Eulen: Der Steinkauz
Von Wolfgang Alexander Bajohr
 

Uhlenflucht
Mit goldenem Licht liegt die sinkende Sonne über dem Wiesengrund und leise regen sich die Blätter im Wind. In dessen noch aufsteigender Strömung kreist ein Bussard, schäckernd fliegt eine Wacholderdrossel vorüber, Rotkehlchen ticken im Gebüsch und eine Amsel zetert hysterisch. Die Grillen haben längst aufgehört zu zirpen. Nebel steigt auf und zieht auf den Wiesengrund hinaus. Nachtgeister lassen in der Stunde der "Uhlenflucht" die Geister des Tages in den Höhlen verschwinden, denn der Tag nimmt Abschied. Die Tiere der Nacht werden aktiv.
Noch verschläft der Steinmarder den Tag in seinem warmen Lager eingerollt.

 

Erst wenn es dunkel ist, kommt er heraus. Eine Stunde nach Sonnenuntergang werden die Eulen den Tag schläfrig aus ihrem Gefieder schütteln. Der Waldkauz steht oft als erster auf und wird daher noch von einer Schar Tagvögel beschimpft, weil er in ihrer Nähe erwacht ist. In einem dunklen Loch des abgestorbenen Obstbaumes aber schaut ein rundes Gesicht heraus, mit kugelrunden gelblichen Augen und einer kohlschwarzen Pupille. Es ist ein Steinkauz, der hier sein Revier hat.



Unter den kleinen Eulen ist der Steinkauz der bekannteste. Bei den Griechen galt er als Vogel der Weisheit und war der Göttin Athene geweiht. Er war es, der sich nach der Schleiereule den Menschen am nächsten angeschlossen hat. Jahrhunderte hat er in seiner Nähe gelebt, meist als Untermieter in Scheunen, Kapellen, Viehställen, Weinkellern. Von diesen Steinbauten oder deren Steinschutthaufen rührt auch sein Name „Steinkauz“.
Er ist eine der entzückendsten Eulen und vor allem wegen seines drolligen Verhaltens beliebt, wenn er neugierig aus der Schlafhöhle lugt oder trotz aller Vertrautheit erregt durch lebhaftes Rufen und charakteristisches Knicksen wirkt wie ein kleiner Kobold. Eben noch hoch aufgerichtet, duckt er sich gleich danach in waagerechte Körperhaltung, schnellt in die Höhe und das in raschem Wechsel.

Leider geht es mit den Steinkauzbeständen in Mitteleuropa seit Jahrzehnten abwärts. Zu groß ist die Zerstörung des Lebensraumes durch die Intensivierung der Landwirtschaft. Versteck- und Ruheplätze in Gebäuden schwinden ebenso wie die Streuobstanlagen in den Bauerngärten, die voller Höhlen waren. Zum Jagen aber braucht er Flächen mit vielen Mäusen in niedriger Vegetation, eben Dauerweiden. Er braucht die Einlagerung des Getreides in Scheunen bis zum Dreschen, weil das einst Mäuse in Hülle und Fülle bescherte, aber das ist alles nicht mehr da. Wirklich häufig ist er nur noch am Niederrhein mit den zahllosen Höhlen in den Kopfweiden und offenem Gelände rundum. Versuche der Wiederansiedlung durch Albert Soyer aus Buchendorf haben sehr viel Mühe und Zeit gekostet, aber da rundum das Biotop nicht mehr stimmte, und ein Einfluss darauf vergebliche Liebesmüh gewesen ist, musste der Erfolg ausbleiben.

 



Das Wichtigste in Kürze

Steinkäuze sind kleiner als eine Haustaube. Sie haben einen kurzen Schwanz, ein rundes Gesicht mit niedriger Stirn und flachem Scheitel. Große gelbe Augen mit schwarzer Pupille, hellem Überaugenstreifen, der wie eine Augenbraue wirkt, Größe beider Geschlechter 21-23 cm. Flügelspannweite 54-58 cm,
Gewicht 160-240 g.
Dabei sind die Altvögel im Winter schwerer, Gefieder erdbraun mit weißen Flecken, auf Schulter und Flügeln Flecken wie große Tropfen, auf der Brust dichte Längsflecken, Beine weiß befiedert. Die Zehen sind mit borstenartigen Federn besetzt, Gewölle ca.13x23 mm, Balzzeit Ende Februar bis Mitte April.

Legebeginn ist Mitte April, wobei nur das Weibchen brütet und vom Männchen versorgt wird. Gelegegröße 3 bis selten 7 Eier. Legeabstand 2 Tage, bebrütet wird ab vorletztem Ei 24-28 Tage, so dass die Jungen im Gegensatz zu anderen Eulenarten alle gleich groß sind. Das Jugendkleid ist plüschig, Nestlings-Dauer 30-35 Tage. Als Ästlinge klettern sie  frühestens nach 22-24 Tagen umher. Von den Eltern werden sie noch 5 Wochen versorgt.


Sie jagen meist  in der Dämmerung - aber auch tagsüber

In der Regel beginnt der Steinkauz eine Stunde nach Sonnenuntergang zu jagen. Er springt gerne auf einen Zaunpfahl und mustert von dort die Umgebung. Dabei dreht er meist den Kopf um fast 180°, doch kann er ihn auch um 270° drehen. Mal ist seine Haltung lang und schmal, dann plustert er sich auf, neigt den Kopf, dass die Augen senkrecht stehen und streicht blitzartig ab zu der verfallenen Steinhütte, wartet dort eine Weile und springt dann hinab auf einen Steinhaufen, wendet den Kopf hin und her und rennt ein Stück in der Vegetation, läuft und hoppelt hinter einer Maus her, die es noch gerade in ihr Loch schafft. Dann sitzt der kleine Kauz wieder auf einer hohen Warte und beginnt sein Gefieder zu putzen.


 

Er plustert sich bis zur Kugelform, kratzt sich rundum, reibt das Kopfgefieder am Flügelbug und knabbert den Flügel genüsslich durch. Auch untereinander zeigen sie soziale Gefiederpflege und kuscheln sich gerne zusammen. Ihre Bewegungen sind sonst eher ruckartig und ungestüm. Vor allem tagsüber auf der Jagd nach Regenwürmern und großen Insekten trippeln sie in kurzen Sprüngen und eigenartigen Hoppelsprüngen gerne bei der Futtersuche in der Vegetation herum.

Bevor sie zum Angriffsflug starten, trampeln sie erregt auf dem Boden und fliegen dann ruckhaft ganz rasant auf, um im Sturmangriff eine Beute einfach zu überrennen. Über kurze Strecken fliegen sie beim Beuteangriff sehr rasant und in gestrecktem Flug. Nur wenn sie längere Strecken überwinden, fliegen sie wellenartig. Um vor Fressfeinden in Deckung zu gehen, schießen sie aus dem Flug pfeilartig und mit angelegten Schwingen in eine Höhle hinein.



Vor allem im Süden sind sie bei der Futtersuche oft tagaktiv, da sie hier auch gerne große Insekten jagen. So habe ich ihnen stundenlang zugeschaut, wenn ich mit der Kamera lauerte. Vor allem die noch kühleren aber schon hellen Morgenstunden nutzen die Eulen gerne, oder die Stunde gegen den Sonnenuntergang hin. Da saß der kleine Kauz mal auf einem dichten Busch, ehe er wieder auf seinen Zaunpfahl als Warte flog, oder er kletterte plötzlich auf den Steinhaufen. Dabei konnte ich die Bilder bei der Jagd in der natürlichen Umgebung mit dem 30 cm Objektiv aus kürzester Entfernung aufnehmen, während die Nachtaufnahmen in Mitteleuropa doch einen großen Zeitaufwand erfordern.

Bei uns ist seine bevorzugt Beute die Maus. 94 % seiner Beute unter den Kleinsäugern sind Mäuse, darunter 55 % Wühlmäuse, 20 % Spitzmäuse und 16 % Wald- und Gelbhalsmäuse, die doch wachsamer, ausschließlich nachtaktiv und nicht ganz so häufig zu erbeuten sind wie die tagaktiven Wühlmausarten.

Neben der Jagd bei hellem Sonnenschein beginnt die Jagd auf Mäuse in der Dämmerung abends und dann wieder morgens. Während der ganz dunklen Stunden ist meist Ruhezeit, ähnlich wie auch bei anderen Eulenarten, oder die Eulen singen. Ihr Jagdangriff in der Dämmerung ist ebenfalls bemerkenswert. Auch dann leiten sie leise trampelnd den Abflug zur Jagd ein. Sie orten bei rasantem Anflug ihre Beute allein mit den Ohren, egal ob die Maus nun in der Vegetation oder unter Schnee verborgen ist. Der Steinkauz ortet die Maus in Deckung oder Schnee zielsicher und greift zu, auch wenn nichts von der Beute zu sehen ist. Falls die Beute sich herauswindet und davon springt, rennt der Steinkauz hoppelnd hinterher und greift nochmals zu, jedenfalls selten von den Augen geleitet, sondern alleine von den Ohren. Bei der Bodenjagd nutzt er die Flügel nicht für den Angriff, sondern um balancierend das Gleichgewicht zu halten.
Weil das Männchen den Winter über im Brutrevier bleibt, ist es fähig auch alternative Beute zu fangen. Das können Eichhörnchen ebenso sein wie Vogelarten bis zur Größe einer Amsel. Solche Beutetiere können natürlich nicht mehr transportiert werden, sondern die Eule rupft und zerteilt sie vor Ort. Kleinvögel haben also durchaus Anlass den Steinkauz zu bekämpfen und zeternd vor ihm zu warnen.


Daher fand ich es erstaunlich, dass ich beobachten konnte, dass der Steinkauz oben frei in einem Busch saß und rund um ihn herum ein Schwarm junger Feldsperlinge. Sie haben ihn offenbar nicht entdeckt, denn einige hockten neben ihm auf dem gleichen Ast. Er aber döst mit geschlossenen Augen vor sich hin. Dabei hat er durchaus Anlass wachsam zu sein, denn Tags könnte ihn ein großer Greifvogel packen und nachts der Waldkauz. Denn bei den Eulen gilt immer noch: „Groß frisst Klein“. So ist er zwar wenig scheu, aber doch stets fluchtbereit, um schlagartig im Versteck zu verschwinden. Dann lässt er sich von seinem Tagesansitz herabfallen und rennt zu Fuß in die Deckung oder verschwindet rasant in Höhlungen. 


 


Gesang zur Eulenstunde

Der Ruf des Käuzchens hat die Menschen häufig zum Aberglauben angeregt, und man zählte bange wie oft der Kauz rief, um zu wissen, wann die Todesstunde ist. Aberglaube, der aber auch dazu führte, dass man die Vögel zuweilen als Geisterabwehr an das Scheunentor genagelt hat. Dabei ist der Ruf der Steinkäuze durchaus nicht grausig, sondern wohlklingend und flötend und außerordentlich vielgestaltig. Das singende Männchen bläst dabei seine weiße Kehle auf. Zuweilen rufen sie grell kreischend und auch rau schnarrend. Das Männchen kennt mehr unterschiedliche Strophen als das Weibchen.

Sie singen zur Balz im Frühling und  im Herbst zur Abgrenzung ihres Reviers gegenüber Nachbareulen. Dabei wird der Reviergesang des Männchens durch okarina-artige flötend klingende „Guhk“-Rufe aneinandergereiht. Beim Singen sitzt das Männchen auf einer erhöhten Warte, und wenn das Weibchen zu ihm kommt, kann es sein, dass sie im Duett singen, bis das Männchen dem Weibchen die vorgeschlagene Höhle zeigt. Aber auch das Weibchen ruft, vor allem vor der Futterübergabe an die Jungen, dann stimuliert sie „gek-gö-gekgöck-geck-göck, usw. Derweile betteln die Jungen mit Piepslauten.

Ihr Gesang ist aber auch reich an Alarm- und Abwehrlauten, die wie etwa „kukau“ klingen und bei der Revierverteidigung zu einem Aggressiv-Gesang aneinandergereiht werden. Mit etwa 60 solcher Silbengruppen werden sie dann von beiden Partnern vorgetragen. Damit schwillt das Geheul der Steinkäuze zu einem infernalischen Lärm an, mit dem konkurrierende Paare für das Revier wirkungsvoll in die Flucht geschlagen werden.



Zukunftsaussichten und Hoffnung
Im ersten Lebensjahr ist die Sterblichkeit am höchsten. Sie liegt bei 65 % Ist das erst einmal überstanden, können sie, wie von Beringten bekannt wurde, in der Freiheit bis zu 16 Jahre alt werden. In der Voliere ist der älteste Steinkauz 18 Jahre alt geworden. Dennoch zählt er in Deutschland, Österreich und der Schweiz neben der Schleiereule zu den gefährdeten und am meisten vom Aussterben bedrohten Eulenarten auf der Roten Liste. Intensivlandwirtschaft, Pestizideinsatz und vermindertes Nahrungsangebot sind die wesentlichen Ursachen.

Weil sie überwiegend in der Nähe der Menschen und damit an Dorfrändern lebten, sind Steinkäuze mit der Ausdehnung dieser Siedlungen zunehmend gefährdet. In den modernen Bauten fehlen jegliche Löcher und Lücken. Helfen kann man ihnen mit entsprechender Gestaltung der Flächen-Nutzungspläne und auch mit dem Anbieten von künstlichen Nisthilfen. Hier hat Albert Soyer eine bemerkenswerte Version entwickelt, die sich sehr bewährt hat. Wenn aber heute zunehmend die Füchse in die Siedlungen kommen, weil ihnen draußen die Nahrung fehlt, kann man sich vorstellen, wie viel mehr den Eulen die Nahrung draußen fehlt. Füchse sind findig. Sie plündern Komposthaufen und klauen gegebenenfalls Schuhe. Wenn die Steinkäuze auch keine Schuhe klauen können, sollte man sich daran erinnern, dass Mäuse in nennenswerter Zahl nur auf Dauergrünland zu finden sind. Die Nisthilfe von Soyer für Steinkäuze hat sogar im Rheinland Anklang gefunden, dem einzigen Gebiet in Deutschland, wo es heute noch in beachtenswerter Anzahl Steinkäuze gibt.

Mitte August ist es soweit, dass die Jungen ausfliegen und ohne die Hilfe der Alten auskommen müssen, denn exakt ab dem 65. Tag ignorieren die Eltern das Betteln der Jungen. Da Steinkäuze selten wurden, ist überall ein Vakuum im Land. So brauchen sie nicht sehr weit abzuwandern, um mit einem neuen Partner ein eigenes Revier zu begründen. Einjährig sind sie geschlechtsreif. An einem lauen Sommerabend nehmen sie den Wind unter die Schwingen und verlassen den Wiesengrund. In der Ferne hört man noch ihre Rufe. Die Familienverbindung ist beendet, und zurück bleibt nur das alte Paar. Im Herbst werden sie noch einmal ein großes Heulkonzert veranstalten, um das Revier gegen andere Steinkäuze abzugrenzen. Die Käuzin wird dem Kauz antworten. Er bleibt auf jeden Fall im Winter in seinem Revier, aber auch sie bleibt in den milden Wintern hier. Miteinander zu heulen hat etwas Verbindendes. Die Käuzin heult mit dem Kauz, und sie wissen beide, dass sie auch im nächsten Sommer nicht mehr alleine sein und gemeinsam ihre Jungen aufziehen werden.