tiefer Schnee fällt und klirrende Kälte einsetzt, zieht die Mehrzahl westwärts in mildere Gefilde. Nur jene, die sich mit den Menschen angefreundet haben und an bestimmten Plätzen Gemüsereste, Kartoffeln und Reis vom Mittagessen abbekommen, bleiben hier, solange die Tierfreunde Spaß an den putzigen und zutraulichen Vögeln haben. Für den Artenschutz mag das bedeutungslos sein. Es hilft auch nicht unseren Brutvögeln, aber es ist immer ein kleines Glück für jene, die Zwiesprache zu einem Wildtier suchen.

Spätestens im März ziehen alle in ihre Brutgebiete zurück. Während die noch ins ferne Russland fliegen, ist auch Rook mit seiner Frau längst wieder in der Kolonie, und er singt ihr von seiner Singwarte sein Frühlingslied vor. Wir müssen nur lernen, dass Saatkrähe nicht gleich Saatkrähe ist, dass also trotz des Massenansturms im Winter, unsere wenigen Brutvögel bei uns eine seltene und bedrohte Art sind. Wir sollten dankbar sein, dass sie bei uns noch brüten und Schutz in unserer Nähe suchen. Ein Vertrauen, das sie nur wenige Wochen von uns beanspruchen. Weder die Feuerwehr, noch der Jäger kann oder darf das ändern. Der will das auch gar nicht, da es nicht seine Aufgabe als Jäger ist, ein Tier nur darum zu vertreiben oder zu töten, weil seine normale Lebensart für unsere Ohren mit Lärm erfüllt ist. Wir dürfen sie nicht unter unseren Vorurteilen leiden lassen. Auch die Saatkrähe Rook ist uns als Mitgeschöpf anvertraut. Darum wollen wir den zutraulichen Vogel in unserer Nähe dulden, um ihn auch für kommende Generationen zu erhalten.

siehe auch: Schwarze Gesellen - Mythen, Meinungen und Fakten zu den Rabenvögeln