Bedrohte Vogelarten: Murkerichs Minnefahrt, Okuli – da kommen sie
 
Text Wolfgang Alexander Bajohr, Fotos Hans Werner

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Brütende Waldschnepfe

Für den Jäger der alten Schule sind all die vielen Jägersprüche rund um die Waldschnepfe vertraut. Sie beziehen sich auf die Österlichen Vollmondphasen, aber sie sind in ihrer Anordnung zweifelhaft, denn da sich der Zeitraum mit dem Mond wandelt, verändert sich auch der jeweils genannte Zeitraum für Anfang oder Ende vom Schnepfenstrich. Der wiederum ist aber eng verknüpft mit der Sehnsucht nach dem Frühling, der nicht so pünktlich erscheint wie es sich der Jäger wünscht, wenn er Schnepfen als Frühlingsboten bejagen will.

Sobald aber der Haselbusch sich mit gelben Troddeln behängt und  Weidenkätzchen silbern leuchten, wenn Anemonen und Lerchensporn schüchtern durch das alte Falllaub sprießen, rührt ein wundervolles Sehnen die raue Jägerbrust. Die Zeit des Schnepfenstrichs ermuntert ihn abends und morgens hinauszugehen in den noch kargen Wald um die Wiederkehr von Sonne und Frühling zu genießen. Denn das weiß er gewiss, dass mit dem Schein der Sterne die Waldschnepfe über Dickungen, in Bruchwäldern und am Rande des Moores streichen wird. Es sind ganz bestimmte Plätze, wo er sie selbst bei Schneegestöber erwarten kann. Dort wird sie dem abendlichen Frühlingswald verzaubern, und er wird den Murkerich dafür totschießen. Viele bestaunen seine Mentalität deshalb, denn das kann eigentlich nur einem Deutschen einfallen diesen Vogel bei der Liebe aus der Luft herunterzuschießen, noch dazu ehe er sich vererbt hat. Einem Franzosen, so heißt es, würde das nie einfallen. Liest man nun in alten Chroniken und Jagdzeitschriften, dann hat ein Förster im Jahr 1869 in einem einzigen Frühlingstag 105 Waldschnepfen geschossen, Ein anderer Förster brachte es nur auf 23. Es gab Leute, die haben innerhalb der wenigen Tage des Schnepfenstrichs 307 Waldschnepfen und 691 Sumpfschnepfen geschossen. Aber so viele kann er gar nicht essen. Man kann ja noch verstehen, wenn jemand die zauberhaften Erlebnisse des Schnepfenstrichs damit krönen will, dass er einen dieser Vögel schießt um sich ein Erinnerungsstück an die schönen Erlebnisse ausstopfen zu lassen.

Waldschnepfen im Landkreis Starnberg

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Gelege

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Junge Schnepfen

Wir haben die Waldschnepfe auch heute noch im Landkreis als Brutvogel und Hans Werner vom LBV verdanken wir die Bilder von Brut und Vogel. Die Waldschnepfe brütet in geeigneten Waldbiotopen bei uns selten, aber sie ist noch da, wo der Wald passt. Wer sich die Mühe machte, einige Abende oder morgens sehr früh den Schnepfenstrich mitzuerleben, der mag auch verstehen, dass mancher vielleicht einen greifbareres Erinnerungsstück haben will als nur ein Foto des Vogels. Wenn er den nun präpariert auf das Kaminsims oder den Schrank stellt, dann erwacht vielleicht in ihm das Sehnen an ganz tolle Schnepfenstricherlebnisse, und er denkt mehr nach über das Balzerlebnis im dunklen Wald, als über den Vogel in der Pfanne.

Auf zum Schnepfenstrich - Schnepfenstrich Zauberwort
Der Tag beginnt bei Sonnenaufgang und ein vielstimmiges Vogelkonzert erfüllt die Halle des Waldes. Jeden Tag sind es immer mehr dieser Sänger, die vielstimmig dem Lenz entgegensingen, aber auch zu unserer Freude und dem ihres Weibchens. Dabei ist es eindrucksvoll wie viele Stimmen es sind und dass es immer mehr werden. Ein dicker Waldhase mümmelt an den ersten grünen Gräsern und Kräutern. Vom Frühdunst vergrößert ziehen einige Rehe auf die Wiese hinaus, und im Hochwald schnauft, trappelt und knackt es.

Unsere Geduld ist auf eine Probe gespannt, doch eben klingt zu mir her das seltsame schnurren und quorren. Doch es kommt aus zwei ganz verschiedenen Richtungen, nähert sich und quorrt vorüber. Da streicht sie über dem Busch, dass sie sich gegen den hellen Himmel deutlich abhebt, und sie fliegt sehr verhalten an uns vorüber.

Mitte März packte manche Jäger  immer wieder jene Unruhe, die sie hinausstreben lässt in den Frühling an einem ganz bestimmten Waldeck, Aber noch ist es so kalt, dass  Eis auf den Seen ist, und im Wald liegt tief der Schnee. Aber am Tage scheint schon die Sonne sehr warm und die ersten Zugvögel sind zurückgekehrt. Vor allem die Singdrossel singt ihr Flötenlied mit den ständigen Wiederholungen. Die Stare sind schon längst da und kreischen. Bachstelzen und auch der schwarze Milan sind zurück. Da streben auch wir am frühen Morgen mit hinaus um den Schnepfenstrich zu erleben. Beim Jäger sind die Hunde mit von der Partie, denn im Dickicht wäre der erlegte Schnepfenhahn kaum zu finden.

Was für ein zauberhaftes Erleben ist der Schnepfenstrich für den naturverbundenen Jäger. Wenn nach Kälte und Dunkelheit das Frühlingsahnen sich im Walde regt und in der Uhlenfluchtzeit „Murkerich“ auf seiner Minnefahrt vor dem hellen Nachthimmel daherschwebt. Vom Bach her streicht er mit wenigen Flügelschlägen und dann wieder schwebend. Wir sehen seinen langen Schnabel, lauschen ihm und dem Singen von Amseln und dem Ticken der Rotkehlchen und ihrem silberhellen Lied. Spechte trommeln, und wenn sich nichts rührt, dann kriecht die Zeit dahin und die Dämmerung steigt herauf. Doch der Himmel bleibt lange hell und himmelwärts gleitet der Blick. Der Schnepfenstern steht dort als einziges Licht in der dunklen Stunde. Wir hören Murkerich  schon lange, und da kommt er zwischen den Kronen der Erlen angetaumelt, puitzend und murkend. Und von der Gegenseite kommt ein zweiter Schnepfenhahn. Beide fliegen aufeinander los. Die Flügel flattern schwirrend und mit dem langen Stecher duellieren sie sich in der Luft. Aber nicht lange, dann schwebt der eine wieder davon und der zweite interessiert sich für eine dritte Schnepfe, die ganz stumm daher gekommen ist, ein Weibchen. Es gibt Jäger, die in solcher Situation mit einem Schuss gleich eine Dublette schossen, andere aber haben das verpönt. Wenn eine quorrende Schnepfe frei am Himmel schwebt, ist das  der Zeitpunkt: Der Jäger wirft einen schnellen Schuss in den Himmel in ihre Richtung trifft aber wohl nicht. Der Hund rast los, doch wenig später kommt er ratlos zurück, denn offenbar hat der Schütze vorbeigeschossen.

Jagd gefährdet die Waldschnepfen
Waldschnepfen kehren nach langem Vogelzug mit seinen vielen Gefahren zurück. Auch Eulen und Greifvögel und Überlandleitungen fordern Tribut. Überall auf dem Zugweg aber warten Schützen auf sie. Eines ist gewiss, dass jene Schnepfen, die alle Gefahren des Vogelzuges mit seiner hohen Mortalität auf dem langen Weg in den Süden hinter sich gebracht haben, besonders erfolgreich waren. Sie balzen jetzt besonders intensiv im Brutgebiet, und gerade sie fallen dem Jäger auf und werden hier als erste geschossen, noch ehe sie sich vererbt haben. Gerade die besten Vererber aber sollten am Leben bleiben. Das war auch der Gedanke als man den Jägern die Frühjahrsjagd auf Schnepfen weggenommen hat. Zum Trost bekamen sie die Herbstjagd.

Ich halte die Herbstjagd für Barbarei. Wer bei den Treibjagden, auf fliegende Ziele schießen will, der mag das auf Fasane tun, aber die gelegentlich aufstehenden Lagerschnepfen sind zu schade um geschossen zu werden. Es steht ja nicht einmal ein besonderes Erlebnis dahinter wie bei der Frühlingsjagd. Man schießt Schnepfen wie Tontauben auf dem Übungsstand. Manche dieser Herbstschnepfen kommen auch aus Polen und Litauen um bei uns zu überwintern. Mit Recht zeigt man dort auf uns Jäger, weil wir ihre Zugvögel totschießen. Doch hält sich die Zahl in Grenzen. Ganze 50 Schnepfen schießt man im Herbst in ganz Bayern. Dafür aber schadet das dem Ansehen der Jäger insgesamt, und es wäre zu wünschen, dass die Jäger freiwillig auf die Herbstjagd bei der Schnepfe verzichten.

Mit den Lagerschnepfen im Herbst bahnt sich, ähnlich wie bei Rotkehlchen und Amsel eine Veränderung an. Schnepfen die hier bleiben und nicht den Gefahren des langen Vogelzugs ausgesetzt sind, sollten sich vermehren. So entsteht über einen langen Zeitraum hinweg durch Evolution eine Population der Nichtzieher. Je weniger der Vögel nicht ziehen und sich vermehren, desto mehr Nichtzieher könnte es geben. Vorausgesetzt der Jäger verzichtet auf die Herbstjagd.

Es gäbe ja eine dritte Variante, die aber wäre wiederum im Frühjahr. Schnepfenmännchen balzen auch dann noch mit dem Schnepfenstrich, wenn das Weibchen längst brütet und Junge führt. Wollte wirklich jemand auf das Erlebnis Schnepfenstrich nicht verzichten und eine Schnepfe schießen, dann ist das auch im Mai und Juni noch möglich. Es richtet weniger Schaden an, aber erfordert Disziplin. Man dürfte nur murkende Männchen schießen, stumme Schnepfen aber verschonen, da es Weibchen sind. Wer sie schießt macht Junge mutterlos.

Die Jungen aber brauchen ihre Führung. Ich Erinnre mich an jene Mutterschnepfe, die laut klagend vor meinem Terrier aufstand und ihn wegzulocken suchte, dann aber mit drei Jungen davon strich. Es war Ende Mai in Nordschweden. Der Hund fand auch ihr Nest am Fuße einer Birke. Er zeigte mir ein Junges, das den Start ins schneekalte Frühjahr nicht schaffte und verendet ist. Zwei Wochen später schon machte er wieder die Schnepfenmutter am Wildbach hoch. Die Jungen saßen laut klagend auf den angetriebenen Ästen am Bach herum. Wir alle aber staunten, denn zwei Wochen nach dem Schlüpfen konnten sie schon einigermaßen fliegen und die zeternde Mutterschnepfe lockte sie ins Dickicht.

Jagdverzicht für Schnepfen ist gefragt

Als Ulrich Scherping im Jahr 1934 sein Jagdgesetz auf den Tisch legte, das sicher noch Mängel hatte und darum jetzt novelliert werden soll. Er hat über die Schnepfe durchaus fortschrittlich gedacht, denn die Such- und Drückjagd auf Waldschnepfen hat er verboten. Nur den Balzflug hatte er erlaubt. Damals wurden in ganz Deutschland zwischen 15.000 und 30.000 Schnepfen im Jahr geschossen. In Russland waren es zwischen 650.000 und 1,2 Mio., in ganz Europa aber 3,7 Mio., ohne dass in jener Zeit der Bestand zurückgegangen wäre. Gemessen daran sind 50 Herbstschnepfen in Bayern gar nichts. Doch hat sich der Wald vom Naturwald immer mehr zum Holzackerbau hin verändert. Die erhöhte Stammzahl auf der Fläche hat offene Wälder duster werden lassen und viele Flächen wurden in aller Stille entwässert. Diese Lebensraumveränderungen sind sicher gefährlicher als die Jagd. Dennoch sollten Bayerns Jäger sich nicht mit allen Naturschutzverbänden wegen der 50 Herbstschnepfen anlegen. Denn sie sollten  gemeinsam einen Weg suchen und finden um den Naturwald als Bürgerwald zu fördern und mehr Naturwaldreservate zu schaffen.

Auf das Naturerlebnis Schnepfenstrich braucht dabei niemand zu verzichten. Denn Murkerichs Minnefahrt ist allemal ein paar durchgefrorene Stunden am Morgen oder Abend wert. Dieses großartige Erlebnis bleibt auch ohne den tötenden Schuss immer ein phantastisches Erlebnis im Vorfrühling für alle, die unsere Natur lieben, egal ob Jäger oder Nichtjäger. Die Wiederkehr des Frühlings und Schnepfenstrich als Teil dieses Frühlings gehören zusammen: Okuli – da kommen sie.

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