Im Jahreslauf: Automarder mit dem zarten Biss, Ratten und Mäuse sind Weißkehlchens Leibgericht!
von W.A. Bajohr

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Noch immer gilt der Steinmarder bei den Bauern im Dorf als blutrünstiger Hühnerbeißer. Doch das ist vorbei, denn jedes Huhn sitzt sicher in seinem eigenen Vogelbauer. In der Natur aber lebt der Marder à la carte. Doch einem angewärmten Autokabel kann der Kabel-Killer kaum widerstehen. Dabei lebt der gewandte Beutegreifer mit seinem schlechten Ruf ganz gut. Er gehört zu den wenigen Wildtieren, die sich dem Menschen anpassen können und davon in seiner Nähe profitieren, so dass ihre Zahl zunimmt. Über einen Kompromiss lässt sich mit ihnen reden, wenn sie die Autos in Ruhe lassen sollen: Jede Nacht ein Ei, oder auch mal zwei, und vorbei ist es mit der Kabelbeißerei!

Das Rezept hat eine Vorgeschichte. Nachbar Müller hatte es eilig am Morgen. So springt er in seinen blitznagelneuen Mercedes und startet. Aber der Wagen will nicht anspringen. Keinen Muckser macht er. Es rührt sich nichts, rein gar nichts. Zufällig komme ich mit meinem Jagdterrier vorbei, der schnuppert nur und weiß den Grund sofort. Darum verlangt er durch alle Ritzen an der Karosserie Einlass und kratzt am neuen Lack. Die dem Menschen verborgene Duftspur verrät ihm den Täter. Klare Sache, drei der mit starkem Stahlgewebe armierten Kabel sind total abgebissen, und das vierte halb. Der Besitzer kommt immer spät heim, und wenn alle anderen Motorblöcke längst erkaltet sind, ist es auf seinem noch kuschelig warm. Eine Versuchung für jeden Marder und eine Verlockung, sich zwischen der teueren Technik zu tummeln. Nur muss er sich an manchen Stellen durchzwängen, denn da hängen all die lästigen Schläuche und Kabel. Also beißt er sie ab und schafft sich Platz. Ein anderer Nachbar bemerkt nicht, dass sein Kühlwasser rinnt. Erst auf  der Autobahn blockiert der Motor. Kolbenfresser, Pleuel brechen rasselnd und die Kurbelwelle verbiegt. Totalschaden am Motor. Wieder andere jammern über die durchgefressenen Gummimanschetten an den Gelenken der Lenkung. Bei mir beißt er den Hydraulikschlauch vom Allradantrieb ab, und meine Frau entdeckt auf dem Motorblock eine tote Maus und eine Eierschale. Sonst fehlt nichts. Schließlich wird die Filzdämmung in der Motorhaube herabgescharrt und ein Kuschelnest gebaut. Nur das Elektrokabel der Kraftstoffheizung ist im Weg und muss dran glauben.

Man hat uns die Endlösung der Marderfrage sehr brutal empfohlen, aber es ist Schonzeit, und an die hält sich der Jäger und Tierfreund natürlich. Selbst wenn man ihn mit der Lebendfalle wegfangen und irgendwo im Wald laufen lassen würde, hilft das nichts, denn im frei gewordenen Revier bekommt er sofort wieder einen Nachfolger. Unser Autohändler, selber Jäger, hat eine zündende Idee: ,,Ihr müsst den Marder füttern." So ist bei uns die Ablenkfütterung mit dem Ei entstanden, die weit billiger ist als jede technische Lösung im Motorraum. Zuerst legen wir das Ei einfach unter den Wagen, später stellen wir einen hohlen Baum dort auf, damit unser Marder ungestört und getarnt speisen kann.

Der Trick mit den Eiern hat jedenfalls unseren Wagen bislang vor ernsten Schäden bewahrt. Das ist wichtig, denn der Fernwanderweg der Marder geht genau durch unsere Einfahrt. Wenn die Marder Lust und Laune haben, geht er auch über das Auto hinweg. Dreckpfoten auf blankem Lack und Rodelbahnen über die schräge Windschutzscheibe, künden von seinem Treiben im Zwielicht. Will man der Abendzeitung glauben, dann haben alleine in München in einer einzigen Nacht Marder über 100 Autos angeknabbert und für den Verkehr lahmgelegt. Peinlich, wenn man schnellstens fahren muss und der Motor stumm bleibt. Noch schlimmer, wenn bei 100 Sachen der Motor auf  der Autobahn blockiert, weil das Kühlwasser fehlt.

Man kennt heute allerdings auch technische Abhilfe. Mag sein, dass die ADAC-Ultraschallsicherung MAUSI empfindliche Marderohren mit ihren hohen Tönen so malträtiert, dass er gerne auf die leckeren Kabel verzichtet. Nehmen wir  auch an, dass die 150 bis 350 Euro teueren elektrischen Hochspannungssicherungen nicht bei Gelegenheit den Fahrer erwischen, sondern dass sie wirklich gegen den Marder ekelhafte Schläge austeilen, wie ein Elektro-Weidezaun. Hätte man nicht für die gleichen 150 Euro den Marder jeden Tag mit einem Ei bestechen können, und das gleich 6 Jahre lang? Wer aber fährt denn sein Auto schon so lange?

Nachdrücklich haben die Marder auch betont, dass sie weder mit irgend  welchen revolutionären Zellen sympathisieren, noch einen Vertrag mit den Autowerkstätten haben. Warum sie ausgerechnet im Süden der Republik beißen, aber im Norden nicht, das haben die damit befassten Wissenschaftler noch nicht ergründen können. Immerhin hat ihnen Weißkehlchen einen Forschungsauftrag im Wert von einigen Hunderttausend Euro eingebracht, mit denen die Forschung bezahlt wird. Dafür sind sie Weißkehlchen schon Dank schuldig. Immerhin wissen wir aber seither, dass dem so süß und unschuldig, ja allerliebst aussehenden Steinmarder die Geschmacksnote und der Geruch von Silikonkautschuk weit besser schmeckt als nur mit PVC isolierte Kabel, und dass sie bei manchen Wagentypen lieber Zündkabel als Schläuche fressen.

Wir wissen, dass sie ihr jährliches Beißsoll im Mai schon zu 40 % erfüllen und immer weitere 10 % jeweils in den Monaten Juni und Juli. Das erklärt sich aus der Weltoffenheit der Jungmarder, die ihre ruhige Kinderstube im Elternhaus verlassen und dafür das Exklusivrevier der Mama durchstreifen. Wie kleine Menschenkinder alles beknabbernd entdecken, so beknabbern auch die Marderkinder erst einmal jede Neuentdeckung. Hei, was war das für ein Spaß, als wir die Eier an langen  dünnen Fäden aufgehängt haben! Sie werden nicht müde zu hüpfen und zu springen. Sie greifen nach den Eiern, fangen sie wie ein Torwart mit beiden Pfoten um sie herabzureißen. Wenn das Ei dabei noch nicht zu Bruch geht und ausgeschleckt wird, saust der Eroberer mit der Beute davon, und das Geschwisterchen flitzt hinterher um ihm das Ei abzujagen. Da bleibt keine Zeit mehr, auch noch Autos anzunagen, denn der nächtliche polternde Spuk geht über alles hinweg und auch senkrecht an den Mauern hoch, auf dem Dach entlang, durch Schuppen und Speicher, dass es lärmt wie bei der wilden Jagd.

Aber auch die Mardermutter oder der Vater, der gelegentlich das Revier  mitbenutzen darf, sind keine Hühnermörder, wie es noch Altvater Brehm einstmals beschrieben hat. Wenn ein Marder durch den Hühnerstall schleicht, will er das Ei und nicht das Huhn. Ein so großes Tier kann er als Beute ja gar nicht wegschleppen. Nur wenn es sich sträubt und sein Ei nicht freiwillig herausgeben will, dann kann schon mal was passieren. Steinmarder haben die Menschenwelt, zu der auch das Auto gehört, in ihr nur nachts belebtes Revier einbezogen. Sie suchen auch darin eigentlich keineswegs Kabel und Wasserschläuche, sondern ganz einfach ein kuscheliges und warmes Plätzchen. Das findet sich auf dem noch warmen Motorblock. Wehe dem also, der als letzter nach Hause kommt. Natürlich wird alles rundum, was im Wege ist, abgebissen, ganz  besonders was gut duftet und in das man so schön knirschend die Zähnchen schlagen kann. Die Filzverkleidung ist Nistmaterial, sonst nichts, und die baut er mit ein.

Eine Nachbarin hat sich für die Marderabwehr etwas Besonderes ausgedacht, denn sie hat gemeint, dass Menschengeruch den Marder vertreibt. Sie hat den ganzen Motorblock liebevoll in eine Steppdecke gehüllt. Vielleicht wollte sie auch mit dem noch kuscheligeren Marderbett das schelmische Tierchen bestechen. Pech hatten beide, denn am noch heißen Auspuff ist das Bett in Brand geraten, und dicker Qualm hat gleich 20 Mann der Freiwilligen Feuerwehr angelockt, um Auto und Marder zu retten. Die haben sogar ihr Stiftungsfest unterbrechen müssen. Weißkehlchen freilich hat diese Nacht für den neuen Tag ein anderes Auto als Schlafquartier aufsuchen müssen.

Eines ist klar, die jugendlichen Rowdies kommen immer nachts. Wenn ich mit meinem Lakeland-Terrier noch eine nächtliche Runde mache, dann sagt er mir stets, im welchem Auto ein Marder steckt. Denn er verkläfft ihn und scharrt an den Ritzen der Karosserie. Immer aber  zeigt die Handprobe, dass der Motor noch warm ist. Niemals ist er kalt. Doch führt nicht in jedem Fall die Siesta im Auto auch zu einem Beißschaden.
Früher nannte man den Automarder einfach Hausmarder, aber tatsächlich heißt er Steinmarder. Nach seiner weißen Kehle nennt man ihn auch liebevoll Weißkehlchen und den Baummarder nach der gelben Kehle Gelbkehlchen. 

Der Baummarder ist selten und eine gefährdete Art, die nur im Wald lebt. Der Steinmarder aber ist in manchen Gegenden häufiger als man ahnt. Aber er lebt immer in einem markierten und begrenzten Revier, das er verteidigt. Dieses Revier gehört immer einem Weibchen, das in günstigen Lagen lebt, mit vielen Hecken, die voller Vögel und Mäuse sind, in der Regel 25 bis 50 ha groß. In ungünstigen Gebieten, also in einer ausgeräumten Agrarlandschaft, ist ein Revier bis 1000 ha groß. Andere Weibchen werden aus dem Revier vertrieben, Junge dagegen bis zum 2. Lebensjahr geduldet. Danach sind sie erwachsen und müssen sich ein eigenes Revier suchen. Die gelegentlich herumstreifenden Rüden duldet sie. Rüden haben viel größere Reviere, die oft mehrere Weibchenreviere umfassen.

Wenn jemand glaubt, dass man Probleme mit Automardern durch Wegfangen lösen kann, der irrt. Ein gutes Revier, das frei wird, weil ein Marder in der Totschlag-Falle eines Trappers verunglückt, (denn ein Jäger tut so etwas nicht), wird sofort von einem Marder wieder besetzt, der bisher ein schlechteres Revier hatte. Weder ein Totschlag-Fallen stellender Trapper, noch ein mit dem Gewehr waidgerecht  jagender Jäger kann also die Probleme mit dem Automarder dauerhaft lösen.

Steinmarder leben auch mitten in der Großstadt, und wenn es in den Gartenvororten und in den Bauerndörfern auf dem Dachboden poltert, kommen nur zwei Nachtgeister dafür infrage: Siebenschläfer oder Steinmarder, die beide einen Höllenlärm machen können. Der Steinmarder lebt immer sehr verborgen, denn der Tag ist keines Marders Freund, aber die Nacht, die ist lieb und gut, denn sie hält ihn verborgen. Sich nach Möglichkeit nicht zu zeigen, gehört zu den Lebensweisheiten von Weißkehlchen, der sich dem Lebensraum der Menschen so hervorragend angepasst hat.

Bei meinen nächtlichen Runden mit dem Hund kann es sein, dass auf der Straße vor mir plötzlich ein schwarzes Knäuel hockt. Erst wenn mein Terrier darauf zu rast, wächst aus dem Schatten plötzlich ein schwarzer Pfahl empor, der sich in eigenartiger Weise dreht, krümmt und windet. Zwei Punkte leuchten grünlich blitzend wie zwei Smaragde im Licht des Handschein-werfers. Dann huscht das dunkle Ding lang und  schmal wie eine  Schlange, lautlos und spielerisch sich nach rechts und links

windend davon. Er klettert über den Zaun und verschwindet im Dunklen. Diese Begegnung ergibt sich am ehesten im August, wenn Weißkehlchen sich eine Braut sucht. Dann poltern die Tiere auch über das Dach, scheppern in den Dachrinnen, rutschen am Fallrohr entlang, springen kreischend hinüber zum Apfelbaum und knurren wie sich balgende Katzen. Natürlich prügelt er sich auch mit allen Katzen, die er in seinem Revier erwischt, denn die Mäuse will er selber essen, darum missgönnt er sie der Konkurrenz. Weil Mäuse sein Leibgericht sind, könnte ihm der Mensch nur wohlgesonnen sein, wenn er nur Vaters Lieblingsspielzeug, das Auto, in Ruhe lassen würde.

Zur Zwetschgenzeit sammelt er die unter dem Baum liegenden wurmstichigen und gärenden Früchte. Ich erinnere mich noch an die Geschichten, die ein alter Jäger mir vom betrunkenen und angeheiterten Marder erzählt hat. Damals habe ich sie für Jägerlatein gehalten, aber wahrscheinlich ist der Marder davon wirklich alkoholisiert. Zwischen den Autos gräbt er im Kies seine Abortgruben, an deren Grund dann seltsam gedrehte und gewundene Würstchen liegen. Wir lernen ihre Spuren auf dem blanken Lack der Autos zu deuten und finden im Schnee ihre Zweiersprungspur, immer zwei Pfötchen nebeneinander. Wir wissen bald, dass ein Fernwechsel durch unsere Einfahrt geht, der hier schon durchgegangen ist, als dort noch kein Haus im Garten stand. Den Weg behalten die Marder bei. Die Alttiere und auch die Jungen. Das ist unser großes Glück.denn so gelingt es, die nachts geisternden Tiere mit Hilfe unserer Eier-Ablenkungs-Fütterung und einer elektronisch gesteuerten Kamera und Blitz sichtbar zu machen. Es ist schon erstaunlich, was die Marder alles anstellen um an die ihnen lieb gewordenen Eier zu kommen. Wir lernen ganz verschiedene Tiere kennen und unterscheiden, und geben ihnen Namen. Alle, die unsere Bilder sehen, sind begeistert, wie süß sie sind. Eine Mardermutter mit abgelutschten Zitzen kommt, Edelmut ein Rüde mit besonders edlem Gesichtsausdruck, die Jungtiere Rundohr und Spitzohr, bis die Mutter sie hinauswirft und schließlich die Jungtiere Max und Moritz, die voller  Übermut tollen. Wir haben ihnen allen Namen gegeben und aus dem einst verhassten Automarder sind durch unseren sinnvollen Umgang mit ihnen, liebenswerte Gäste geworden, nächtliche Kobolde, die zwar lärmen, aber sich auch revanchieren und unsere Mäuse fangen. So haben wir gelernt, mit diesen nächtlichen Kobolden und einstigen Kabelbeißern in Harmonie zu leben.