Im Jahreslauf: Goldkehlchen auf der Spur, Edelmarder jagen im Geäst zwischen Himmel und Erde
von Wolfgang Alexander Bajohr

Die Nächte sind gut und lieb, denn sie halten ihn verborgen. Der Tag aber ist keines Marders Freund, darum bleibt er besser versteckt. Das ist die Lebensweisheit, die jede Baummardermutter ihren Kindern beibringt. Aber es ist nicht alleine der Grund, warum dieser Edelmarder mit der goldgelben Kehle und dem dunkelbraunen glänzenden dichten Plüschpelz so selten zu beobachten ist. Noch kommt er wenigstens in Bayerns Wäldern fast überall vor, wenn auch sehr selten. Sein kostbarer Edelpelz ist der schönste von allen Säugetieren, so dass ihn als Jagdbeute auch Jäger begehren, die Fallen als unwaidmännisch ablehnen. Für passionierte Fallensteller ist er das hoch begehrte Wertobjekt.

 

Sein dunkelbraunes Grannenhaar ist weicher, länger und wärmer als beim Steinmarder und deckt die dichte Unterwolle wie beim Zobel völlig ab. Er ist unverwechselbar, bis zu einem halben Meter lang und der buschige Steuerschwanz hat nochmals einen viertel Meter. In der Figur wirkt er hochläufiger und schlanker als der Steinmarder. Sein Kopf ist spitz und hat eine höhere Stirn als bei jenem. Die Gehöre sind länger, mehr dreieckig-rund, stehen enger und haben einen hellen Rand. Der Nasenspiegel ist schwarz oder braun, beim Steinmarder dagegen rosa, nur beim Baby dunkel. Steinmarder haben nackte Fußsohlen, Baummarder behaarte, weshalb sich beide auch deutlich im Spurenbild unterscheiden. Die Zweiersprungspur dagegen zeigen beide. Bei Weißkehlchen läuft der Kehlfleck gegabelt bis an die Vorderläufe. Steinmarder sind Kulturfolger. Goldkehlchen Baummarder aber meidet Menschen. Er bevorzugt große stille Wälder mit Höhlen in alten Laubbäumen, wie sie heute selten sind.

Goldkehlchen auf der Spur

Goldkehlchens Existenz ist hochgradig gefährdet, doch nicht durch den waidgerechten Jäger. Denn der richtige Jäger bejagt Baummarder nur im Hochwinter. Er geht die Marderspur im Winterwald aus, und da kann er gelegentlich schon 3, 6, ja 30 km unterwegs sein und durch den tiefen Schnee stapfen. Meist folgt er der Spur am Boden, aber immer wieder führt sie zwischendrin auf einen Baum hinauf. Wie herab gefallener

Schnee verrät, holzt der Marder oben in den Kronen der Bäume von Ast zu Ast und von Baum zu Baum weiter, vielleicht weil er Eichhörnchenkobel finden und plündern will. Nach wenigen Bäumen klettert Goldkehlchen am Stamm kopfunter wieder herab, um am Waldboden nach den Wald-, Gelbhals- oder Rötelmäusen zu suchen, denn die sind sein Leibgericht und seine wichtigste Beute. Die Mäuse tummeln sich auch im Hochwinter unter der Schneedecke, sind zu hören und sicherer zu finden als rote Eichhörnchen im Baum oder graue Siebenschläfer, die unter der Erde pennen. Ein listiger Jäger kennt sich aus und verfolgt Goldkehlchen, bis er entweder die Spur verliert oder entdeckt, dass die Zweiersprungspur unter einem Baum endet, wo sie zwar hinauf, aber nicht wieder herabführt. Der Marder steckt, sagt der Jäger und nimmt sich Zeit. Rundum ist von den Bäumen kein Neuschnee gefallen, also schläft der Marder oben in einem Eichhörnchenkobel oder er sitzt auf einem Ast und blickt herab. Er fürchtet den Menschen am Waldboden unten nicht, und fühlt sich sicher in der Baumkrone. Der Jäger muss Goldkehlchen auch erst einmal finden, denn das dunkelbraune Tier verschmilzt mit dem schwarzen Ast zu einer Masse. Die dunklen Seher sind bis auf zwei schmale Spalten geschlossen, weil er den Tag verdösen will. Sein Atem geht behutsam, und die buschige Lunte hängt herab. Dem Jäger klopft das Herz, denn dass er ihm so viele Stunden nachgelaufen ist, steigert seine Spannung. Goldkehlchens Kehle ist es, die den Platz in der Baumkrone verrät, wo der Marder ruht. Irgendwo schnarren Tannenhäher. Haubenmeisen und Wintergoldhähnchen wispern. Die einzigen Laute im Winterwald. Leise hebt der Jäger die Flinte. Der Donner rollt, die Vögel schweigen, Echo rollt den Berg entlang. Die 2,5 mm Hagelkörner prasseln ins Geäst. Nadeln und Zweige, Moosflocken, Flechten und Rindenschuppen rieseln herab. Der Marder stiebt über die Äste davon. Ein zweiter nachgeworfener Schuss geht fehl. Aber dann fällt der Marderrüde doch herab, und der begehrte Balgträger liegt im Schnee. Er hat den Knall nicht mehr gehört und nur eine letzte Flucht gemacht. Trauer und Erfolgsgefühl halten sich die Waage.

Da Goldkehlchen als gefährdet gilt, mag mancher auch die geschilderte Jagd ablehnen. Aber sie hat eine lange Tradition in Mecklenburg, Ostpreußen und im Baltikum. Sie ist wenigstens fair, und wer so jagt, lehnt Fangeisen ab. Er will die Beute erkämpfen und überlisten. Dabei steht Ausdauer gegen Ausdauer, List gegen List und Chance gegen Chance. Goldkehlchen wird durch diese Einzeljagd als Art sicher nicht gefährdet. Zu selten ist der Erfolg beim Ausgehen der Spuren im Wald oder auch beim Ausklopfen an der einsamen Waldhütte oder einer Wildfütterung, wo sich Goldkehlchen ebenfalls gerne versteckt. Weit gefährlicher aber noch sind für ihn die Motorsägen, mit denen man aus purem Ordnungssinn den Wald aufräumt, oder der Holzackerbau. Wer jeden dürren Baum mit Schwarzspechthöhle aus dem Wald hinauspflegt, nimmt Goldkehlchen genauso den Lebensraum. Tückisch ist auch, wer auf Schlägen Mäuse vergiftet. So sterben unerkannt Eulen und Greifvögel, Wiesel und Marder. Wo es nicht mehr die Ruhe stiller Wälder mit Altholzbeständen gibt und dafür öde Fichten- und Kiefernplantagen wachsen, verschwindet Goldkehlchen ganz still, klammheimlich und stumm, ohne dass ein Schuss fiel. Wo es ihm nicht mehr gefällt, da zieht er aus, für alle Zeiten.


Goldkehlchens Kinderstube

Ich war noch sehr jung, als ich Goldkehlchen das erste Mal begegnet bin. Als einsamer Waldläufer hatte ich die Angewohnheit meine Wochenenden im Wald zu verbringen und abends nicht erst heim zu radeln. In einer alten Eiche in einer halb verfallenen Kanzel, habe ich mich in meinen Schlafsack gerollt. Nicht alleine, um zu schlummern sondern auch um zu lernen und zu begreifen, dass die Nacht voller Leben ist, wenn der Kauz sich vor mir auf die Brüstung setzt und mir sein Liebeslied vorheult. Als ich am Abend meinen Fuß auf die unterste Sprosse der Hochsitzleiter setze, vernehme ich seltsame Töne. Ganz vorsichtig und leise klimme ich weiter die Leiter hinauf und komme den Tönen näher. Als ich oben bin, gewahre ich auf dem Sitzbrett das seltsam gedrehte Losungswürstchen eines Marders.


Wieder höre ich Gemaunze, aber dieses mal unter mir, nahe dem Boden des Hochsitzes im Eichenstamm. Dort entdecke ich eine Höhle in einem abgebrochenen Aststumpf, dicht unter der Kanzel, und daraus dringt in allen Tonlagen dieses Gemaunze. Meine Augen versuchen die Dunkelheit im Inneren zu durchdringen, und ich entdecke eine Rutenspitze. Einen Augenblick später verschwindet das Schwänzchen, und ich sehe einen Rücken. Drinnen aber wirbelt und tobt etwas umher, und es scheint ein toller Betrieb in der engen Höhle zu sein.
Als ein Teddybärgesicht mit großen runden Öhrchen herauslugt und spielerisch zwischen den Zähnchen den Wirbelknochen eines Eichhorns oder eines anderen Nagers trägt, weiß ich, was ich entdeckt habe, die Kinderstube der Baummarder. Denn nur Goldkehlchen lebt mitten im Wald. Wieder taucht ein Köpfchen auf und hält zwischen den Zähnchen den abgeknabberten Unterkiefer eines Nagers. Daneben taucht noch ein Köpfchen auf und schnappt nach der Beute. In den feinen grauen Fell ist der Kehlfleck schon gut zu erkennen, aber er ist noch nicht gelb. Die Marderkinder haben die Augen schon offen, so dass mir klar ist, dass sie schon älter als 6 Wochen, bzw. 40 Tage sind.

Als ich gerade überlege, ob ich die maunzende Jugend nicht alleine lassen und anderswo schlafen soll, ziehe ich unwillkürlich den Kopf ein, denn die kratzenden Geräusche am Stamm habe ich glatt überhört. Keine 2 Meter unter mir taucht Mama Goldkehlchen auf. Sie klettert ohne Hast herauf und ignoriert mich. Vielleicht sieht sie mich auch nicht, denn sie klettert in ihre Höhle. Im Fang hält sie ein paar Rötelmäuse. Lautlos huscht sie in die Baumhöhle, aber dann geht drinnen die Balgerei los. Sie

kämpfen wohl nicht um ihre Beute, sondern sie spielen erst einmal damit. Natürlich sind alle ihre Spiele Kampfturniere und immer ein Training für den Ernstfall des späteren Lebens. Für mich aber wird es eine unruhige Nacht, in der ich verzaubert bin von Familie Goldkehlchen, bis mir erschöpft die Augen zufallen. Lange habe ich dem Toben und Maunzen der Marder gelauscht und schließlich sind sie mir im Traum erschienen. Am zeitigen Morgen aber bin ich ganz leise von dannen geschlichen, denn ich wollte die Kinderstube von Goldkehlchen nicht stören, und sie hatten sich bislang auch nicht beunruhigen lassen.

Eine Woche später bin ich mit einem Freund zurück. Wir sind gar nicht erst auf die alte Kanzel in der urigen Eiche geklettert, sondern haben durch unsere Ferngläser geschaut und waren fasziniert. Denn die wie kleine Katzen maunzenden Jungen kriechen aus ihrer Höhle in die wärmende Sonne hinaus auf einen dicken Ast, auf dem sie zu zweit tollpatschig turnen. Sie huschen, spielen und maunzen dabei. Wir bangen zuweilen, dass sie herabstürzen könnten. Sie warten offensichtlich auf Futter, und es dauert eine Weile, bis die Mardermutter am helllichten Tag mit Mäusen kommt. Sie muss bei Tage jagen, denn Rötelmäuse sind tagaktiv, und sie muss viele fangen. Bald wird von ihr und von den Jungen nichts mehr zu sehen sein, denn sie ziehen aus.


Mäuse sind Goldkehlchens Leibgericht

Wie es weitergegangen ist? Ganz klar, dass Goldkehlchen die Kinder mit auf die Mäusejagd nimmt und sie werden sich dicht hinter ihr halten, damit sie die Mutter  beim ersten Ausgang nicht verlieren, denn die fremde Umgebung ist ihnen erst einmal unheimlich. Sie werden ihr beim Mäusefang zusehen, und da es ihnen schon spielerisch beigebracht wurde und angeboren ist, werden sie grausam mit lebenden Mäusen spielen, werden sie immer wieder fangen, wie junge Katzen. Grausam zwar für die Maus, aber eine Übung für die Marderkinder. Anfangs kehren sie zum Schlafen in den Heckbau in der alten Eiche zurück. Bis zum Herbst werden sie mit der Mutter umherstreifen und auf Jagd gehen. Dann gehen die beiden Jungen miteinander, aber ohne Mutter auf die Pirsch.


Zwei Jahre lang, wird die Mutter sie in ihrem Streifgebiet dulden. Jugend, die geschlechtsreif ist, muss sich ein eigenes Jagdrevier suchen. Viele Wälder sind für Marder als Wohngebiete ungeeignet. Gute Gebiete müssen erst durch den Tot des Vorgängers frei werden. So wandern sie oft weit weg. Marderreviere sind nach Forschungen von Ilse Storch 350-900 ha groß, in Finnland sogar bis zu 5000 ha. Aber davon nehmen sie nur einen Teil in Anspruch. Bei uns haben sie auf den großen Käferschlägen und Windwurfflächen reiche Gelegenheit ihre Hauptbeute massenhaft zu finden, Mäuse, Mäuse und nochmals Mäuse. Nur in Notzeiten oder bei Gelegenheit angeln sie sich mal einen Vogel. Darum ist es völlig egal, ob sie eine Singdrossel oder ein Rotkehlchen von der Tränke holen, einen Buchfink oder die Nachtigall. Wenn sie das Nest zufällig finden, nehmen sie der Auerhenne auch ihre Eier weg oder fangen ein Küken.

Ob es richtig ist, dass sie auch der erwachsenen Auerhenne und gar dem wehrhaften Hahn an die Gurgel gehen, ist wohl eine theoretische Überlegung. In sonst artenarmen skandinavischen Auerwild- und Birkwildgebieten ist das sicher ihre Beute. Bei uns würden sie verhungern, wenn sie von Auerhähnen leben wollten. Zweifelhaft ist auch, dass Eichhörnchen ihre Hauptbeute sind, wie man es immer wieder liest. Wenn sich Gelegenheit bietet, jagt Goldkehlchen natürlich auch Eichhörnchen den Stamm hinauf, dass es prasselt. Goldkehlchen jagt es auch kopfunter den Stamm wieder herab und auf den nächsten Baum. Hei, wie geht die wilde Jagd dann durch die Baumkronen von Baum zu Baum. Lücken, über die beide manchmal springen müssen, mögen zuweilen 6-10 m weit sein. Nur Angst und Verfolgungswillen macht das überhaupt möglich. Wenn schließlich der Eichkater in die allerdünnsten Zweige ausweicht, die eigentlich den Marder nicht mehr tragen, weil er doch zwischen 1 und 2 Kilo wiegt, hält er sich nur, weil er gedankenschnell und hochflüchtig bloß Sekundenbruchteile dort verweilt und davongeeilt ist, noch ehe die Zweige brechen. Aber bei dieser Jagd ist er dann doch leer ausgegangen und die ganze Hetzjagd hat ihm nichts genutzt. Sei es, dass der Eichkater selber den Halt verloren hat und abgerutscht ist, sei es, dass er sich in allerhöchster Not einfach hat senkrecht nach unten fallen lassen. Da ist er dann mit dem Schwanz als bremsender Fallschirm auf den Waldboden hinuntergesegelt mehr als gefallen und gleich davongeeilt. Goldkehlchen aber kann das nicht und hat das Nachsehen gehabt, weil er einen solchen todesmutigen Sprung in den Abgrund niemals wagen wird. Er muss ganz schön außer Puste gewesen sein, denn alsbald hat man ihn nicht mehr gesehen. Sicher ist er abgespannt auf einem Ast gelegen und hat seinen Frust hinausgehechelt. Goldkehlchen hat Eichhörnchen aber nicht nur zum Fressen gerne. Er liebt auch die Ruhe hoch in Baumwipfeln im Eichhörnchenkobel.

Früher, habe ich als Vogelberinger gerne Nester gesucht. So entdecke ich, dass aus einem Ringeltaubennest Schwanzfedern herausstehen. Weil die Taube nicht abfliegt, meine ich, dass Junge darin sind, die ich beringen kann. So bin ich im bürstendicken Stangenholz hochgeklettert und finde eine erwachsene Ringeltaube, die auf zwei weißen Eiern sitzt. Nur sie lebt nicht mehr, denn es ist eine Taube ohne Kopf. Ganz sicher ist es Goldkehlchen gewesen, der ihr den Kopf abgebissen hat. Laubwald gefällt ihm aber

mehr und am allerbesten der mit kleinen Felswänden in den Gräben der Bergflanken, wo Bächlein zu Tal plätschern. In diesen Wänden gibt es überall kleine Naturhöhlen, aber es gibt auch ausgefaulte Baumlöcher in alten Weißbuchen und Linden oder alte Wohnungen der Schwarzspechte. Wenn hinterher die Hohltaube dort einzieht oder der Rauhfußkauz, müssen sie immer mit dem Besuch der Baummarder rechnen. Er weiß auch die Bruthöhlen der Gänsesäger und Schellenten am Wildfluss zu finden. Manche räumt er leer, verzehrt die Eier oder den Hauptmieter und schläft anschließend darin. All das sind in der Rechtsauffassung von Menschen Räubereien, aber in der intakten Natur normal und keine Katastrophe. Denn Goldkehlchen jagt ja nicht, um sich zu bereichern, sondern um zu leben. Das mag zuweilen traurig sein, wenn es um eine Art geht, die so selten ist, wie er selbst. Aber er hat noch nie eine Art ausgerottet, wie der Mensch. Der verändert die Umwelt und vertreibt damit viele Arten. Wo es einem Auerhahn nicht mehr gefällt, kann auch der Baummarder nicht mehr leben. Ursprünglicher Bergwald ist für beide eine Überlebensinsel und ein Rückzugsgebiet zugleich.


Goldkehlchen auf Freiersfüßen im Bergwald

Durch das enge Bachtal unter den kleinen Felswänden windet sich der schmale Steig bergan. Einst war er ein königlicher Pirschsteig, heute ist es ein bürgerlicher Wanderweg im urigen Bergmischwald. Selten kommt ein Mensch dort vorbei, wo die Bäume lange Flechtenbärte tragen. So gefällt es Goldkehlchen hier, denn Störenfriede sind selten, und er betrachtet den hindernisfreien Weg als Mardersteig. Diese Mardersteige sind oft Jahrhunderte alt und werden immer wieder benutzt.


Damit es so bleibt, markiert der Baummarder mit Duftmarken aus zwei Stinkdrüsen beiderseits des Afters Steine, Wurzeln oder markante Punkte. Damit grenzt er sein Revier ab. Sein Weg ist so todsicher, dass man früher auf Absprungstellen Fangeisen stellte, die immer gefangen haben. Goldkehlchen ist auf Pirsch, sichert links und rechts, windet sich wie eine dicke braune Schlange, richtet sich auf wie ein Pfahl, der auf einmal zu einem Knäuel zusammensinkt. Einen Augenblick nur sieht man die goldgelbe Kehle, als er sich erneut aufrichtet, um nach beiden Seiten zu sichern und sich zu verwinden. Die Augen schimmern grünlich im Sonnenstrahl, der sich durch das Blätterdach stiehlt. Dann hoppelt er nach links, wieder nach rechts, lässt sich vom Rotkehlchen aus dem Pestwurzdschungel beschimpfen. Aber dessen wütendes Ticken ignoriert er ebenso wie das Gezeter der Singdrossel, die ihren Erzfeind entdeckt hat. Hier leistet er es sich, den Steig auch tagsüber unbekümmert entlang zu hüpfen, nur provoziert er damit das Geschrei seiner Beutetiere, die bei nächtlicher Pirsch schlafen. Dort, wo der Steig an den Bach heranführt, fiel ein übermooster Ahornstamm quer über das Wasser. Den nutzt gerne die Wasseramsel als Warte. Um ein Haar hätte er sie erwischt, doch im letzten Augenblick lässt sie sich in die gischtende und gurgelnde Flut plumpsen und von den Wellen davon treiben. Vor einem Geröllhaufen wächst aus dem dunklen Klumpen wieder der sich windende Pfahl, der sich nach allen Seiten sichernd neigt, und gleich daneben klettert er auf eine Felskanzel, von der die Farne herabhängen. Dort markiert er und hüpft über eine morsche Esche, die den Bach überbrückt erneut zum Steig zurück. Hier steht ein Holzstapel, den man wohl vergessen hat abzuholen. Moos überwuchert die Holzscheite, Flechten und Pilze beginnen ihr Zerstörungswerk. Behände klettert er hinauf, sitzt droben eine Weile in den wärmenden Sonnenstrahlen, die den Weg bis zu ihm herab finden und klettert dann noch weiter nach oben auf die Stammstützen, die den Holzstapel zusammenhalten. Er bleibt eine Weile dort hocken und denkt wohl darüber nach, dass es im Leben eines einzelnen Marders oft doch recht einsam ist.

Einem Wanderer, der nahe der alten Fütterung am Bach auf der Wildwiese liegt und in Hummelgebrumm und Blütenreigen in der Sonne rastet, jagt Goldkehlchen dann doch einen mächtigen Schrecken ein. Denn der gute Mann hört es bald fauchen und murren, keckern und quietschen zugleich und nahebei raschelt es im Gebüsch noch dazu im Altlaub. Auf einmal erlebt er ein durch Mark und Bein gehendes schneidend schrilles Kreischen, wie er es noch nie gehört hat. Aber ihm entgeht der Urheber, Goldkehlchen, der dem Steig bis zur alten Rotwildfütterung gefolgt ist. Von dort klingt immer wieder der schreckliche Schrei durch den Wald, und dann geht es dort auf dem Heulager erst richtig los. Das schreit und kreischt, keckert und faucht. Im Juli und August ist das bei Familie Goldkehlchen die Art Hochzeit zu halten. Sobald die Hitze vorbei ist, oder die Liebe Erfolg hatte, wehrt Frau Baummarder sich gegen den aufdringlichen Rüden, und er wandert weiter durch sein Riesenrevier.

Die Tragzeit dauert 230-250 Tage wie beim Steinmarder. Denn wie beim Reh gibt es eine Eiruhe, die schiebt die Trächtigkeit soweit hinaus, dass die Jungen zwischen Ende März und Anfang Mai kommen, die Mehrheit im April. Fast immer sind es 2-3 Junge, die bei der Geburt nur 20-30 g wiegen. Stubbe gibt das Verhältnis von Rüde: Fähe mit 1,32:1 an. Damit gleicht die Natur wohl aus, dass Rüden gefährlicher leben, weil sie auf ihren längeren Streifzügen mehr gefährdet sind. Die Vermehrungsrate bei allen Mardern ist

sehr gering, beim Baummarder aber noch geringer. Man muss davon ausgehen, dass die Jugendsterblichkeit hoch ist und nur 28 % ein Alter von 3 Jahren oder mehr erreichen und fortpflanzungsfähig werden. Der Anteil von Fähen, die das schaffen, beträgt nur 14 % und von denen bekommt nur 1/3 Junge. Das heißt, dass 10 Jungmardern eines Jahrgangs nach 3 Jahren nur eine Nachwuchsrate von 0,84 bis 1,26 zu erwarten haben. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass manches Goldkehlchen 12-16 Jahre alt wird, ist leicht nachzurechnen, wie schnell der Bestand durch Fallensteller übernutzt worden ist. Auch beim Steinmarder ist nicht die Wilddichte angestiegen, sondern die Fallenstellerei ist intensiviert worden. Damit hat sich die Marderstrecke innerhalb von 20 Jahren zunächst verzehnfacht, bis ein starker Einbruch erfolgt ist. Dieses Alarmsignal einsetzenden Rückgangs um 15 % beim Steinmarder, ist beim Baummarder mit weit über 20 % dramatisch. Marderstrecken werden aber zu 93 % mit der Falle erzielt. Da Totschlagfallen nicht selektieren können, fallen beim Steinmarder ganz nebenbei 10 % Baummarder mit an, die sich nicht wieder lebendig machen lassen, obwohl es dringend zu wünschen wäre. Die Strecke zeigt, wie selten er ist. Die Fallensteller nehmen nur zu gerne in Kauf, dass ihre Totschlagfallen ihnen auch den wertvollen Edelmarder bescheren, aber sie übersehen, dass er hochgradig gefährdet ist. Damit haben sie den Jäger insgesamt in Verruf gebracht, obwohl dessen eingangs geschilderte Jagdart, das Ausgehen im Winterwald, Goldkehlchen bestimmt nicht gefährdet, denn nur 4,9 % der Strecke werden mit dieser Jagd erzielt. Will man Goldkehlchen retten, gibt es nur zwei Alternativen, ganzjährige Schonzeit oder Verzicht auf Fallen.

Jedes 10. Goldkehlchen ist durch menschliches oder technisches Versagen in der Schlagfalle einen langsamen und grausamen Foltertod gestorben. Aber gerade darum ist auch manches Goldkehlchen der Falle mit viel Glück entkommen, wobei meist ein paar Zehen oder Haare zurückblieben. Vielleicht war ein Ast dazwischen gefallen, der beim Entkommen geholfen hat. Solch ein Edelmarder ist dann gewitzt, denn er weiß um was er sein ganzes Leben einen großen Bogen machen muss. Dass man Heringsduft und andere verlockende Witterung meidet. Selbst wenn eine noch so humane Kastenfalle auf seinem Steig steht, geht er darum herum und auch schönste Leckerlis in der Prügelfalle machen auf ihn keinen Eindruck. Ihn freut es mehr die Eichhörnchen durch die Wipfel zu jagen, wo es selbst im dünnsten Geäst weit ungefährlicher ist. Lieber erhascht er die flitzenden Mäuse, gräbt ein Hummelnest aus, behilft sich mit Heuschrecken und Mistkäfern oder nascht in großen Mengen die Larven und Puppen der Eichenwicklermotte und hilft auch damit dem Forstmann. Auch liebt er Obst, besonders Zwetschgen, und er sammelt Wildkirschen und -birnen. Ob er Rehkitze fängt, was man ihm nachsagt, ist zweifelhaft, denn die Geiß würde ihn genauso verprügeln wie den Fuchs, hat sie doch selbst meinen Lakelandterrier angegriffen und verprügelt. Die Untaten im Hühnerstall begeht Vetter Steinmarder. Natürlich holt Goldkehlchen sich im Moor oder am Waldteich mal eine Ente, die schlecht auf sich aufpasst.

Am pummeligsten sieht der Baummarder im Übergangspelz aus, wenn noch das Sommerhaar im Balg ist und er schon Winterhaar schiebt. Man ahnt, wie gut ihn sein Pelz wärmt, so dass auch die lange eisige Winternacht ihn nicht durchkühlt. Wenn Nahrung im Schnee schwieriger zu erjagen ist, dann streift er länger und lückenlos durch sein gesamtes Waldrevier, denn er ist vom Menschen unabhängig. Er braucht die Menschen nicht, so wenig zum Leben wie zum Sterben. Der bezaubernde Jagdkollege Goldkehlchen ist von allen unseren Beutegreifern wohl der schönste. Wo Wälder wieder natürlicher werden, hat er noch eine Zukunft, als Mitgeschöpf genauso wie als fair erjagtes Beutetier.