Im Jahreslauf: Bären für das Fünfseenland? Der Braunbär ist Tier des Jahres 2005!
Faszinierende Bären-Erlebnisse bei einer Bären-Tour in Nord-Finnland

Noch fehlen die Bären in unseren großen Waldgebieten. Doch unbemerkt von uns allen ist ganz heimlich das Wildschwein zurückgekehrt und ein Alltagstier geworden. Auch ein Luchs soll kürzlich gesehen worden sein. Warum sollen wir beim Pilze suchen nicht morgen einen Bären treffen? Das ist keineswegs erschreckend, wir sind es nur nicht mehr gewohnt mit Tieren zusammen zu leben, die manche für kompliziert halten.

Auch wenn sie unter Rufmord leiden, sind Bären friedliche Gesellen. Daran haben sich unsere Nachbarn in vielen EU-Staaten schon lange gewöhnt. Bären sind weitaus ungefährlicher und weniger reizbar als Wildschwein-Keiler. In Österreichs Alpen weiß man längst, dass sie Menschen aus dem Wege gehen. Dafür haben Bären auch viele Gründe, denn aus ihrer Sicht ist jede Begegnung mit Menschen lebensgefährlich.  Wenn jetzt der Braun-Bär zum Tier des Jahres 2005 wurde, dann hat sich die Schutzgemeinschaft Deutsches Wild  sehr viel dabei gedacht, denn am Bären haben wir viel gutzumachen. Wahrscheinlich ist der Tag nicht mehr fern, an dem er in das 5seenland, in den Bayerischen Wald oder in die Bayerischen Alpen zurückkehrt. In Österreich ist er jedenfalls schon.

Weit häufiger ist er aber in den skandinavischen Staaten, denn Schweden hat über 1500 und Finnland über 1000 Bären. Dorthin führe ich den Leser  mit Bildern und Text. Mit meinen Bildern und Texten schildere ich wie es mir bei den wilden Bären ergangen ist.

baer5.jpg (27482 Byte) Unser Verlangen nach der Natur ist oft überwältigend. Seit wir  Menschen immer mehr in Städten wohnen, erfüllt sich unsere Sehnsucht nach der Wildnis  am vollkommensten dort, wo wilde Tiere vor der Haustür leben, denn hier ist Natur pur die Regel. Überall  wo Wolf oder Bär sich noch einfinden, ist für uns Natur, ist Wildnis. Die aber ist für uns Mythos und Hoffnung zugleich. Der Wolf verkörpert die Angst des Menschen vor der Wildnis. Darum ist der große braune Bär das begehrtere Symboltier dieser Wildnis. Wildnis ist so wie er, schön und ein wenig schrecklich zugleich. Und wäre sie nicht eine vollkommene Natur, dann würde er darin nicht leben wollen. „Komm in das Land des Bären“, so lockt auch Ari Saaski die Menschen aus der großen Stadt, die Freunde der Wildnis auf die 

Wild Brown Bear Lodge. Hier finden Menschen was sie suchen. Dafür garantiert Karhu, - Karhu ist das Finnische Wort für Bär. Wäre die Natur nicht vollkommen, würde es den Bären hier nicht so gut gefallen. Bären sind nun einmal die großartigsten Geschöpfe der Wildnis in dieser Welt im Norden von Nordkarelien, ganz nahe an dem russisch gewordenen Ostkarelien. Hier in den einsamen Wäldern, wo einst auch das Epos der Kalevala entstand, können wir ihm noch begegnen.
Einst lebten Bären auf der ganzen Nordhalbkugel der Erde, aber die Menschen haben ihn intensiv und anhaltend verfolgt, oder was noch schlimmer ist, sie haben ihm den Lebensraum weggenommen, so dass er nur noch in wenigen Rückzugsgebieten überlebt hat. Unbeantwortet bleibt bis heute die Frage, ob und wozu wir eigentlich Bären noch brauchen? Nein, wir brauchen sie eigentlich nicht, weil sie uns gar keinen Nutzen bringen. Sie liefern uns keinen Honig, sondern wollen ihn selbst. Sie bestäuben auch keine Blüten, selbst unsere Auseinandersetzung mit den Schalenwild-Dichten werden sie nicht lösen, weil Bären niemals andere Wildtiere reguliert haben. Genau besehen können wir sie weder als Nützling noch als Schädling einstufen, sondern es ist einfach dort schöner, wo es sie noch gibt.

Mehr als 50 Jahre lang habe ich Bären mit der Kamera nachgestellt, was gar nicht so einfach war. Jede Begegnung mit freilebenden Bären ist ein ganz großes Glück. Bären sind heimlich und am ehesten in Lebensräumen zu finden, wo Tiere und Pflanzen noch baer6.jpg (35068 Byte)

in einem harmonischen Gleichgewicht miteinander leben und die Bären ungestört ihren Gewohnheiten nachgehen können. Da ich Bären ja vor der Kamera haben wollte, habe ich nie daran gedacht, dass sie mich vielleicht fressen könnten, denn sie sind ja keine Teddys. Um sie zu verstehen, braucht man allerdings das Gespür des Waldläufers. Wer ihn erleben will, ohne ihn zu töten, der muss ebenso jagen wie der Bär selbst jagt. Die einheimischen Bären im Euroland wiegen um die 5 Zentner und sie sind durchwegs freundlich und friedfertig, fast immer bestrebt den Menschen auszuweichen. Bären sind wunderbare Geschöpfe. Sie fühlen Hunger und Angst, Schmerz und Not, Mutterliebe und Zorn, Gelassenheit und Wohlbehagen, Lebensfreude und Liebe genauso wie wir. Wenn sie uns aus dem Wege gehen, haben sie fast immer allen Grund dazu, denn Jahrhunderte der Jagd haben sehr scheue und vorsichtige Tiere aus ihnen gemacht. Das Bild vom sich aufrichtenden Bären, der den Menschen anbrüllt und bedroht, ist reine Phantasie. Denn sie stürzen sich niemals brüllend auf eine Beute. Man hatte solche Fotos von mir erwartet, aber ich konnte sie darum nicht liefern, weil Bären eben anders sind.

Bären als Gäste
Dankbar haben die Bären die Lockspeise von Ari Saaski angenommen: Fische. Dieses sogenannte „Unkraut“ aus einer Fischzucht landet an anderen Orten in der Fischmehlfabrik, hier machen diese Fische Bären glücklich, obwohl die sonst eher auf einer Wiese grasen wie eine Kuh. Ein Bild, das die Regel ist, solange die Wiese grün bleibt, doch wiegen Vorurteile zuweilen mehr als das reale Bild. Hier aber sind es die Fische, die Bären aus dem Niemandsland im Grenzraum zu Russland heranlocken, und die Bären haben wohl auch herausgefunden, dass genau hier am 64.30 Breitengrad die Jagd auf Bären ruht, im Schutzgebiet Wild Brown Bear. Die Menschen beiderseits der Grenze und die Bären träumen aber wohl auch gemeinsam von einem Bären-Nationalpark, einer Friedenszone für Bären.

baer1.jpg (50907 Byte) Bär und Wildnis gehören zusammen und Wildnis ist Natur ohne Filter. Das Interesse an dieser Wildnis aber wächst. Wildnis ist der wahre Garten Eden einer unverfälschten Natur. Alle die hierher kommen, suchen das Naturabenteuer Wildnis und das hautnahe Erlebnis mit Bären, Wölfen und Vielfraßen ohne sichernde Waffe. Dabei ist der 
durchwegs friedfertige Bär die vollkommenste Form von Naturschutz. Was treibt aber wohl die Menschen aus dem Süden von Finnland und ganz Mitteleuropa hierher? Um Bären zu sehen gilt noch dazu die Umkehr-Regel, dass der Mensch im Käfig sitzt und die Bären frei herumwandern. Für die Fotografen gilt eine besonders unbequeme Regel. Für sie ist die Beobachtungshütte besonders klein und eng. Die Bären kommen sehr nahe heran, und sie wittern natürlich auch was an Leckerem in der Hütte verborgen ist, weil sie 100mal bessere Nasen haben als wir Menschen. In die großen Beobachtungshütten karrt man ganze Omnibusladungen voller Menschen aus den Hotels, und es kommen samt Lehrer ganze Schulklassen. Ari taut sichtlich auf, um ihnen von den Bären und von der Wildnis zu erzählen. Aber auch Familien übernachten für eine, zwei, drei Nächte hier um zu sehen, dass Bären freundliche Tiere sind. Sie hocken am Abend um ein offenes Feuer und fühlen sich in der Wildnis, weil rundum überall Bären schleichen, und zum Bärenabenteuer gehört eine Umrundung des großen Sees, geführt vom Guide Sabrina, eine Nacht gemeinsam mit Bären im Wald. Das alles ist etwas, das bei uns den Menschen und den Kindern fehlt. Sie haben seit fast zwei Jahrhunderten gar keine Beziehung mehr zu Bären, die den Menschen in Finnland und auch in Schweden niemals verloren gegangen ist. Um den Garten Eden in seiner vollkommensten Form zu erleben und zu lieben, gehört dazu die von Gott auferlegte Variation, dass er Dornen und Gestrüpp hat wachsen lassen und das Kraut auf dem Feld dazu, von dem wir essen sollten. In der vollkommenen Wildnis, so erzählen Autoren, freunden Kuh und Bär sich an, aber dazu gehört auch die Bereitschaft sie gewähren zu lassen.
Die Bären sind los
Jedenfalls spricht man in vielen Teilen unserer EU von ihrer Wiederkehr.  Rückkehr heißt aber auch Wiedergutmachung des Unrechts, das Menschen den Bären zugefügt haben. Dazu gehört aber auch das Wissen, was zu tun ist, damit die Bären ungestört und glücklich leben dürfen, zu mindestens im Nationalpark Berchtesgaden oder im NP Bayerischer Wald. Da zählt die Erfahrung der Finnen eine ganze Menge für uns.
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Sabrina hatte mich am Flugplatz Kajani abgeholt und in die Wild Brown Bear Lodge gefahren. Die Singschwäne, hautnahe neben der Bücke über den Bach sind der erste Eindruck von Wildnis. Wildnis war für mich aber auch bald die schlaflose Nacht, weil Bären eben hier nur nachts zu sehen und zu fotografieren sind. Zwei Wochen lang wurden das für mich Nächte mit etwa 3 Stunden Schlaf und mein Bett in der Lodge war zwei Wochen lang jede Nacht verwaist. Mit einem Schlittenanhänger am Motorschlitten hat Markus mich zum kleinen Bärhaus im Apamoor gefahren, das etwa 1,5 km von der Wild Brown Bear Lodge entfernt  inmitten des Bärentales an einem flachen Pond steht, jene winzige Hütte von der sternförmig alle Wege in die Wildnis und in die Wälder führen, Trampelpfade, die Bären anlegten, und die sie auch noch benutzen. Sie würden ganz sicher kommen, aber mit welcher Ausrüstung sollte ich die Aufgabe bewältigen? In der Praxis hat sich bewährt, nur Objektive mit 2,8 Lichtstärke zu verwenden und in jedem Fall Filme mit 400 ASA. Die Blende 4 beim 600mm Objektiv war ein deutlicher Nachteil. So habe ich nahezu alle Aufnahmen mit dem 2,8-300 und dem Zoom 2,8- 70 bis 200 mm gemacht, die sich sehr gut bewährten. Denn das Fotolicht endet spätestens um 22.30 Uhr, und erst am Morgen kann man gegen 3.00 Uhr wieder fotografieren, mit Stabilisator und 1/20 Sek. Wenn die Bäume schon im Morgenlicht aufglühen, dann bleibt keine Wahl als mit Spotmessung den Bären direkt anzumessen. Es sind die Grenzen der Technik, denn Bären halten nicht so häufig still, wie man es gerne hätte. Aber sie bewegen sich sehr gemessen. Dass etliche Bilder verloren sein werden, weil die Belichtungs-Zeit nicht reicht, lässt sich trotz allem nicht umgehen. Damit es die Bären nicht stört, wurde mir  verboten, Aufnahmen mit dem Elektronen-Blitz zu machen.
baer2.jpg (53162 Byte) Am Wechsel hinter dem Hügel sind Mikrofone placiert, damit man schon rechtzeitig im Kopfhörer ihre nahenden Schritte vernehmen kann, ehe Arhu erscheint. Hierher war es eine höchst abenteuerliche Fahrt im Schlittenanhänger des Schneemobils. Unsere erste Nacht verbringe 

ich zusammen mit Sabrina in der großen Hütte am Berg, von der sich das ganze Bärental übersehen lässt. Heftiger Regen prasselt herab und beinahe hätten wir das Kommen des ersten kleinen dunklen Bären übersehen. Er ist nervös, schnappt einen Fisch und saust wieder in die Deckung davon. Aber er kommt zurück, lässt sich Zeit im tiefen Schnee, kostet hier und da überall von den Futterstellen. Beim 400er Film komme ich bei 2,8 gerade noch auf 1/125 Sek. Diffuses Licht, also AEB einstellen und drei verschiedene Zeiten probieren. Es regnet, regnet, regnet. Nebenan auf einer Lärche rastet wispernd eine Schar Seidenschwänze. Für uns wird es eine kühle Nacht. Mit voller Montur schlüpfe ich in den Schlafsack. Es ist frostkalt, und nachts schleicht jemand um die Hütte herum.

Tagsüber entdecken wir auf den umliegenden Seen an offenen Wasserstellen die ersten Schellenten, als Besonderheit ein Eisentenpaar, und eine Bisam auf dem Eis. Auf den Wiesen sitzen verbiestert Scharen von Rotdrosseln umher, denn auch die kommen erst jetzt aus dem Süden zurück. Drei Saatgänse fliegen über uns in der Luft. Nach dem Mittagessen nachmittags um 16 Uhr geht es wieder ab ins Bärental, dieses mal stecken sie mich in das kleine Bärhaus am Bärensee, der noch ganz mit Eis bedeckt ist. Mit dem Motorschlitten sind wir über das Moor bis vor die Hütte gefahren.

Eng ist es in der kleinen Hütte, und nachdem ich die Kamera postierte, habe ich Zeit genug, um gebannt über das Moor und in den Wald zu starren. Ich habe ein Handy parat, denn Sabrina sitzt mit einer größeren Gruppe im Haus am Berg. Wenn der Bär kommt, ruft sie an. Gegen 21 Uhr klingelt das Handy, aber ich komme damit nicht zurecht.  finbaer5.jpg (39653 Byte)
Während ich noch herumprobiere, habe ich die Ankunft des ersten Bären fast schon übersehen. Ein großer brauner Bär steht in den Felsen, hat den Kopf gehoben und starrt herüber. Doch er beruhigt sich wieder, und ich nehme die Kamera wie sie steht und fotografiere ihn erst einmal mit dem 600er Objektiv, daher füllt er das ganze Bildformat aus. Noch scheint die Sonne sehr tief stehend und mit einem märchenhaften rötlichen Licht. Arhu gräbt mit den Vordertatzen in den Felsen. Er nascht irgend etwas, sichert immer wieder herüber, da taucht neben ihm ein deutlich geringerer Bär auf. Ich tausche das Objektiv und fotografiere nun mit dem 2,8/300 mm. Der große Bär untersucht jede Ritze im Fels. Doch meine ich, das er auch meine Kamerageräusche hört. Beim 400 ASA Film habe ich 1/125 Sek. Später sagte man mir, dass dieser große braune Bär Valeric heißt und schon 20 Jahre alt ist. Als Hauptbär ist er der Bärenvater in dieser Gegend. Er gilt als wenig aggressiv und als ein besonders freundlicher Bär obendrein. Er ist stets von seinem Freund begleitetdem etwa 5 Jahr alten Aleric. Es ist ganz offensichtlich, dass diese beide Bären Freunde sind. Ich habe sie wiederholt zusammen kommen sehen, ohne dass es Streitigkeiten gibt. So einsam lebt ein Bär also doch nicht im Wald, wie die Literatur es zuweilen beschreibt. Denn es gibt auch unter Bären eindeutig Freundschaften. Das haben wir auch bei den Polarbären an der Hudsonbay beobachten können, denn die Spiele der Polarbären werden oft falsch als Kämpfe gedeutet. Aleric kommt sehr schnell und  geradeswegs auf mich zu. Er trabt an dem großen Bären vorbei und hat sein festes Ziel. Kaum kann ich ihm mit dem Objektiv folgen. Auch die Scharfstellung der Kamera hat Probleme, denn bei dem rotgoldenen Licht ist der Autofocus deutlich langsamer. Als der Bär sehr nahe heran ist, lässt er sich auf das Eis fallen. Erst hockt er wie ein Hund auf den Hinterkeulen und knabbert irgendwelche kleinen Futterbrocken einzeln aus dem Schnee. In kaum 5 Minuten verschieße ich 3 Filme. So unterscheidet sich die Kamerajagd doch sehr von jener mit der Waffe. Da läge schon längst ein toter Bär auf seinem Pelz, aber bei der Kamerajagd geht das Naturerlebnis „Bärenjagd“ immer weiter. Ich habe schon 100 mal geschossen und wechsle nur Objektive oder Filme. Doch die beiden Bären stehen wieder auf. Von dem jüngeren dunkelbraunen Bär Aleric trennen mich vielleicht 5 Meter. Doch er kommt noch näher und inspiziert 2 m neben mir  einen Fisch-Haufen. Fassungslos scheint er ob der Futtermenge, und er probiert aus, ob er nicht etwas davon mitnehmen kann.
finbaer1.jpg (49597 Byte) Mit den Tatzen kehrt er die Fische zusammen, und man merkt ihm an, dass er darunter leidet, dass er keine Hosentaschen hat um, etwas mitzunehmen. Bis zu den Ellenbogen wühlt er in den kleinen Fischen. Schließlich hält er mit einer Vordertatze drei Fische und zwei hat er im Mund. Dann trollt er in die Richtung zum großem Bärenhaus auf drei Tatzen davon, stets behindert durch die mitgenommenen Fische.
Auf dem Schnee ist es stets schwierig sich für Belichtungszeiten zu entscheiden. So probiere ich wiedereinmal AEB, drei Belichtungsvarianten. Überall rundum sind jetzt Bären unterwegs, aber die Sonne ist weg und es wird deutlich dunkler. Um 22.30 Uhr stelle ich fest, dass nicht mehr genügend Licht da ist für das Autofocus-Stellen. So muss ich mich schweren Herzens entschließen auch nicht weiter zu beobachten, sondern drei Stunden des notwendigen Schlafs einzuheimsen.
finbaer2.jpg (60498 Byte) Als ich gegen 1.30 Uhr erwache und das Trockenklosett aufsuche, sitzt draußen auf dem Eis ein großer Bär. Deutlich ist er zu sehen, aber auch ein zaghafter Versuch nach der Kamera zu greifen ist hoffnungslos. Es ist einfach zu wenig Licht vorhanden. Der Bär hoppelt am Ufer des Sees davon und nimmt Kurs auf die große Hütte. 

 Ein weiterer sehr großer sehr dunkler Bär kommt von dort und nimmt Kurs zu mir. Er schaut nur, macht einen großen Bogen und wirkt ein wenig als sei er in Sorge. Aber auch er trabt durch den Wald davon und verschwindet im Hintergrund im Dickicht. In seiner tief dunkelbraunen Farbe wirkte er irgendwie feierlich und ernst. Am nächsten Abend kommt er zeitiger und vor ihm kommt der Hellbraune. Das späte Licht der untergehenden Sonne, selbst die schon verschwundene Sonne zaubern Stimmungen, die sich früher nicht fotografieren ließen. Der technisch Fortschritt macht es heute möglich, dass ich zu so später Stunde, ja bis 22.30 Uhr noch farbig fotografieren kann.

Bären, immer wieder Bären...
Es grenzt an ein Wunder. Sechs verschiedene Bären sind nacheinander vorbeigekommen. Valeric, der Hauptbär ist satt und er macht einen zufriedenen Eindruck. Er rollt sich neben meiner Hütte auf dem Eis zusammen und schläft. Da der Bär mich bewacht, kann mir nicht viel passieren, also schlafe ich stets zwischen 23 und 3 Uhr morgens 
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ebenfalls eine Runde. Aber ich friere jämmerlich, trotz der warmen Winterkleidung. Als ich zwischendrin wach werde, ist es 0.30 Uhr. Valeric liegt noch immer auf dem Eis und rührt sich nicht. Ich bin aber von einem Zittern der ganzen Hütte erwacht, und weil ich hörte, dass jemand neben mir laut schmatzt. Neben mir aber steht vor der Hütte an dem Fischhaufen auf 3 m Entfernung der große dunkelbraune Bär und schlürft die Futterfische in sich hinein, um sie dann schmatzend zu zerbeißen. Also werde ich in dieser Nacht zwei Wächter haben, denn auch der Dunkelbraune macht es sich bequem und bleibt da. Uns allen fallen die Augen  wieder zu. Erst gegen 4 Uhr erwache ich endgültig. Valeric hat sich halb aufgerichtet, spreizt die Vordertatzen von sich, räkelt sich und richtet sich dann ganz auf, nascht irgendetwas aus dem Schnee. Ein Blick auf die Rückseite der Hütte zeigt, dass der Dunkelbraune fort ist. Aber auf dem Wasser ist eine glasklare Eisschicht neu entstanden. Dass es eine eiskalte Nacht war, hatte ich wohl bemerkt. Doch die Bären rührt das wenig, ihr Pelz ist warm und dicht. Für die Kamera ist es leider noch zu finster, auch 2,8 und 400 ASA helfen mir noch nicht. Der Himmel ist grau geworden und gegen 5 Uhr regnet es aus Kübeln. Das gefällt auch den Bären nicht und sie ziehen sich zurück. 
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„Eine Fichtennadel fiel zu Boden....
der Adler hat sie gesehen, der Hirsch hat sie gehört. Der Bär hat sie gerochen“. Ein Indianer-Sprichwort, aber es macht deutlich, dass Bären 100 mal besser riechen können als wir. Diese finnischen Bären, die aus dem russischen, einst ostkarelischen Niemandsland hierher kommen, müssen doch riechen, was ich in meiner Brotzeitbox alles dabei habe. 

Sie riechen natürlich auch mich und sie nehmen wohl an, dass ich mein Futter bewache, wie es auch ihre Art ist. Nie hat einer der Bären auch nur den leisen Versuch gemacht, die Hütte zu zerlegen. Denn wenn die Bären wollten, dann genügt einer von Ihnen, und die Hütte wird zu Spreißelholz. So habe ich nicht nur fotografiert, sondern immer auch ein wenig mit den Bären gesprochen, wenn sie sehr nahe bei mir waren. Es ist eine Angewohnheit von mir, dass ich mich gerne mit freilebenden Tieren unterhalte. Sie stellen dann den Kopf schief und hören zu.
Noch sind freilebende Bären in den Alpen die Ausnahme und leider nicht die Regel. Sollten aber die Bären in die Alpen zurückkehren und nicht nur eine seltene Ausnahmeerscheinung bleiben, dann ist es wichtig, dass die Menschen wieder  lernen, dass Bären nicht feindliche Tiere der Wildnis sind. Wirklich wilde Bären, wie ich sie in Nordkarelien erlebt habe, sind freundliche und friedliche Tiere.  baer8.jpg (42049 Byte)
Denn hier in Nordkarelien gehen die Menschen wie bei uns in den Wald, um Pilze und Beeren zu suchen. Doch niemand hat Furcht vor Bären. In den letzten 200 Jahren hat es dort nur einen einzigen Unfall mit einem Bären gegeben. Ein blind verzückt dahertrabender Jogger wurde angefallen. Wenn ich in Deutschland die Jogger in ihre seltsamen Gangart durch den Wald traben sehe, dann kann ich den Petz eigentlich verstehen, dass ihm schon die Art der Bewegung  auf die Nerven ging. Er ist dem Jogger nachgesetzt und hat ein paar Mal mit ihm geboxt. Da ist der Jogger dann zu Boden gegangen. Aber überlebt hat auch er. Dass der Bär den Jogger nicht gefressen hat, liegt einfach daran, dass der Mensch nicht zum Beutespektrum des Bären gehört. Aber wie bringt man das bei uns jemand bei, der seinen Namen unter ein Papier setzen muss, das die Rückkehr von Bären in einem Nationalpark genehmigen muss. Außer in Finnland mit seinen rund 1000 Bären hat ja auch Schweden etwa 1500 Bären, Norwegen eine Handvoll, Italien hat 100 Bären in den Abruzzen und 12 Alpenbären, die Slowakei hat Bären, und Frankreich hat sie gemeinsam mit Spanien, selbst Österreich hat wieder um die 3 Dutzend Bären. 
baer4.jpg (30848 Byte) Warum sollte es künftig nicht wieder mehr Bären im Alpenraum geben als heute? Gewohnheitssache? Ja natürlich, das ist eben das Schwierige an der Sache, komplizierte Tierarten brauchen die Akzeptanz, darauf kommt es an. Schade, dass diejenigen, die darüber zu entscheiden haben, nicht mit mir gemeinsam im Bärhaus gesessen sind und mit mir ganz nahe diese wundervollen Bären erlebt haben.
Natürlich sehen die Taigawälder hier ein wenig anders aus als unser Bergwald. Auf jedem Hektar stehen weniger Bäume, aber dazwischen wächst eine Unmasse Blaubeerkraut, Preisselbeeren, Krähenbeeren. Und als in die karelischen Wälder das seltene Waldrentier zurückgefunden hat, fand es zwischen den locker stehenden Bäumen auch mehr Futter. Die Bäume allerdings wachsen recht langsam und die Jahresringe sind Millimeterringe. so dass jeder Baum, 4 mal so lange braucht, bis er einem unserer Bäume entspricht. Und wenn der Schnee alles überdeckt, dann ist darunter verborgen eine Menge Beerkraut und mit dem Beerkraut kommen im Frühling, wenn er Schnee taut, auch die Beeren wieder zum Vorschein. Auch davon profitieren hier die Bären, nicht nur vom Kirre-Futter. So verbringe ich meine Nächte nicht in der Lodge in meinem Bett, sondern immer wieder im Bärhaus am Bärensee inmitten des Bärentales bei den wilden braunen Bären.
Doch der Frühling kommt endlich zurück in das Land, und es wird warm. Innerhalb von 3 Tagen wäscht Regen den Schnee weg und die Sonne bringt so schnell Wärme, das alle Seen binnen 3 Tagen eisfrei sind. Das Kollern der Birkhähne im Hintergrund verstummt langsam und die Kraniche trompeten über dem Apamoor. Weithin schallt der Ruf der balzenden Rotsternigen Seetaucher.  finbaer4.jpg (59982 Byte)
Nur die Bären haben Ende Mai anderes im Kopf. Sie rasen auf einmal  den Spuren der läufigen Bärin folgend durch die Wälder, und meine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. So gesehen ist die 2. Hälfte Mai für den Bärenfotografen eine schlechte Zeit. Erst im Juni sind alle Bären wieder da und dann bringen die Bärinnen auch ihre Kinder mit. Das Schneemobil ist jetzt eingemottet, aber Sabrina und Markus helfen mir die schwere Fotoausrüstung ins Bärhaus zu bringen. Von der Lodge ist das ganze Bärental ja nur 1500 m entfernt.
baer7.jpg (32273 Byte) Erwähnen möchte ich auch noch die zahlreichen durchziehenden Vogelarten, die hier ebenfalls von der Kirre profitieren, ehe sie weiterfliegen nach Sibirien. Da sind die Scharen der Kolkraben, die schon balzen. Sie sind äußert scheu, dass sie bereits auffliegen, wenn sich die Kamera nur wenig bewegt. 

Da sind auch die Scharen der Weißkopfmöwen, den Silbermöwen ähnlich. Wir kennen sie daheim vom Ammersee. Dann kehren der Trauerfliegenschnäpper, die gelbe Bachstelze und die Rotdrossel zurück. Es zeigen sich Unglückshäher, Eichelhäher und Elstern. Am Teich hält der Waldwasserläufer Hochzeit, Bruchwasserläufer trippeln im Flachwasser, das die Sonne in flüssiges Metall verwandelt. Und Grünschenkel sind gleichfalls zurück, Zwergstrandläufer und Flussuferläufer. Keinen Erfolg brachte die Spritztour zu den Auerhähnen, aber wir fotografierten am Morgen nach der Balz die Hennen auf den Baumspitzen beim Knospen äsen. Uns begegnete ein noch weißer Schneehase und es gelangen eine Menge Bilder der seltenen Waldrentiere. Wir hatten zweimal den Habichtskauz an seiner Höhle und fotografierten ihn auf dem Baum im Hochwald. Nur der Elch hat auf sich warten lassen. Zum Trost wechselte er noch über die Strasse, als wir unterwegs zum Flugplatz waren. Um Bären in der Wildnis zu erleben, um sie wirklich satt zu fotografieren, reichen die knappen 2 Wochen allemal, nicht zuletzt auch dank der Hilfe dieser Mannschaft von der Wild Brown Bear Lodge, Ari Saaski, Sabrina Logeais und Markus, dem jungen Tierfotografen. Hätte ich alles gegessen, was Leila auf den Tisch brachte, dann wäre ich so dick und rund zurückgekehrt wie der Bär Valeric. Ich wünsche mir ein anderes Mal mehr Zeit für die Wildnis und ihre Bären. Für den, der diese Wildnis sucht und liebt, ist es ganz phantastisch, so richtig nahe mit 8 ganz verschiedenen frei lebenden Braun-Bären beisammen zu sein - mit richtigen wilden braunen Bären.

Text und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr