Wald: Freilebenden Dachs gestreichelt, seine Leibspeise sind Honig und Regenwürmer
von Wolfgang Alexander Bajohr

Manche Dachsburg ist Jahrhunderte alt. Ich habe Baue kennen gelernt, an denen Dachssippen Generationen auf Generationen buddelten. Sie haben achtzig und mehr Röhren. Ihre Gänge reichen weit verzweigt bis zu 5 Meter in den Untergrund. In einem solchen Bau zieht die Dachsfamilie mehrmals im Jahr von einer Wohnung in die nächste. Ein solcher Kessel ist bis 60 cm hoch. Der Dachs duldet aber auch Untermieter, Meister Reinecke oder Wildkaninchen, weil für jeden genug Platz da ist.

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Mein Jagdterrier Clown kennt einen solchen Bau auch von innen. Als wir dort den im Schnee ausgeneuten Fuchs sprengten, versetzte ihn der zum Glück so in Rage, dass der Dachs, ein paar Etagen tiefer unbehelligt blieb. Eigentlich sollte man seinen Hund in einen solchen Bau gar nicht hineinschicken, und auf den Dachs schon zweimal nicht. Nahe unserem Dorf liegt ein Mutterbau der Dachse. Der ist nicht so riesig. Von seinen zwölf Röhren sind nur zwei Haupt- die übrigen Nebenröhren oder Luftkamine. Er liegt am westlichen Waldrand, und ich kenne ihn schon lange. Ich weiß, dass dort fast jährlich Jungdachse spielen. Im zeitigen Frühjahr fällt auf, dass an zwei oder drei Röhren frisch gegraben ist und die alte Streu hinausgekehrt wurde, die er im Herbst eingetragen hatte. Dort möchte ich die Dachse mit der Kamera bejagen, aber nicht vom Hochsitz, wegen der störenden Obersicht, sondern vom Boden aus. So habe ich meinen Ansitzstuhl unter dem Wind an eine dicke Fichte gestellt und sitze schon um 1/2 8 Uhr dort. Noch scheint die Sonne. Der Zaunkönig knickst auf einem Baumstumpf, und das Rotkehlchen huscht vor den Röhren über das Wurzelgeflecht. Ich starre abwechselnd auf den schmalen Sonnenstrahl, der sich durch die Zweige stiehlt, und auf eine dunkle Röhre. Da, auf einmal, bewegt sich dort drüben nicht etwas? Tatsächlich, ein gestreifter Kopf ist lautlos erschienen, kommt aber nicht weiter heraus, sondern biegt die Nase schnüffelnd in den Wind. Ich sitze vor der falschen Röhre. Der Kopf verschwindet so lautlos wie er gekommen ist. Rasch versuche ich einen Stellungswechsel. 
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Die Kamera steht schon wieder, aber der Stuhl fällt mir fast aus der Hand, als der Dachs wiederum lautlos fast ganz herauskommt. Fünf Meter vor mir sitzt er und kratzt sich genussvoll, dabei leise behaglich grunzend. Da stößt ihn - nein es ist eine Sie - jemand an. Ein Junges, halb so groß wie die Dächsin. Einstellen des Fotoapparats ist bei der Helligkeit kein Problem. Es blitzt, endlich das erste Bild. Sie erschrickt und rumpelt polternd in die Röhre.

Dachse sind gesellig und leben in Wohngemeinschaft
Dachse werden immer als griesgrämige Einsiedler geschildert. Aber das stimmt keineswegs, denn sie sind gesellig und haben Familiensinn. Das Junge sitzt jetzt da und untersucht einen Baumstumpf. Schon erscheint die Dächsin wieder und ich habe die nächste Aufnahme. Die Canon ist recht leise und transportiert den Film sehr schnell. Doch leider braucht der Blitz seine zehn Sekunden bis er wieder da ist. Dieses mal reagiert die Dächsin auf mein künstliches Blitzgewitter nicht. Sie wendet sich mir sogar zu, so dass ich auch ein Bild frontal bekomme. Ein wenig abgearbeitet schaut die Frau Dachsmama aus. Jetzt kommt das Junge zu ihr heran, macht quer vor ihr down und wird zärtlich am Ohr geschleckt. Auch das wird wieder eine Aufnahme. Noch eine ganze Reihe Bilder schieße ich von der Dächsin. Dann marschiert sie lautlos und so behende, wie man es einem so plump wirkenden Tier gar nicht zutrauen würde, auf dem Pass in Richtung Feldflur davon. 

Auch an einer der hinteren Röhren bewegt sich noch ein Junges. Vielleicht kommen irgendwann weitere heraus? Aber eine halbe Stunde lang passiert nichts weiter. Nur der Himmel wird immer finsterer, denn die Sonne ist längst verschwunden und die Vögel sind verstummt. Da erkenne ich im Dunklen wieder eine schemenhafte Bewegung. Dieses mal hinter der dicken Fichte, wo ich zuerst saß. Was dort im Schein meiner Taschenlampe hinter dem Stamm lautlos hervorkommt, ist ein Riesendachs. Etwa sechs Meter ist er entfernt und windet in die Abendluft. Ich habe Glück, dass der Wind ein wenig gewendet hat. Eräugen wird er mich nicht, solange ich mich nicht bewege, denn dafür ist er zu kurzsichtig. Verglichen mit dem ersten Dachs ist er ein gutes Stück stärker und viel voller im Haar. Kein Zweifel für mich, das ist der Vater der Familie. Der Dachsrüde ist besonders stark und prächtig dazu. Kugelrund ist er, wie ein kleiner Bär. Fünf Aufnahmen lässt er sich gefallen. Mit allen Zwischenzeiten für den Blitz dauert das eine Minute. Der Blitz interessiert Ihn nicht. Dann trabt er langsam mit wiegendem Schritt in den immer finsterer gewordenen Wald und verschwindet im Dunkel. Am folgenden Abend bin ich wieder so zeitig am Bau und sitze gleich an der Röhre, die ich für die "richtige" halte. Dieses mal habe ich die 6x6 Kamera auf dem Stativ. Aber heute stellen die Dachse meine Geduld auf eine harte Probe. Bis halb zehn rührt sich gar nichts, und als sich etwas rührt, ist es schon stockfinster. Links erscheint schließlich ein Altdachs, wahrscheinlich ist es der Rüde, ganz lautlos und wandert los. Bald hat ihn die Finsternis des Waldes verschluckt. 

Doch rechts, ganz nahe vor mir, bewegt sich wieder etwas. Ich hoffe, dass die Dachse meine Köder annehmen. Auf eine knorrige Baumwurzel habe ich etwas Honig als Lockspeise gegossen. Der ist eine Schleckerei und duftet auch. In der Finsternis beginnt es links von mir vor der Röhre zu wimmeln. Zuerst erscheinen zwei noch sehr kleine Jungdachse. 

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Dann folgen vier weitere deutlich größere. Beide Gruppen bleiben getrennt und gehören eindeutig verschieden alten Würfen an. Dann ist da noch ein großer Dachs, nicht so groß wie der Vater und auch geringer als die Fähe vom ersten Tag. Wahrscheinlich ist es eine Jungfähe und wohl die Mutter von dem kleineren Wurf. Ich beleuchte sie alle mit der Taschenlampe damit ich scharf stellen kann und es stört sie nicht. 

Ich habe die Kamera vom Stativ genommen und pirsche mich vorsichtig an die Dachse an. Der Wind passt auch, und ich bekomme meine Bilder. Sie reagieren nicht einmal, als ein Zweig knackst. Einmal bekomme ich die Jungen aus der kleinen und die aus dem großen Wurf sogar auf ein Bild, so dass die Größenunterschiede deutlich sind. Grimbart gilt immer als mürrischer Einzelgänger, aber das stimmt nicht. Was ich hier erlebe, hat auch die Wissenschaft schon erkannt: Dachse leben gesellig in Wohngemeinschaften. Sicher haben die beiden Fähen mit ihren Würfen jede einen eigenen Kessel und Vater Dachs einen dritten, denn so ein 17 kg schwerer Bursche braucht Platz und will die Kinder vom Halse haben. Dass er sich zu seinen Jungen friedlich verhält, soll ich auch noch erleben. Denn weiter hinten ist der starke Rüde jetzt ausgefahren und äugt herüber zu dem Gewimmel. Im Schein der Lampe leuchten die Seher grün. Dann setzt er sich langsam auf seinem Pass in Bewegung. Eines der größeren Jungen folgt ihm, und der Rüde will es offenbar mitnehmen, denn er bewegt sich ganz langsam. Dem Jungen ist bei dem Ausflug ins Unbekannte offenbar nicht ganz geheuer, denn es drängt sich ganz eng an den Rüden. doch je weiter sie von der Röhre weg sind, desto zaghafter wird sein Schritt, bis ihn der Mut ganz verlässt. Mit Riesensätzen, gewandt und schnell wie ein Terrier, saust es zu seinen Geschwistern zurück. Der Vater äugt einen Augenblick hinterher, wendet sich und trabt in die Finsternis davon. Meine Dachsversammlung löst sich langsam auf. Sie springen spielend hintereinander her und sausen in irgendwelche Röhren. Ich stehle mich aber auf leisen Sohlen davon. Einige Tage später sitze ich wieder am Bau. Meine Ausrüstung ist verbessert, denn mein Einstelllicht ist jetzt eine Videoleuchte mit 20 W und an der Kamera befestigt wie der Blitz auch.

Da auch die kleineren Jungen die Welt entdecken und immer zu zweit auftreten, nenne ich sie Max und Moritz. Einmal marschieren sie gemeinsam los in den dunklen Wald, wie vor einigen Tagen Vater und Sohn. Sie gehen im Gleichschritt und haben eng aneinandergeschmiegt wohl auch mehr Mut. Aber der sinkt mit jedem Schritt, und schon springen sie zurück. Sie überkugeln sich beim Fangen spielen und balgen sich wie kleine Katzen. Sie klettern auf einen Stumpf zum bekannten Burgkönigspiel, das alle Raubtiere spielen. Als sie meinen Honigstumpf entdecken, sind sie geradezu entzückt und zerlegen ihn mit Krallen und Zähnen. Und sie schlecken noch immer schmatzend, als schon längst kein Honig mehr daran ist. Mit vielen Bildern halte ich ihr Treiben fest. Weder das Einstelllicht noch der Blitz stören sie. Nur die Alten bekomme ich nicht mehr so günstig zu sehen. Sie kommen erst in der vorgerückten Nacht heraus, an der hintersten Röhre und ziehen gleich los. Erstaunlich ist immer wieder, wie nahe ich die Jungen angehen kann. Unvergesslich ist mir auch folgendes: Als Max und Moritz meine Lockspeise aufgesammelt haben, kommen sie schnuppernd auf mich zu. Die Distanz wird immer kürzer. Schließlich kriecht einer unter der Mittelsäule meines Stativs durch und schnuppert an meinem Schuh! Derweile ist das Geschwisterchen nachgerückt und schnuppert am anderen Schuh. Das ist eine Herausforderung für mich. Ich bücke mich und streichle dem kleinen Dachs über den Rücken. Rauh und zugleich weich fasst er sich an, wie mein Terrier. Aber jetzt erschrickt er doch. Er springt mit allen Vieren zugleich in die Luft, knurrt dabei und läuft davon. Doch gleich beruhigt er sich wieder, kommt wieder näher und beschnüffelt den Honigstumpf.

Nach allen meinen Erfahrungen erscheinen Dachse stets lautlos in der Röhre. Das habe ich auch schon früher als Jäger bemerkt, als Beutegreifer das Einzige waren, das zu bejagen man uns erlaubte, und als hitziger Jungjäger nahm man das wahr. Heute halte ich es für unwaidgerecht den Dachs am Bau zu bejagen, weil er gar keine Chance hat. Was man vor dem Ausfahren hört, ist allenfalls ein Schnuppern, und meist überlegen sie es sich noch eine Weile, wenn es noch zu hell ist. Manchmal schnüffeln sie auch nur hinaus und verschwinden dann wieder. Nur wenn es finster ist kommen sie ohne zu zögern heraus. Eines habe ich nie erlebt, obwohl es in allen Büchern steht. Danach sollen Dachse vor dem Ausfahren „poltern". Das soll daher rühren, dass er sich den Staub aus der Schwarte schüttelt bevor er ganz ausfährt. Mir tut es leid, aber meine Dachse haben nie gepoltert. Unvergesslich sind mir dagegen die Kratzorgien nach dem Ausfahren. Ein Anblick, der oft so komisch wirkt, dass man sich bemühen muss um nicht laut zu lachen.

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Wer den Bau hat, der hat den Dachs
Das Übelste, das dem Dachs je wiederfahren ist, war die Begasung der Baue, die dem Fuchs galt und den Dachs getroffen hat. In vielen Gebieten hat man damit den Dachs an den Rand der Existenz und damit auf die Rote Liste gebracht. Für meine engere Umgebung gilt das nicht. Hier war der Widerstand offenbar tugendhafter oder der Dachs hat sich schneller erholt. 

Der damals behördlich angeordnete Gasangriff traf ihn unausweichlich, da er den Tag immer im Bau verbringt. Der Fuchs dagegen, der sich irgendwo am Waldrand einschiebt und den Bau allenfalls bei schlechtem Wetter aufsucht, war der lachende Dritte. Die Jagd auf den Dachs ist seither umstritten. Biologisch notwendig ist sie sicher nicht. Ob die Jagd am Bau waidgerecht ist, gilt ebenso als zweifelhaft, weil er auch nicht die geringste Chance hat. Vor der Begasungszeit, als ich jung war und als der Jagdherr es forderte, war ich ein begeisterter Dachsjäger und habe über die Zusammenhänge noch nicht so nachgedacht. Der Dachs hatte damals eine lange Schusszeit von August bis in den Januar. Da gab es auch das Dachsgraben mit Hunden noch. Aber was bei dieser Jagd zurückbleibt, sind meist aufgerissene und verschüttete Baue, vom Dachs böse zugerichtete und zerschundene Terrier, die man womöglich noch mit dem Bagger retten muss und totgeschlagene Dachse. 
Wer den Bau hat, der hat den Dachs so wahrhaftig und so todsicher, dass er auch hier keine Chance hat. In all den Tagen zauberhaften Erlebens mit der Kamera habe ich oft darüber nachgedacht und ganz zweifellos endet beim Schießen das Erlebnis mit dem Schuss - und bei der Kamerajagd gehen sie weiter. Um all das bringt man sich mit dem Schuss. Da der Dachs meist im Familienverband lebt und dazu meist in Einehe, ist auch das ein Grund, nicht am Bau zu jagen, weil man in die Sozialstruktur und den Familienverband eingreift. Auch mein einstiges Jagen am Bau halte ich heute für nicht mehr vertretbar. Darum muss man die Jagd auf den Dachs noch nicht verdammen. Wo er sich erholt hat, kann man durchaus mal einen erlegen. Man könnte die Jagdzeit sogar verlängern und wieder bis in den Januar ausdehnen, jedoch unter der Voraussetzung, dass nicht im und auch nicht 300 m um den Bau herum gejagt wird. Die einstige Vorstellung, dass es "Hege" sei, wenn man Dachse bekämpft, ist ohnehin nicht mehr vertretbar, allenfalls eine nachhaltige und schonende Nutzung, falls es jemand unbedingt wünscht und sich einbildet einmal im Leben einen Dachs zu erlegen. Das wäre biologisch vertretbar, aber notwendig ist auch das nicht.