Eulen: Gesichter der Nacht, Schleiereulen und ihre Helfer
von Wolfgang Alexander Bajohr

Der Mond steht im letzten Viertel. Wolkenfetzen jagen vor ihm dahin. Um den Dorfteich, der immer wieder im Spiel des Mondlichtes aufblitzt, schleicht Meister Reineke der Fuchs in Richtung Misthaufen, wo er Hühnerköpfe erwartet. Im Holzstall rumpelt es. Das kann nur ein Steinmarder sein, denn wer rumpelt sonst um diese Zeit? Mit der Dämmerung hat erst das heimliche Leben der Dämmerungsaktiven begonnen, die auch in hellen Nächten unterwegs sind. Der Igel rumort im Garten. Die Fledermäuse huschen nacheinander aus dem Giebel auf der Suche nach nachtaktiven Faltern. Auf den Wiesen am Dorfrand und in der Hecke huschen großohrige knopfäugige Wald- und Gelbhalsmäuse, aber auch die Rötelmaus klettert durch die Zweige, Wühl- und Feldmäuse kommen hervor und mit ihnen alles, was von Mäusen lebt.

 

Den Tag hat die Schleiereule ruhend in einem finsteren Winkel verbracht. Mal auf dem einem und dann wieder auf dem zweiten Bein ruhend, lehnt sie sich in eine Ecke, die Augen bis auf einen Spalt geschlossen. Der herzförmige Schleier gibt ihr ein hochmütig dämonisches Aussehen. Bald lässt ihre innere Uhr sie munter werden für den ersten Ausflug. Denn ihre Aktivitätsphasen sind in zwei Gruppen gegliedert, wie ich leidend in langen Nächten erfahren habe. Zwischen Abenddämmerung und Mitternacht liegt die erste Phase. Ihr folgt eine Ruhezeit. Erst zwischen der 2. und 4. Morgenstunde liegt die zweite Phase ihrer Aktivität. Wenn aber eine Nacht mit starkem Wind, Regen oder Schlappschnee den Mäusen die Lust an der Freude vergällt, fällt auch für die Schleiereule der Ausflug flach, denn sie jagt nur, wenn sie ihre Beute hören kann. Auch mit der stummen, weil toten Lockspeise ist da nicht viel zu erreichen. Ihre Eulenwege aber kennt sie aus dem Gedächtnis, und in dem ihr bekannten Revier findet sie sich am besten zurecht. Sie jagt im Tiefflug oder hockt auf den Weidezaunpfählen und Büschen auf Ansitz. Meist ist das am Dorfrand, weil es da mehr Mäuse gibt.
Mäusegeräusche sind immer lauter als der eigene Schwingenschlag, der es nur auf 1 KHz bringt. Ihr wachsender Erfolg mit der im zeitigen Frühjahr anwachsenden Mäusepopulation ist auch der Auslöser für den Balzzyklus. Ein heller Schemen gaukelt groß und für Menschen lautlos über den Bauernhof, und jetzt sind es sogar zwei. Sie verfolgen einander, und ihr raues schnarrendes und kreischendes Lied begleitet sie. Sie fliegen in weitem Bogen und Schleifen, lautlos voreinander schwebend, dann klatscht der Verfolger deutlich hörbar die weichen Schwingen zusammen, und beide fallen auf dem First der Scheune ein. Sie nähern sich einander, wackeln mit den runden Köpfen, knicksen voreinander possierlich und schwingen sich wieder hinaus in die kühle Nachtluft. Irgendwo aus dem Hintergrund des Dorfes hört man den Schrei, dazwischen hallt der Uhrenschlag der Glocke. Sie fliegen rufend ihre Bahn um die Scheune, verschwinden in Richtung Keltenschanze und kehren wieder. Geschickt streichen sie in die Einflugöffnung in der Scheunenwand, an der innen der große Kasten hängt, den ihre Freunde aufgehängt haben. Dort in einer Mischung von Torf und von Pelzmotten zerfressener Gewölle scharrt das Männchen eine flache Mulde und weist das Weibchen mit glucksenden Lauten auf den schönen Gelegeplatz hin. Dann schnurren beide wie verliebte Kater im Duett. Bald heiser kreischend, bald schrill und schwirrend. So balzen sie nächtelang rund um den Brutplatz. Sie fliegen aus und kehren wieder und fliegen rufend ihre wohlbekannte Bahn um die Scheune.und den Kirchturm nebenan.



Die Hochzeit der Schleiereulen

Offensichtlich ist der alte Schleiereulenmann von seiner jungen Braut begeistert. Er ist mit 5 Jahren für diese Art schon alt, kenntlich an seinem Ring, und ist so weise wie er aussieht, denn er gehört zu den raren 5-10 %, die so alt werden. Denn die Lebenserwartung bei Schleiereulen ist gering, im Durchschnitt nur 2 Jahre. So hat er auch sein altes Weibchen jung verloren, als sie zu dicht über dem Wiesengrund auf Mäusejagd dahinstrich und nicht darauf geachtet hat, dass man vor einer Straße steil nach oben ziehen sollte. Ein Auto hat sie gestreift, und aus war es mit der schönen Eule. Manche verhungern aber auch ganz einfach in einem strengen Winter, wie 1986/87. Denn die Scheunen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren, seit es den Mähdrescher gibt. Früher hat man die Getreidegarben in der Scheune nachgetrocknet und abgewartet, bis man im Winter Zeit zum Dreschen fand.

Derweile haben die Mäuse fröhliche Tänze in ihrem Schlaraffenland aufgeführt, und die Schleiereulen hatten ihre helle Freude daran. Damals konnten sie noch aus dem Vollen schwelgen, auch wenn draußen Sauwetter war. Heute sind die Scheunen meist nur noch kahle Maschinenhallen. Da die Schleiereule bei uns ohnehin am Rande ihres Verbreitungsgebietes lebt, ist sie auf den Menschen angewiesen. Fehlen durch seine Wirtschaftsweise die Mäuse, haben Eulen das Nachsehen.

Viele Mäuse, viele Junge
Sie hilft sich auf ihre Weise mit viel Nachwuchs, bis zu drei Bruten in guten Mäusesommern und vielen Jungen. Sechs bis elf können es sein, also bis zu 30 Jungeulen am Jahresende. Das ist die Weisheit der Natur, um große Verluste auszugleichen, doch klappt das nur in guten Mäusejahren. Ihre Beute finden und orten sie mit dem Ohr. Gefangene Mäuse spielen aber auch eine Rolle bei der Balz. Je mehr Wald- und Feldmäuse das Eulenweibchen verzehrt hat, desto mehr stimuliert das ihren hormonellen Zyklus für die Fortpflanzung, und sie lässt ihre bettelnden Schnarrlaute hören, damit er ihr hilft, noch mehr Mäuse zu fressen. Das Männchen kennt die Bettelei und meldet sich bei der Rückkehr vom Jagdflug seinerseits mit schnarrendem Gekreische an. Im Kasten hört man sie dann trappeln und umher marschieren, dass die Krallen ,,Klackklack” auf dem Bodenbrett machen. Er aber hält ihr mit seitlichen Pendelbewegungen die Liebesgabe vor den Schnabel. Ist sie satt und nimmt die Maus nicht, legt er sie im Beutedepot ab für Regenwetter als Reserve. Die Übergabe aber gehört, wie auch bei anderen Arten, zum Paarungs-Ritual. Sie muss an Gewicht zunehmen, von 300 auf 450 Gramm, denn je besser sie ernährt ist, desto mehr Eier wird sie haben und kann damit einem großen Mäuseangebot die Zahl der Jungen anpassen.

Auch unmittelbar vor der Begattung übergibt der Eulenmann die Maus. Nimmt sie die und legt sich lang und ausgestreckt auf den Boden und zeigt den Hinterkopf, reitet das Männchen auf. Unter zarten, schnarchenden Tönen, die unregelmäßig stotternd ausgestoßen werden und die man als Kopulastakkato  bezeichnet, erfolgt die Begattung. Das Männchen hält sich mit dem Schnabel am Nackengefieder fest und springt huckepack auf, mit den Flügeln balancierend. Sie stützt sich seitlich ab mit ihren Flügeln und ermuntert ihn ,,Gäkgäkgäk", wenn er aufgeregt schnarrt und auf ihr sitzt. Die Begattung selbst ist kurz und gleich nach dem Absprung schnarren beide noch ein wenig und beruhigen sich dann.

Weil das Weibchen zunehmend schwerer wird, ist es in der Legezeit weniger aktiv und lässt sich gerne füttern. Das gilt für jede der Phasen vor jeder Brut, auch vor denen im Sommer oder Herbst. Erst wenn sie Eier gelegt hat und schon eine Weile brütet, kommt sie wieder auf ihr schlankes Gewicht. Eine der Mulden im Kasten wählt sie für das erste der runden weißen Eier und beginnt sofort zu brüten. Weitere Eier folgen im Abstand von 2 bis 5 Tagen. Unsere Starnberger Eulen hatten als junge Mütter oft nur 3 Eier, und später war dann 6 meist die Regel. Es können aber auch 11 Stück werden. Zwischen dem ersten und letzten Ei, und damit auch dem Brutbeginn, lagen bei unseren Nachzuchteulen 23 Tage Unterschied. Da die Brutzeit pro Ei 30-32 Tage dauert, wird das letzte Ei erst schlüpfen, wenn das älteste der Geschwister schon 23 Tage alt ist und vom Dunenkleid in das Prachtgefieder wechselt. Das Weibchen brütet bombenfest und wird während der ganzen Brutzeit vom Männchen versorgt. Was passiert, wenn er durch Unfall ausfällt, haben wir nicht erlebt. Ich weiß es also nicht.


Schleiereulen sind Kulturfolger

Sie sind am Nest wenig empfindlich, da sie die Nähe der Menschen gewöhnt sind. Wie Eulenvater Albert Soyer mir erzählte, hat der Bauer von der Scheune mit dem besetzten Eulenkasten ohne Vorankündigung eines Tages sämtliche Dachziegel heruntergerissen und nach Reparatur des Dachstuhls neu eingedeckt. Das war natürlich ein Höllenlärm direkt neben dem Nest, der jeden anderen Brutvogel gnadenlos vertrieben hätte. Nicht so die Schleiereulen. Sie brütete seelenruhig weiter und er flog nachts auf Mäusesuche, fütterte sie und verbrachte die Stunden während der Dacharbeit wieder bei ihr im Kasten, als sei nichts passiert. Zwei Tage vor dem Schlüpfen melden sich die Jungen im Ei. Beim Schlüpfen hilft die Mutter nach und knabbert die Schalenreste fort, damit das Junge nicht stecken bleibt. Von jetzt an brütet und hudert sie zugleich. Wenn das Älteste schon Vorratsmäuse in einem Sitz und unzerteilt selbständig aufnimmt und hinunterwürgt, füttert sie das Jüngste noch mit kleinen Bissen.


 

Zwischen dem 12. und 15. Lebenstag wird ein Junges sein weißes Erstlings-Dunenkleid gegen das zweite, oberseitig graue und unten gelbliche Kleid vertauschen und das wiederum mit 40-60 Tagen gegen das schmucke Jahresgefieder umwechseln. Bis dahin vergeht noch viel Zeit, und oft wird das zurückkehrende Männchen den Einschlupf bei der Rückkehr noch verdunkeln und seine Beute abliefern. Meist sind es Mäuse, 20.000 Mäuse werden es sein. Zuweilen wird auch eine Spitzmaus oder ein junger Sperling dabei sein, und ein Gezirpe fängt an. Doch füttern wird die Mama, und der Papa startet zu neuem Jagdflug.

Eine volle Nacht habe ich einmal in einem Glockenstuhl eines Kirchturms zugeschaut und das Geschehen beobachtet, bis ich eingeschlafen bin. Selbst die 4 Glockenschläge für die volle Stunde und weitere 24 Schläge für Mitternacht, haben mich nicht mehr geweckt. Ich weiß also, dass es in einem solchen Turm nachts empfindlich kalt ist und tags die Temperatur unter dem Blechdach auf 50 Grad steigt. Das alles muss die hudernde fürsorgliche Mutter ausgleichen.
Ende Juni wird das erste Junge in eine laue Nacht hinausflattern und erst einmal ungeschickt im Gras oder auf einem Obstbaum landen. Bis zum Ende des dritten Lebensmonats werden die Eltern es noch betreuen. Wenn alle draußen sind und es auf die nächste Brut zugeht, werden sie weiterwandern, vielleicht neue Reviere besiedeln. Auch die freigelassenen Jungen der Eltern aus dem Vogelschutzprojekt sind noch 3-4 Wochen an das Fenstergitter zurückgekehrt, hinter dem das Zuchtpaar, ihre Eltern, gewohnt haben. Und obwohl sie frei fliegend überall für sich selber sorgen konnten, haben sie sich dennoch von den Eltern aus dem Überfluss der künstlichen Fütterung durch das Gitter hindurch noch füttern lassen. Erst allmählich haben sie sich mit zunehmender Geschicklichkeit von den Eltern entwöhnt.

Die Sterblichkeitsrate der Jungen ist hoch, und viele werden ihren 6. Lebensmonat nicht erleben. Da sie halbwegs standorttreu sind und auch im Winter nicht in den Süden ziehen, sind kalte Winter kritisch. Denn täglich brauchen sie ihre selbst gefangenen 4 Mäuse oder 7 Spitzmäuse. Die verschlingen sie mit Haut und Haaren. Aber sie werden freilich nicht völlig verdaut, sondern wie bei anderen Greifen und Eulen bildet sich im Kropf ein Gewölle aus Haaren, Knochen und Federn, das sie schließlich  kompakt herauswürgen.



Hilfe mit Brutkästen
Vom Standpunkt des Menschen ist ihr Nutzen beträchtlich. Zwar sollte das Einteilen der Natur in Nutzen und Schaden der Vergangenheit angehören, doch sind in der Regel Bauern Pragmatiker und allem freundlich gesonnen, was ihnen nutzt und nicht schadet. Darum sind sie meist aufgeschlossen, wenn der Vogelschutz in ihre Scheunen einen Brutkasten hängen will. Heute hängt man sie meist mit der Öffnung nach Außen an die Scheunen-Innenwand, damit der Marder nicht hineinfindet.
Über Tausend solcher Nistkästen hat Hans Mohr in Baden-Württemberg aufgehängt. Heute nisten im Kreis Biberach 200 Schleiereulenpaare und bringen jedes Jahr etwa 900 Junge zum Ausfliegen. Ihn haben sich Adolf Soyer und Paul Krones aus Buchendorf von der LBV-Kreisgruppe Starnberg zum Vorbild genommen. Auch sie haben schon 100 Kästen aufgehängt und außerdem ihr Glück mit der Nachzucht und Auswilderung versucht.

Für ihre Arbeit haben sie inzwischen den Umweltpreis des Landkreises erhalten. Der kann zwar die 5 Jahre Schwerarbeit nicht wettmachen, aber wenigstens ist er eine kleine Anerkennung. Denn es genügt ja nicht, ein Zuchtpaar zu halten und mit seinen Jungen mit Gockelküken aus einer Hühnerbrüterei zu füttern. Man muss es auch finanzieren, muss täglich Zeit haben und die Jungen für die Freiheit so trainieren, dass sie auch Beute fangen können. Als Ersatzjagdrevier zum Anlernen hat eine riesige Kunststoffwanne mit 1 m hohen Wänden gehört, in der sich täglich neue Ratten tummeln müssen. Um dafür genügend Ratten zu haben, musste neben der Schleiereulenzucht auch noch eine eigene Rattenzucht betrieben werden. Die 40 Zuchtratten mit ihrem Rattenbock und ihren vielen Jungen haben mehr Arbeit gemacht als die Eulen. Wenn die Jungratten Mäusegröße hatten, nach 4 Wochen, durften sie im Container herumlaufen. Dort haben die Eulen auf naturnahe Weise das Fangen gelernt, und die Eltern waren dabei. Je Eule waren das täglich 3-4 Ratten oder tote Küken.

Riesige Verluste
Im Jahr 1983 wurde mit einem Eulenpaar begonnen. Erst ein Jahr später schlüpften je 2 Junge aus je 2 Bruten und wurden sofort ausgewildert. 1985 waren es wieder zwei Bruten mit je 6 Jungen, also wurden 12 ausgewildert. Davon hat sich in der Scheune ein freies Paar angesiedelt. Die Freilebenden hatten 1986 aus vier Eiern drei Junge und die Zuchttiere wiederum 12 Junge aus 2 Bruten. 1987 hatten die frei lebenden Tiere aus 2 Bruten 11 Junge und das Zuchtpaar 8 aus zwei Bruten. 1988 hatten die Freilebenden 13 Junge aus zwei Bruten, das Zuchtpaar 12 aus drei Bruten. Da das Weibchen des Zuchtpaars starb, wurde der Partner freigelassen, und damit waren insgesamt 74 Tiere der Freiheit zurückgegeben worden. Die ausgeflogenen Jungen tragen alle Nummern-Ringe von Radolfzell und Farbringe nach einem Kode, so dass man über ihr weiteres Schicksal einiges weiß. Eine Schleiereule kam beim Zusammenstoß mit einem Auto um. Eine zerriss der Kreiselmäher. Eine holte der Steinmarder aus dem Kasten. Eine ertrank in einer Wanne. Eine flog gegen eine Fensterscheibe und zwei sind verhungert, wovon man eine noch lebend fand, aber nicht mehr retten konnte.

So erging es ihnen wie den zehn kleinen Negerlein. Abgesichert ist der Erfolg nur bei dem ortsansässigen Paar. Die Rückmeldungen kamen alle aus näherer überschaubarer Entfernung. Beim Auswildern hat man sich viel Mühe gemacht und bei aufgeschlossenen Landwirtschaftlichen Unternehmen herrliche große Scheunen mit großen Pferdefuttervorräten ausgesucht, wo die Besitzer auch einverstanden waren, dass man den Mäusen reichlich Getreide in Heu und Stroh streuen durfte. Die Mäuse haben geschwelgt, aber die Eulen sind verschwunden. Wohin, weiß man bis heute nicht. Vielleicht sind sie Opfer der natürlicherweise hohen Mortalität, vielleicht haben sie sich klimatisch günstigere Landkreise gesucht. Denn auf durchschnittlich 600 m Meereshöhe gelegen, ist unser Landkreis Starnberg für raue Winter bekannt.

Der Brutatlas der Vögel Bayerns weist Verbreitungsschwerpunkte bei Ansbach und Bayreuth, vor allem aber im weiten Umkreis um Würzburg aus. Sie alle sind klimatisch begünstigt. Je näher das Hochgebirge ist, desto rarer wird die Schleiereule. Allerdings muss man auch zugeben, dass sie nicht im Kontakt mit den Eltern genügend Gelegenheit haben, rund um den Schornstein ihr ausgeprägtes Ortsgedächtnis zu schulen. 3-8 km² reichen normal für ein Brutpaar aus. Da hätten wir hier noch eine Menge Platz in einem Grünlandgebiet, wo Mäuse keine Mangelware sind.


Nächtelang die Schleiereulen belauscht
Viele Nächte habe auch ich mit den Vögeln verbracht, in einem Landwirtschaftlichen Gebäude. Mit der Lichtschranke war ich noch nicht so weit. So habe ich in bewährter Weise mit der Lockspeise gearbeitet. Die gewohnte Kükenfütterung war angeleuchtet, damit ich scharf stellen konnte. In langen und sehr kalten Nächten wurde meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. So wurde mir auch ihre Jagdweise in der Aktivitätsphase zu Beginn der  Nacht und gegen Morgen drastisch demonstriert, noch ehe ich mir darüber klar war. Meine und ihre innere Uhr ist also nicht genau synchron gelaufen und es wurden lange Nächte, wie einstmals im Kirchturm. Auf den Blitz haben sie nicht weiter kritisch reagiert, und die Aufnahmen sind fast alle geglückt.


 

Anzumerken ist noch, dass es bei der Schleiereule eine helle und eine dunkle Gefiederphase geben kann. Beide sind aber kein Rassemerkmal, sondern können innerhalb eines Geleges vorkommen, wo beide Rassen sich in einem Verbreitungsgebiet annähern. Denn die dunkle ist die nördliche und die mit dem weißen Bauch die südlich des Alpenhauptkammes lebende Eule. Man hat dem Jäger oft Vorhaltungen gemacht, dass seine Aussetzungsaktion nachgezüchteter Fasanen nur dann halbwegs glücken kann, wenn es zu Lasten der heimischen Tierwelt geht und die Natur manipuliert wird. Auch unsere Schleiereulenfreunde haben Bedenken zu hören bekommen. Auswildern nachgezüchteter Wildtiere ist immer riskant, vor allem, wenn das Biotop nicht mehr optimal ist. Darum sind sich die beiden Vogelschützer Krones und Soyer auch nicht ganz sicher, ob man nicht mehr für die Landschaft tun muss, was neben den Eulen auch anderen Tieren zugute kommt. Und so arbeiten sie heute sehr eng mit dem örtlichen Jagdpächter zusammen, um Lebensräume durch Feldholzinseln zu schaffen. Auch die Brutmöglichkeiten werden weiter verbessert, denn leider sind viele Kirchtürme verdrahtet worden, um den Dreck der Tauben fernzuhalten. Seitens der Bischöfe, unter denen es ja auch etliche Jäger gibt, bedarf es eines sehr ernsten Hirtenwortes an die Pfarrer, damit die Kirche wieder ein Zufluchtsort für alle Geschöpfe wird, was sie Jahrhunderte lang auch für die Schleiereulen war.

Wenn im Herbst das Land bunter wird, und die Abende früher kommen, wird auch das Wetter von Tag zu Tag rauer. Damit wird auch für die Schleiereulen das Leben in den Scheunen ohne Getreide härter. Fast jedermann füttert Kleinvögel am Fenster, die ohne den Menschen wahrscheinlich südlicher ziehen und überleben würden. Die Schleiereule bleibt hier, und ihr helfen die Körner am Fensterbrett nicht. Sie braucht Plätze an denen es noch Mäuse gibt. Natürlich Scheune und Feldstadel, aber auch ein Fleck am Waldrand oder auf einer Wiese, wo man einfach Kaff und Stroh aufschütten kann und in den man reichlich Getreide gibt. Nicht für die Fasanen, sondern für die Mäuse, und damit indirekt für die Schleiereulen. Sicher werden auch andere davon profitieren, auch der Fuchs wird regelmäßig vorbeischauen. Und wenn man dort sitzt, um den Schleiereulen zuzusehen, könnte ja auch einmal der Fuchs vorbeikommen, und ein solcher Kugelfuchs im Winter macht doch auch uns Jägern weit mehr Freude als einer, der in einer elenden Falle zerquetscht wurde oder sich gar zu Tode quält.

Wo die Mäuse fehlen, oder wo eine natürliche Population zusammenbricht, werden auch die Schleiereulen abwandern. Aber es kann schon zu spät sein, und auch das Wandern kostet zusätzliche Energie, die sie nicht mehr ersetzen können, bevor die letzte kalte Nacht kommt und es ihr ergeht wie heute noch 70 % der Vögel im ersten Lebensjahr. Ganz still und unbemerkt deckt dann der Winter mit seiner weißen Hülle alles zu.