Im Jahreslauf/ Eulen: Raufußkauz, Rufe in der Nacht - denn die „Okarina“ spielt der „Rauz“
von Wolfgang Alexander Bajohr

Falls Sie es noch nicht wissen sollten: ein Rauz ist ein Raufußkauz, denn die scherzhafte Kurzform ist eine Liebeserklärung an die kleine nur 25 cm große Eule, die wegen ihrer nur nächtlichen Lebensweise leicht übersehen wird. Doch ist sie auch ein Vogel des 5seenlandes, der den ganzen Winter über hier bleibt. Hinter dem Ammersee im Seeholz oder auch im Eibenwald von Wessobrunn, aber auch an den Steilhängen an der Isar und sogar im Forstenrieder Park kommt sie vor. In den Alpen aber ist sie in allen ursprünglichen Bergwäldern zu finden. Aber auch dort ist sie rar.
Längst schon ist der blutrote Feuerball hinter den Waldbergen versunken. Dem Gluthauch der strahlenden Wolken ist die blaue Stunde gefolgt. Der Drosseln Flötenlieder sind verstummt  und nur noch des Rotkehlchens perlendes Silberliedchen erfüllt den dunklen Wald.

Fern aus dem Moor trägt der frische Wind das Flötenlied mit dem Triller eines ziehenden Brachvogels durch die Nacht. Denn er reist gerne in der Finsternis, weil er sich sicherer glaubt. Im Dürrlaub rascheln zwitschernd die Waldmäuse, die mit ihren großen blanken Knopfaugen gut sehen und darum nachtaktiv sind. Das wissen auch die Eulen, von denen sich so da und dort eine nach der anderen lautlos in die Dämmerstunde hinaus schwingt, auf Mäusejagd. Die Zeit zwischen Tag und tiefer Nacht ist Eulenstunde, und wenn Mondschein die Nachtsicht verbessert, dauert die Uhlenflucht die ganze lange Nacht.

Es wird eine kalte und kurze Nacht für mich in diesem Vorfrühling. Noch liegt unter den Kiefern und Erlen, Fichten, Birken und Buchen im bruchigen Wald an schattigen Stellen der Schnee. Doch der Lenz ist nicht zu übersehen, denn die Hasel haben sich mit gelben Troddeln behängt und auch die Erlen sind voller Kätzchen. Der Boden ist im Untergrund noch gefroren und kann die triefende Flut des Schmelzwassers kaum schlucken. Ein vor Nässe triefender Wald, in dem ich in einem Seitenweg die Nacht verbringen will. Es soll eine kurze Nacht werden, denn dass diese Nacht so kurz wird und ich die verbleibenden Stunden kaum ein Auge schließen kann, sorgt ein Ruf.  Dieser Rufer in der Nacht macht keine Pause, und ich bin verzaubert, weil dieser Rufer ganz nahe irgendwo über mir sitzt. Der nächtliche Vogel flötet wohltönend wie der Klang einer Okarina.

„Puppu, Puppu, Puhhhhh". Immer wieder, mit nur ganz kurzen Pausen erst zweimal kurz ,,Puppu, Puppu" und dann einmal lang  „Puhhhhhh". Unaufhörlich und wohltönend  „Puppu, Puppu, Puhhhhhh". Nur manchmal verzichtet er auf das „Puhhhhhh" und macht dafür einen ganzen Triller daraus, der sich anhört wie „Puhuhuhuhuhuhuh”. Ich kenne seinen Gesang schon. Denn  beim Anspringen des Großen Hahnes in der Steiermark habe ich oft unter dem Baum gestanden und habe dem Gesang der kleinen Eule zugehört. Ich bin von ihrem Okarinaruf nicht minder verzaubert gewesen als von dem leisen Ticken und Schleifen des Großen Hahnes. Es ist der Frühlings- und Liebesgesang des kleinen „Rauz”, wie seine Freunde den Namen des Raufußkauzes liebevoll verniedlichen.

Der Gesang des „Rauz” gehört zum Frühling, wie die Balz von Birk- und Auerhahn, wie der Schnepfenstrich oder das Heulen des größeren Vetters, des Waldkauzes oder das ”Huh" der Waldohreule. Nur hört man den „Rauz” viel seltener, weil er viel größere Ansprüche an seinen Lebensraum stellt und damit auf die Rote Liste geraten ist. Er ist nicht mit jedem Wald zufrieden, und Holzackerbau und dessen Folgen mag er überhaupt nicht. Sein Lieblingswald ist die wilde Wohld in der Heide oder der urige Bergurwald mit alten flechtenverhangenen Fichten, Tannen und Kiefern. Ein Wald, in dem ganz einfach alles so dahin sinken darf, wo der Sturm einen der alten Baumriesen auch einmal in der Mitte abknickt ohne dass deshalb die Aufräumer den Rest auch noch absägen. In solche halben Baumfragmente zimmert der Schwarzspecht gerne seine Höhle.

Diese Höhle ist es, auf die der Rauz wartet, eine Wohnung, in die er sofort einzieht, wenn sie frei wird. Auf diese Wohnung warten freilich auch noch andere. Der edle Baummarder hat sie sich vorgemerkt, und wenn er den Rauz dort antrifft, dann frisst er ihn einfach auf. Er ist sein Erzfeind, aber auch der große Vetter, der Waldkauz, mag den Raufußkauz zum Fressen gerne, denn bei den Eulen gilt ganz einfach ein Gesetz: Groß frisst Klein. Und mit den Waldstraßen für die Holzabfuhr hat man dem Waldkauz so manche Bestände geöffnet, in die er von sich aus kaum eingezogen wäre, wo bis dahin der Rauz alleine lebte. Baummarder und Waldkauz sind seine natürlichen Feinde, aber mit ihnen hat er Zigjahrtausende zusammen auf der Erde gelebt, ohne dass sie ihn ausgerottet hätten.

Ruiniert hat ihn ganz heimlich und still, ohne dass es jemand überhaupt bemerkt hätte, der Mensch und zwar einer, der als besonders naturverbunden  gilt,  der Forstmann und Waldwirt, der erst einmal ,,Ordnung" im Wald geschaffen hat, und das sicher ohne böse Absicht. In diesem aufgeräumten Wald, wie er seltsamer Weise manchen ordnungsliebenden Menschen gefällt, hat er alles Totholz herausgesägt und damit auch alle Bruthöhlen in den toten Stämmen. Und aus dem unterschiedlich alten, vielstufigen natürlichen und wilden Wald hat er öde Holzplantagen gemacht. Der größte Feind des Rauz ist darum der  Waldbauer und Forstmann, der rentabel wirtschaftend und stolz Holzackerbau betreibt und damit dem Rauz seine Lebensgrundlage genommen hat, dass er jetzt auch noch vermehrt die Altholzbestände im Zuge der Forstreform absägt und zu Geld macht.

Alte Vogelbücher behaupten noch, dass es in Deutschland 5.000 Brutpaare des Raufußkauzes gäbe, und einer schreibt es vom anderen ab. Das aber stimmt schon lange nicht mehr, und diese bezaubernde kleine Eule gehört  zu den besonders bedrohten Arten der Roten Liste, obwohl jedermann sagen wird, dass ja der Wald noch da sei, solange er nicht im Säureregen gestorben ist. Im forstlich intensiv genutzten Wald sind alte Spechthöhlen Mangelware. Er kann auch nicht, wie das der Waldohreule und dem Waldkauz so gut gelingt, auf alte Elster- oder Krähennester ausweichen. Genauso wie die Hohltaube, der es ähnlich ergeht, braucht er seine Höhle. Wenn es gar nicht anders geht, nimmt er auch eine vom Buntspecht oder Drei-zehenspecht, wenn er sich da auch mächtig hineinzwängen muss. Nur selber zimmern kann er sich keine.

An all das muss ich denken, als ich in der inzwischen mondhell gewordenen Nacht hinausschaue und dem Ruf des kleinen Raufußkauzes lausche. Ich streife am Morgen auch umher und versuche den kleinen Rufer zu finden. In der Nacht war das unmöglich, und auch am Morgen ist es hoffnungslos.

Zwar finde ich einige verlassene Schwarzspechthöhlen, aber damit habe ich den neuen Wohnungsinteressenten noch lange nicht. Der sitzt auf einem Aststummel vor der mit Flechten verhangenen Rinde einer mächtigen Fichte und macht sich unsichtbar. Der tarnende Untergrund und das Gefieder der kleinen Eule heben sich kaum voneinander ab.
Die winzige Eule ist gerade eine Handspanne hoch, mit ihren etwa 25 cm nicht größer als ein Steinkauz. Aber sein Kopf ist dicker und über dem Auge höher, ein breiter puscheliger Kopf mit großen Ohröffnungen und einem schwarz umrandeten Gesichtsschleier. Der Schwanz ist auch etwas länger und das weiße weiche Gefieder hängt auf die mit feinem weißem Federplüsch bis auf die Zehen herab befiederten und krallenbewehrten Füßchen.

Die Stirn ist weiß und schwarz gesprenkelt, der Oberkörper weiß und mausbraungrau, die Bauchseite weiß mit mäusebraunen gebänderten  Flecken. Das Hakenschnäbelchen ist grau und er schaut aus großen leuchtend bernsteingelben Augen mit kohlschwarzer Pupille.

Der Rauz ist gar nicht so scheu und sicher eine der vertrautesten Eulen. Doch selbst im Hochgebirgsurwald ist er nirgends häufig. Er fällt am ehesten dadurch auf, dass man ihn immer im gleichen engen Gebiet wohl rufen hört, aber nicht sieht. Dabei hält er treu an seinem Einstand fest. Die Tarnung ist wirklich perfekt. Er knappt ein wenig knackend mit dem Schnabel, und will mich wohl erschrecken um mich zu vertreiben. Ich necke ihn ein wenig, weil ich glaube, dass er abstreichen wird, aber er sträubt nur die weichen Federn, lupft die abgerundeten Flügeldecken ein wenig, verzieht das Gesicht und lässt speiend einen Gewölleballen unverdauter Mäusereste nach unten plumpsen.

Sicher hat er nebenan auf dem Femelschlag in der Nacht irgendwann seine eine oder zwei Mäuse gefangen und gegessen, denn Mäuse sind seine Haupt- und Lieblingsspeise, und die Portion reicht so einem kleinen Vogel für den Tag. Ich habe in der Nacht gar nicht wahrgenommen, dass er den Gesang für die Mahlzeit unterbrochen hat. Wenn Mäuse einmal knapp sind, greift er sich auch Kleinvögel, eine Spitzmaus, Fledermaus oder Insekten. Die Meisen wissen, dass er für sie gefährlich ist und zetern, wenn sie ihn entdecken. Das aber ist bei seiner perfekten Tarnung gar nicht einfach. Es gibt hierzulande Eulenfreunde, die glauben, dass er noch häufiger sei als wir vermuten. Daran glaube ich nicht, denn sein Ruf ist nicht zu verwechseln, klingt auch noch einen Kilometer weit und ist ab Ende Januar bis in die Brutzeit hinein ständig zu hören. Wenn er drei Monate lang gesungen hat, füllt er seiner Angebeteten die Höhle mit Geschenkmäusen, und dann, Ende März oder Anfang April, liegen eines Tages 3-4 weiße kleine rundliche Eier auf dem Mulm des Untergrundes. Derweile sie brütet, muss er sie

 jetzt ständig füttern, denn drei Wochen lang verlässt sie kaum noch die Höhle. In hellen Nächten sitzt er dann davor und singt ihr etwas vor, weil er für die paar Mäuse wenig Zeit zur Jagd braucht.

Bei windigem und schlechtem Wetter schweigt er und gutes Wetter kündigt er mit seinen Rufen an. Am meisten aber hat er gesungen bis die Brut begann, und je länger sie brütet, desto mehr vergeht ihm die Freude am Gesang. Wenn dann schließlich die Jungen versorgt werden, ruft er nur noch ganz selten. Vor allem im zeitigen Frühjahr lassen sich vom Rufen auch andere ledige Männchen anstecken, und dann singen sie im Duett. Das hat wohl auch einen Sinn, denn immer wird in der Nähe von Höhlen gesungen, und wo der Schwarzspecht eine Höhle fertig zimmert, hat er auch einige nicht ganz fertig gestellt. Daher können auf engem Raum auch mehrere Raufußkauzpaare brüten. Dem stehen dann viele Quadratkilometer große Räume gegenüber, die geeignet wären und doch keinen der Vögel beherbergen.

Kratzt man in einem Rufgebiet an einem Baum mit Höhle, so schaut gleich ein Puschelkopf mit bernsteingelben Augen heraus. Hat man eine solche Höhle entdeckt, sollte man sie auch gleich gegen den Marder sichern. Eine Blechmanschette vier Meter über und unter der Höhle, verhindert ihm den Zutritt. Doch sollte man das brütende Weibchen möglichst nicht mehr stören und nicht jedem Freund seinen Raufußkauz vorführen.
Als Relikt der Eiszeit ist er ein Bewohner der Taiga, und die bewohnt  er auch in Nordeuropa. Bei uns sind es vor allem die Wälder der Gebirge und in der Ebene ursprüngliche Wälder, wie an manchen Plätzen in der Lüneburger Heide. Wo Wälder extensiv genutzt werden, wie in Plenterwäldem, oder wo man Wald sich selber überlässt, wie auch in den Schutzwäldern, ist die Chance für den Rauz am allerbesten.

Doch stimmt auch die Klischeevorstellung nicht, dass er im Wirtschaftswald keine Chance hätte. Auch dort gibt es auf den Schlägen reichlich Mäuse, so dass die Ernährung gesichert ist. Die fehlenden Brutmöglichkeiten kann man hier für ihn und für die Hohltaube schaffen und durch Bruthöhlen die Siedlungsdichte steigern. Denn nicht die Form der Waldwirtschaft ist das Problem, sondern die fehlende Bruthöhle. Am günstigsten ist aber der vielstufige reich gegliederte, naturverjüngte Wald, den fortschrittliche Forstwirte schon längst als den wirtschaftlichsten erkannt  haben, weil bis unten beastete Bäume auch das höchste Maß an Sonnenenergie in Holz umsetzen können. Weit besser als die lichthungrigen, schneebruchanfälligen und durch Wind gefährdeten kleinkronigen Stangen. Kunsthöhlen können auch nicht alle Naturhöhlen ersetzen. Wenn man den Mut hat den dürren Baum mit den Höhlen stehen zu lassen, halten sie wenigstens ihre 10 Jahre ohne jede Pflegemaßnahmen. Damit entdeckt sie natürlich auch der Baummarder. Da er aber im Gegensatz zum Kulturfolger Steinmarder gleichfalls gefährdet ist, sollte man ihn eigentlich nicht bejagen um den Eulen zu helfen, sondern man kann ihn mit den schon genannten Blechmanschetten veranlassen, sich andere Beute zu suchen. Zwar schaut auch die Frau Raufußkauz stets aus dem Loch, wenn der Marder an der Rinde kratzt, aber  nur sich selber kann sie retten, wenn sie abfliegt. Die Brut ist verloren, wenn der Marder die Höhlen revidiert. Nach Untersuchungen erfahrener Berufsornithologen ist der Baummarder für den Raufußkauz neben dem Höhlenmangel das zweite große Problem. Doch lässt sich beides lösen und von dieser Lösung kann auch der Schwarzspecht und die Hohltaube profitieren, ohne dass darum der Marder gefährdet wird, denn er pflanzt die Wildobstbäume und ist darum wichtig für den Wald.

Nahrungsengpässe für den Raufußkauz kann es eigentlich nur im Winter geben, wenn der Schnee die Mäuse verbirgt und sie sich unter der Schneedecke tummeln. Der Rauz weiß sich zu helfen und weicht in die Tallagen aus oder er weiß noch Mäuse an den Rotwildfütterungen zu fangen, oder an Holzplätzen. Er fängt sich aber auch Vögel bis zur Drosselgröße und überwältigt sogar die fast gleich große Wacholderdrossel. Manche ist auch schon von Jägern und anderen Freunden durchgepäppelt worden, wenn sie im extrem kalten Winter gefunden wurde. Diese Hilfe des Tierfreundes hilft natürlich nur dem einzelnen Vogel, aber nie der ganzen Art. Niemals sollte man aber im Sommer eine junge Eule mitnehmen, die als scheinbar verlassener Vogel am Waldboden hockt. Eulen sind immer Ästlinge, die überall herumklettern und gar keine Hilfe nötig haben,

Sie mitzunehmen wäre Kinderentführung, denn Ästlinge werden immer von den Eltern und überall gefüttert. Es ist für den Tierfreund zuweilen verwirrend, dass sie überall herumhocken und sich vor niemand fürchten.
Der Raufußkauz ist von allen Eulen sicher die niedlichste. Er ist so bezaubernd, dass man glauben könnte, dass ein Plüschspielzeughersteller sie erfunden hat. Er ist aber zugleich auch jene Eule, die mit ihrem melodischen Dauergesang wie kaum eine andere den Vorfrühlingswald mit wohltönendem Klang erfüllt und wie kaum eine andere  dem alten Waldläufer sagt, dass der Frühling auch in den nächtlichen Wald eingezogen ist.