Im Jahresverlauf: Mecki der Igel

Auf der Hitliste der beliebtesten Wildtiere liegt der Igel auf Platz 1

Von Wolfgang Alexander Bajohr und Eugen Mangold

Igel gehören erdgeschichtlich zu den ältesten noch lebenden Säugetierarten, sie sind seit dem Tertiär nachgewiesen. Aussehen und Gestalt gegenwärtiger Igel hatten ihre Vorfahren schon vor 15 Millionen Jahren. In unseren Breiten lebt der westeuropäische Braunbrust-Igel (Erinaceus Europaeus), auch Westigel genannt. Er steht unter strengem  Naturschutz und ist als Insektenfresser äußerst nützlich. Von Umfragen in der

Bevölkerung wissen wir, dass der Igel an der Spitze der Beliebtheitskala aller Wildtiere steht. Als „Streicheltier“ spricht er unser angeborenes Kinderschema an. Das verwundert, denn sein spitzborstiges Stachelkleid, als Abwehrstrategie gegen Feinde, ist zum Streicheln und Kuscheln wenig geeignet. Auch rollt er sich ein, wenn wir ihm zu nahe kommen, und an eine gestachelte Kugel lässt sich keine Tierliebe vermitteln. Nicht ohne Grund war der Igel das Wappentier des bis heute beliebten Fernseh-Professors Bernhard Grzimek (1909 - 1987), Zoodirektor von Frankfurt/M, Begründer des „Igel-Breviers“ 1977 mit Dr. Poduschka, sowie Autor von „Grzimeks Tierleben“ und Oscar-Tierfilmer   („Serengeti darf nicht sterben“). Der Professor trug bei seinen legendären Fernsehsendungen stets das Igel-Bild auf seiner Krawatte. Zu seiner Beliebtheit hat dem Igel auch wesentlich der Puppenspieler, Maler und Filmemacher Paul Diehl aus Gräfelfing bei München verholfen, denn Generationen von Kindern  sind mit seinem Mecki-Plüschtier aufgewachsen, und so wurde das pfiffige Igel-Maskottchen für Diehl zum großen Erfolg. In der Spielzeugwelt hat dem Mecki nur der Teddybär  Vergleichbares entgegenzusetzen. Wer so schon als Kind auf den Igel geprägt wurde, wie auch durch Märchen und Erzählungen, z. B. die Geschichte vom Wettlauf von Hase und Igel, „Hans  mein Igel“ der Gebr. Grimm, Igel-Verse von Wilhelm Busch, Eugen Roth u. a.,  kann ihm als Erwachsener nicht gram sein.

Als Deutschland noch von dichtem germanischen Urwald bedeckt war, muss der Igel als Waldlückenbewohner ein seltenes Tier gewesen sein, denn Nahrung fand er nur dort, wo Sonne den Waldboden erreichte, in Borkenkäfer-,  Schnee-bruch- und Sturmlücken, wenn Schalenwild ein Aufkommen neuen Waldes verhindert hat. Denn einst haben Elch, Wisent, Rothirsch und auch das zierliche Reh dafür gesorgt, dass sich diese Lichtungen nicht so schnell wieder geschlossen haben. Profitiert haben davon auch Mäuse, Bilche und einige ganz

typische Vogelarten des Waldes. Erst als im 15. Jahrhundert die Waldverwüstung durch Brandrodung zu Ende ging, und rund  zwei Drittel des Waldes beseitigt waren, ist auch für den Igel ein neues Biotop enormer Größe entstanden, die bäuerliche Kulturlandschaft. Sie wurde Lebensraum für ihn und viele andere Tierarten, und diesen hat er bis in die Gärten menschlicher Siedlungen ausgedehnt.

Ein Igel-Weibchen wirft einmal im Jahr durchschnittlich fünf Junge. Davon erreichen nach Schätzungen lediglich 20 bis 40 % das erste Lebensjahr – die „Kindersterblichkeit“ ist also hoch. Der Tod während des ersten Winterschlafs wegen Untergewicht und mangels  Fettreserven dürfte dabei eine große Rolle spielen, da knapp 30 % des Igel-Nachwuchses erst im September geboren wird und Mühe hat, bis zum Winterschlaf noch ausreichend Nahrung zu finden. Dennoch scheint die Reproduktionsrate zu genügen, um die Art zu erhalten und selbst die schmerzhaft hohe Zahl der auf unseren Straßen totgefahrenen Igel zu kompensieren. Dass sich Dachs und Uhu nachts die Stacheltiere gerne als Beute holen, fällt dabei zahlenmäßig weniger ins Gewicht.

Der Igel zählt  zu den gut erforschten Wildtieren, wir wissen heute z. B. eine ganze Menge über ihn, um seine Krankheiten durch Innenparasiten zu heilen. Schon vor über 200 Jahren haben sich Wissenschaftler für unseren stacheligen Freund interessiert. In Buffons „Naturge-schichte der vierfüßigen Thiere“ Berlin 1777 wird bereits von einer Sektion berichtet.

Einen Meilenstein in der Igelforschung setzte Dr. Walter Poduschka (1922 - 1996), Tierarzt in Österreich. Per Zufall fand er im Sommer 1962 in seinem Garten zwei verwaiste Igel-Winzlinge – 8 cm lang – und zog sie mit Hilfe seiner Frau vorerst ohne spezielle  Vorkenntnisse groß. Über die Jahre sollten noch viele Pflegefälle folgen und aus Dr. Poduschka wurde so ein international anerkannter und verdienter Igel-

Wissenschaftler. Bis zu seinem Tod blieb er der Erforschung dieses Insektenfressers treu, was sich auch in eindrucksvoller Weise in der Fachliteratur widerspiegelt. Heutige Biologen bauen oftmals auf seinen Erkenntnissen auf. Nach zahlreichen Erprobungen an kranken Igeln publizierte Dr. Poduschka 1972 ein Medikament, das die Heilung des Igels bei Lungenwurmbefall ermöglicht: „CITARIN L“. Bis heute hat sich diese Arznei bewährt und Dr. Poduschka sich damit ein Denkmal gesetzt.
Wie identifiziert man diesen Innen-Parasiten? Seine Larven sind im Igel-Kot unter dem Mikroskop gut zu erkennen. Wie kommen sie aus der Lunge in den Darm? Der Igel hustet sie in sein Maul und durch Schlucken gelangen sie in den Verdauungstrakt, wo ihnen selbst die Magensäure nichts anhaben kann. Sie sind auch äußerst kälteresistent, selbst mehrere Monate Tiefkühlung bei minus 17 Grad überstehen sie ohne Schaden.
Auch aus unserem Fünf-Seenland sei ein verdienter Igel-Freund erwähnt: Dr. Hellmut Kramm aus Steinebach am Wörthsee. 1979 korrigierte der Humanmediziner und Medizinaldirektor mithilfe von Igel-Sektionen den leider seit 1921 verbreiteten anatomischen Irrtum, Injektionen unter die Haut kranker Igel seien nicht in die leicht erreichbare Rückenregion, sondern in die Bauchseite vorzunehmen. Die Nadelspitze geriet dabei manchmal in die Lunge oder den Bauchraum und kostete so manchem Igel das Leben.

Was können wir für den Igel tun?

  • Kein Gift im Garten verwenden, auch kein Schneckenkorn! Chemische Mittel wie Insekten- und Unkrautvernichter, auch Kunstdünger, können dem Igel gesundheitlich schaden.

  • Naturnahe Gärten anlegen.

  • Verbund mehrerer Gärten, keine Betonsockel als  Begrenzung; Durchschlupfmöglichkeiten schaffen bei Maschendraht- und Lattenzäunen.

  • Unterschlupf im Garten schaffen, Hecken, Unterwuchs und Dickicht sind Lebensräume für Igel und Kleintiere.

  • Trinkwasser anbieten, sei es ein Napf, eine Vogeltränke oder ein Gartenteich mit flacher Uferzone, denn Igel haben durstige Kehlen jede Nacht.

  • Vogelnetze über Beerensträucher und Obstbäumen nicht bis zum Boden hängen lassen.

  • Vorsicht mit Rasenmähern, Tellersensen und Kantenschneidern! Unter Sträuchern und Hecken und an versteckten, unübersichtlichen Stellen können Igel sein.

  • Laubsauger nehmen auch Kleinlebewesen (Igelnahrung) und sogar  kleine Igel auf!

  • Vorsicht beim Umsetzen von Komposthaufen mit Schaufel und Mistgabel, denn Igel finden dort gerne Unterschlupf.

  • Gruben, Schächte Gräben, Hülsen von Wäschespinnen und Fahnenmasten sind Igel-Fallen.

  • Reisig und Laubhaufen nicht verbrennen; Holz für Sonnwend- und Brauchtumsfeuer erst am Tag der Veranstaltung aufschichten.

  • Im Straßenverkehr bei Nacht auf Igel achten.

Wie können wir kranke Igel erkennen und ihnen helfen?

  • Unterernährten und kranken Igeln durch geeignete Maßnahmen zu helfen und deren Leben zu retten, ist kein unerlaubter Eingriff in die Natur, sonder Tierschutz.

  • Nicht jeder Igel braucht allerdings menschliche Hilfe, aber jede Hilfe muss gekonnt sein.

  • Nicht jeder Mensch kann Igelhilfe leisten, entspr. Kenntnisse und Erfahrung sind notwendig, Igelstation, Tierheim oder Tierarzt sollten einbezogen werden.

  • Gut genährte Igel haben die Form einer Birne; unterernährte die einer Wurst, mit eingefallenen Flanken und der sog. Hungerfalte, einer Einbuchtung im Nacken.

  • Unterernährte kleine Jungtiere, die im Spätherbst nicht über 500 Gramm wiegen, brauchen unsere Pflege nur über den ersten Winter,  im Frühjahr gehören sie zurück in die Natur.

  • Bei Tageslicht länger umherirrende Igel sind oft krank und sollten einer geeigneten fachlichen Kontrolle unterzogen und danach bzw. nach der Heilung am Fundort wieder ausgesetzt werden.

  • Gesunde Igel haben blanke Knopfaugen, d. h. die Augen treten deutlich, ähnlich einer Halbkugel, hervor; bei kranken Igeln dagegen sind die Augen meist eingefallen.

  • Die häufigsten Erkrankungen betreffen Lunge und Darm, oft verursacht durch Innenparasiten. Ein Massenbefall zeigt sich durch Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Husten, Röcheln und Rasseln in der Lunge, Nasenschleim, Atemnot, dünnbreiigen Kot, Durchfall – manchmal mit Blut oder Schleim durchsetzt - , Unruhe, Lähmungen.

  • Schon jedes einzelne dieser Symptome weist auf eine massive organische Störung hin. Geeignete Medikamente haben Tierarzt und  Apotheke.

Weitere Informationen:
      Tierheim Starnberg

      Igel-Hotline
      Neuere Bücher

      Link zu Pro-Igel e.V.


Tel.: 08151-8782, Fax: 08151-78094
Tel.: 0180-5555-9551, Fax: 0180-5555-9554

Das Igel Praxisbuch ( Kosmos-Verlag )
Igel in unserem Garten ( Kosmos-Verlag )

www.Pro-Igel.de


„JOSI“ und ihre Jungen

Sie alle wären nicht am Leben, hätte der Mensch nicht helfend eingegriffen.
Eine Igel-Geschichte erzählt von Eugen Mangold.

In den für Igel nahrungsarmen Zeiten, vorwiegend Frühjahr und Herbst, stehen auf meiner Gartenterrasse als Zubrot Katzendosen- und  Trockenfutter bereit. Am 15. Oktober 2003 blieben die Futternäpfe unangetastet, die Igel hatten sich – früher als in den Vorjahren – gesund und wohlgenährt zum Winterschlaf zurückgezogen. Dabei sinkt die Körpertemperatur

auf etwa +5 Grad ab und das Herz schlägt nur noch 8 Mal pro  Minute. Fünf Tage später entdecke ich abends draußen ein kleines Knäuel, ein junger Igel, der sofort ins warme Haus genommen wird, weil er für den Winter nicht gerüstet ist. Er stammt wohl aus einem späten Wurf, und die Mutter hat sich vermutlich bereits in den Winterschlaf verabschiedet. Es ist ein Weibchen, 14 cm lang und 250 Gramm leicht, das nun bei Raumtemperatur hochgepäppelt werden muss, denn Jungigel mit weniger als 500 Gramm haben kaum eine Chance den Winterschlaf zu überleben. Igel-Mütter säugen ihre Jungen bis zum Alter von sechs Wochen und einem Gewicht von etwa 250 Gramm, denn die Kleinen können zwar schon selbst fressen, aber nicht genug Insekten erbeuten um satt zu werden.

Ich nenne die neue vorübergehende Hausbewohnerin „JOSI“, denn alle im Haus gepflegten Igel bekommen einen Namen. Nach zwei weiteren Tagen ist bei Abenddämmerung erneut ein kleiner Igel am Futternapf, den ich ebenfalls ins Haus nehme: Ein Männchen, 15 cm lang und 300 Gramm leicht, vermutlich ein Brüderchen aus dem gleichen Wurf, ich nenne ihn „JOSCHI“. Die Kotuntersuchung mit dem Mikroskop ergibt keinen Hinweis auf Erkrankungen durch Innen-Parasiten, die beiden scheinen gesund zu sein, haben Appetit, entwickeln sich prächtig und verstehen sich anfangs auch

gut. Igel sind Individualisten, keinesfalls kann man sie alle über einen Kamm scheren. So will „JOSI“ nach der Mahlzeit ein paar Mehlwürmer als Nachtisch, ein Igel-Leckerbissen wie man sagt, doch „JOSCHI“ lehnt Mehlwürmer ab. Er wiederum frisst gerne auch etwas Katzen-Trockenfutter, was sie nicht verstehen kann. Nach etwa zwei Wochen Pflege und entsprechender Gewichtszunahme beobachte ich eine beginnende Rivalität: „JOSI“ schiebt ihren Bruder manchmal unter Fauchen und Gebrumme mit ihrem Stachelkopf zur Seite, wobei er mit seinen Breitseite dagegen hält. Um Beißereien zu vermeiden, werden sie nun getrennt, denn es ist besser, erwachsene Igel in Gefangenschaft separat zu halten, auch in der freien Natur sind sie Einzelgänger, die Geselligkeit weniger schätzen.

Alle meine bisherigen Igel-Pfleglinge zogen sich bei der täglichen Gehegereinigung zurück. Nicht so „JOSI“, sie will dabei sein und behindert meine Arbeit, will gestreichelt  werden und tuckert dabei gleichmäßig, ähnlich einem Meerschweinchen, ein Ausdruck des Wohlbefindens, wie ich vermute. Sie ist eben eine besonders zutrauliche Igelin, wie sich auch noch zeigen wird. Am 22. November haben beide etwa 800 Gramm Körpergewicht erreicht, sind deshalb fit für

den Winterschlaf und kommen in trockene Freigehege. Erst drei Wochen später beginnen sie im Abstand von drei Tagen den Winterschlaf, und der Pfleger freut sich über eine verdiente längere Winterpause. Am 14. April 2004 ist „JOSI“ wieder wach und zwei Tage später auch „JOSCHI“. Beide wiegen jetzt etwa 700 Gramm, bekommen abends sofort ihre gewohnte Mahlzeit und ihre Gehege werden geöffnet. Sie sind wieder freie Wildtiere und können die Welt erobern, aber auch wieder zurückkommen wenn sie wollen, um im gewohnten Nest den Tag zu verschlafen. „JOSI“ blieb das ganze Igeljahr ihrer gewohnten Umgebung treu, während „JOSCHI“ im Laufe der Zeit zum Streuner wurde, der dann nur noch in unregelmäßigen Abständen zu sehen war. An den wenigen heißen Sommer-tagen lag „JOSI“ gern lang ausgestreckt vor ihrem

Schlupfloch auf der kühlen Erde, und wenn ich sie ansprach öffnete sie nur ein Auge. An einem Nachmittag wälzte sie direkt vor meinen Füßen ihren Rücken auf staubiger Erde, so wie man das bei Pferden sieht, wenn sie ein Sandbad nehmen, ein einmaliges Schauspiel, wer hat das bei einem Igel schon gesehen? Anfang September hat „JOSI“ ausgeprägte Zitzen, sie wirkt unruhig und hektisch und beißt mich auch das erste und einzige Mal in den Finger. Was ist los mit ihr, hat sie Junge zu versorgen? Mitte September fängt sie an ihre Behausung mit frischem Haferstroh auszupolstern, das in einer trockenen Gartenecke bereit liegt. Am 21. September gegen

22 Uhr läuft sie über den Rasen zu ihrem Unterschlupf, gefolgt von einem vor Aufregung pfeifenden Jungigel, der im Halbdunkel aussieht wie eine Maus. Es ist wohl sein erster Ausflug, er wird im Unterschlupf abgeliefert, während „JOSI“ eilig allein zurück läuft in des Nachbars Garten, um schon bald mit dem zweiten pfeifenden Jungigel im Schlepptau anzukommen. So geht das weiter bis Mitternacht, vier Junge hat sie dann von der etwa 80 Meter entfernten Wochenstube im Nachbargarten nacheinander umgesiedelt. Die Kleinen machen sich gleich ohne Scheu über meinen angebotenen Futternapf her. Sie sind 11 cm lang,

wiegen (zwei Tage später) zwischen 160 und 200 Gramm und dürften knapp 4 Wochen alt sein. Es sind drei Weibchen und ein Männchen. Zwei Weibchen haben genau die gleichen Merkmale: Drei helle Krallen an der linken Vorderpfote. Bis Ende September sind alle Jungen auch tagsüber des öfteren am Futternapf zu sehen, danach entwickeln sie allmählich ihre natürliche Nachtaktivität. Anfang November haben alle vier Jungigel die kritische  500-Gramm-Grenze deutlich überschritten, die Mutter hat sich bereits in den Winterschlaf zurück gezogen und die Kleinen folgen ihr zur Monatsmitte nach. Ein gutes Igeljahr 2004 findet damit in meinem Garten sein Ende.


Alle Fotos von Wolfgang A. Bajohr