Im Jahreslauf: Rajah und das Kampfreh
von Helga Bajohr

Besorgte Rehmutter

Mutter und Kind

Rehkitz

Über Kampfhunde ist in letzter Zeit viel geschrieben worden und das Fernsehen ist voll davon. Ich glaube  fast alle Hundebesitzer sind froh, wenn sie einem wirklichen Kampfhund niemals begegnen. Dass es aber unter den scheuen Rehen  im Wald auch "Kampfrehe" gibt, war für uns neu. Unsere Hündin Rajah hat es am eigenen Leib erfahren.

Rajah, unsere Lakelandterrierhündin ist ein freundlicher und friedlicher Hund der außerdem gut erzogen ist. Da wir 100 m von Feld und Wald entfernt wohnen und keinen Ärger mit dem Jäger wollen, waren alle unsere Hunde "rehrein" und "hasenrein", wie der Jäger es nennt. Das heißt, auch ein Reh, welches 5 Meter vor uns über den Weg läuft, wird nicht verfolgt, wenn der Befehl "steh" durch den Wald schallt. Nicht bei jedem Hund hatten wir so schnelle Erziehungserfolge wie bei Rajah, aber gelernt haben sie es alle.
Für 8 Tage kam Rajahs Sohn Athos zu Besuch. Da Athos  ein richtiger Halbstarker und der Gehorsam noch nicht so perfekt ist, kam er im Wald an die Leine. Wir gingen zu Viert im Wald spazieren. Zuerst Athos an der Leine zerrend, dahinter hechelnd ich, nach 10 m kam die unangeleinte Rajah, ca. 8 m dahinter mein Mann. Der Weg ist etwa 2 m breit und führt im rechten Winkel auf eine Wiese. Athos und ich waren schon auf der Wiese als Rajahs Kopf kurz auftauchte und wieder verschwand. Da wir auf dieser Wiese immer toben und spielen, wunderte ich mich schon sehr, dass meine Hündin plötzlich wieder verschwand. Dann tauchten Herrchen und Hund etwas außer Atem auf.

Was mein Mann dann berichtete, war fast nicht zu glauben: Zwischen Rajah und ihm tauchte plötzlich ein Reh aus dem Himbeergestrüpp auf, rannte hinter Rajah her, schlug dem Hund  mit dem Vorderlauf von hinten auf den Kopf und sprang sofort wieder in die Himbeersträucher zurück. Rajah machte einen Satz nach vorne, kehrte sofort um und suchte bei Herrchen Schutz.
Ich untersuchte meinen Hund und fand auf der Stirn den deutlichen Abdruck einer Rehpfote, markiert durch dunkle feuchte Erde. Ihre haselnussbraunen Augen schauten mich ungläubig an, und die Schlappöhrchen standen frustriert dreieckig vom Kopf. Rajah ist durch diese Attacke aber nicht ernsthaft verletzt worden. Ihr Sohn Athos sorgte dann rasch dafür, dass sie das ganze Abenteuer im Spiel schnell vergessen hat.

Uns war natürlich klar, dass diese Attacke von einer Rehmutter gekommen ist, die ihr Bambi im Gebüsch verborgen hat. Es ist bekannt, dass Rehmütter Füchse angreifen, die ihrem Kind zu nahe kommen.  Und darum wird so ein kleiner Lakie dann eben wie ein Fuchs verprügelt, auch wenn er brav auf dem Weg läuft. Mein Mann meinte nur trocken: "Es trifft doch immer die Falschen". Nach Hause sind wir vorsichtshalber einen anderen Weg gegangen, auch um die Rehmutter nicht nochmals zu beunruhigen. 

In den folgenden Tagen gelang es die Rehmutter alleine, aber auch mit ihrem Kitz zusammen und auch das Kitz alleine zu fotografieren. Wir fanden auch eine Erklärung für die Aggressivität der tapferen Rehmutter. Als die Wiese neben dem Wald gemäht wurde, ist eines der Kitze von dem Mähbalken grausam zerstückelt worden. Das zweite Kitz konnte sich in das anliegende Getreidefeld retten. Die Rehgeiß war nervös, denn sie hörte ein Kitz klagen, aber verschwunden waren beide.

Es ist eine Tragödie, dass Rehe ihre Kinder gerade dort zur Welt bringen, wo wenige Tage danach das Gras gemäht wird um Heu zu machen. Das hat sich auf Grund einer neuen Technik geändert. Heute mäht der Bauer um runde zwei Wochen früher, denn es wird seltener Heu gemacht, sondern die Mahd in Wickelballen verpackt und darin siliert. Damit liegt der Erntetermin häufig schon im Mai, doch die Mehrzahl der Kitze kommt erst im Juni auf die Welt, seltener auch im Mai. So hat die Landtechnik einen Beitrag leisten können das ekelhafte Ausmähen der Kitze zu vermeiden. Gefragt ist jetzt der Hundefreund, der in dieser Zeit seinen Hund stets im Wald an die Leine nehmen sollte, damit ein sonst harmloser Familienhund nicht Angst und Schrecken unter dem Rehwild verbreitet. Je besser ein Hund erzogen ist, desto mehr Freiheit kann man ihm lassen. Ein Tierfreund, der seine Hunde liebt, der liebt natürlich auch die Rehe und deren Bambi. Er wird verstehen was ein Tierfreund immer versteht, und er wird auch Freunde und Bekannte darauf ansprechen, nicht ganz so folgsame Hunde im Wald an die Leine zu nehmen.