Wald: Sind die Hasen noch zu retten?
von Wolfgang Alexander Bajohr

Wer weiß denn schon, wohin der Hase läuft?
Nun liegt der Hase im Pfeffer! Jetzt ist es passiert: Denn der Hase ist auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere geraten. Sollte sich die bisherige Entwicklung fortsetzen, wird das Bundes-Naturschutz-Amt den Feldhasen sogar als „stark gefährdet” einstufen. Krankheit, Autos und Schrot sind des Osterhasen Tod. Aber es lauern noch andere Gefahren, also heißt es aufpassen! Schon 1854 hat ihm Emil Diezel in seinem Werk über die Niederwildjagd einen Nachruf geschrieben. Doch war das kurz nach jener Revolution, als jedermann in seinem Garten Hasen schießen durfte. Mehr also, als nachwachsen konnten.

Im März geht es gewöhnlich bei den Hasen hoch her, und sie haben beim Hochzeitsritual ihre eigenen Sitten, um sich kennen zu lernen. Genau genommen, beginnt diese Hochzeit schon im Dezember, wenn ihnen noch die Schrote um die Löffel pfeifen. Da wird so mancher Hase, kaum dass die Liebe begonnen hat, schon zum Witwer. Doch nicht die Jagd ist schädlich für Hasen, sondern dass sie in manchen Revieren noch zu einer Zeit stattfindet, wenn die Fortpflanzung schon längst begonnen hat. Darauf verweisen Wissenschaftler schon sehr lange und viele Jäger richten sich auch danach. Doch prallen zwei Theorien aufeinander. Denn andere halten eisern an ihren traditionellen, aber unglücklichen Jagdterminen fest. Sie tun das in der festen Überzeugung, dass der Hasenbestand auszudünnen sei, um sie vor Ansteckungsgefahr zu bewahren. Der Hase hat also zwei Möglichkeiten. Entweder erlebt er Weihnachten als kranke siechende Kreatur oder als Braten, weil er erschossen wurde, um ihm zu helfen. Das ist gut gemeint, aber überholt.

Ein alter Hase boxt, wenn er Hochzeit hält
Aber der Rammler boxt nicht im Ring oder mit Kollegen um seine Braut, sondern sie boxt und hält ihn bei seinen Zudringlichkeiten auf Distanz. Es leuchtet eigentlich jedem ein, dass man sich bei Familie Hase erst kennen lernen muss, ehe der Rammler zum Handkuss zugelassen wird. So brausen sie wochenlang über die Felder und tanzen zuweilen hoch aufgestellt auf den Zehenspitzen der Hinterbeine. Ganz einfach, weil sie sich gegenseitig mit Hasenparfüm einbalsamieren wollen, bis sie sich immer besser riechen können. Treffen sich beim Hochzeitstanz mehrere Paare, sieht es zuweilen sehr verwirrend aus, denn wir Menschen können gar nicht genau erkennen, wer zu wem gehört.

Aber die Hasen wissen es sehr genau, und wer nicht aufpasst, bei dem fliegt beim Boxkampf die Hasenwolle in hohem Bogen. Wenn die Häsin endlich soweit ist, sagt sie es ihm durch die Blume und schnalzt verführerisch mit ihrem Schwänzchen. Ganze 10 Sekunden dauert dann der Spaß für den Rammler. Aber er darf es noch mehrmals versuchen, und in der Regel bleibt so ein Hasenpaar auch das ganze Jahr beisammen. Nach 33 Tagen kommen die Kinder auf die Welt, und das Faszinierende an ihnen ist, dass sie schon ein richtiges Fell haben, sehen können und auch schon davon flitzen, wenn ein Feind in der Nähe ist. Meist aber ducken sie sich und versuchen nicht ihr Heil in der Flucht, denn sie wissen, dass sie durch Drücken unsichtbar bleiben. Mehrmals täglich kommt die Hasenmama bei jedem Einzelnen vorbei, und dann gibt es "Hasensahne" mit 23 % Fettgehalt. Kein Wunder, dass die Kinder, wenn sie nebenbei noch Grünzeug essen, in einem Monat schon 1 Kilo schwer sind, und bis zur Herbstjagd werden sie 3 - 5 Kilo haben. Sofern sie die Herbstjagd überhaupt erleben. Denn viele rafft im Spätsommer die Kokzisiose dahin, das HBS-Syndrom oder eine andere der vielen Nagerkrankheiten.  

Ihr Lebensraum geht futsch
Ihr Hauptproblem aber ist die industrialisierte Landwirtschaft, die ihnen das Futter wegnimmt. Einst ist der Hase zusammen mit den Bauern ins Land gekommen. Er ist einfach mit der Völkerwanderung aus den Steppen Asiens zugewandert, weil die Menschen den Wald gerodet haben. So ist er ihnen in die Kunststeppe gefolgt. Aber dass er Kohl frisst, ist Kohl. Weil es auf den Feldern 200 verschiedene Wildkräuter und Blumen in Hülle und Fülle gegeben hat, war das für

Hasen ein Paradies. So haben sich die Hasen mit der traditionellen ordnungsgemäßen Landwirtschaft arrangiert und haben davon profitiert. Aber mit der industrialisierten Landwirtschaft können sie nichts anfangen, denn heute wird ihr ganzes Futter mit Herbiziden als "Unkraut" einfach weggespritzt, und die Hasen finden allenfalls noch im Wald ihr Futter. Kaum bricht mit dem Mähdrescher bei der Ernte die Welt für sie zusammen, folgt auch schon der Pflug, und aus ist es wieder mit dem Schlaraffenland. Seit der Erfindung der Feuerwaffen ist den Hasen nie etwas vergleichbar Schreckliches passiert wie der Kahlschlag in ihrem Lebensraum und Vernichtung des Futters. Kein Wunder also, dass der Stress sie anfällig macht, dass sie dahinsiechen und schließlich sterben. Die Folge ist, dass Greifvögel und Füchse dann Nachlese halten. Dabei werden sie gesehen und dann beschuldigt, obwohl sie unschuldig in Verruf kommen.

Auch viele Jäger sind der Hasen Tod
Wer das alles überlebt, der läuft von Oktober bis Januar immer noch Gefahr dem Jäger vor die Flinte zu geraten und auf der Jagd zu verunglücken. Mehr als 500.000 erwischt es in guten Jahren beim großen Halali. Doch das ist gar nichts, denn 40 Jahre vorher waren es noch 2,3 Millionen, die auf diese Weise in den Kochtopf wanderten, ohne dass ihre Zahl zurückging. Heute ist das anders. Inzwischen gibt es viele Jäger, denen es heutzutage suspekt ist, auch noch auf den immer seltener werdenden Löffelbraten zu schießen, und sie verzichten freiwillig auf die Jagd.

Vorsicht Hasen - nicht rasen!
So mancher endet aber auch Haken schlagend vor dem Auto. Denn obwohl so ein Hase seine 80 Sachen schnell rennen kann, hat er gegen das Auto keine Chance. Drum heißt es vor allem beim verliebten Mümmelmann: Vorsicht Hasen, ja nicht rasen! Also lieber mal bremsen, als einfach draufzuhalten! Und wenn es doch kracht? Unfall aufnehmen lassen und der nächsten Polizeiwache melden. Keinesfalls den toten Hasen mit heim nehmen, denn das wäre Wilderei. Im übrigen ist unter dem Fell so eines angefahrenen Hasen ohnehin kein

appetitlicher Braten mehr. Hasen sind vor allem in der Dämmerung oder auch nachts unterwegs, und der Lichtstrahl des aufgeblendeten Scheinwerfers scheint sie an den Platz zu bannen. Also besser bremsen, vielleicht sogar anhalten, abblenden oder Standlicht einschalten und den Hasen flüchten lassen. Vielleicht hat er Kinder, die verhungern würden, wenn ihre Hasenmutter verunglückt.

Ein Hase ist kein Hasenfuß
Tagsüber sitzt so ein richtiger Hase meist auf der Wiese, oft auch auf einem völlig kahlen Acker und macht sich unsichtbar. Er buddelt sich eine flache Mulde mit dem Rücken zum Wind, legt die Ohren an und drückt sich. Nur die Augen ragen über das Gelände, und wenn die kleinste Störung naht, ist er gleich hellwach. Aber er versucht unsichtbar in der Sasse zu bleiben. Nur im Ernstfall ergreift er das Hasenpanier. Da zeigt sich dann, dass so ein Hase eiserne Nerven hat. Mit seinen offenen Augen erfasst er die gesamte Rundumsicht von 360 Grad. Im entscheidenden Moment startet er blitzschnell, stiebt Haken schlagend davon und schüttelt jeden Verfolger ab. Auch der Fuchs hat nicht die geringste Chance einen gesunden Hasen zu fangen. Er jagt ihn wohl mal an, um festzustellen, ob der Hase krank ist. Ist er das, dann fängt er ihn, und das ist auch gut so, weil Infektionen gestoppt werden. Dass er aber meist das Hasenpanier ergreift, ist die perfekte Anpassung an den offenen Lebensraum Steppe. Sein Streifgebiet ist um

die 5 - 50 ha groß und daran hält er eisern fest. Wo weniger als 500 mm Regen fallen und die mittlere Jahrestemperatur über 8 Grad liegt, gab es einst viele Hasen. Nur oberhalb von 400 m Meereshöhe waren sie schon immer seltener, obwohl ich sie noch auf 2000 m Höhe im Gebirge angetroffen habe.

Ist der Osterhase noch zu retten?
Zum freundlichen Osterhasen hat er sich erst im 17. Jahrhundert entwickelt, sicher eine Renaissance heidnischer Bräuche. Der Hase war schon den Griechen heilig, Jagdgöttin Artemis gewidmet und er wurde Aphrodite als Fruchtbarkeitsopfer dargebracht. Aber auch im frühen Christentum war er schon ein Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens. Heute ist er in Gefahr. Wenn morgen den Kindern nicht mehr der Osterhase die Eier beschert, sondern die Wanderratte, brauchen wir uns nicht zu wundern.

Nur dort, wo durch Flächenstilllegungen eine Art von moderner Dreifelderwirtschaft entsteht, könnte der Hase wieder eine Chance bekommen. Aus EU-strategischen Gründen wird man 10 - 20 % der Agrar-Flächen aus der Nutzung nehmen müssen. Jedoch nur, wenn man die über das ganze Land verteilt, wenn jeder Acker wieder seinen Randstreifen, jeder Feldweg ein Bankett, jeder Acker und jede Wiese wieder eine Hecke bekommt, dann könnte daraus ein Netz von Lebensräumen werden. Nicht nur für den Hasen, sondern auch für all jene Vogelarten, die als  „Vogel des Jahres” auf die gleiche Misere aufmerksam machen sollten und heute genauso wie der Hase auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen.

siehe auch Hasenbalz