Ammersee/ Im Jahreslauf: Die Lerche war’s, die Tagverkünderin
von Wolfgang Alexander Bajohr

Singt sie wie eine Lerche?
Hoch von des Himmels Wölbung klingt jubelnd ein Singen herab. Musik in der Nacht? Der Tag ist ja noch fern. War es die Nachtigall und nicht die Lerche? Wie Julia zu Romeo dereinst sprach? Doch die Lerche war es, die Tagverkünderin. Sie singt schon, wenn das Grau des Himmels im Osten nur ein rötlicher Lichtrand säumt. Sie singt: „Es tagt, es tagt”. Es ist die Lerche, die zaghaft erst und heiser klingt, dann 100 m hoch und höher noch im Himmelsraum. Am frühesten Morgen erst und dann am Tag.


 


Wenn rauer Ostwind auch die Wärme aus dem Gefieder kämmt -  die Lerche singt. Entreißt ihr der Wind auch Strophen und führt sie mit sich fort, dass rauer Misston  bleibt - wir wissen doch genau: Der Gesang von Lerchen ist Harmonie, ist süß und jubelnd. Man sagt auch, ihr Singen im blauen Firmament diene der Lobpreisung des Herren und Schöpfers. Es ist  ihre Stimme, die den Tag erweckt. Die Lerche war es auch, die mich dereinst mit ihrem Lied gerettet hat. Der ortskundige Vogelwart einer Nordseeinsel führte uns nachts über das Watt zur Hallig. Es war nicht die Lerche, nein es waren Hunderte, die den Tag verkündeten. Für uns war’s Rettung, denn wo die Lerche singt, ist Land. Jens Wand, einst Vogelwart und unser Führer, hörte auf den Gesang der Vögel nicht und fand den Tod in der Flut. Wo singen heute noch Hunderte von Lerchen?



Feldlerche startet zum Singflug


Vogel- und Naturschutz beklagen der Lerchen Rückgang um 20 % in zwei Jahrzehnten. Keinem aber ist bewusster als mir, dass dieser Vogel schon vorher um 50 %, ja stellenweise um 90 % abgenommen hatte. Wer die Lerche und ihr Lied nicht mehr kennt, der merkt auch nichts von ihrem vorzeitigen und schleichenden Ende. Ist es Dünger oder Gift?  Feldlerchen meiden Felder der industrialisierten Landwirtschaft. Nur wo seit Jahrhunderten eine ökologische Harmonie auf Feldern neu entstanden ist, in den Brachen, Randstreifen und Sommer-Feldfrüchten leben gerne die Feldlerchen und stehen hier am Ende einer Nahrungskette. Die fetten Raupen am Gemüse, Käferlarven auf der Feldfrucht, alles was krabbelt und fliegt sammeln sie ein und füttern ihre Kinder damit.


Unsere Lerchen sind Zugvögel, nur in Posen glaubte man fest daran, dass sie unter einem Feldstein Winterschlaf halten. Eine Bauernregel bei uns sagt, dass sie lange schweigen muss, wenn sie vor Lichtmess singt. Doch Lerchen sind hart im Nehmen. Erlaubt es der Schnee, kehren sie schon im Februar zurück. Ist der Winter wie 1998, ist sie schon im Januar da. Teils einzeln, teils in Gruppen hocken sie im Schlappschnee am Wegesrand. Wo der Schnee zuerst weicht, ist immer auch Futter.  Gern startet die Lerche in der Windflaute zu ihrer Meisterleistung. Kaum entschwinden die Wolken, steigt sie mit raschen Flügelschlägen und durchdringendem Singen in das Blau. Steil und dabei schmetternd fliegt sie rüttelnd hoch. Dabei klingt jenes klare klirrende Lied als eine lang andauernde Folge wirbelnder und jubilierender Töne. Im Gelände ohne Deckung verführt es den Sperber, die Lerche zu fangen. Sie erkennt seinen Angriff und steigt singend weiter. So macht sie ihm klar, dass sie längst nicht am Ende ihrer Kräfte ist, bald aber der Sperber, und der gibt auf. Sie aber singt und steigt, singt schier ohne Luft zu holen. Die Feldlerche gewinnt in Spiralen und im Rüttelflug weiter an Höhe, bis sie dem Blick entschwindet.  2-300 m hoch am Ende ihres Balzfluges stürzt sie wie ein Stein herab und öffnet erst kurz über dem Boden ihren Fallschirm, breit gefächert ausgestellte Flügel und dem gespreizten Schwanz. So fängt sie den rasanten Fall ab und landet in ihrem Revier. Revierabgrenzung ist Sinn jedes Vogelsangs. Ein Feldlerchenrevier ist 20 bis 200 m² groß, und im intakten Ökobauernumfeld leben auf 10 ha bis zu 15 Brutpaare.


Das Federkleid dieser starengroßen Vögel ist auf Tarnung ausgelegt, nur im Herbst ein wenig bunter, bei beiden Partnern gleich. Doch unterscheiden wir sie rasch, wenn der Lerchenhahn balzt und mit gespreiztem Häubchen, Verbeugen und Zittern der Flügel um seine Braut herumstelzt. Mit gesträubtem Gefieder stellt er steif wie ein Birkhahn die Flügel aus und fächert liebestoll  den Schwanz wie der Auerhahn. Über den richtigen Nistplatz aber entscheidet sie. Nach rund zwei Wochen liegen die Eier im Nest, nach zwei weiteren, verlassen es die Jungen schon. Wenn sie ihr Bodennest bauen, wissen sie noch nicht, ob morgen nicht schon rundum Mais, der ungeliebte Getreideurwald oder Raps die Sicht verstellt.


 
  Feldlerche singt

Über Jahrhunderte verstand die Feldlerche es, sich an Veränderungen in Feld und Flur anzupassen. Doch es war extensive Landnutzung mit kleinen Parzellen, Brachestreifen als Grenze und Brachflächen dazwischen. Selbst aus der Blütenvielfalt der Wiesen wurden mit Spritze und Dünger öde Grasäcker. Rundum in Europa galt es als Frevel Lerchen zu töten, wer es dennoch tat, kam in die Hölle. Doch unseren Nachbarn im Süden war das egal. Sie haben Millionen Lerchen gefangen, in den Kopftopf gesteckt und gegessen. Das war noch lange nicht ihr Verderben, sondern erst als wir ihren Lebensraum ruiniert haben.


Ökobauern sind Feldlerchenbauern

Nur armes Land mästet die Lerche. Ein Sprichwort nur? Doch wer die Feldlerche erretten will, der kommt am Ökobauern kaum vorbei. Der entscheidet mit seinem Feldbau dafür, dass es morgen noch die Feldlerche geben wird, weil er auf Chemie und Kunstdünger verzichtet, mit kleineren Feldern wirtschaftet und viele Randzonen möglich macht.

Der Ökobauer schließlich kann ohne Rationalisierung nur leben, wenn wir seine Mehrarbeit bezahlen, und ihm seine Feldfrüchte abnehmen. Ob die Feldlerche auch noch für unsere Kinder und Enkel singen wird, hängt von unseren Verbrauchergewohnheiten ab. Ohne unsere Hilfe als Endverbraucher der Feldfrüchte, singt morgen keine Lerche mehr über Feldern auf denen der stumme Frühling einziehen wird.



 
  Feldlerche zurück im Februar