Im Jahreslauf/ Ammersee/ Maisinger See: Wenn der Moorochse brüllt -
Heimlich schleicht die Große Rohrdommel durch den Schilfwald


In einer Mondnacht im April jagen die Wolken wie eine wilde Jagd über den Himmel. Erst vor wenigen Tagen ist das letzte Eis geschwunden und im fahlen Licht kräuselt der Wind glitzernd die Wellen. Weit draußen liegt eine Wasservogelschar auf dem See, wo sie schläft, um vor Füchsen sicher zu sein. Zu weit entfernt ist es, um zu erkennen welche Arten es sind. Die große Schar der täglichen Besucher ist längst heim gefahren. Selten kommt zu dieser Stunde ein Mensch hierher. Darum weiß auch niemand, was in der Nacht hier geschieht. Da drüben aus dem Schilf klingt ein dumpfes Stöhnen herüber. „Du Lump, du Lump,“ und dann klingt es als ob jemand röchelnd nach Luft schnappt.

Dann aber muht es stöhnend wieder „Huchhuhp“ ganz dumpf herüber. Wer diese Stimme das erste Mal in einer stillen Frühlingsnacht aus dem Schilf von drüben hört, der ist verwundert über das dumpfe Stöhnen im Moor. Brüllend scheint drüben ein Ochse im Sumpf zu stecken, aber es klingt auch zuweilen wie eine ächzende Schwengelpumpe. Diese Stimme ist nicht sehr laut, aber ein durchdringender schauriger Basston, der so unendlich weit zu hören ist, dass man ihn kaum lokalisieren kann. Der Ruf ist ja nicht einer, sondern es ist eine ganze Rufreihe dieser brummenden Töne: „üühhpump“ wie ein Moorochse ruft es, und das ist der Balzruf der Großen Rohrdommel. Dass es ihr den Namen Moorochse eingetragen hat, kann man verstehen. Mit dem Beginn der Brutzeit scheint der große Vogel das unzugängliche Schwingmoor mit Schilf hinter dem See zu bevorzugen. Damit wird er aber auch unsichtbar für Monate. Weil nun aber auch in der Nacht niemand an diesen See kommt, und wenn er schon da ist, auch nicht erraten kann, was da ruft, galt die Große Rohrdommel am Maisinger See seit 1938 als verschollen. Obwohl sie am See lebt, sieht sie selten jemand. Sie fliegt wie eine Eule, und in Schreckstellung ähnelt ihr Verhalten jenem eines Uhus, der sich aufplustert und angreift. Irgendwo plumpst sie landend durch Schilf und verschwindet in den dürren Halmen.


Im Moor hinter dem See stört sie kein Boot und stets im Schilfwald schleichend bleibt sie allen verborgen. Sie fürchtet hier nur die Rohrweihe und nimmt ihr gegenüber an ehesten eine drohende Schreckstellung ein: die Pfahlstellung. Dabei richtet sie sich auf, sträubt sich ein wenig mit wallendem Gefieder, und die braun-schwarz-gelbe Streifung, die dem Schilf so sehr gleicht, macht sie nahezu unsichtbar.  Die Zeichnung ist dem dürren Rohrwald so sehr ähnlich, dass ihre Konturen verschwimmen und untergehen, wenn sie dann mit unendlich langsamen Bewegungen davonschleicht und an ganz anderer Stelle wieder auftaucht, ist man oft überrascht wie sehr diese Camouflage den Vogel schützt. Die Brutzeit fällt in die Monate zwischen April und Juli. Das Rufen aber ist ihr Balzgesang.


 

Ihr Nest ist ein wirrer Haufen Altschilf im Schilfwald, das bis zu 6 oliv bunte Eier enthält. Doch es ist kaum zu finden, und so sollte man es auch in Ruhe lassen und  das Schwingmoor meiden. Alleine schon weil es tückisch ist, aber auch weil es mittlerweile verboten ist, durch das Schilf zu trampeln um Nester zu suchen.  Arten der fast ausgestorbenen oder seltenen Vögel mit dem Fotozelt am Brutplatz stören, ist etwas, das man einfach nicht mehr tut. So bleibt auch die Rohrdommel am Maisinger See in der Brutzeit vom Menschen völlig ungestört.



Nach 25-26 Tagen schlüpfen die Jungen, und sie werden vor allem vom Muttertier 8 Wochen bis zum Ausfliegen versorgt. Das Weibchen hatte schon die Hauptlast bei der Brut. Sie füttert fleißig Kaulquappen, Frösche und alle Amphibien, seltener kleine Fischarten und Insekten. Rohrdommeln sind zu über 80 % Amphibienfresser. Nahrung finden sie im See mehr als genug. Nach 8 Wochen sind die Jungen voll selbständig und flugfähig.
Wir hatten lange schon den Verdacht, dass die Große Rohrdommel noch am Maisinger See vorkommt. Als erster hat das Werner Borok erkannt. Denn nach dem Abfischen flog eine Rohrdommel über den Damm zum Bach hinunter, da sie ja Futter brauchte, und im Bach wimmelte es nur so von Fischbrut aller Arten.

Es ist eine Eigenart der Rohrdommel, dass sie Teilzieher ist und auf kleinen Gewässern überwintert, wenn sie nicht zufrieren und genügend Nahrung darin ist. Bei uns überwintern sie am Südende des Ammersees, und in der Nähe des Brutplatzes, aber auch am Zellsee, wo sie wenig Scheu zeigen. Sie sind etwa so groß wie ein Mäusebussard und nur geringfügig kleiner als ihr Vetter der Graureiher, aber kurzbeiniger. Trotz ihrer Größe werden sie leicht übersehen.


Weil der Maisinger Bach nicht zufriert, war uns klar, dass der Vogel am Bach lebt, der sich in Mäandern talwärts schlängelt. Der große Vogel ist den ganzen Winter hier geblieben. Ganz wenige haben ihn gesehen. Mit unendlich langsamen Bewegungen pirscht er durch das Schilf. Oft ist er auf den Wegen, dem Spielplatz und auch vor dem im Winter leer stehenden Gasthof und dessen Parkplatz umhergelaufen. Er schritt über die verschilfte Wiese neben dem Bach und hat die schönsten Spuren im tiefen Schnee und neben der Brücke hinterlassen. Er hat die Uferseiten gewechselt, mal dabei über geknickte Schilfhalme kletternd, dann


 



sprang er auch zuweilen in den Bach hinein und schwamm mit lang gestrecktem Hals hinüber. Am Rande konnte er stehen und fischen. Dabei legte er den Kopf flach auf die Wasseroberfläche oder hielt ihn knapp über die Wasseroberfläche und tauchte ihn auch in das klare Wasser, um nach seinen Beutetieren zu spähen. Immer wieder habe ich ihn an Land im Schnee laufen sehen. Er stand auch im lockeren Randschilf, putzte sich und war der Meinung, dass man ihn nicht sieht, wenn er dort auf einem Bein steht und Gefiederpflege macht.In der wärmenden Wintersonne fühlt sich die Große Rohrdommel am wohlsten. Meine Fototour


drängte sich daher auf 2 Tage mit brauchbarem Wetter zusammen. Ich stand mit 2 Kameras auf dem Stativ mitten auf der kleinen Brücke und wartete darauf, dass sie sich zeigt. Zuerst ist an jedem dieser Tage zwei Stunden lang gar nichts geschehen. Wenn sie aber kam, dann habe ich ihr tief in das rote Auge geblickt, das wie eine Perle in der Fassung im Kopf sitzt. Immer wieder gestaunt habe ich, dass sie sich im schmalen begleitenden Schilfstreifen am Gewässer-Rand so verklüften kann, dass sie absolut unsichtbar bleibt. Dann aber taucht sie aus einem Schilfboschen unvermutet an ganz anderen Stellen wieder auf und schaut durch die


 



Lücken. Sie kommt heran auf bis zu 5 m Abstand, so dass ich sie mit 200 mm fotografieren kann, natürlich auch mit 300 mm und mit 600 mm. Das vom Schnee reflektierte Licht ist so hell, dass es ultrakurze Belichtungszeiten und bei offner Blende darum reihenweise Fehlbelichtungen gibt.
Auch Bayerns Umweltminister sagt seine Ansichten zur Großen Rohrdommel, nur ist seine Bemerkung zu diesem Vogel leider teilweise nicht richtig. Er schreibt im Internet www.natur.bayern.de folgendes: „Das Gebiet rund um den Starnberger See ist eines von 7 Feuchtgebieten, in Bayern, das als Lebensraum für Wasservögel

nach der Ramsar-Konvention von internationaler Bedeutung ist. Hier hat u.a. die vom Aussterben bedrohte Rohrdommel Zuflucht gefunden. Der nachtaktive Vogel benötigt als Lebensraum ausgedehnte Schilf- und Röhrichtbestände.“
Alles schön und richtig, aber ob er wohl weiß, dass es die Große Rohrdommel am Starnberger See gar nicht gibt? Sie braucht auch keine Riesenschilfgebiete, denn sie ist mit schmalen Schilfstreifen zufrieden. Sie ist auch keineswegs bedroht, solange es mindestens kleine geeignete Biotope gibt. Und sie braucht auch keine Zuflucht, weil sie nicht scheu ist, sondern nur heimlich. Auch ist keineswegs die

 

Umgebung gefragt für ein Ramsarschutzgebiet, sondern der See selbst ist Ramsarschutzgebiet. Leider aber blamiert Bayern sich international und erlaubt anstatt die totale Ruhezone auszuweisen, noch immer die Jagd auf dem See. Sie brütet wahrscheinlich am Zellsee, an den Osterseen und möglicherweise auch am Südende des Ammersees, Kranich und Rohrdommel haben etwas gemeinsam, ihre Liebe zu den Kleinbiotopen. Am Neusiedler See gibt es in den Feldern etliche Kleinst-Lacken, die so groß wie Bombentrichter sind, viel Schilf haben und ein Magnet für Kranich und Rohrdommel sind. Das Ausbaggern von feuchten Schlenken mitten zwischen den Großen Seen und auf den Streuwiesen könnte der Rohrdommel sehr helfen, da man vor einiger Zeit die mehrere 100 Jahre alten Feuchtstellen und Schlenken zugefüllt hat. Die Rohrdommel ist auch kein so scheuer Vogel, dass man sie vor den Menschen schützen muss. Wenn die Menschen sich an die Spielregeln in der Natur halten und auf den Wegen bleiben, dann verlieren viele Tiere ihre Scheu. Scheu werden sie ohnehin vor allem durch Jagd oder wenn die Hunde neugierig hinter ihnen her rennen. Man muss die Menschen nicht vom Naturerlebnis aussperren, denn  dieser angeblich so scheue Vogel akzeptiert selbst den starken Ausflugsverkehr am Maisinger See, solange selten jemand  im Schilf herumtrampelt, dann lässt sich selbst dieser Vogel in geradezu erstaunlicher Weise beobachten. Wenn ich mich mehrere Stunden auf der Brücke aufgehalten habe, dort völlig frei hinter meiner Kamera hockte und Ruhe gehalten habe, dann war die Rohrdommel auf einmal da. Zuweilen 5 m vor mir steckte sie überraschend den Kopf aus einem Schilfbusch. Wir beide schauten uns lange an und sie ging ganz langsam daran, Futter zu suchen.
Wer einen so seltenen Vogel sehen will, der braucht natürlich Geduld, oft viele Stunden bis er kommt. Aber neben mir haben begeisterte Beobachter gestanden, denen ich diesen Vogel erklärt habe, während er vor uns seinem gewohnten Tagwerk nachging, durch das Schilf streifte, weiterpirschte und hier oder dort wieder aufgetaucht ist. Waren Kinder auf den Wegen gar zu laut oder rasten kläffende Hunde umher, war die Rohrdommel gestört und nahm sofort die Pfahlstellung ein. Hunde mag sie gar nicht, denn zuweilen wurde sie von denen aufgescheucht.
Im 17. Jahrhundert versetzte  eine rufende Rohrdommel eine ganze Gegend in Angst und Schrecken, weil man glaubte, dass es einen Todesfall ankündete. In Oldenburg kündigte sie schlechte  Zeiten an. Von guter Vorbedeutung ist, wenn sie früh im Frühling ruft, denn dann kündigt sie reiche Ernte an. Die Bauernregel sagt: „Kollert die Rohrdommel zeitig, werden die Schnitter nicht streitig.  In Estland glaubt man, dass Pilatus, der Christus kreuzigen ließ, dafür in eine Rohrdommel verwandelt wurde.





Die Erlen streuen ihre Pollen in die Luft und unter der Sonne schwindet auch das letzte Eis in den Schattenpartien auf dem See. Die Weiden zeigen schon silbrige Kätzchen, und bald sind sie gelb. Die Rohrammern schlüpfen schon durch die Halme, denn soeben sind sie zurück aus dem Süden. Wir wissen noch nicht, ob diese Rohrdommel, die wir vor der Kamera hatten, ein Gast von Nord oder Ost war. Wir glauben hingegen, dass sie auf den See zurückgegangen ist, denn weit draußen, dass es kaum einer wahrnimmt, da ruft sie jetzt. Eine Erkenntnis verdanken wir auch erst den Fotos, denn der Vergleich von Feinheiten in der Zeichnung und der Form des Schnabels zeigte, dass es eindeutig nicht eine Rohrdommel ist, die wir beobachtet haben, sondern es sind zwei verschiedene Vögel, also wohl beiderlei Geschlechts. Sie sind sich unheimlich ähnlich, aber es besteht kein Zweifel, dass am Maisinger Bach zwei Grosse Rohrdommeln überwintert haben.


In Württemberg brüten Rohrdommeln am Federsee, häufiger ist sie in Mecklenburg, Brandenburg und in Ostpreußen. Als die Schlenken im Ampermoos noch mit Wasser gefüllt waren, ist auch das ihr Lebensraum gewesen. Es ist an der Zeit, das Ampermoos wieder zu vernässen, damit sie auch dorthin zurückkehren kann. Am Maisinger See galt sie seit 1938 als verschollen. Aber das muss nicht stimmen, denn wenn sie weit hinten beim Einlauf des Baches in den See und nur nachts ruft, vernimmt es vorne am Damm keiner.

An den Osterseen aber hat es die Rohrdommel immer schon gegeben. Aber auch dort gehört es dazu, sie erst einmal zu finden. Bei einem so heimlich lebenden Vogel eine schwierige Sache. Gelungen ist uns der Beweis, dass zwei Rohrdommeln  an den Maisinger See zurückgekommen sind und gut über den Winter kamen. Die Bilder aber zeigen uns, dass die Große Rohrdommel eine faszinierende Vogelart ist, eine Rarität, die wir im Fünfseenland auch heute noch als Brutvogel haben.

Wolfgang Alexander Bajohr