Goldammer ein Goldstück aus guter Familie
Familie: Emberizidae, Ammern, Art: Emberiza Citrinelle L.1758, Goldammer

Unter den 12 in Europa vorkommenden Ammern ist sie die bekannteste. Goldammern waren ursprünglich Waldvögel in den durch Schalenwildverbiss aufgelichteten Naturwäldern. Doch wurden sie als Kulturfolger des Menschen begünstigt und damit Charaktervögel der offenen durch Hecken und Obstbäume reich gegliederten bäuerlichen Kulturlandschaft. Darum hat sie der Landesbund für  Vogelschutz in Bayern zum Vogel des Jahres 1999 gemacht.

 

Etwas größer als ein Sperling, ist die Goldammer nur ein Vertreter der Familie der Ammern. In Deutschland brüten oder brüteten davon weitere 5 Arten, so u.a. Rohrammer, Ortolan, Grauammer, Zaunammer und Zippammer. Auf dem Durchzug erleben wir zuweilen die Nordischen Gäste, u.a. der Zwergammern und Schneeammern, und im Süden der EU singt uns die Kappenammer. Die Goldammer ist hier bei uns wohl die auffallendste und schönste dieser Vogelfamilie.

Schon ab Anfang April baut sie ihr Nest in Bodennähe, an Böschungen im Gras unter Büscheln, in der Krautschicht, an Grabenrändern und Straßenböschungen, unter Hecken niedrig, im Altschilf, in Fichten bis 0,5 m Höhe, im Weißdorn bis 1 m Höhe. Sie legt 3 bis maximal 5 Eier mit kritzeliger Zeichnung, aus denen nach 12-14 Tagen die Jungen schlüpfen,  die 2 Wochen im Nest und weitere 2 Wochen nach dem Ausfliegen mit Spinnen, Insekten und anderer tierischer Nahrung gefüttert werden. Die Eltern leben überwiegend von verschiedenen Sämereien, nehmen aber auch Insekten, Raupen usw. Nach der Selbständigkeit schließen sich die Jungen in lockeren Trupps zusammen, und die Eltern brüten ein zweites Mal.



Die einheimischen Goldammern ziehen fort noch ehe der Herbst kommt. Sie leben in Südwesteuropa entlang der Mittelmeerküsten. Beringte Ammern wurden aus Südfrankreich zurückgemeldet. Während unsere Goldammern fort sind, treffen weitere Vögel aus Nord- und Osteuropa ein. Wie Walter Wüst in der Avifauna Bavariae nachweist, wurden in Bayern beringte Goldammern im Brutgebiet aus Nord-Finnland zurückgemeldet.

Die Winterschwärme, zuweilen gemischt mit Schneeammern oder Zwergammern, Waldammern usw., können die Stärke von einigen hundert, in Ausnahmefällen bis zu einigen Tausend Ammern, erreichen. Diese großen Ansammlungen sind keine feste Sozietät, sondern die Stärke der Vogelschwärme wechselt täglich. Das ist immer abhängig vom Nahrungsangebot und hat auch Einfluss auf die Vermischung mit verwandten Arten. Für die Übernachtung bevorzugen diese Goldammer-Schwärme junge Nadelwälder.

Goldammern nisteten einst in ganz Europa. Heute sind sie in weiten Teilen gefährdet, weil durch die Entmischung der Landschaft oftmals nicht nur ihre Hecken, sondern großräumig alle Feldholzinseln, Gräben, Tümpel und Kleinstrukturen, verschwanden.

Goldammern brauchen aber im Umkreis von 150 bis 200 m diese Kleinstrukturen, Kleinbiotope am Wegesrand mit Unkräutern oder Wegränder und Feldraine. Wenn sie fehlen, ist es für diesen Vogel verheerend. Früher fand er Futter an Misthaufen und Druschabfallhaufen. Die gibt es nicht mehr, sie wurden durch die Silowirtschaft nur unzulänglich ersetzt. Will man diese Vogelart erhalten, muss der Verinselung ihrer Vorkommen in der Landschaft Einhalt geboten werden. Alleine mit der Verbreitung im Wald ist diese Art und weitere Arten im Feld nicht zu erhalten. Der LBV, Landesbund für  Arten-, Biotop- und Vogelschutz, hat deshalb folgenden Forderungskatalog veröffentlicht:

  • Erhalt und Ausbau der strukturierten Landschaft durch Anlage von Hecken

  • Förderung einer Kleinkammerung der Kulturlandschaft

  • Verzicht auf Entwässerungen feuchter Standorte

  • Neuschaffen von Öd- und Brachflächen

  • Einschränken synthetischer Düngung und von Pestiziden

  • Förderung der Stoppelbrache im Winter

  • Ein Randstreifenprogramm für die Agrarlandschaft

  • Mahd von Wiesen nicht vor Juli

  • Ein Waldrandprogramm mit vielstufigem Aufbau durch Strauchwerk

Mit anderen Worten bedeutet diese Forderung: für jeden Acker, jede Wiese und jeden Waldrand eine Hecke. Der  zunehmende Trend zum ökologischen Landbau kommt dabei den Wünschen der Vogelschützer sehr entgegen, er hilft aber auch den bäuerlichen Familienbetrieben dabei, zu überleben.




Verlieren Goldammern ihren Lebensraum?
Zunehmend fehlt als natürlicher Schutzwall der Dschungel am Rande des Feldes

Es ist noch gar nicht solange her, und doch liegt fast eine  ganze Menschengeneration  dazwischen - die eigene. Der Großvater hatte den Buben aus der Stadt von der Lokalbahn abgeholt, als er zur Ferienzeit anreiste. Großvater hatte dafür die Kutsche genommen.




 

Er liebte diese Kutschfahrten, denn man konnte sich Zeit lassen, und die Natur glitt wie ein Naturfilm vorüber. Der Kutschwagen holperte heftig, wenn es über das Feldsteinpflaster ging, aber bald fuhren wir fast lautlos auf dem sandigen Sommerweg neben dem Pflasterstreifen. Damit waren wir den großen Eichen der Allee nahe, zugleich aber auch jenem schier endlosen Heckenstreifen, der damals zwischen den Bäumen noch die Felder eingrenzte. In der Hecke lagen auch Feldsteinhaufen, die frühere Generationen von den Feldern geklaubt hatten. Sie waren voller Schlupfwinkel und Höhlen und für die Tiere der Feldflur genauso eine ökologische Nische wie die Hecke selbst oder die uralten Eichen. Alle zusammen bildeten, von Brombeerranken durchflochten, einen undurchdringlichen Dschungel.



Einen Dschungel am Rande des Feldes

Hier war die Luft erfüllt von dem Brummen der Hummeln und dem Vogelgezwitscher in den Zweigen. Unter all dem Vogelvolk, an dem wir oft greifbar nahe vorbeigefahren sind ohne dass die Vögel nur Anstalten machten zu fliehen, erinnere ich mich vor allem an zwei Arten, die Goldammer und den Rotrückigen Würger, auch Neuntöter genannt. Er steht heute auf der roten Liste und war bereits Vogel des Jahres.

Im blühenden Schlehbusch sitzt die Goldammer, ein kleiner sperlinggroßer, goldgelber Vogel mit braunem Rücken. Er singt immer wieder die gleiche Weise, die schon auf 100 m nicht zu überhören ist. Kein Vogellied passt so in die Stille der Hecken und Alleen, Wiesentäler im Hügelland oder Feldwege. Geschlossenen Wald liebt die Goldammer nicht. Wo kleine Feldgehölze und Hecken die Weite der Feldflur unterbrechen, Roggen und Hackfrüchte sich zwischen Wiesenstreifen schieben, und noch nicht der letzte Busch gerodet wurde, da ist Heimat,

da ist auch dieser Vogel zu Hause. Er gilt als Zaubervogel, und weil er so auffallend goldgelb, am Rücken goldbraun ist, nennt sie ihr häufigster Name Goldammer. Von der will ich hier berichten. Einst kannte jeder im Dorf auch ihren Gesang, dessen Strophen so unverwechselbar sind. Sie hören sich an wie eine Liebeserklärung: „Oh, wie hab’ ich Dich doch lieb.” Und die letzte Silbe setzt sie einen Terz höher oder tiefer.

Unsere einheimischen Goldammern kehren aus dem Südwesten im zeitigen Frühling zurück, und weil ihre Brutzeit schon im April beginnt, singt sie von ihrem Luginsland auf  freiem Ast oder Baumspitze den liebenlangen Tag und das schon zu einer Zeit, in der ein Schneeschauer noch den anderen jagt. Goldammern singen unermüdlich, und das ist besonders auffällig an ihnen: Sie singen nicht nur früh morgens oder abends wie andere Singvögel, sondern den lieben langen Tag,  ja selbst an langen heißen Sommertagen in der Mittagsstunde. Wenn andere Vögel zu hecheln beginnen, die Goldammer singt, und es ist ständig das gleiche Lied, das sie unaufhörlich wiederholt. Es ist ein klarer unverwechselbarer Gesang aus der goldenen Kehle. Er wird nicht müde seine Stimme zu erheben. Es ist als singe der gelbe Vogel nicht nur  wegen der Revierabgrenzung, sondern er singt auch dem Weibchen zuliebe  ein schlichtes, wehmütiges und doch lebensfrohes Lied. Lebensfroh, doch in den allerhöchsten Tönen: „Oh wie hab ich Dich doch lieb.”


Doch aus vielen Gründen ist die Goldammer heute oft verstummt. Bei uns im waldreichen Landkreis Starnberg fällt das nicht so auf, denn wo der Sturm Wiebke oder die Käferkalamität große Freiflächen im Wald geschaffen hat, ist damit eine Entscheidung zugunsten der Goldammer gefallen. Mehr Sonne heißt auch mehr Insekten und Blütenpflanzen, die Samen als Nahrung liefern. Recht trostlos sieht es aber sonst bei uns aus, weil fast überall in der Feldflur die Hecken gerodet wurden,


 


als man die Felder maschinengerecht zurechtgestutzt hat. Wo einstmals Wiesen waren, wurden sie umgebrochen, aus Bächen wurden ausbaubedingte Verödungsgerinne, ja zuweilen sind sie gar in Betonrohren verschwunden. Im Agrarland könnte  die Goldammer noch gedeihen. Doch auch die heute moderne Art der Landwirtschaft lässt auf die Ernte schnell den Grubber und gleich danach den Beetpflug folgen. 100 ha an einem Tag umzubrechen und saatfertig zu machen, schafft mit den riesigen Traktoren ein Mann so nebenbei. Dort, wo es einst noch Stoppelbrache gab, oder im Wechsel auch Ödflächen, singt heute keine Goldammer mehr ihr Liebeslied.

An vielen Orten Deutschlands ist sie selten geworden. Wo sie nicht in den Wald ausweichen kann, geht es ihr schlecht. Reale Chancen hat sie dort, wo Ökobauern nachhaltig wirtschaften. Da gefällt es der Goldammer gleich so gut, dass ihre Zahl sich binnen Jahresfrist verdoppelt. Das sollte auch den konventionellen Bauern ein Alarmruf sein. Denn einst war es der Bauer,  der den Urwald rodete und am Rand seiner Felder in der von Menschen geschaffenen neuen Landschaft Lebensraum für die Goldammer geboten hat. Heute nimmt er ihn dem Vogel  wieder weg. Nicht nur ihn sondern auch zusätzlich vielen anderen Arten. Aber auch Insekten und Säuger vertreibt er aus diesem Lebensraum. Hätte die Goldammer nicht eine Überlebenschance im Wald, sie wäre längst verschwunden.

Heute aber ist die Goldammer als Kulturfolger Gradmesser dafür, wie ehrlich unsere Bauern es mit ihrer eigenen Kulturlandschaft meinen. Denn es geht ja nicht um Naturschutz, sondern um die Kulturlandschaft der Bauern und dabei ist die Goldammer der Symbolvogel.

Hecken verhindern Winderosion und steigern den Ertrag
Schlecht  ergeht es aber nicht nur der Goldammer, obwohl sie 1999 vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern ausgewählt wurde, als Vogel des Jahres auf die Nöte der Natur hinzuweisen. Es geht genauso um das Rebhuhn, die Feldlerche, den Weißstorch oder den Neuntöter, die alle früher schon als Vögel des Jahres die Wende einläuten sollten und nicht das geschafft haben, was die Goldammer erreichen könnte.

Wo Hecken fehlen, mögen Großmaschinen freie Fahrt haben, aber die Winderosion trägt auch die Fruchtbarkeit der Böden davon und es mehrt sich die Zahl der modernen landwirtschaftlichen Unternehmer, die begreifen, dass ihre bäuerlichen Ahnen gar nicht so dumm waren, als sie das Tausendjährige Kulturgut Hecke bewahrten. In anderen Landesteilen gar hat ein königlicher Befehl sie gezwungen, Hecken zu pflanzen. Dass Hege nicht Füttern bedeutet, sondern von Hag = Hecke kommt, müssen auch unsere Jäger erst wieder begreifen lernen, denn sonst hätten sie längst ihre Stimme erhoben, als die Hecken fielen.

Der Name „Hag” für Hecke taucht in der Literatur schon im Jahre 795 auf. „Terhage” im Althochdeutschen bedeutet Tierhag = Tierhege, und so umstanden die Hage auch die Brachflächen der Dreifelderwirtschaft. Egartenlandschaft nannte man das entlang der Berge. Die Bayer. Landesanstalt für Bodenkultur hat eindeutig bestätigt, dass die Verbesserung durch Osmose in Entfernungen von 100 ja 200 m neben der Hecke,  je nach Pflanzenart, den Ertrag um 10-20 % steigert. Angesichts sinkender Getreidepreise ist das also eine vernünftige Kosten-Alternative für den Bauern, der überleben will, zugleich aber auch eine Hilfe für die gefährdeten Arten, unter denen im Jahr 1999 die Goldammer das Symboltier ist. Der Gedanke, Natur und Umwelt zu pflegen, ist noch tief im Herzen mancher Bauern verwurzelt, und als deren Partner sieht sich der Vogelschutz.

Wolfgang Alexander Bajohr