Eulen: Die Sperbereule, wenn aus dem hellen ,,Falken" eine Tageule wird
von Wolfgang Alexander Bajohr

In einem ausgedehnten Kiefernforst mit vielen eingestreuten Birken hatte man Holz geerntet. Zurückgeblieben ist ein riesiger Schlag mit einzelnen Überhältern, abgebrochenen Baumfragmenten, die man nicht weggeräumt, sondern für die Vögel stehen gelassen hat, wie auch die Birken dazwischen und etliche Jungkiefern, die den winzigen gepflanzten Sämlingen schon etliche Jahre voraus haben. Es schaut aus wie in einer offenen Taiga. Über allem brütet die Mittagssonne. Der Morgengesang der Sing- und Rotdrosseln ist verstummt, nur das Schmelzwasser gluckst in schmalen Bächlein, denn es ist Vorfrühling. Teile der Fläche verbirgt noch der Schnee. Ein leiser Windhauch trägt das Trillern des Schwarzspechtes herüber, und dann folgt der weit klingende Schrei gleich dreimal ,,Kliäh, kliäh, kliäh". Einmal strich ein Fischadler darüber hin, der im nahen Moor in einer Kiefer seinen Horst
 

haben soll. In einem der Fänge hat er einen sich windenden Fisch getragen. Das habe ich ganz deutlich erkannt. Wir sind noch etwas schläfrig vom frühen Aufstehen. Aber dann fahre ich hoch, denn vorerst rüttelnd ist ein falkenähnlicher Vogel am blauen Himmel erschienen, aber es ist  kein Gerfalke und ein Turmfalke ist es auch nicht. Lautlos, aber wie ein Falke gleitet der helle Vogel über den sonnigen Schlag. Laut und gellend ruft er ”Wick, wick, Kwickwikwikwik".
Vor einer der großen Birken bremst er ab, spreizt die relativ breiten Fittiche und stellt sich steil gegen den Wind, um besser anlanden zu können, und blockt auf einer kahlen Birke auf. In dem Moment scheint er verschwunden zu sein, von der  Umgebung verschluckt und aufgesogen und in einen Birkenaststumpf verwandelt. So birkenähnlich ist sein Federkleid. Er hat etwa die Größe eines Eichelhähers, etwas kleiner als eine Schleiereule, ist aber kompakter und, wie wir später nachlesen, auch doppelt so schwer wie ein Häher, der wiegt etwas weniger als eine Waldohreule, der er auch in der Statur ähnelt, wenn er sitzt, denn auch er ist eine Eule, mit leuchtenden hellschwefelgelben Kulleraugen.

Dem Benehmen nach hätte man sie freilich für einen Falken halten können. Das hat ihr auch ihren zweiten Namen ,,Falkeneule" eingetragen. Weil mir das Beobachten nicht genügt, pirsche ich mit der Kamera näher. Erst nutze ich jede Deckung aus, und als ich schließlich doch die letzten Kiefern-Kusseln verlassen muss, schieße ich erst einmal eine Bildsalve, denn klein drauf ist besser als gar nichts. Wie sich aber jetzt erst zeigt, muss ich gar keine Sorge haben, denn die mittelgroße Sperbereule, die da vor mir in der Birke sitzt, ist so vertraut wie alle Tiere, die aus der menschenleeren Wildnis kommen. Da diese Vogelart rund um den nördlichen Globus beiderseits des Polarkreises brütet, bleibt ihr auch gar nichts anderes übrig, als eine Tageule zu sein. Denn im Brutgebiet ist es im Sommer auch in der Nacht taghell. Dort ist sie es gewohnt, bei Sonnenlicht ihre Lemminge zu jagen.


Schneereiche Winter zwingen die Vögel zuweilen nach Süden auszuweichen. Dann tauchen sie in allen Ländern rund um die Ostsee auf und es sind auch schon einzelne bis nach Süddeutschland und in das Tal des Oberrheins gekommen. Erwiesen ist auch, dass sie in Jahren mit günstigem Nahrungsangebot immer wieder in Westpreußen und Ostpreußen gebrütet haben. Ähnliches kennen wir ja auch von den Sumpfohreulen. Das eigentliche Brutgebiet aber ist Nordskandinavien und das ganze nördliche Sibirien immer in der Grenze des Waldgürtels, wobei sie die Birkenwälder bevorzugen. Die Bäume müssen nur so stark sein, dass an Bruchstellen oder durch den Schwarzspecht Höhlen möglich sind. Dass ich recht nahe an die imposante Eule herankomme, interessiert sie gar nicht. Es hat eher den Anschein, als ob sie demonstrativ ihr Desinteresse zeigen möchte, denn sie wendet den Kopf angeekelt von mir ab. Sie möchte ganz offensichtlich ihre Ruhe haben und will niemand sehen. Sie muss Kräfte sammeln für den nächsten Jagdflug.

 

Ihre Oberseite ist dunkelgraubraun mit weißen Flecken, die Unterseite weißlich und ähnlich wie beim Sperber, braungrau quer gebändert. Das gab ihr wohl auch den Namen. Das weiße Gesicht ist schwarz eingerahmt, die breite Stirn ist braun und weiß gefleckt. Der grauschwarz darum herum tuschierte Hakenschnabel ist gelbgrau. Mit ihrer Tamfarbe fällt sie auf der Birke nicht auf, solange sie sich nicht rührt. Das weiß sie und hat die Birke zu ihrem Lieblingsbaum gemacht. In ihrem nördlichen Brutlebensraum lebt sie in aufgelockerten Wäldern mit großen Freiflächen an der Grenze von Tundra und Taiga in der Birkenregion. Sie bevorzugen es stets, von einer Warte aus zu jagen und über Freiflächen zu rütteln, wie ich es auch beobachtet und geschildert habe.

Ein solcher Kahlschlag mit seinen Bestandsresten entspricht ziemlich genau dem Bild der heimatlichen Taiga mit ihrem lockeren Wald und Freiflächen dazwischen. Darum fühlt sich der seltene Strichvogel hier auch so wohl. Die Mehrzahl der Vögel zieht aber nicht nach Süden, sondern bleibt auch im rauen Winter im Brutgebiet und nährt sich anstatt von Nagern von Vögeln, solange noch welche erreichbar sind. Wenn das nicht mehr gelingt, gibt es Winterverluste. Das ist im Norden von Skandinavien nicht anders als in Sibirien und in Alaska, wo man die dortige Rasse Falkeneule nennt. Sie ist auf Gedeih und Verderb von den Lemmingen abhängig. Gibt es viele, legt sie 6-7 Eier und sind es weniger, nur 3-5. Das hängt immer entscheidend vom Nahrungsangebot ab. Das Nest ist stets in einer Höhle, sei es an der Spitze eines gebrochenen Baumes eine ausgefaulte Höhle, eine vom Schwarzspecht vorgezimmerte oder einer jener Brutkästen, die man in Lappland für die Gänsesäger und Schellenten aufhängt.
Meist, aber nicht immer, brütet das Weibchen. Derweile sitzt das Männchen in der Spitze eines abgestorbenen Baumes und hält Wache. Störenfriede, selbst solche, die das Nest gar nicht erreichen können, wie ein Jagdhund oder Fuchs, werden schneidig und mit schrillem Schrei sofort angegriffen und vertrieben. Nahende Menschen ignorieren sie. Naht sich während der Brut ein anderer Waldvogel, ist er seines Lebens nicht mehr sicher. Dabei ist nicht eindeutig, ob sie ihn als verdächtigen Feind oder als Beute angreifen. Ihre wohl gewöhnlichsten Nachbarn, einen Unglückshäher, der fast gleich groß aber zierlicher ist, packen sie gleich im Überraschungsangriff und kröpfen den unglücklichen Häher auch gleich noch. Genauso überrumpeln sie auch ein Moorschneehuhn, wenn es zu nahe kommt. Da sie es wohl in einem Überraschungsangriff töten, aber nicht wegtragen können, kröpfen sie es an Ort und Stelle. Doch sind solche Angriffe wohl nur Ausnahmen, die bei Annäherung eines Vogels an den Nestbereich vorkommen, doch nicht die Regel sind. Die gewöhnliche Beute sind alle kleinen Nager, vor allem Mäusearten und Lemminge. In knappen Zeiten begnügen sie sich auch mit Insekten, und dann darf es auch ein Mistkäfer sein.



Ich habe diese Eule nicht im Brutgebiet beobachtet und muss daher auf Beobachter zurückgreifen, die schildern, dass im Wechsel auch das Männchen brütet, was nicht bei allen Eulenarten üblich ist. Aber wie fast alle Eulen brüten sie vom ersten Ei an einen runden Monat lang. Die Jungen verlassen relativ zeitig die Höhle, schon nach 4 Wochen. Denn die überall herumsitzenden Ästlinge sind durch Fressfeinde weniger gefährdet als die Nesthocker. Ästlinge werden von den Eltern auch weiterhin, eine Zeitlang gefüttert, bis sie selber jagen können. Während dieser Zeit mausern auch die Eltern. Da auch die Jungen vom Flaumkleid zum Federkleid gewechselt haben, glänzt am Ende die ganze Familie im neuen schmucken Gewand.Obwohl diese Sperbereule ein reiner Tagvogel ist, wird sie von den kleinen Vogelarten auf die gleiche Weise geneckt, wie die anderen Eulen auch.


Lange Zeit lässt sie auf ihrem Ruheplatz das Gezeter der Häher, Krähen, Meisen und Elstern über sich ergehen. Aber wenn sie es sich nicht mehr gefallen lässt, fährt sie wie ein Blitz dazwischen und packt einen aus dem dreisten Volk. Nur mit den Elstern legt sie sich nicht an. Wenn sie nicht nur ruhen, sondern jagen will, kann es sein, dass sie auf  Ihrer Warte trotz aller sonstigen Vertrautheit ungnädig reagiert, dass sie die Schwingen hebt und ein Stück weiter streicht. Das passiert am ehesten gegen Morgen, wenn sie noch hungrig ist. Sieht der Mensch das nicht ein und nähert sich ihr abermals, empfindet sie das als störend  und verlegt ihre Ansitzwarte um ein Stück, damit sie ungestört jagen kann. Folgt man ihr wiederholt, wird sie stets ein Stück weiterstreichen. Dabei ist ihr Flug genauso leise und schemenhaft wie bei den anderen Eulen auch. Wenn sie nur ruhen will, stört sie der Mensch nicht, und sie ist großzügiger. Aber auch dann muss sie für den Kamerajäger nicht  unbedingt günstig auf einem niedrigen Ast sitzen. Zuweilen sitzt sie  auch hoch oben auf der Spitze des Baumes und der Fotograf hat das Nachsehen.

Mich hat immer ihr schier grenzenloses Vertrauen gegenüber dem Raubtier Mensch fasziniert. Immerhin hat man früher auch Eulen geschossen und gebraten. In alten Jagdzeitungen kann man auch nachlesen, dass ihr das zum Verhängnis wurde und man ein ganzes Dutzend herabgeschossen hat, ohne dass die übrigen Eulen  weggeflogen seien. Heute haben wir gottlob eine andere Einstellung zur Natur. Für den vogelfreundlichen Jäger, der sie am ehesten auf Jagdreisen in der Einsamkeit antreffen kann, ist die Begegnung mit dieser besonders auffälligen und schmucken Eule immer und in jedem Falle ein ganz großartiges Naturerlebnis, das eine weit höhere Rangstellung hat als eine erlegte Beute.