Im Jahreslauf: Pinselohr ist wieder da!
von Wolfgang Alexander Bajohr

Können wir uns den Luchs leisten
Das Faszinierende daran ist, dass er in Deutschland auf leisen Sohlen von selber kam. Unbemerkt von vielen. Ja vielleicht ist er sogar niemals ganz fort gewesen. Grenzgänger im Bayerischen Wald hat es wohl immer gegeben während des großen Krieges, als der Luchs auf seinen dicken weichen Tatzen beiderseits der Grenzen durch den stillen Wald schlich. Zuwanderer aus Böhmen lockt heute der grollende maunzende Liebesgesang des Nationalpark-Luchskaters zur Ranzzeit herüber.

Doch ist schon Besuch von außen ins Gehege hinein gesprungen, und einige Luchse sind ausgerissen. Den offiziellen Weg hinaus aber hat erst der Mensch wieder ebnen müssen. Anders als im Alpenraum, musste man die Wiederkehr nicht erst diskutieren, denn die Luchse sind da. Längst pirschen sie durch den Bayerischen und Oberpfälzer Wald, sie kamen aus dem Böhmerwald. Die Heimat, in die der Luchs zurückfand, ist für ihn nicht neu, denn schon seine Ahnen haben dort gewohnt. Die Berge hier sind für sie ein einziges Land, politische Grenzen kennt die Natur nicht.

Als die Jäger in Bayern endlich wieder ihre Gewehre ausbuddeln durften, da stand er schon auf dem Jagdschein im Kleingedruckten unter den ganzjährig geschonten Tieren. Der damaligen Jägergeneration ist sehr wohl bewusst gewesen, dass es sich der Jäger nicht leisten kann, gegen den Luchs zu sein. Seither ist oft auch der Verdacht geäußert worden, dass der Luchs auf eigenwillige Weise durch Aussetzen gekommen sei. Eine Genehmigung dafür wäre damals, da er eine einheimische Art ist, eigentlich nicht erforderlich gewesen. Eines ist sicher, der Luchs war schon da, auch vorher schon. Auch in einem Großrevier in der Steiermark spürten wir ihn. Denn dort ist er nie ausgestorben.


Der Luchs riss am Haus das Kalb eines Hochland-Rindes

Ausgerechnet hier ist es kurz vor Weihnachten 2004 zu einem Luchs-Riss gekommen. Die Frau eines Jagdfreundes, der zugleich Bergbauer ist und auch ein Wildgehege mit Rotwild behütet, schrieb mir dazu folgendes: „Heuer hat ein Luchs (!!!) ein 4 Tage altes Schottisches Hochland-Rindkalb gerissen und ein Rotwildkalb (das ist ja normal) auch. Aber dass der Luchs so nahe an das Haus kommt und Rinder reißt, das ist uns neu! Das war ein Mordstheater, denn die Pferde sind in dieser Nacht vor lauter Schrecken durchgegangen, vor lauter Panik. Eines hat sich 20 km durch den Bergwald in Richtung Hochalm (!) vergaloppiert. Wir haben 15 Stunden nach ihm


gesucht.“ Diese Kälber sind natürlich nicht größer als ein Foxterrier, und dass Luchse in der Nähe der Menschen leben und Haustiere reißen, ist nichts Neues. Denn der Luchs lebt keinesfalls in einsamer Wildnis, sondern dort wo er sein Futter findet. Für die Schäden kommt heute allerdings der Luchs-Fond auf, früher mussten die Bergbauern das selber ausbaden.  Ausrottungseuphorien früherer Generationen fortzusetzen, wäre eine Barbarei. Rational betrachtet ist der Mensch wohl auch ohne Luchse, Bären, etc. glücklich. Aber schöner ist es halt, wenn es sie gibt. Auch der Mensch ist nur Teil der Schöpfung, gegen die er nicht leben kann, weil in der Umwelt alle Funktionen normalerweise ökologisch ineinander greifen. Fällt eine Art aus, spüren wir oft erst nach Jahren die Folgen. Heutige Wissenschaft untermauert durch bessere Erkenntnis die früher nur gefühlsmäßige Reaktion alter Jäger und Naturliebhaber. Die Bereitschaft, auch komplizierte Tiere zu dulden, wächst, und das kommt dem Luchs zugute.
Im Jahr 1989 schreibt die Wildbiologische Gesellschaft München: Eine Wiederansiedlung im Bayerischen Wald wird gegenwärtig nicht empfohlen. Das hat bei einigen Jägern zu Missverständnissen geführt, obwohl es im Text weiter geheißen hat: „Dies darf allerdings nicht so missverstanden werden, als sei dieses Waldgebiet für den Luchs nicht geeignet. Im Gegenteil, die angelaufene Ansiedlung von Luchsen durch tschechische Behörden im Böhmerwald, der mit dem Bayerischen Wald eine geografische Einheit bildet, sollte auf bayerischer Seite unterstützt werden. Die Wiederbesiedlung des Bayerischen Waldes durch Luchse aus dem Böhmerwald ist aber schon länger im Gange. Erfolg oder Misserfolg hängen in erster Linie von der örtlichen Jägerschaft ab."

Einige Herren im Landesjagdverband haben den Luchs damals mit der Begründung abgelehnt, dass dort geeignete Lebensräume nicht vorhanden seien. Dazu mussten auch die Auerhühner als Vorwand herhalten, obwohl der Luchs kein ernst zu nehmender Prädator für Rauhfußhühner ist. Die frühere Generation im gleichen Verband hatte noch die Entscheidung dem Luchs selber überlassen und schützend die Hand über ihn gehalten. Da Jäger noch nie ein Tier ausgerottet haben, das sie bejagen, wäre es sinnvoll den Luchs durch Jagd zu nutzen. Diese Nutzungs-Quote wäre zwangsläufig sehr gering, und wer nun den begehrten Luchs jagen darf, könnte man auslosen. Das ist allemal besser als der heutige Zustand, dass aus lauter Rechthaberei und Bockbeinigkeit mehr Luchse in der Schonzeit abgeschossen

werden als nachwachsen können. Das ist genau genommen nicht nur ein Schonzeitvergehen, sondern Wilderei, die am ehesten in den Griff zu bekommen ist, wenn Jäger auf Jäger aufpassen. Denn dann kennen sie keine Gnade gegenüber Wilderern im grünen Rock.

Luchs und Tourismus
Damals gab es dort kaum Tourismus, aber Luchse fressen weder Skiläufer noch Waldwanderer. Die Vorstellung, dass er auf Bäumen lauert, um Feriengästen und Waldspaziergängern auf die Schulter zu springen, ist absurd. Luchse sind gegenüber dem Menschen die heimlichsten Tiere, die man sich vorstellen kann. Sie haben auch allen Grund dazu, denn Luchse konnten keine guten Erfahrungen mit Menschen sammeln. Wenn der Wanderer einem Luchs begegnet, ihn still auf einem Felsköpfl sitzen sieht, dann mag er das als das großartigste Naturerlebnis seines Lebens registrieren, denn wiederholen wird es sich nie. Am ehesten sieht ihn noch der Jäger.


Naturerlebnis Luchs

Luchse sind faszinierende Tiere. Über mehrere Jahre hinweg habe ich ganze Tage damit verbracht, Luchse zu fotografieren. Das ist selbst dort, wo sie garantiert zu finden sind, also im Großgatter, damit verbunden, dass man tagelang sitzt und keinen sieht. Ich habe dem unbefangenen Spiel der Jungen zugesehen, wenn sie im Tiefschnee herumtoben, dass es staubt, erlebt, wie sie die Bäume hinaufrasen und Burgkönig spielen. Da haben sie gleichmütig Schneesturm und Regen getrotzt oder haben miteinander geschmust und sich reihum abgeschleckt. Da schrie der Kater sein Liebessehnen grollend und maunzend in den Wald hinaus, und ich habe ihm im Januar bei der Hochzeit zugeschaut. Ich sah die Zärtlichkeit der Luchsmutter und ihre Angst, als man die Jungen abholte, um Platz für den nächsten Wurf zu machen.



Ich erinnere mich aber auch noch an das grauenhafte Bild eines Luchses in einer älteren Jagdzeitung. Das zeigt ihn im Schlageisen und ich vergleiche den verzweifelten Blick dieses bezaubernden Tieres in höchster Not und Verzweiflung mit der Gelassenheit der Tiere, die ich als Tieffotograf erlebt habe, wenn sie ruhen oder gebannt eine Beute fixieren, um in lässiger blitzesschneller Aktivität eine Amsel aus der Luft heraus fangen oder sich an eine Gelbhalsmaus anpirschen. Im Sommer, wenn die Sonne Ringe auf die Kringel ihres Tarnfells zeichnet, im bunten Herbst die gilbenden Blätter sie schützen, ist ihre Tarnkappe perfekt. Man sieht sie nicht, wenn sie satt auf ihrer Warte sitzen, unbeweglich und stumm. Vielleicht auf die nächste Beute lauernd, um sie mit nur einem Satz in wenigen Fluchten zu überrennen, oder dem Reh in den Nacken zu springen. Nicht anders kann es Bergschafen ergehen, die ohne Hirten wie Wildtiere im Bergwald weiden. Kommen die nah genug am Luchs und seiner Warte vorbei, oder hat man in dem Gebiet das Wild über ein sinnvolles Maß hinaus reguliert, dann langt der Luchs auch beim Hausschaf zu, weil er leben muss.

Bauern sahen über Jahrhunderte hinweg im Luchs eine Bedrohung der Schafe und baten Jäger um Hilfe. Mancher Jäger sah im Luchs auch Gefahr fürs Wild. Als Retter und Helfer hat der Jäger beim Volk Ansehen gewonnen, wenn er den Luchs gefangen oder geschossen hat. Mancher fühlt sich daher heute überfordert, wenn er Luchse nun dulden, ja gar mit offenen Armen als Jagdgefährten im Revier empfangen soll. Mit ihren dicken tappigen Pfoten sieht die schöne pinselohrige Kurzschwanzkatze mit den graugoldenen Augen ganz harmlos aus. Und für den

Menschen ist sie auch völlig ungefährlich. Das kann man vom Menschen im umgekehrten Sinne nicht behaupten. Als unerfahrene Jungluchse bei einem Bauernhaus am Waldrand ihr Glück im Gänsestall versuchten, sind durch Dummheit und Panik zweimal Jungtiere getötet worden, trotz ganzjähriger Schonzeit und Bereitschaft zum Schadenersatz!!!

Heimkehr der Luchse
Am Frischen Haff im einstmals deutschen Ostpreußen lebten zu allen Zeiten etwa 40 Luchse. Von dort und aus dem 45.000 ha Urwald von Bialowica in  Ost-Polen hat man sie geholt, und hat sie in der Romintner Hofjagd ausgesetzt und hier wurde auf 28.000 ha Fläche ein Grundbestand geschaffen. Als das Revier zu klein für den wachsenden Bestand wurde, da ist es nicht weit gewesen bis nach Borken, wo sich 20 Luchse ganz von selbst auf 18.000 ha etablierten.

Das war eine Rückkehr nach über 70 Jahren und inzwischen hat sich der Luchs in Ost-Polen und in den großen Nationalparkgebieten im Süden von Litauen überall ausgebreitet. Er kommt überall vor, wo es ihm gefällt, obwohl es dort wenig Schalenwild gibt. Er muss also leben wie der Fuchs. Nun spricht man von seiner Wiederkehr in Berchtesgaden, wo er ebenfalls längst von selber gekommen ist. Hier ist der schöne wilde Bergwald des Nationalparks etwa so groß wie ganz Rominten. Doch eines unterscheidet beide Gebiete: in Rominten ist die Natur

rundum urig und das alte Sudauer Gebiet ist heute weit dünner besiedelt als einst im Mittelalter. Anders in Berchtesgaden: Jenseits, und innerhalb der Nationalpark-Grenzen, tummelt sich in Berchtesgaden viel Volk in den Bergen. Aber es konzen-triert sich meist im Tal und auf kleinen Flächen. Die Frage ist nur, was der Luchs hier als Nahrung fangen kann. Auch Pinselohr hat seine Wünsche: Er will Natur, die urig ist und doch voll Beute. Er liebt den Urwald, wo die Bäume Bärte tragen.

Dr. Ortwein aus Borken berichtet, wie Luchse und Schalenwild miteinander auskommen. Auch in Kärnten hat man nachgedacht. Für die Schalenwildjagd spielen Luchse großräumig praktisch keine Rolle. In ganz Kärnten erlegte man pro Jahr 27.000 Stück Rotwild, Reh und Gams, 5.500 verendeten als Fallwild. Allein das ist mehr als die Luchse jemals schlagen könnten. Bevorzugt fängt er dort das Schmalreh und Kitze.



Ganz selten Kahlwild oder Hirsche. Nie hält der Luchs seine Lieblingsbeute Reh durch Daueransitze so unter Dauerstress wie der Jäger. Er müsste glatt verhungern. So nutzt er seine Beute bis zum letzten Bissen und wechselt dann nach Jagderfolg an das andere Ende seines Riesenreviers. So bleiben die Rehe vertraut und für ihn erbeutbar. Den panischen Schreck der Hausschafe wie beim Wolf gibt es bei Luchsen nicht. Der Luchs wiegt zwischen 30 und 46 Kilo und ein Zwanzigstel davon braucht er als tägliche Beute. Schädel und Pansen, Läufe und Decke usw. bleiben zurück.


Rückkehr der Luchse in die Steiermark

Auf einem Fernpass ist aus Slowenien der erste Luchs in die Steiermark gekommen. Denn 1973 hat bei Leoben die Fährte sich gezeigt und fortan gab es Risse. 1977 hat Prof. Festetic 9 (neun) Wildfänge aus den Karpaten im Turachtal im Besitz Schwarzenberg ausgesetzt. Die Steirische Landesregierung hatte das genehmigt, die angrenzenden Jäger in Salzburg und Kärnten waren informiert.



Richtig war wohl auch der Gedanke, dass in den Steirischen und Salzburger Großrevieren der Ausfall von ein paar Stück Rotwild, Gams und Reh verschmerzbar ist. Warum etliche dieser Luchse abgewandert sind, weiß man nicht. Ein Paar hat die gegenüberliegende Talseite aufgesucht und ist an der Salzburger Grenze in privaten Almwirtschaften rund um den Rotofen untergeschlüpft. Der Rest ist nach Kärnten abgewandert. Im Turachgebiet habe ich beobachtet, dass des Forstmanns Hoffnung der Luchs jage, um das Schalenwild zu „regulieren” und ihm zu helfen, vergebens ist.

Hat das den Feind erst einmal erkannt, weiß es mit ihm umzugehen und seine Chance geht zurück. Wald wächst nicht besser wo Luchse jagen, aber sie sind eine Bereicherung für die Natur. Beim Wild nimmt ständig die Bereitschaft zu, vor ihm zu fliehen. Waldgams verlassen ihren Platz im Wald und leben nun wieder oberhalb der Baumgrenze, wo sich ohne Deckung der Luchs nicht anpirschen kann. Am Futterplatz verzieht sich selbst der Hirsch und überwintert lieber in steilen Lagen, wo Gleitschnee immer wieder Äsung freigibt. Die Koexistenz von Luchs und Beute ist ausgeglichen. Was auch der Jäger merkt: sein Wild wird wieder wilder, vorsichtiger und ist auf Distanz bedacht.


Der Luchs in Kärnten und die Landwirtschaft

Die aus dem Turachgebiet in Kärnten eingewanderten Luchse haben in einem Wintergatter Mufflons aufgerieben, und es hat in den Kleinrevieren der Eigen- und Gemeindejagden Ärger gegeben, weil zuweilen gerade der Rehbock unauffindbar war, den einer gerade für die Jagd freibekommen hatte. So hat es harte Worte bei Jägern gegeben, die leider niemand vorher durch Öffentlichkeitsarbeit auf den Luchs vorbereitet hatte. Ein Luchs kennt keine Grenzen, den Wissenschaftlern erging es wie dem Zauberlehrling. Die Begleitung des Projektes hat heute die Jägerschaft in Kärnten übernommen, denn der Luchs unterliegt dem Jagdrecht. Sie erforscht seinen Einfluss auf Wild und Haustiere. Alle können von ihrer Erfahrung profitieren. Weil man eine anspruchsvolle Tierart nicht zu Lasten der Bauern



einbürgern kann, ist ein Luchsfond geschaffen worden, der das bezahlt, was die Jagdhaftpflicht nicht ohnehin abdeckt. Man hat die Erkenntnis auch gewonnen, dass Luchse Schafe mit Halsband und Glöckchen nicht reißen, und macht davon nun Gebrauch. Man erfasst durch Meldeblätter landesweit über Luchsbeauftragte jeden Schaden und jede Sichtbeobachtung. So weiß man nun, dass er zwar Ruhe liebt, aber nicht nur im Urwald siedelt, sondern bevorzugt in dicht bewohnten Tälern, und nahe von Bergbauernhöfen zwischen 500 und 1700 m in allen Höhenstufen. Deckungsreicher Bergwald und gutes Nahrungsangebot sind Voraussetzung. Das Reh hat gleich nach der Wiederkehr die größte Rolle gespielt. Während er in der Schweiz beide Geschlechter gleichmäßig gezehntet hat, hielt er sich in Kärnten bevorzugt an die Geißen. Der Anteil von Gams liegt nahe Null, in der Schweiz dagegen bei 40 %. Rotwild hat schneller noch als alles übrige Wild gelernt, mit dem Luchs zu leben, doch mittlerweile hat auch das Reh sich angepasst. Beuteanteile des großen Schalenwildes sind rückläufig.

Seit dem Aussetzen in der Steiermark haben in Kärnten zwischen 1977 und 1990 zugewanderte Luchse 120 Schafe gerissen, 1 Ziege und 2 Rinderkälber. Im Schnitt also 8,5 Schafe pro Jahr. Auffällig war dabei die eigentlich untypische Konzentration an einzelnen Orten, so dass ein Bauer nacheinander 30 Schafe durch den Luchs verloren hat, ein harter Schlag, auch wenn Schäden nach dem Zuchtwert der Tiere großzügig reguliert worden sind. Das plötzliche Auftreten dieser Risse und ein ebenso rasches Ende, lassen auf Jungluchse schließen. Immer folgten die Risse auf 1000 - 1300 m, bei Schafhaltung im Waldbereich oder auf den so genannten Lärchweiden. Schafe auf der freien Alm, hinter Elektrozaun, und abends im Pferch oder von Hirten und Hund behütet, sind unbehelligt geblieben.

Das Phänomen eines starken Anstiegs der Haustierrisse im ersten Jahrzehnt der Wiedereinbürgerung ist auch in der Schweiz und Frankreich aufgetreten, nachdem die Wildtierarten gelernt hatten, sich auf den neuen Feind einzustellen. Damit ist die Jagd für den Luchs schwieriger geworden. Haustiere reißen vor allem Jungluchse, die das Jagen erst noch lernen müssen, wie Untersuchungen aus der Schweiz bestätigen. Die heutige Neigung, Schafe ohne Hund und Hirten weiden zu lassen, kommt dem Luchs sehr entgegen. Er ist Problemtier, aber das Problem ist klein. Ganz anders als im Osten, wo ein Luchs 1000 ha bewohnt, sind es in Kärnten 10.000 bis 40.000 ha, so dass er wenig in Erscheinung tritt.



Rückblick, Zukunftsaussichten und Hoffnung

Im Allgäu hängen 8 abgeschnittene Köpfe von Luchsen an einer Hauswand. „Die letzten Luchse 1836-38” kündet die Inschrift. Fetischismus? Vielleicht. Noch im Mittelalter bewohnten Luchse alle größeren natürlichen Wälder in Deutschland. Waldweide war üblich und das Reh im Wald noch selten. Um die Wende vom 18. zum 19.Jahrhundert ist er in Bayern noch allen Bergjägern bekannt. Es geht aber rasch abwärts. Kobell schreibt in WILDANGER, dass 1820/21 alleine im Ettaler Gebirge 17 Luchse gefangen wurden. Im Jahr 1826 fängt man an der Oberen Isar

in der Riss 5 und 1836 noch 6 Luchse. 1829/1830 sind es in Garmisch 3, in Eschenlohe 5 und in Vorderriss ebenfalls 5. Zwei Bayerische Luchsspezialisten, Vater und Sohn haben in 48 Jahren von 1790-1838 von den gehassten Luchsen selber 50 gefangen. Ein 49 Pfund schwerer Luchs wurde 1838 in Rottenschwang erbeutet. Auf der Zipfelsalpe im Hochallgäu wurden 2 noch 1850 gespürt. Das waren dann lange Zeit die letzten Luchse in Bayerns Alpen.
Die Chance der Luchse war noch nie so groß wie heute. Nie zuvor gab es so viele Rehe, und die Beute vermehrt den Luchs. Der hingegen hat noch nie Rehe gefüttert, um sie zu vermehren oder Trophäen zu verbessern. Wertvoll für Wild und Hege ist, dass er fängt, was er leicht erjagt. Es kann auch eine führende Geiß sein, die er selektiert, bei der wir den Sinn der Auslese gar nicht erkennen. Ohne Luchs sterben viele Rehe heute, vom Jäger unbemerkt, einen natürlichen Alterstod. Obwohl für den Kollegen Luchs kein Weg am Reh vorbeiführt, spielt das für den Jäger keine Rolle, denn Pinselohr nimmt ihm nichts weg. Natürlich wird er auch die Singdrossel und das Rotkehlchen fressen, wenn sie leichtsinnig sind, denn das sind die Regeln der Natur.

Lange gehasst, gejagt und verfolgt, gequält in Tellereisen, von Hunden gehetzt, aufgespießt und geschossen, wurde er zur armseligen Kreatur. Hoffentlich ist das raubtierlose Jahrhundert bald überstanden. Ist doch der Luchs ein so großartiges Mitgeschöpf der heimatlichen Wälder, dass ihm die neue Jägergeneration nur eine weite Verbreitung wünschen kann. Entlang dem Böhmerwald sind Luchse längst zu Hause. Die Heimkehr in die Alpen ist ebenfalls längst Wirklichkeit. Ob Berchtesgaden, das ganze bayerische Oberland oder Allgäu, er kommt zurück, ja er ist längst wieder da. Mag es auch noch als ein Experiment erscheinen. Dass es gelingt, hängt nicht so sehr vom Luchs ab, sondern von der Bereitschaft der Menschen, ihn zu akzeptieren. Die Chancen dafür sind so gut wie nie. Ich hoffe unsere Bauern erkennen auch ihre Chance und sind geschäftstüchtig. Es mag ihnen egal sein, ob die EG den Fleischwert ihrer Schafe bezahlt oder der Luchsfond den Zuchtwert. Die zurückkehrenden Luchse kommen zuweilen auf eigenen leisen Sohlen, und sie streifen unstet Hunderte von Kilometern umher. So können wir ihnen praktisch überall begegnen. Das ist im Fünfseenland nahe von Herrsching bereits geschehen. In einem Brief hat man mir ein Tier beschrieben, das mit seinem kurzen Schwanz und Pinselohren nur als Luchs zu deuten ist.

Landesjägermeister Anderluh aus Kärnten meinte zum Luchs schon vor Jahren: Der Jäger kann sich den Luchs leisten. Er kann es sich nicht leisten, den Luchs abzulehnen, denn er ist Teil unseres Kulturerbes, das es für kommende Generationen zu erhalten gilt. Wenn Jagd Naturschutz sein soll, dann muss auch der Jäger seinen Beitrag dazu leisten ohne zugleich bestimmen zu wollen, was Artenvielfalt und Artenschutz ist. Wir müssen auch die Bauern um Verständnis für den Luchs bitten und ihnen versichern, dass seine Wiederkehr nicht zu ihren Lasten geht. Unsere Gesellschaft kann es sich spielend leisten, den Bauern, wie in Kärnten und in der Steiermark, pro Jahr 8,5 Schafe Schadenersatz zu bezahlen. Sie könnte sich auch noch mehr Schafe leisten oder den Bergbauern als Entwicklungshilfe die Existenz sichern. Der Luchs ist auch für die Jäger eine riesige Jahrhundertchance, ihr in den letzten 3 Jahrzehnten angekratztes Image aufzupolieren. Wenn der Luchs das Rehwild in Bewegung bringt, dass es nirgends mehr lange an einem Ort verweilt, dann erübrigt sich auch die Diskussion mit der dümmlichen Phrase „Wald vor Wild“. Ein Wald ohne Wild ist allemal ein armseliger Wald, und zu diesem Wild im Wald gehört natürlich auch ein so faszinierendes Tier, der Luchs! Da man diesem Luchs auch das Futter nicht wegschießen darf, ist der Luchs zugleich die Chance für den Jäger, damit das Wälder fressende Bambi zurückkehren darf.