Eulen: Lautlose Jäger über dem Moor, Sumpfohreulen jagen am hellen Tag und in der Nacht
Von Wolfgang Alexander Bajohr

Das damals schon ziemlich lädierte Fußbergmoos war plötzlich zu einem Geheimtipp für die Vogelfreunde geworden. Zwischen den Bülten des Pfeifengrases hatte ein ganzes Dutzend Paare der bei uns sehr seltenen Sumpfohreule gleich eine ganze Brutkolonie angelegt. Nest stand neben Nest. Das ist nicht so ungewöhnlich, denn das gehört zur Verteidigungsstrategie dieser schönen Eule. Jedes Eulenpaar hatte aus dürren Grashalmen auf dem flachen

Torfboden zwischen den Torfstrichen ein kunstvolles Nest gewoben. Denn unter allen Eulen ist die Sumpfohreule die einzige Art, die mit großer Sorgfalt ein richtiges Nest baut. Zwischen 6 und 16 weiße Eier lagen in jedem Nest. In der Gemeinsamkeit fühlten sich die herrlichen Vögel besonders sicher. Denn in der Nähe des Nestes ist die Sumpfohreule eigen und zudem als besonders kühn und angriffslustig bekannt. Jede Krähe, die sich den Gelegen nähern will, jeder Taggreif, der Interesse für Junge zeigt und jeder Mensch, der sich lästig oder angriffslustig, vielleicht auch nur neugierig naht, wird schneidig angeflogen, wie man es sonst nur von Seeschwalben und Kiebitzen kennt.

Wer sich als Mensch einer Kolonie von Sumpfohreulen nähert, der sollte seine Augen und das Gesicht schon vor ihren Angriffen schützen. Denn die immer wieder auf ihn herabstoßenden Vögel haben nadelspitze Fänge. Sie krallen nach den Haaren und schlagen ihm die Schwingen um die Ohren oder fliegen zumindest so dicht heran, dass er den Luftzug spürt. Die nicht brütenden Partner sitzen rund um die Kolonie in den einzeln stehenden verstreuten Birken und Kiefern herum. Wenn sie dann jagen, fliegen sie mit laut bellendem „Käw, käw, käw“ über das Moor. Bei Tage ebenso wie in der Dämmerung und der Nacht. Auf den angrenzenden Feuchtwiesen jagen sie Mäuse. Von deren Vermehrung sind sie abhängig, und es muss dort schon ein Super-Mäusejahr sein, wo sie brüten.

 
  Foto: Paltanavicius

Ihre Jagdart ist anders als die der meisten Eulen, anders auch als die der im gleichen Lebensraum in alten Elster-Nestern brütenden Waldohreulen. Ihr Jagen erinnert eher an die Jagd der Bussarde. Sie gleiten flach und mit schnellem Flügelschlag über dem Boden dahin. Hastig und weit ausholend, etwas abgehackt wirkend, schlagen dabei ihre Flügel.

Dann halten sie ein mit dem Schlagen und gleiten mit dem zuvor erzielten Schwung auf dem Luftpolster über dem Boden ein ganzes Stück dahin. Haben sie eine Beute mit den Ohren geortet, stellen sie die Flügel hoch, rütteln auf der Stelle in der Luft und bleiben stehen wie Bussard oder Turmfalke und beobachten den Boden unter sich. Dann wieder eilen sie gaukelnd nach Art der Weihen ein Stück weiter um abermals zu rütteln und so suchen sie Stück für Stück den Boden unter sich ab, um herabzustoßen und im Sturzflug Mäuse zu schlagen, auch unter dem Schnee und unter der Oberfläche des weichen Torfbodens.


Foto: Paltanavicius

Einen Monat nach dem Brutbeginn auf dem ersten Ei schlüpft auch das erste Junge. Sie brüten vom ersten Ei an wie alle Eulen, so dass die Jungen nacheinander schlüpfen. Die Jungen verlassen das Nest wenn sie noch nicht flugfähig sind schon nach 2 Wochen. Denn die Natur hat das mit den so genannten Ästlingen weise eingerichtet, weil ein Nest voller Junge am Boden stark gefährdet wäre, wenn ein Beutegreifer kommt. So wird allenfalls eines von den ausgeschwärmten Jungen gefangen, nie aber alle. Da sie eine große Zahl Eier legen und Junge erbrüten, deutet das an, dass Sumpfohreulen gefährlich leben und daher viele Nachkommen brauchen, um das auszugleichen. Um eine Kolonie herum wimmelt es natürlich schließlich vor lauter Ästlingen. Allmählich erst mausern sie sich und legen dann das Kleid der Eltern an, das nur etwas dunkler ist.

Sumpfohreulen sind schmucke Vögel und mit 400 g um ¼ schwerer als eine Waldohreule, mit der sie zuweilen verwechselt werden, obwohl sie gar nicht zu verwechseln sind, nicht nur wegen der Größe. Waldohreulen zeigen ihre Federohren immer, Sumpfohreulen aber fast nie. Sie halten sich meistens am Boden auf oder allenfalls in den unteren Zweigen nahe dem Boden. Die Grundfarbe ist ein appetitliches blasses gelbweiß. Der Gesichtsschleier ist weiß und am Außenrand braun tuschiert und deutlich abgesetzt, um das leuchtend bernsteingelbe kugelrunde Auge herum aber schwarz, was den ausdrucksvollen Blick unterstreicht. Der Hakenschnabel ist grau. Die Brust ist mit Längsstrichen bräunlich tuschiert und auf dem Rücken mischen sich verschiedene Brauntöne zu hellen und dunklen kräftigen Streifen. Schwingen und Schwanzfedern sind im Sitzen fast gleich lang und graubraun gebändert. Die Füße ähneln denen des Rauhfußkauzes, denn sie sind bis auf die Krallen herab mit feinem weichem Flaum befiedert.

Nicht ganz klar ist, warum man sie zu den Ohreulen rechnet. Um die Federohren zu zeigen, muss sie Stimmung haben. Ob Terzel und Weibchen zu unterscheiden sind, gehört zum Strategenstreit der Experten. Solange man sie nicht balzend um das Weibchen werben sieht, kann man einen Unterschied kaum erkennen. Häufig sind Eulenweibchen etwas größer als ihr Terzel. Jungvögel unterscheiden sich im Erstlingskleid, denn sie sind dunkler als die Eltern.

Ihr Bruterfolg war reichlich und wir glaubten schon, dass die Sumpfohreule freiwillig in das Fußbergmoos zurückgekehrt sei. Wir hofften auf die kommenden Jahre und wir steckten voller Pläne. Aber Ende September war der Spuk vorbei. Nie sind sie zurückgekehrt, auch in den Folgejahren nicht. Allerdings hat es auch nie wieder ein so überzeugendes Mäusejahr gegeben. Bei einem so großen Ansturm wäre die Nahrung für ein so langes Jahr sicher zu knapp gewesen. Wir wären ja schon glücklich gewesen wenn ein einziges Paar zurückgekehrt wäre. Aber auch dieser Traum hat sich nicht erfüllt, und auch in den übrigen Mooren im Fünfseenland hat er sich nicht mehr erfüllt. Viele dieser Moore sind auch nicht mehr für sie geeignet, denn oft sind die offenen Hochmoore zuerst mit Drainagen und dann auch noch mit dem Klimawandel zu trocken geworden. Die Folge ist, dass Buschwald aufkommt und die freien Flächen verschwinden.


Foto: Paltanavicius

Die einst offene Moorlandschaft wird auch von anderen Vogelarten verlassen, die vorher dort zu Hausse waren, denn sie alle können nicht durch das Gebüsch kriechen. Randvolle wirklich nasse Moore sind bei uns selten geworden. Auch Bekassine, Brachvogel, Raubwürger und Kiebitz verschwinden. Die einstigen Streuwiesen in den niedermoorigen Bereichen werden allenfalls noch zur Landschaftspflege gemäht. Auch hierhin kann die Sumpfohreule nicht ausweichen. Gewiss, auch sie lebte bei uns im süddeutschen Raum schon immer an der Grenze ihres Verbreitungsgebietes. Kolonien, wie wir sie noch ein einziges Mal hatten, waren vorübergehender Lebensraum von Kolonisten oder Neuland-Erkundern, die das Land wieder aufgeben, wenn es nicht annähernd ihren Lebensbedürfnissen entspricht.

In der Norddeutschen Tiefebene waren Sumpfohreulen schon immer häufiger als im Süden und im Osten der EU, also z.B. in Ostpreußen, Polen und Litauen gibt es jene Moore noch immer und im Norden zum Polarkreis hin sind sie häufiger. Sumpfohreulen sind Weltbürger beiderseits der Ozeane südlich des nördlichen Polarkreises in allen offenen Taigas und Tundren. Vor allem aber sind sie Kinder der Tundra, wo es zahllose Lemminge gibt. In guten Jahren legen sie viele Eier und in schlechten Lemmingjahren weniger. Wenn sie auf dem Zug in den Süden und beim Rückflug aus Afrika gen Norden bei uns durchkommen und eine ihnen zusagende Landschaft antreffen, entscheiden sie schnell und bleiben zunächst einmal, nicht nur zur Rast hier, sondern brüten auch. Wenn sie nicht finden, was sie suchen und brauchen, dann ziehen sie weiter, zurück nach Norden und Osten.
Bei uns sind durch die Trockenlegung Brutgebiete immer seltener geworden. Damit ist auch die schöne Eule schließlich selten geworden und am Ende ganz ausgeblieben. Dem Lauf von Ammer und Amper folgend, zieht sie noch immer durch, doch bleibt sie nicht hier, denn mit der Trockenlegung des Ampermooses war man schnell bei der Hand, doch als es um die Wiedervernässung ging, da hat man erst einmal Jahrzehnte lang diskutiert, auch geplant, aber getan hat man nichts.

An die Brutgebiete rund um den Polarkreis erinnert auch die Jagdweise der Sumpfohreule, die meist tagsüber jagt. Dass sie außerdem nachts jagt, liegt wohl daran, dass sie bei uns auch auf die nur nachts aktiven Gelbhalsmäuse und Waldmäuse trifft. Denen passt sie sich an, dann ist sie gezwungen auch nachts zu jagen. Im Norden ist in der Brutzeit die Nacht taghell und der Tag endet erst mit der Brutzeit. Darum machen ihr die Tagesjagd alle anderen Tundra-Eulen nach. Das gilt für die Schneeeule und den Rauhfußkauz, für Sperlingskauz und Sperbereule.

Foto: Paltanavicius

Viel Glück gehört schon dazu, sie im Ammermoos oder Ampermoos in der Zugzeit zu sehen, wenn sie der Vogelzugstraße folgt. Immerhin besteht hier eine Chance sie wenigstens gelegentlich zu Gesicht zu bekommen. Ende September bis Anfang Oktober sind sie durchgewandert. Im März kommen sie zurück und ziehen weit rascher durch als im Herbst. Tagsüber ruhen sie in wenig bewaldeten Feuchtflächen zwischen Gras und Schilf auf der Erde, und man muss schon fast drauf treten ehe sie auffliegt.

Meist streicht sie dann nicht weit und bleibt auf den unteren Ästen oder am Waldrand sitzen. Dann wieder fliegen sie sanft und lautlos auf und gleiten leicht schwankend und weihenartig dicht über dem Boden dahin.  Wenn sie weiterziehen, können sie in beträchtliche Höhen aufsteigen. Sie bevorzugen für den Zug die dunklen  Stunden und das ergibt, dass sich ihr Zug unserer Wahrnehmung entzieht. Wenn sie wieder im Land zurück ist, bemerkt man es am ehesten an den Rufen. Sie kläfft und miaut während ihres Jagdfluges. Sie ruft aber auch dumpf und dreisilbig „Bububu“ in die Nacht. Fehlen die Mäuse als Marschverpflegung, weiß sie auch mit Fröschen und Insekten auszukommen. Sie greift auch einmal Kleinvögel. Im Ganzen sind die Rastgebiete ebenso wichtig wie die Brutgebiete. Aber das gilt für alle ziehenden Arten.

Wir sollten uns nicht damit abfinden, dass es in Tundra und Taiga im Norden genügend Sumpfohreulen gibt und sie damit nicht gefährdet ist. Sondern wir müssen nachdenken und dafür sorgen, dass die Brutgebiete wiedererstehen, die unsere vorhergehende Generation unüberlegt beseitigt hatte. Jene damals trockengelegten Böden sind zumeist heute im Zeichen des Überflusses Grenzertragsböden, die zu bewirtschaften nicht lohnt. Man sollte sie wieder vernetzen und das einstmals aus dem Land gejagte Wasser wieder aufstauen. Vielleicht kehrt dann auch der, aus der Sicht der Landwirtschaft wünschenswerte Vogel Sumpfohreule zusammen mit anderen Arten zurück. Sumpfohreulen sind sehr flexibel und gewohnt, Biotop-Angebote eben mal im Vorbeikommen sofort zu nutzen. So ist unsere Hoffnung vielleicht begründet, dass die Wiederherstellung dieser Lebensräume auch einer großen Zahl von Tierarten helfen kann, vor allem aber den Vögeln der Feuchtgebiete und unter ihnen der Sumpfohreule.