Gartenteich: Teufelsnadel aus dem Gartenteich, die seltsame Verwandlung der Mosaikjungfer
von Wolfgang Alexander Bajohr

Die ganze Teufelei liegt eigentlich alleine darin, dass diese im Zickzackflug dahinflitzende "Teufelsnadel" ein Tier ist. Pfeilschnell schießt diese große Libelle dahin. Immer wieder steht sie schwerelos, wie ein Falke rüttelnd, in der Luft still und saust dann wieder ruckartig, bald vorwärts, bald rückwärts und auch wieder links und rechts nach den Seiten dahin. Dergestalt in der Luft jagend ist sie das perfekteste und virtuoseste Flugobjekt, das die Natur je erschaffen hat -  Mosaikjungfer.blaugruen.jpg (57746 Byte)
Mosaikjungfer

und an dem sich der Naturbeobachter nicht satt sehen kann, wenn sie auf diese Weise rastlos jagt und sich stundenlang in der Schwebe aufhält, um Mücken oder andere Insekten zu fangen. Für uns Gartenfreunde ist es die angenehme Seite ihres Kunstfluges, dass sie uns den abendlichen Terrassensitz mückenfrei halten.

Nie bin ich auf die Idee verfallen, dass sie "Augenstecher" sein könnten, wie unsere Ureltern sie einstmals auch genannt haben. Denn dass diese Kunstflieger in der Luft stehen bleiben, auch seit- und rückwärts fliegen können und neugierig oft recht nahe kommen, hat sie unbegründet in Verdacht gebracht. Einmalig aber ist nicht nur ihr Flug, sondern auch ihr Riesenauge, mit dem sie als Rundum-Weitwinkelobjektiv ausgerüstet sind und zu den am besten sehenden Insekten gehören.
Damit können sie sich aber nicht nur alleine über die Schulter schauen, sie zerlegen ihr Weltbild auch in unendlich viele Rasterpunkte und so sind sie nicht nur für den Optikfachmann, sondern auch für die allermodernste elektronische Bildübertragung ein unerreicht nachahmenswertes Vorbild gewesen. Auf ihre Beute lauern sie meist von einer Ansitzwarte aus, aber auch im rüttelnden Standflug. Weil sie ihr Beutetier auch hinter sich erspähen oder seitlich, vermögen sie aus dem Stand im Augenblick zur Höchstgeschwindigkeit zu starten und momentan von null auf 50 km/h zu kommen, wieder einmal eine unglaubliche Leistung der Beschleunigung.


Blaugrüne 
Mosaikjungfer
Neben den kleinen himmelblauen Azurjungfern ist es vor allem die Blaugrüne Mosaikjungfer, eine der schmuckesten Großlibellen, die sich am Gartenteich einstellt und bei manchem Gartenfreund für Verwirrung sorgt. Zwar fliegt sie auch an Weihern und Fischteichen oder auch an Gumpen in Kiesgruben, doch ist sie eher ein Freund der kleinen stehenden Gewässer in Wald und Moor und einstmals auch der vielen kleinen Tümpel in der Feldflur, die man heute überall mit Müll und Aushub zugekippt hat. Wo sie einmal auftritt, schlüpfen an einem schönen Sommermorgen oft erstaunlich viele Tiere dieser Art.

Zur Jagd gleiten sie im Nu ein Stück weiter auf eine Waldlichtung oder sie rasen auch auf breiten grasigen Waldwegen umher, oft weitab vom Wasser. Dort aber patrouillieren die Männchen meist abwechselnd am Ufersaum entlang und warten auf ein Weibchen, das Eier legen möchte. Zuweilen werden sie dort ihrerseits Opfer eines sehr gewandten Fliegers, des Baumfalken, der sie aus der Luft heraus im Sturzangriff fängt und auch gleich in der Luft kröpft, wie ich es an einem kleinen Waldtümpel im Toteismoor beobachtet habe. Wenn die Libellen eher träumerisch das Ufer entlang fliegen, sind sie auch dem Menschen gegenüber gar nicht scheu und nähern sich schwebend oft auf wenige Dezimeter. Man sollte sie so als Naturerlebnis erleben und ihnen zusehen, denn sie haben keine bösen Absichten und es ist verwerflich, nach ihnen zu schlagen.

Während die Weibchen bei dieser Art schwarzgrün am Hinterleib gefleckt sind, ist das Männchen prächtiger, teils schwarzblau, teils schwarzgrün. Diese Libelle ist unter allen Arten die anpassungsfähigste und darum noch nicht gefährdet, wie alle übrigen Arten. Von den etwa 70 bei uns lebenden Libellenarten stellen manche an ihre dahinschwindenden Lebensräume hohe Ansprüche und so verwundert es nicht, dass 2/3 dieser Arten heute auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen oder schon verschwunden sind. 
Alleine die menschliche Sucht natürliche mäandrierende Bäche zu kanalisieren und aus einem Ordnungsfimmel heraus Tümpel zuzufüllen hat sie in diese Gefahr gebracht. Gäbe es heute nicht zunehmend die Liebhaber privater naturnaher Gartenteiche, wäre vielleicht die Mosaikjungfer heute ebenso bedroht, denn auch der kleinste Gartenteich ist für viele Tierarten eine entscheidende Überlebenshilfe und ein reizvoller Ort vieler Tiere Hochzeit zu beobachten.

Die Hochzeit kann zuweilen recht kompliziert sein, und manchem ist gar nicht klar was da geschieht, wenn sich Libellenpartner zu einem Hochzeitsrad verbinden. Denn sie übertragen ihre Samen nicht auf herkömmliche Art. Das Männchen füllt einen speziellen Samenbehälter erst im letzten Moment und greift das Weibchen von oben her, schwenkt erst einmal das Hinterleibende nach unten und füllt das Behältnis aus der weiter vorne am Körper liegenden Samenöffnung mit einer Portion in das getrennte Kopulationsorgan. Nun packt es das Weibchen mit den Anhängen des Hinterendes am Genick und lässt die Beine los, so dass sie nur noch von den Anhängen gehalten werden. Als sogenannte Paarungskette, bzw. Paarungsrad können sie jetzt noch über weite Strecken fliegend zurücklegen, und während des Fluges als Lufttandem lässt das Männchen die bereitgestellten Samen in das Weibchen hinübertreten.

Manche Libellenarten bleiben auch zum Eierabwurf im Schlamm als Lufttandem beisammen, wie die Adonislibelle. Die Weibchen der Mosaikjungfer legen ihre Eier alleine. Dazu raspelt es mit einem scharfen Spitzchen am Hinterleib kleine Sägeöffnungen in Pflanzenteile, damit die Eier erst einmal geschützt sind. Die Larve des später so ätherischen nymphenartigen Wesens hat so gar nichts mit der Feen gleichen Erscheinung der fertigen Libellen gemein. Sie ist plump, hässlich und kräftig. Ihre Kiemen für einen Teil der Wasseratmung trägt sie am Hinterende. Als wahrer Wassertiger entwickelt sie einen unstillbaren Heißhunger. Sie jagt auf alles was sich bewegt. Insektenlarven und Krebschen, Würmer und Schnecken. Aber auch Kaulquappen der Frösche und Molche, ja selbst Fischchen und ihre Brut werden kräftig gezehntet. 
Uns ist zuerst gar nicht bewusst geworden, sie in so großer Zahl im Gartenteich zu haben und zu begreifen, in wie hohem Maße sie die Kaulquappen unserer Grasfrösche aufgerieben haben. Aber das hat wohl die Natur so vorgesehen. Meist dauert die Entwicklung zwei Jahre. Bei großem Nährstoffangebot und wärmerem Wasser kann es auch nach einem Jahr schon soweit sein, bei geringerem Angebot und kälterem Wasser kann es auch länger dauern. Erstaunlich ist auch ihre eigene Fähigkeit, Feinden zu entgehen. Wie Eidechsen eine Sollbruchstelle am Schwanzende haben, ist auch bei ihnen eine Sollbruchstelle an den regenerierbaren Füßen vorgesehen.

Wenn also der Zwergtaucher nicht genügend fest zupackt, hält er plötzlich nur ein Bein im Schnabel. Aber auch die Atemeinrichtung, die man als Sauerstoffklistiere bezeichnen könnte, rettet sie. Hierbei wird durch plötzliches Zusammendrücken des Enddarmes das Atemwasser so kräftig ausgespritzt, dass das ganze Tier wie ein Düsenflugzeug nach dem Rückstoßprinzip mit Jetantrieb durch das Wasser in eine neue Position geschossen wird. 
Eines Tages ist es dann soweit. Es kündigt sich den Tag zuvor schon an, und wir haben gestaunt, als im Juli unserem winzigen Gartenteich gleich Dutzende der zunächst noch hässlichen Wassertiger entstiegen und sich vor unseren Augen in zarte feengleiche Wesen verwandelt haben. Um das zu ermöglichen, müssen die Larven von der Kiemenatmung auf das bei allen Insekten übliche Bruststigmensystem umstellen. Um diese Änderung zu ermöglichen, kriechen sie erst nur ein kleines Stück aus der Flut heraus. Somit kündigt sich das Ereignis am Vorabend an.

Am folgenden Morgen klettert die Larve dann etwa einen halben Meter an den Wasserpflanzen herauf. Dort krallt sich das schlüpfreife Tier so fest, dass später die leere Hülle noch wochenlang haften bleibt. Fast immer schlüpfen sie morgens, nie am Abend. Es erleichtert das eigentliche Schlüpfen, dass die Larve auf dem Rücken längs des Vorderkörpers eine vorgefertigte Reißnaht hat. Plötzlich reißt sie auf und der Kopf mit Oberkörper werden sichtbar. Langsam schiebt sich der Oberkörper der Libelle aus der Larvenhaut und lässt sich, offensichtlich erschöpft von der ersten Anstrengung der "Geburt" nach hinten sinken. Darum folgt wohl auch eine halb- oder ganzstündige Ruhepause. An den Seiten erscheinen weiße Fäden wie Sicherheitsfangleinen. Nach einiger Zeit richtet sich das Tier ruckartig auf und krallt sich fest, zieht dabei aber auch den Rest des noch ganz krummen und weichen Hinterleibes innerhalb von wenigen Sekunden aus der Hülle.  Imago.Mosaikjungfer.jpg (24083 Byte)
Imago Mosaikjungfer

Nun kann man zusehen, wie von Minute zu Minute aus einem schrumpeligen eingefalteten flügelähnlichen Stummel ein Flügel wächst. Durch Einpumpen von Blutflüssigkeit wird er allmählich gestreckt, bis er sich völlig entfaltet hat und durchsichtig wird, bis auf das Adernetzwerk. Blickt man flach darüber hin, zeigt sich, dass die Struktur nicht glatt ist und auch nie glatt wird. Der Flügel wird immer geknittert erscheinen. Mit Sicherheit soll diese Wellblechfaltung für hohe Belastungen die statische Festigkeit erhöhen. Auch hier haben unsere Techniker wieder einmal von der Natur ein Lehrbeispiel.

Die Gesamtfärbung ist noch blass und unansehnlich. Erst mit dem Aushärten des Chitins wird das Tier zunehmend farbig. Der ganze Vorgang vom Beginn des Schlüpfens bis zum flugfähigen farbigen Insekt dauert meist so um die drei Stunden. Erst wenn alles völlig getrocknet ist, und das Imago schmuck wie aus der Fabrik ausschaut, wird es die Flügel lupfen und zum ersten Jagdflug starten. Dem Jungfernflug eines der vollendetsten Geschöpfe der Natur, das gleich fähig ist seine ganze Technik zu beherrschen, ohne auf die Fliegerschule gehen und die Pilotenprüfung machen zu müssen. Nur mit der Fortpflanzung wird es noch einige Tage warten. 
Es ist ein zauberhaftes Erlebnis, wenn man ihr Werden und Erscheinen im eigenen kleinen Gartenteich beobachten kann. Es hat die Mühe und die Schinderei ihn zu buddeln reich belohnt. Libellen sind ein sehr altes, schon 200 Millionen Jahre auf der Erde lebendes Tiergeschlecht und eine der vollendetsten Schöpfungen der Natur. Vor 70 Millionen Jahren gab es noch welche mit 70 cm Spannweite. Demgegenüber ist auch eine unserer größten Arten, die Mosaikjungfer mit nur 12 cm Flügelspannweite und 7-8 cm Länge ein kleines Tier.

Ihre Manövrierfähigkeit ergibt sich daraus, dass sie Vorder- und Hinterflügel und auch innerhalb eines jeden Flügelpaares jeden einzelnen getrennt voneinander bewegen und so gegen den Luftstrom stellen können, wie es gerade für das jeweilige Manöver erforderlich ist. Irgendwelche Einschränkungen scheint es dabei nicht zu geben. Um sie wie Propeller herumwirbeln zu können, bedarf es natürlich eines starken Motors, den die Libelle mit einer mächtigen Muskulatur in der Brust antreibt. Einer Brust, die in charakteristischer Weise schräg gestellt ist. Der Flügelschlag ist dabei derart rasant, dass selbst die 1/20.000 Sek. der Blitzleuchtzeit nicht ausreicht um sie anders abzubilden als mit dem charakteristischen Wischerbild.

Aber auch um das Insekt, trotz seines vorübergehenden Stillstandes in der Luft zu erhaschen, muss man Hunderte von Fehlaufnahmen hinnehmen, damit einmal ein halbwegs geglückter Schuss dabei ist. Sie gehören bei uns zum Sommer am Wasser, jene Zauberwesen mit ihren glasklaren glitzernden und knisternden Flügeln. Sie gehören für uns zum Urbild einer unverfälschten Natur, wenn sie blitzesschnell über die Seerosenfelder der Altwässer im Auwald dahineilen oder über unserem Gartenteich in der Luft stehen.
Für uns, wo die Wiese vor der Terrasse eigentlich eine kleine Waldlichtung ist, gehören sie zum Sommerabend, denn noch lange, bis die Finsternis sie daran hindert, jagen sie um uns den Mücken nach. Mal stehen sie auf Lauerstellung still in der Luft, pendeln hin und her, schießen vor und zurück, mal bedächtig und dann wieder pfeilschnell, immer aber ein Schauspiel vom Reigen der Elfen auf gläsernen Schwingen.

siehe auch Libellen