Eulen: Vom  Waldteufelchen, Zwergohreulen leben im verwilderten Bauerngarten
von Wolfgang Alexander Bajohr

Mitten in einem verwilderten Garten steht ein uriges Haus. Niemand weiß wer es einst errichtet hat. Die Wände sind aus grob zugeschlagenem Urgestein gefügt, und so haben sie viele Generationen ausgehalten, kommen und gehen sehen. Sie haben hier gelebt und geliebt. Sie haben ihre Kinder in die Welt gesetzt, und ihre Herden versorgt. Vor allem aber haben sie mit der Natur in Harmonie gelebt als sie ihr das tägliche Brot abgerungen haben. Garten und Hofstatt um das Haus haben sie mit einer trocken geschichteten Mauer umgeben, aus den Steinbrocken, die sie im Schweiße ihres Angesichtes aus den Feldern herausgeholt und auf einander geschichtet haben. Diese

Trockenmauer steht auch heute noch. Wie viele Jahre und wie viele Generationen mögen an ihr gebaut haben, bis sie so ausgesehen hat wie heute? Gewiss schlangen sich auch damals schon die undurchdringlichen Brombeerranken

als stacheliger Wall darüber hin, der Sicherheit wegen, als Spender süßer Früchte, aber auch als Brutstätte und Heimat für Rotkehlchen und Mönchsgrasmücke. Zwischen den Spalten der Steine aber verstecken sich die grünen Zauneidechsen und der Wiedehopf findet seine Höhle dort. Der Zaunkönig schmettert sein keckes Liedchen, und Schlohwittchen das große Wiesel jagt nach Mäusen. In den stacheligen Wildapfelbäumen flechten Stieglitze ihre Wiege aus Weidenwolle und auf der Mauer knicksen Grauschnäpper und Hausrot-schwanz. Hier ist noch der Wendehals zu Hause und auch der Kleine Buntspecht huscht die Stämme hinauf.

Eines Tages haben die Kinder das alte Bauernhaus verlassen und sind in die Stadt gezogen, weil ihnen die harte Arbeit der Eltern nicht mehr erstrebenswert schien. Seither ist alles verwildert, bis man das Paradies wiederentdeckt hat, für uns naturhungrige Städter, als Ferienhaus. So ist schließlich mit modernem Komfort das Leben wieder eingekehrt in die alten Mauern, aber der alte Garten ist genau das was wir suchen.

Den einstigen Garten gibt es nicht mehr, und doch ist er im Frühling ein Blütenmeer. Auf den Disteln klettern die Stieglitze, Kamille duftet, rot leuchtet der Klatschmohn, blau die verschiedenen Schmetterlingsblüher. Da gibt es Rittersporn und Malven, Natterkopf und rundum die ganze Palette all der Wildkräuter, die unsere Kinder gar nicht mehr kennen, weil man sie aus der chemisch reinen Kulturlandschaft hinausgepflegt hat. Und weil es all ihre Futterpflanzen dort gibt und auch Raupen noch zu Schmetterlingen werden dürfen, ist die Luft erfüllt mit ihrem Farben sprühenden Gaukeln,

brummen die Hummeln und summen die Bienen, und eilen die goldglänzenden  Laufkäfer dahin. Neben etlichen verwilderten Wildobstsorten und ein paar herein gewehten Fichten steht mitten in dem Garten auch noch ein uralter  Nußbaum. Knorrig und teilweise hohl mit unendlich vielen kleinen Höhlen.

Auch um seinen Stamm ringeln sich die wilden stacheligen Brombeeren, und ganz gewiss brüten in der Brombeere und in dem alten Baum so manche der Vögel, die wir hier beobachten dürfen. Um die kleinen Sänger geht es aber hier nicht, denn wir haben am Abend, als wir vor der Türe sitzen ein ganz seltsames Erlebnis.

Mondlicht erhellt den milden Frühlingsabend und wir schauen den Wolken zu, die im silbernen Schein über den Himmel jagen. Wir freuen uns über die erste Fledermaus und ein erstes vereinsamtes Glühwürmchen. In den Kräutern wispern die Mäuse. Von ferne klingt aus dem Dorf Glockenklang herüber.  Irgendwo jagt schnarrend kreischend eine Schleiereule und ,,kwiuh, kwiuh”ein Steinkauz. Hier also hat er sich noch nicht für immer verabschiedet. Dann aber tönt ganz nah bei uns ein anderer Ruf durch die Nacht. Melodisch pfeifend und doch wieder eintönig ,,kju, kju, kju". Der Steinkauz kann es  nicht sein, denn der ruft nicht so voll wohl tönend melodisch. Man kann es auch mit „djüht, djüht  djüht" oder mit ,,bühp, bühp, bühp" umschreiben. Jede dieser Lautmalereien kommt dem Ruf irgendwie nahe, der ein wenig an den Schrei der Geburtshelferkröte erinnert. Aber der ist kürzer und auch nicht so weit zu hören, wie dieser Eulenruf, der kräftig und laut ist. Denn eine Eule muss es sein, die da vor uns in dem alten Nussbaum ruft, und  manchmal singen sie zu zweit. Ich habe keinen Zweifel, dass hier eine Eule ihr Liebeslied singt, mal im Nussbaum und antwortend aus der Fichte nebenan. Ich hatte den Ruf nie zuvor gehört und habe erst nachlesen müssen. Aber  der Schrei ist so unverwechselbar und typisch, dass nur die Zwergohreule infrage kommt, die man scherzhaft auch Waldteufelchen nennt, weil sie zwei allerliebste Federohren hat. Aber mit der Waldohreule ist sie nur als Eule  ganz entfernt verwandt. Weil sie abends schon und morgens noch in der Dämmerung ruft, habe ich mit und ohne Lampe den ganzen Nussbaum abgesucht, denn dass sie nur dort in einer der vielen Höhlen wohnen kann, daran ist nicht  zu zweifeln. Nur gefunden habe ich sie nicht, obwohl sie vor mir saß  und gerufen hat.

Es ist mir erst später klar geworden, dass sie mir damit ihre besondere Fähigkeit bewiesen hat sich durch perfekte Tarnung unsichtbar zu machen. Dass ich eine Zwergohreule in dem melodischen unsichtbaren Rufer vor mir habe, ist mir erst später klar geworden, als ich mich damit beschäftigt habe. In den zahllosen Höhlen des alten Nussbaumes habe ich auch ihre Höhle nicht gefunden, denn es gab zu viele davon. Die Zwergohreule ist bei uns selten, und gerade darum hätte ich sie gerne fotografiert.

In Bayern hat sie in Unterfranken einmal gebrütet. Dr. Mebs hat über eine Brut an der Halburg bei Volkach am Main berichtet. Häufig ist sie erst im Elsass in den Vogesen und in Südtirol bis hin in die Savoyer Alpen, in Frankreich und Jugoslawien, in Italien und in der CSSR, aber auch in den südlichen Teilen von Österreich und auf den Inseln im Mittelmeer. Umherstreifend aber ist sie auch in Bayern häufiger am Alpenrand und am Rand des Bayerischen Waldes gesehen worden.

Ihr Lieblingslebensraum sind alte Obstgärten und Streuobstanlagen oder lockere Korkeichenbestände. In geeigneten Lebensräumen sind es also immer verlassene alte Kulturlandschaften mit üppig verwilderten Bauerngärten. Hier kann ihre Siedlungsdichte oft erstaunlich hoch sein. Mebs nennt bis zu 5 Brutpaare pro Hektar. Doch auch hier hört man sie eher als dass man sie sieht. Wenn sie tagsüber unbeweglich ruht, gleicht sie einem Stück grober  verwitterter Baumrinde. Ihr graubraun gesprenkeltes Gefieder lässt sie perfekt in der Umgebung aufgehen, wenn sie tagsüber die gelben Augen geschlossen hält. Auch im hellen Sonnenlicht kann man unmittelbar davor stehen ohne sie zu sehen. Man muss erst lernen sie zu entdecken, und weil sie dann auch gar nicht scheu ist und voll auf ihre Tarnung vertraut, macht das Fotografieren dann keine Schwierigkeiten mehr. Allenfalls legt sie das Köpfchen ein wenig schief um nach dem Störenfried zu sehen, der ihr da dauernd in die Augen blitzt. Aber selbst das scheint sie nicht zu stören, selbst wenn die Pupille so weit geöffnet ist, dass man die gelbe Iris gar nicht und dafür den roten Augenhintergrund sieht. Denn die gelbe Iris wird nur bei Sonne sichtbar, weil im Dämmern die Pupille weit offen ist.

Selbst dort, wo sie ständig lebt, bleibt sie auch guten Naturbeobachtern und Jägern oft verborgen, obwohl ihr Rufen so typisch ist, dass man sie mit keiner anderen Eule verwechseln kann. Es könnte also durchaus sein, dass sie wenigstens auf dem Durchzug und beim Umherstreifen häufiger vorkommt als es erkannt wird.Das Waldteufelchen ist klein, nur so groß wie der Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger, 15-18 cm nur. Sie ist damit etwa genauso klein wie unsere kleinste Eule, der Sperlingskauz.

Weil das Gewölle häufig nur Chitinreste von Insekten enthält, glaubte man lange, dass sie nur von Heuschrecken, Käfern und Nachtschmetterlingen lebt. Aber sie kann darauf auch völlig verzichten und auch nur von Mäusen oder von Fledermäusen leben, wenn es sich so ergibt. Von Mäusen lebend könnte sie durchaus auch hier überwintern, aber sie weicht doch stets mit einer Südlandreise in das innere Afrika dem Winter aus. Doch relativ früh, schon ab März, ist sie wieder im Brutgebiet und lässt sich hören.

Der Stimmfühlungslaut kommt überwiegend vom Männchen, aber auch vom Weibchen, und dann singen sie oft im Duett eine ganze Nacht lang monoton und ohne Pause. Der Ruf ist so auffällig, dass er einfach nicht zu überhören ist. Sie rufen zur Revierabgrenzung, zur Balz und noch während der Brut bis in den Juni hinein. Ab Mitte Mai liegen dann 3-4 fast kugelrunde weiße Eier in der Höhle im alten Walnussbaum und werden alleine vom Weibchen vom ersten Ei an bebrütet. In der Zeit sitzt das Männchen nebenan und singt ihr etwas vor, aber es füttert sie auch, denn sie sitzt jetzt bombenfest.

Wenn nach 3-4 Wochen die Jungen geschlüpft sind und jetzt 33 Tage bis zur Flugfähigkeit und danach noch 4-6 Wochen geführt und gefüttert werden, kann man sie blitzesschnell nach Falkenart in der Dämmerung jagen sehen, wenn man gelernt hat die kleinen schnellen Vögel als Zwergohreulen zu deuten. Denn nicht der lautlos sanfte Eulenflug ist ihre Art. Sie greifen genauso den Schwärmer in der Luft wie den plumpen Maikäfer oder die Waldmaus in dem Blütenmeer des alten Gartens. Die Bettelrufe der Jungen lassen sich am besten mit ,,Tsig, Tsig, Tsig” übersetzen. Man hört sie alle 1-2 Sekunden aus der Höhle wispern. Doch hilft es nicht sie aufzufinden. Allseits von Brombeerranken festgehalten und zerkratzt, vergeht einem auch rasch die Freude am Suchen.

Überleben kann die Zwergohreule nur dort, wo es der Mensch versteht noch mit der Natur in Harmonie zu leben. Das können genauso verlassene wie noch heute extensiv genutzte Kulturlandschaften sein. Wo man es sich in den Kopf gesetzt hat die Landwirtschaft zu industrialisieren oder aufzuforsten, bedeutet das eine Totalvernichtung von Blüten, Insekten, vielen anderen Tieren und damit auch der dämonisch wirkenden kleine Waldohreule, die sich dem Menschen gegenüber meist ganz vertraut verhält, Wo einst ein alter hohler Baum stand, wird er oft dem modernen Ordnungsfimmel geopfert. Zurück bleibt statt der monumentalen Ästhetik des harmonisch Gewachsenen nur noch ein Raumvakuum mit Stumpf. Die kleine Eule  aber hat ihre Wohnung verloren und viele andere auch. Zur Not kann man noch einen Nistkasten aufhängen, der aber 10x20 cm Bodenfläche und zumindest 30 cm Höhe und ein 80 mm Einflugloch haben sollte.

Dem Wiedehopf und den Fledermäusen kann aber auch das nicht mehr helfen und den Bockkäfern im Holzmulm auch nicht. Allen miteinander kann man dann nur noch eine von naturbewussten Ökobauern bewirtschaftete Flur wünschen. Wo die Giftspritze die Beute bis zum letzten Insekt und zur letzten Maus ausgerottet hat, wo aus Wiesen Getreideäcker wurden, da verlieren sie alle ihre Heimat, auch das Waldteufelchen.