Im Jahreslauf: Der Haussperling - Einst hat er die ganze Welt erobert

 
 Haussperling Männchen
Wenn ich an meine Kinderzeit zurückdenke, dann waren es einmal mehr. Unter den rund 200 Brutvogelarten, die unser Land mehr oder weniger häufig besiedeln, ist nur eine den Europäern über 10.000 Jahre hinweg in die ganze Welt gefolgt. Unter den Weltenbürgern war nur noch die Wanderratte ähnlich erfolgreich. In Deutschland schätzte man den Gesamtbestand auf bis zu 5 Millionen Brutpaare, in Europa auf 180 Millionen. Doch dass der Spatz in der Hand sicherer ist, als die Taube auf dem Dach, das war einmal. Fragen wir unsere Nachbarn, werden fast alle sagen, der Spatz sei grau und könne nur piepen. Das stimmt aber nicht. Denn für die Wissenschaft ist er ein Singvogel der großen Sperlings-Familie und

hat uns viel zu erzählen. Schauen wir genau hin, dann ist er recht bunt. Den braunen Kopf ziert ein schwarzer Zügelstrich über die Augen, grau und weiß abgesetzt ist die Stirn, der Rücken braun mit abgesetzten Federrändern, schwarzen, weiß markierten Bändern und die dunkelweiße Brust ist an der Kehle und Vorderbrust schwarz gesprenkelt. Nur seine Braut ist etwas unscheinbarer, ebenso die Kinderschar, die noch kein Alterskleid trägt. Der Haussperling ist also recht bunt. Als Singvogel liebt er den geselligen Umgang mit Seinesgleichen, und wenn alle Spatzen eines Dorfes an ihrem abendlichen Treffplatz durcheinander schilpen, kann das schon einen Höllenlärm machen. Vater Hausspatz ist liebenswürdig zu seiner Frau und seinen Kindern, die zu den allerniedlichsten Jungvögeln gehören.


Weil der Spatz die Nähe der Menschen schätzt, da es dort stets etwas zu futtern gibt, ist der Haussperling zutraulicher Menschenfreund, der selbst im Biergarten zwischen den Tischen, aber auch darauf,  zwischen den Biergläsern immer etwas zum Naschen findet. Nahrung holt er sich aber auch am Winterfutterhaus, oder auf dem Lande wo glückliche freilaufende Gockerl auf dem Hühnerhof  ihre Körner erhalten. Wo man gar nichts zu finden scheint, entdeckt er sein Futter noch auf dem bäuerlichen Misthaufen, oder in den Pferdeäpfeln am Wegesrand die noch unverdauten Körner. Wir ahnen darum schon, dass die beim Menschen dieser heutigen Zeit entdeckte Hygiene, seiner


 

Existenz nicht gut getan hat. Zutraulich wie der Haussperling nun einmal ist, hatten ihn einst die Dorfbuben mit Gummischleuder oder Luftgewehr als willkommene Beute ihrer Jagdleidenschaft entdeckt, und manche Jägerkarriere begann auf dem Dorf bei der passionierten Spatzenjagd. Das spielte damals vielleicht eine kleine Rolle, zumal die Beute auf dem flachen Land oft auch in der Suppe gelandet ist. Heute wäre derlei Jagd ein übler Frevel, denn der Spatz ist selten geworden, und wir wissen nur annähernd genau warum. Es ist unfassbar, der Allerweltsvogel Spatz mahnt uns plötzlich, dass unser Umgang mit der Umwelt doch nicht ganz in Ordnung ist.

Wohl nennt auch heute noch jeder 2. Ehemann seine Frau zärtlich „Spatz”, was zuweilen bösartige Spötter zur Bemerkung vom „Dreckspatzen” veranlasst hatte. Doch im zärtlichen Umgang miteinander können wir von dem kleinen Vogel durchaus noch etwas lernen. Von ihm, der seine Spätzin, die ihn balzend mit zuckenden Flügeln anbettelt, füttert und die er dabei freundlich umhüpft, um ihr Gefieder zärtlich zu beknabbern.


 
 Haussperling Weibchen

Überall wo ein Haus nicht gar zu chemisch rein ist, da fand er seine Nischen, in die er ein unordentliches Webernest baut, in dem mehrmals im Jahr, die weißen, braun gefleckten  Eier zwei Wochen lang bebrütet werden. Zwei weitere Wochen später werden die Jungen ausschlüpfen und mit Geziefer mancher Art gefüttert. Der gelegentliche Ärger, den Spatzen im Garten beim Zupfen der eben aufgegangenen Saat machen, werden sie mehrfach entschädigen, denn sie füttern die Jungen mit allerlei Kerbgetier und vor allem mit


Erd-Raupen und anderen Schmetterlingsraupen, die wir im Garten erst mühsam ablesen müssten. Auf diese Weise bedankt er sich als biologischer Schädlingsbekämpfer, ohne jeden Chemie-Einsatz, bei uns auch auch noch fürs Futter. Dass hingegen Undank Weltenlohn sei, das hat er dennoch oft zu spüren bekommen.
Doch sind es nicht jene kleinen Missverständnisse im Umgang miteinander, die ihm gefährlich werden. Es ist die Veränderung einer ganzen Gesellschaft, ja eines ganzen Landes. Wenn ein Allerweltsvogel plötzlich verschwindet, sollten wir nachdenken. Pferde wurden durch Traktoren abgelöst, die keine Pferdeäpfel fallen lassen. Doch diese Lücke in der Versorgung wurde durch die Hobby- und Freizeit-Reiter, die heute mehr Pferde auf die Wege schicken als es einst Arbeitspferde gab, reichlich wieder ausgeglichen.


Täglich verschwinden allerdings viele Wiesen, verschwunden sind  auch ungezählte Hecken. Von den 100 Bauern in meinem Dorf sind innerhalb von 10 Jahren ganze 16 übrig geblieben, und was einst Grünland war, wird umgepflügt, oder die Hecke wird gerodet. Die großen Maschinen pflügen auch nicht mehr von Vorgewende zu Vorgewende, sondern alles unter, auch viele Feldwege brechen sie gleich mit um, und Ackerrandstreifen mit ihren vielen Kräutern, Schmetterlingsraupen usw. gibt es dann auch nicht mehr.


 

Hühner schmachten heute in Käfigen. Hackfrucht- und Grünfutteranbau gingen um 23 % zurück, der Ackeranteil mit großen Getreideflächen ist um 8 % größer geworden. Raupen sind daher unerwünscht und werden mit der chemischen Keule liquidiert, lange ehe daraus Schmetterlinge werden. Wir haben keinen Platz mehr  für den Spatz, ja nicht einmal mehr an unseren Häusern in Nischen Platz für das Nest. So kommt es, dass sogar ein Allerweltsvogel zu verschwinden droht.

Wir denken über neue Gewerbegebiete nach, nicht aber darüber, dass unser Land, wenn wir in dem Tempo weitermachen, in 276 Jahren komplett asphaltiert sein wird. Anstatt über immer weitere Strassen, Gewerbegebiete mit ihren Erschließungen usw. nachzudenken, sollten wir grübeln und unser steinernes Herz entdecken, um wieder mehr Herz für den Haussperling zu haben, eben den Spatzen, wie ihn der Volksmund zärtlich getauft hat.  Von dem man sagte, dass er in der Hand besser sei als die Taube auf dem Dach.

Kurz-Biologie des Haussperling (Spatz)
(Passer domesticus)
In der großen Familie der Singvögel gehört er zu den Sperlingsvögeln (Passeridae) mit 26 Arten in drei Gattungen. Bei denen die Jungen den Schnabel bei der Fütterung unübersehbar aufsperren, und damit auf sich aufmerksam machen, wenn sie gefüttert werden. Es soll vom indogermanischen „spar”=”zappeln” abgeleitet sein, althochdeutsch: sparo.

 

Größe 15 cm, Männchen kontrastreich braun, mit heller Unterseite gefärbt, mit grauem Scheitel und weißer Zeichnung, Vorderbauch und Kehle schwarz gesprenkelt. Weibchen und Junge sind schlichter gefärbt. Die graue Kopfplatte ist deutlicher Unterschied zum Feldsperling, der immer eine braune Kopfplatte hat.
Der Gesang ist ein Aneinanderreihen von tschilpenden und zeternden Lauten. Bei abendlichen Sperlingsversammlungen der geselligen Vögel kann sich das zu einem Höllenlärm steigern.

 

Von Siedlern mitgebracht ist heute der Haussperling, auch Spatz genannt, in der ganzen von Europäern besiedelten Welt verbreitet. Man schätzte früher den Bestand in Deutschland auf 3,5-5 Millionen Brutpaare, in ganz Europa auf 54-180 Millionen.

Nahrung: Sämereien, Triebe, Knospen, Insekten, die auch im Abfall, auf Misthaufen und in Pferdeäpfeln gesucht werden. Die Jungen werden ausschließlich mit tierischer eiweißreicher Nahrung aufgezogen, also Insekten und Raupen. Das macht ihn im Garten für uns nützlich.

Nistplatz: unordentliches Webernest aus Stroh, Heu und Federn, meist in Nischen, Höhlen oder Kästen, nur ausnahmsweise auch frei in Bäumen. Er legt 7 Eier, Brutdauer 11-14 Tage, Nestlingszeit der Jungen bis zum Ausfliegen 14-17 Tage, 2-3 Jahresbruten mit bis zu 7 Eiern, Eier weiß, braun gesprenkelt.

Natürlicher Feind: vor allem der Sperber, aber auch alle Marderarten. Hauskatzen fangen Spatzen im Sprung aus der Luft heraus. Heutige Gefährdung durch Strukturveränderungen in der Landwirtschaft und wachsende Hygiene in den Siedlungen.

Wolfgang Alexander Bajohr