Im Jahreslauf: Grosse Überraschung, Neue Vogelart am Starnberger See!
Zwei Rosa-Flamingos bei Feldafing (
Phoenicopterus ruber roseus)

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Eine neue Vogelart hat am Starnberger See Einzug gehalten. Da es ein Paar ist,  wagen Vogelfreunde gleich zu hoffen. Es sind sehr stattliche Vögel, etwa von der Größe eines Schwanes. Ihre Beine sind etwas länger als bei Störchen und der überlange Hals erinnert an den der Reiher. Die beiden Vögel sehen aus, als habe König Ludwig sie erfunden, denn ihr Gefieder strahlt wie die Morgensonne selbst. Es scheint, als hätten tausend Rosen vor der Roseninsel leibhaftige Gestalt angenommen. Warum wohl haben sie ihren Standpunkt gerade dort gewählt, wo jedermann gleich an verwandelte Prinzen oder Prinzessinnen denken muss?

Dass die Feldafinger Spaziergänger entzückt sind, verwundert niemand, doch ist es das Nahrungsangebot der Armleuchteralgen, was sie hier suchen. Damit erübrigt sich auch die Frage, ob sie im Winter nicht verhungern. Gewiss hat es solche Vögel hier noch nie gegeben. Wenn sie mit ihrem prächtigen orangefarbenen Gefieder die Pracht der Tropen entfalten, denken viele auch daran, dass sie im Winter hier erfrieren könnten. Der Schnabel ist gelb und die Augen ebenfalls. Nur dort, wo die Schnäbel fast im rechten Winkel abgebogen sind, werden sie lackschwarz. Die Beine sind grau, und mit denen waten sie und schwimmen auch im eiskalten Wasser.

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Wenn mancher glaubt, dass diese Rosa-Flamingos aus einem Zoo entwichen sind, und man sie besser totschießt als sie erfrieren oder verhungern zu lassen, den muss ich enttäuschen. Denn im Jagdrecht kommen sie nicht vor und sind damit geschont. Da sie relativ scheu sind, sich auch von dem Motorboot der Roseninsel vertreiben lassen und schließlich hinter einer Gruppe Kormorane in Deckung gehen, hatte ich schon den Verdacht, dass es Wildtiere sind.

Das bestätigt sich auch, denn aus München Hellabrunn sind sie nicht entflohen, und sie tragen auch keine Ringe am Fuß. Frau Rau, Ornithologin im Tierpark, hat mir bestätigt, dass sie keine Flamingos vermissen und dass sie gar nicht so exotisch sind, wie viele meinen. Zwar ist die große Flamingokolonie im Rhonedelta in Frankreich, und auch in Spanien gibt es einige solcher Kolonien. Kaum bekannt ist, dass eine kleinere Kolonie am Altrhein ist. Niemand aber weiß bislang, wohin diese Vögel im Winter verschwinden. Da sie aber recht gute Flieger sind, ist der Trip zum Starnberger See eine Kleinigkeit. Besonders der Starnberger See bietet sich an für eine Überwinterung, denn er friert auf Grund seiner großen Wassermenge nur alle 10 Jahre zu und bietet mit den Rasen der Armleuchteralgen große Mengen an Nahrung im Flachwasserbereich.
Der in der Mitte rechtwinklig abgebogene Schnabel ist ein Seih-Apparat. Er befähigt die Vögel feine und allerfeinste Nahrung aufzunehmen, Algen, Wasserflöhe und Wasserinsekten. Dabei liegt die Oberseite des Schnabels auf dem Grund auf, sie wirbeln mit ihren Füssen, an denen Schwimmhäute sind, den Schlamm auf und sieben ihn durch Lamellen, in denen feinste Nervenzellen wirksam werden.

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Das ist eine Technik, die auch verschiedene Entenarten haben. So steht der Flamingo auch den Enten nahe. Unter denen gibt es auch einige Arten mit vergleichbarer Nahrungsaufnahme, wie z.B. die Löffelenten am Maisinger See. Im Erscheinungsbild ähneln sie allerdings Störchen. Das Männchen ist mit 4 Kilo etwas größer und auch prächtiger in der Farbe, das Weibchen mit 3 Kilo etwas kleiner und etwas blasser. Ihre Rufe, ein schnatterndes „Köht, kaa, ka ka“ und etliche Stimmfühlungslaute haben sie nicht hören lassen, denn sie hielten die ganze Zeit engen Kontakt zueinander. Die Flachwasserbereiche rund um die Roseninsel sind besonders artgerecht. Bei uns sind sie eine bestaunte Rarität, doch sollte man wissen, das es in Afrika und Indien Kolonien gibt, die bis zu 500.000 Paare groß sind. Ob die eher zaghafte Ansiedlung dieser Art in Deutschland etwas mit der Klima-Erwärmung zu tun hat, lässt sich schwer sagen, denn ihr Vordringen geht sehr langsam voran, weil sie erst mit 5-6 Jahren geschlechtsreif werden. In der Camargue beringte Flamingos sind bis zu 12 Jahre alt geworden. In der Gefangenschaft wurde einer sogar 44 Jahre alt.

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Mit begegneten sie im flachen Wasserbereich in Ufernähe, doch dann schwammen sie langsam in Deckung zu den Kormoranen hinaus, auf der kleinen Felseninsel. Dort sind sie nur noch für kundige Augen zu entdecken. Wir Menschen neigen oft dazu, Werturteile über Vögel abzugeben, so ist der Flamingo für uns auf Grund seiner Schönheit ein Edeltier, der Kormoran hingegen ein Schmuddeltier, für manche Fischer zuweilen vergleichbar den

Ratten. Die Natur kennt solche Wertvorstellungen nicht und die Tiere, die ganz verschiedene biologische Nischen besetzen, kommen reibungslos miteinander aus.

Bedenkenlos können wir die Flamingos auch dem Winter überlassen. Als Beispiel mag ein Paar gelten, das sich 3 Jahre lang in der Bucht von Wismar aufgehalten hat und dabei Packeis und Schnee trotzte. Irgendwann sind sie weitergezogen. Wir dürfen gespannt sein, ob unsere Flamingos auf dem Starnberger See eines Tages ihre Balztänze zeigen und „Flamenco“ tanzen, der nach dieser Vogelart benannt ist. Ich will hier auch nicht vorgreifen und über Nestbau und Brutpflege schreiben. Vorerst ist es nur soweit, dass wir uns an der märchenhaften Schönheit dieser für uns neuen Vogelart und an ihrer morgenrotfarbenen Erscheinung erfreuen können.

Wolfgang Alexander Bajohr