Im Jahreslauf: Vogelzwerge im höchsten Tann, Goldhähnchen turnen im Gezweig
von Wolfgang Alexander Bajohr

Nie zuvor hatte ich so winzige Vögelchen gesehen, als ich ihnen zum ersten Mal in meiner Jugend begegnet bin. Ich streife an einem klirrend kalten Tag durch den tief verschneiten Winterwald und lese im Schnee das aufgeschlagene Buch der Natur. Denn die Spuren verraten uns, wer alles im Walde lebt. Da rieselt auf einmal der Schnee dünn von den Zweigen und mit feinem Stimmengewirr "Sisisisi" lockend, turnen zwei Goldhähnchen durch die hängenden Zweige der Fichten. Sie werfen den Schnee herab und lesen zwischen den freigelegten Nadeln unsichtbare Beute ab, und eines beginnt gar ein feines zwitscherndes Liedchen bei seiner Arbeit zu singen.

Wintergoldhähnchen

Von mir nehmen sie keine Notiz, so dass ich herantrete und sie genauer betrachten kann. Sie wirken auf mich irgendwie fremdländisch, ja exotisch, weil das schwarz eingerahmte gelborange Krönchen auf dem Kopf tropisch zu leuchten scheint. Die Vögelchen mit den sonnenfarbigen Köpfchen tummeln sich mitten im eiskalten Winterwald. Heute weiß ich, dass sie bevorzugt in den höchsten Baumkronen der Nadelbäume leben und darum nie gelernt haben, sich vor den Menschen zu fürchten, und dass große Kälte sie auch besonders vertraut macht. Gerade eine Armlänge vor meinen Augen stochern sie mit nadelspitzen Schnäbelchen hinter jeder Fichtennadel und sammeln offensichtlich reiche Beute, die dort den Winter ruhend überdauern möchte. Weil sie gar so vertraut sind, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, strecke meinen Arm aus und berühre sanft eines der winzigen Vögelchen. Weil es so gar nicht flieht, greife ich mit der Hand zu und nehme den Minivogel ganz einfach vom Zweig. Vogelringe habe ich in der Tasche, und als ich das Wintergoldhähnchen wieder fliegen lasse, trägt es von nun an einen Aluminiumring mit Adresse der Vogelwarte und Nummer. Wie viele vor ihm hilft es den Zugweg zu erkunden. Auf diese Weise hat man erforscht, dass nur ein Teil der Wintergoldhähnchen hier überwintert, und dass es auch Gäste aus dem hohen Norden sind, die bei uns rasten, ehe sie weiterziehen. Ein anderer Teil der Wintergoldhähnchen aber und alle Sommergoldhähnchen ziehen im Winter in die Länder rund um das Mittelmeer, wo es im Winter nicht so kalt ist.


Wintergoldhähnchen

Als ich das Vögelchen wieder auf einen Zweig setze, verharrt es einen Augenblick, stellt überrascht das Köpfchen schief und schaut mich an, als sei es ein Plüschtier aus der Spielzeughandlung. Dann folgt es seinem Partner, der unbeirrt weiter in den Zweigen nach Futter gestöbert hat. Er ist nicht ganz so vertraut und lässt sich auch nicht fangen. Im Laufe der Jahre ist dieses nicht die einzige Begegnung mit vertrauten Goldhähnchen gewesen, die sich greifen lassen. Zuweilen hat das aber auch andere Gründe. Sie sind in der Brutzeit sehr unverträglich, ja aggressiv, um ihr Revier zu verteidigen.

Dann streiten die Kampfhähne, bis sie ermattet am Boden sitzen. Immer wieder einmal habe ich dann eines oder gar beide aufgesammelt und auf einen Ast gesetzt. Weil sie eine Weile brauchen, bis sie sich vom Kampf erholen, ist das immer auch eine gute Gelegenheit, sie mit dem Makroobjektiv zu fotografieren. Sonst ist es sehr schwierig sie aufzunehmen, obwohl sie so vertraut sind. Wohl bei keiner anderen Vogelart produziert ein Tierfotograf soviel Ausschuss. Vogelschützer Hans Werner liebt Goldhähnchen mehr als jede andere Vogelart, und kennt sie besonders gut. Er beschreibt auch, dass er dabei oft 6 Filme verschoss, also über 200 Aufnahmen gemacht hat, um schließlich 5 brauchbare Bilder dabei zu haben. In einem stillen Moorwald unterhält er seit 30 Jahren einen sehr einsam gelegenen Futterplatz, den viele Generationen Goldhähnchen kennen. So kann er dort zuweilen bis zu 30 Goldhähnchen gleichzeitig beobachten.

Kurze Momente der Ruhe ändern sich schon in den Sekundenbruchteilen, die der Spiegel einer Spiegelreflexkamera braucht, um hochzuklappen. Weil Goldhähnchen zudem beständig mit den Flügeln zucken, gibt es bei Nebenlicht Geisterbilder. Auch der Elektronenblitz mit seiner Ultrakurzzeittechnik macht das Fotografieren von Goldhähnchen zu einem an Lotteriespiel erinnerndes Abenteuer. Wirklich gute Bilder von Goldhähnchen sind darum sehr selten. Aber auch von den Ornithologen haben sich nur wenige mit den beiden Goldhähnchenarten befasst, und die Zahl der Forschungsberichte ist überschaubar geblieben. Da sie den Sommer versteckt in den höchsten Baumkronen leben, hört man sie wohl, aber man sieht sie selten oder gar nicht. Im Winter ist es einfacher, dann schließen sie sich oft den gemischten Vogelscharen an, die am Futterplatz erscheinen. So ein Vogelschwarm besteht meist aus einem Buntspecht, etlichen Kohl- und Blaumeisen, Tannen- und Weidenmeisen, einigen Haubenmeisen und Wintergoldhähnchen. Wo Specht und Meisen ihre Kerne aufpicken, rieselt meist auch feiner Abfall von der Ölsaat herab, und diesen Futterstaub sammeln die Goldhähnchen auf. Wir haben sie aber auch oft mit fein gemahlenen Erdnüssen angelockt, deren Mahlgut wir über die Zweige der Nadelbäume streuen.

Zusammen mit Tannen- und Haubenmeisen sind sie Wintergäste an unserem Futterhaus. Aber obwohl sie so zutraulich sind, kennt sie kaum jemand. Goldhähnchen sind so winzig, dass man drei von ihnen in einem Standardbrief versenden könnte, ohne Strafporto zu riskieren. Die zwei bei uns lebenden Goldhähnchenarten sehen sich sehr ähnlich, aber das Sommergoldhähnchen hat einen schwarzen Augenstrich, der dem Wintergoldhähnchen fehlt. Dass sie nie miteinander Hochzeit halten, liegt wohl auch daran, dass jede Art eine Sprache singt, die der Andere nicht versteht. Beide sind Vögel meines Gartens.

 Sommergoldhähnchen

Sie brüten zweimal im Jahr, zuerst im Mai, und dann im Juli. Ihre ballenförmigen Nester weben sie dort, wo an alten Fichten oder Tannen feine Zweiglein von den Ästen herabhängen. Die sorgsam gewebten Nester sind sehr dickwandig, außen messen sie 9-11 cm und innen nur 6 cm im Durchmesser. Sie hängen sehr verborgen dort, wo die Zweige am dichtesten sind und ihre Außenwand schließt die Zweige und Nadeln mit ein. Das Weibchen baut alleine und wird vom Männchen mehr mit Rat und Gesang, als mit der Tat beim Nestbau unterstützt. So braucht es 2-3 Wochen, ehe es den Bau vollendet hat. Es umwickelt im Schwirrflug fliegend mit großem Geschick die Zweige, füllt dann die Zwischenräume aus und vollendet schließlich erst die äußere Hülle. Diese Außenschicht wird aus Bartflechten und Baummoos, aber auch aus Erdmoos und Rehhaaren mit Raupen- und Spinnengespinst so fest gewickelt, dass es stabil ist und oft mehrere Jahre vom Sturm nicht herab gerissen wird. Aber sie bauen es stets neu, polstern es mit zartester Eichhörnchenwolle und feinsten Vogelfedern, die alle nach innen weisen, so dass sie die Öffnung der Nestmulde überwallen. Das erste Gelege enthält 8-10, das zweite 6-9 erbsengroße lehmgrau auf fleischfarbenem Grund gesprenkelte Eier, die sie 3 Wochen bebrüten. Aber auch die Jungen brauchen sehr lange bis sie ausfliegen, mit rund 3 Wochen um ein Drittel länger als alle anderen kleinen Vogelarten. So ein Nest kann man nicht suchen, man findet es eher zufällig in einem gefällten Bau.
Wenn die Jungen ausfliegen, sitzen sie oft dicht gekuschelt alle miteinander auf einem Zweig, um sich nachts noch zu wärmen. Sind sie einmal flügge, zeigt sich der Wert des verspäteten Ausfliegens: sie sind nach kürzester Zeit ganz selbständig, und die Eltern trennen sich von den Jungen. Sie sehen den Altvögeln schon sehr ähnlich, nur die Farben sind noch etwas blasser. Unter den beiden Arten ist das Sommergoldhähnchen das farbiger wirkende. Sonst sind sie eher unscheinbare Vögel mit heller Unterseite, grünlicher Oberseite und schwarz gesäumten Schwungfedern. Beim Sommergoldhähnchen hat das Männchen im Krönchen noch einen roten Tupfen, und bei beiden Arten sind jeweils die Männchen in den Farben insgesamt leuchtender als ihre Weibchen. Das einfachste Unterscheidungsmerkmal zwischen beiden Arten ist der genannte Augenstrich beim Sommergoldhähnchen und der Gesang. Auf der ganzen Welt gibt es noch drei weitere Arten, zwei davon in Nordamerika, eine auf Teneriffa.


Sommergoldhähnchen

Wer gut hören kann, für den ist es einfach, beide Arten nach dem Gesang zu unterscheiden. Beim Wintergoldhähnchen ist das ein in Wellen auf- und abwogendes feines Gezwitscher, mit einem Schnalzer am Ende. Beim Sommergoldhähnchen steigt das ohnehin in den höchsten Tönen beginnende Gezwitscher immer weiter nach oben an und klettert, bis es in den Höhen im unhörbaren Ultraschall entschwindet. Leider sind meine Ohren so geschädigt, dass ich die in hohen Frequenzen singenden Goldhähnchen überhaupt nicht mehr hören kann. Solche Hörschäden zieht man sich auf dem Schießstand zu oder in der Disco.

Ein einziges lautstarkes Poppkonzert kann ausreichen, dass man die hohen Töne, und damit auch die Lieder der Goldhähnchen und anderer Vögel nie wieder hören kann. Ich habe die Goldhähnchen früher sehr gut gehört, und man kann gerade bei diesen sehr aggressiven Tierchen, eine ganze Skala unterschiedlicher Lautäußerungen unterscheiden. Die Forschung hat alleine 28 ganz verschiedene Endschnörkel entschlüsselt. Unter denen müssen einige etwas ganz Gemeines sagen, weil sie bei anderen Männchen sofort Aggression und Kampfbereitschaft auslösen. Wie bei allen Vogelarten, dient aber auch bei den Goldhähnchen der Gesang einer Abgrenzung des Nahrungs- und Brutreviers gegen Artgenossen. Immer singen die Vögelchen, wenn sie von der Reise im Frühling in ihr Revier zurückkehren. Sie singen beim Nestbau und zur sexuellen Stimulation. Sie singen aber auch beim Füttern und selbst noch im Winter bei der Futtersuche, und eigentlich immer im Sommer und Winter und überhaupt den ganzen Tag. Geht eine Brut verloren, weil der Eichelhäher sie plündert oder ein Eichhörnchen die Eier nascht, wird singend alles wieder repariert. Sonst aber haben sie kaum Feinde, und selbst im Winter packt sich der Sperber lieber eine der am Futterhaus gemästeten Meisen und Amseln, als ein winziges Goldhähnchen. Denn das zu fangen kostet mehr Energie als es nachher einbringt, und auf so etwas Unwirtschaftliches verzichtet die Natur. So ist ihre Winzigkeit also zugleich die Überlebensstrategie der Goldhähnchen.

Gerade mit dem Gesang hat sich die Forschung noch sehr eingehend befasst, und sie unterscheidet bestimmte Tonfolgen, die als Sprache Hass- oder Alarmlaute sind, Angst- und Freudenschreie, Paarbindungslaute und Balz, Futterlaute, Erregungslaute, zu denen auch das Krönchen gesträubt wird und Beschwichtigungslaute. Besonders beim Sommergoldhähnchen, das noch ungeselliger ist als die Wintergoldhähnchen, gibt es eine ganze Skala von  Verfolgungs- und Aggressionslauten, denen oft heftige Flügelkämpfe mit gesträubten Krönchen folgen können. Bevor es aber bei einem Streit zu Tätlichkeiten kommt, wird auch statt dessen mit verhaltener Stimme ein stark wechselnder Gesang vorgetragen. Aber es gibt auch einen ganz formlosen Plaudergesang, den sie bei der Futtersuche vor sich hinträllern, nicht anders als ein Mensch, der gute Laune hat. Diese ganze Meldodiensprache wird unter den beiden verschiedenen Arten nicht verstanden, denn jede spricht eine eigene Sprache. Jungvögel müssen aber die Sprache auch erst erlernen, denn sie ist nicht angeboren. Für uns Menschen klingen die einzelnen Ton- und Gesangspartien aber nur wie ein hastig vorgetragenes Gewisper in den allerhöchsten Tönen, das man allenfalls mit "Si, Sisisisisisi, Siiii" beschreiben kann. Die Experten, die sich ernstlich damit befassen müssen, setzen für die Erforschung hochempfindliche Tonbandgeräte und Sonogramme ein, welche die Tonfolgen in Kritzelschrift auf Papier aufzeichnen. Für uns Vogelfreunde genügt es, das zu wissen - und was es alles in der Vogelsprache gibt.

Bei der Schilderung der Fotoprobleme habe ich schon das Flügelzucken erwähnt. Damit blitzt regelmäßig die helle Flügelunterseite auf. Auch das ist eine Sprache, die Körpersprache. Wo die Vögelchen auch hüpfen und singen, immer begleiten sie alles mit diesem Flügelzucken. Nur bei großer Kälte zeigen sie es seltener. Auf dem Zug fliegen sie meist sehr gezielt und emsig geradeaus auf ihr Ziel zu, aber in der übrigen Zeit des Jahres vermeiden sie es, freie Flächen zu überqueren. Meist fliegen sie nur von Baumwipfel zu Baumwipfel. Ihre Nahrung lesen sie oft im Schwirrflug rüttelnd, auch von der Blattunterseite ab, oder sie hängen kopfunter an den Blättern und picken winzige Blattläuse. Würden sie nur eine Stunde ohne Nahrung bleiben und ihr Gewicht unter 5 Gramm sinken, müssten sie sterben. So sind sie ständig auf der Suche. Im Sommer liefern Nadel- und Mischwald überreich Nahrung in Hülle und Fülle, und sie gehören zu den wenigen Vögeln, die auch von einer Fichten-Monokultur profitieren. Sie sind es aber auch, für die das Waldsterben zur Katastrophe wird. Ja schon in den dünner benadelten Bäumen mit Lamettasyndrom ist es schwieriger, Nahrung zu suchen und fast unmöglich, ein Nest versteckt zu bauen. Wenn der Wald stirbt, so sterben mit ihm auch die beiden Goldhähnchenarten. Denn Raupen und Kokons, die den Honigtau liefernden Blattlausarten, Wanzen, Spinnen und Schnecken finden sie nur auf gesunden Bäumen.

Aber sie sind anpassungsfähig. Kommt der Herbst ins Land, wird auch die Nahrung knapper. Dann zieht das Sommergoldhähnchen südwärts. Das Wintergoldhähnchen rüttelt jetzt vor den Spinnen-Netzen und klaut der Kreuzspinne die Beute aus dem Fangnetz, und wenn die empörte Besitzerin herbeieilt, wird sie gleich mit gefressen. Vor den klebrigen Fangfäden wissen die Vögel sich zu hüten, denn sie schwirren dicht davor. Sie fangen den Frostspanner und schlagen ihn gar nicht erst tot, obwohl sie doch im Sommer sonst ihre große Beute vor der Malzeit weich klopfen, sondern schlucken ihn mit Flügeln und Beinen wie er ist. Die wichtigste Herbst- und Winternahrung aber sind die an der Rinde und im Humus lebenden Springschwänze. Jene urtümlichen Urinsekten sind das ganze Jahr und auch im kältesten Winter reichlich verfügbar. Selbst wenn der Schnee Meter tief liegt, machen sie es wie der Zaunkönig und tauchen in den weichen Pulverschnee hinab bis auf den Grund eines Reisighaufens oder schlüpfen unter die mit Schnee verhangenen Äste der Randbäume, dorthin, wo nahe am Stamm kaum Schnee durchgedrungen ist, oder wo er dünn liegt. Dort finden sie die Gespinste von Blattwespen und überwinternde Puppen der Forstinsekten, die sie mit den Schnäbelchen von der Unterlage abhämmern. Solange sie genug zu essen finden, macht ihnen die Kälte gar nichts. Man sollte ja meinen, dass so winzige Vögelchen rasch durchkühlen und durchfrieren. Sie schlafen zuweilen auch zusammengekuschelt unter dem Schneebehang, aber Volierenbeobachtungen haben gezeigt, dass besonders aggressive Vögelchen immer alleine schlafen und auch die kältesten Nächte ohne Kuschelpartner 16 Stunden lang überstehen, wenn sie es nur schaffen, den ganzen 8 Stunden-Tag reichlich zu essen und 1-2 Gramm Fett zu speichern, den Heizvorrat für 40 Grad Körpertemperatur in der langen und kalten Winternacht. Da vergeht ihnen auch die sonstige Freude an Aggression und Revierkampf, und sie werden so friedlich, dass man sie, wie anfangs geschildert, von den Ästen absammeln kann. Sie wissen auch von Wintergemeinschaften mit den anderen Kleinvogelarten zu profitieren, nicht nur, weil sie die Brosamen essen, die von deren Tisch fallen, auch weil die eine viel attraktivere Beute und damit bessere Ablenkfütterung für Beutegreifer sind als die winzigen Goldhähnchen. Sie sind nicht etwa Vögel, die rein zufällig hier bleiben und den Winter überleben, sondern eine Art, die ein optimal an den Winter angepasster Vogel ist. Sie überleben eher den gefährlichen und langen Zug in den Süden nicht. Gefährlich ist neben dem Sperber eigentlich nur eine Vereisung der Äste und damit ihrer Nahrungsquellen, wenn unterkühlter Regen die Nadeln und Stämme mit einer gläsernen Eisschicht kandiert. Aber unter überhängenden Zweigen lässt sich nahe an den Stämmen und unter Schnee selbst dann noch der Notproviant Springschwanz finden. So ist eher beim Wintergoldhähnchen damit zu rechnen, dass die Zahl der hier überwinternden Vögel zunimmt, als dass die Zahl der Ziehenden steigt. Eine ähnliche Erscheinung haben wir ja auch bei Rotkehlchen und Zaunkönigen.

Grundsätzlich sind aber noch immer beide Goldhähnchenarten Zugvögel, und das hat man mit der Vogelberingung herausgefunden. Wenn das Sommergoldhähnchen schon lange fort ist, erhalten die Wintergoldhähnchen Zuzug aus dem hohen Norden. Von unseren und den Wintergästen ziehen etwa 2/3 weiter und etwa 1/3 bleibt hier bei uns. So ist im Hochwinter ein Teil der Goldhähnchen aus Russland gekommen und ein Teil stammt von hier. Den Zugvögeln gefällt es oft schon in Italien in der milden Nähe der Thermalbäder, andere reisen nach Spanien, Algerien, Tunesien und Marokko, wohin schon die Sommergoldhähnchen vorausgeeilt sind. Windverdriftung auf das Meer hinaus oder in die Wüste, kann bei den Vögeln mit Zugtradition die Population ganzer Landstriche auslöschen. Wir kennen solche Schwankungen bei vielen ziehenden Arten, und es dauert oft Jahre, ehe solche gewaltigen Zugverluste sich wieder ausgleichen.

Eine neue Gefahr für Goldhähnchen sind Borkenkäfer, die in Wäldern viele Hundert Hektar sterben lassen, dass sie geschlagen werden müssen. Das sind immer Nadelwälder, also Goldhähnchenwälder. Noch versteht es sich anzupassen, und es weicht aus in die höheren Lagen der Hochgebirge. Auch dort, wo es nahe der Baumgrenze früher kaum Goldhähnchen gab, erscheinen sie jetzt und besiedeln die sehr hoch liegenden Zirbenwälder. Goldhähnchen, so winzig und zierlich sie auch scheinen, sind winterhart, und überaus tüchtig im Überlebenskampf der Natur, und sie zeigen uns, dass nicht immer nur das schönste und größte Tier auch das beste ist, wie manche Menschen es gerne regeln würden. Die wispernden Minivögel im Gezweig helfen auch dem Forstmann. Sie sind seine Arbeitsvögel im Wald. Aber zugleich sind sie unsere vertrauten Gäste im Winter und bezaubernde Brutvögel in naturnahen Gärten. Man muss sie nur zu finden und zu sehen wissen.