Im Jahreslauf: Meistersinger im bunten Rock. Großes Piepkonzert in Wald und Feld


Buchfink

Drosselrohrsänger

Drosselrohrsänger

Goldammer

Nachtigall

Rotkehlchen

Schilfrohrsänger

Sommergoldhähn-
chen

Star

Trauerschnäpper

Stellen Sie sich vor, es wird Mai und kein Vogel singt!
Könnte es uns wirklich passieren, dass es eines Tages Mai wird, ohne dass ein Vogel singt? Wissenschaftler schockieren uns mit solchen Horrormeldungen, und Anlass zur Sorge haben sie tatsächlich. Wir alle wissen viel über den Frevel an der Umwelt, und keiner kann  sich frei von Schuld fühlen. Aber man stumpft ab. Wenn man täglich nur noch Alarmsignale hör, könnte einem die Freude am Leben vergehen. Wir wollen doch noch Hoffnung und Freude haben, noch Gezwitscher und Vogelgesang hören, als Signal, dass der Winter vorüber ist, und als Erinnerung, dass es auch noch eine heile Welt gibt. Ohne Hoffnung würde sich das Leben wirklich nicht mehr lohnen. Warum also nicht einmal Freude, anstatt Trauer?  Erleben, anstatt Hoffnungslosigkeit? 
Täglich werden neue Weichen im Umweltschutz gestellt. Das muss sich doch eigentlich  irgendwann auswirken, so dass es bald vielleicht wirklich wieder mehr Vögel gibt. Die Rettungsaktionen sind längst eingeläutet, damit es nicht zum stummen Frühling kommt, sondern zu einer wirklichen Wende. Wir wollen nicht länger dem verlorenen Lebenssinn nachtrauern, sondern anstatt Schwermut, Freude dort ernten, wo gestern noch die Flurbereinigung Lebensräume verwüstet hat. Wir wollen wieder Blumen, Schmetterlinge und Vögel dort beobachten, wo Bauern bisher die Randstreifen einschließlich der Bankette der Wege gleich mit umgeackert hatten.

Wie blüht doch eine Landschaft auf, in der auch die Hecken neu entstehen, wo Vogelschützer Streuobstanlagen und Solitärbäume neu pflanzen. Ein Kulturland, in dem Felder und Wiesen von der Blütenpracht der Raine wieder neu gesäumt werden. Doch zählt nicht der einzelne Busch, ja nicht einmal die einzelne Hecke. Dass es wieder eine Heimat wird für Menschen  und Tiere, ist nur dann sicher, wenn ein Netz von Flächen alle Lebensräume inmitten der Kulturlandschaften miteinander verknüpft. Da wird neben den intensiv bewirtschafteten Flächen den Vögeln wieder Deckung geboten und im sogenannten Ödlandbereich entstehen wieder die Gasthöfe für die Meistersinger, die dort einkehren dürfen, wenn sie auf der Reise sind. Wiesen und Felder grenzen nicht mehr unmittelbar aneinander, sondern es entsteht wieder jenes dauerhafte Netz, aus dem eine reiche Kulturlandschaft nun einmal zu bestehen hat. In Gott ähnlicher Vollkommenheit hatten es jene Technokraten beseitigt,  die diese Landschaft umgekrempelt haben,  damit man Landschaft und Bauernarbeit als  knallhartes Geschäft betreibt, anstatt im Einklang mit der göttlichen Schöpfung.


Wasseramsel


Zaunkönig

Zilpzalp

Aber so sauber abgegrenzt, wie man sich den Übergang von Hecke und Produktionsfläche vorstellt, geht es in dem neu geschaffenen Vogelparadies gar nicht zu. Dort, wo die Vögel bisher einfach weg geblieben sind, als es ihnen nicht mehr gefallen hatte, weil sie keine Nahrung mehr fanden, entsteht jetzt wieder eine ganze Anzahl von Mini-Revieren. Jedes davon grenzen einzelne Vogelpaare sorgsam voneinander ab. Denn ein Revier  haben, ist gleichbedeutend damit, zugleich auch einen Lebensraum  zu besitzen, für die eigene Art, einen Wohnraum für die eigene Familie. Alleine das zählt, und alleine darum singen auch die Vögel. Sie wollen ihre kleinen Reviere gegeneinander abgrenzen. Sie singen nicht sich selbst zur Lust und uns zur Freude. Dennoch erfinden sie täglich Tausende von Liedstrophen und Melodien mit den unterschiedlichsten musikalischen Elementen. Ihr Repertoire der Singsprache  übertrifft weit dasjenige vieler Komponisten. 
Wie sie ihren Gesang hinausjubeln, ihre frischen und kecken, oder die melancholischen, getragen und traurig vorgetragenen Gesänge, ist ihnen selten angeboren. Sie müssen von älteren Vögeln der eigenen Art erst erlernt werden, oder sie werden von anderen Arten urheberrechtlich geklaut. Eine ganze Reihe von Vogelarten mischt die von Freunden und Eltern erlauschten Melodien mit eigenen Einfällen. Sie lassen sich von der Konkurrenz animieren, ja auch von ganz anderen Arten. Oder sie formen daraus Varianten und neue Kompositionen, in denen nur das Motiv  verwendet wird.

Meistersinger und Stümper 
Manche Vogelarten sind gute Sänger, andere schlechte. Wie jammervoll ist der quäkende Frühlingsgesang der Rabenkrähe, die Mischung aus miauenden und rätschenden Lauten beim Eichelhäher. Wie stümperhaft schilpen die Haussperlinge ihr Lied. Melodisch und flötend singt die Mönchsgrasmücke, die als einer der begabtesten Sänger sogar einen jauchzenden Überschlag im Flötenlied hat. Im Flötenlied der Amsel gibt es alleine 100 Strophen mit 300 Elementen und Varianten. Die Singdrossel hat in ihrem sehr reinen Flötengesang kurze Tongebilde mit rhythmischen Wiederholungen, ein reines klares Glockenspiel sich flink wiederholender Töne. Der Zilpzalp singt mit ungewöhnlicher Gleichmäßigkeit seinen Namen. Aber auch beim lauten Drosselrohrsänger und etwas leiseren, aber sehr ähnlichen Lied des Teichrohrsängers wird das „Karrekiet,  karre karre kiet kiet kiet" ein- und zweisilbig, so gleichmäßig wie von einem Metronom gesteuert vorgetragen. Sie halten das auch 1/4 bis 1/2 Stunde lang durch, ohne aus dem Takt zu kommen.

Das Rotkehlchen, als Vogel des Jahres 1992 ein Star im Piepkonzert, beginnt sein Liedchen mit einem unvergesslichen silberhellen Zwitschern. Mit hohen aneinander gereihten flötenden Tönen und einem abfallenden Trillern. Es ist eine zarte Stimme im Waldesdämmern, die fast feierlich, ja melancholisch und schwermütig mit abwechslungsreichen Strophen dahinperlt und meist von einer Übersichtswarte aus vorgetragen wird, damit auch jeder Artgenosse die, wie ein Leuchtturm strahlende rote Brust und Kehle sieht. Denn das Rotkehlchen singt ja nicht uns oder seinem Weibchen zur Lust und Freude. Sondern es singt um sein Revier gegen die Konkurrenz von Seinesgleichen abzugrenzen. Er verkündet mit seinem Signal, dass sein Revier ein Königreich ist, und das verteidigt es auch brutal mit heftigen Prügeleien. Wo man die durch Gesang verkündeten Grenzen rechtzeitig erkennt, ist die risikoreiche Kriegführung nicht mehr nötig. Singen ist also ein Nachrichtenmittel im Tierreich und dient im unübersichtlichen Lebensraum Wald auch um die Ecken herum dem Erkennen von Grenzen, durch seine akustischen Signale.

Dauersänger der Meisterklasse 
Gewiss, auch Schlager- und Jazz-Stars schluchzen aus ihren goldenen Kehlen stundenlang das Letzte heraus. Peter Hofmann steht in Bayreuth stundenlange Wagner-Passagen durch, und auch Placido Domingo fordert seiner Kehle stundenlange Höchstleistungen ab. Aber das ist gar nichts  gegen die Solisten beim Vogelkonzert. Der Buchfink schmettert 12 Stunden lang über 22.000 Strophen. Der beste und ausdauerndste Meistersinger ist die Nachtigall, die es fertig bringt Nacht und Tag ohne Unterlass bis zu 22 Stunden sanft zu flöten,  heiter zu jubeln und schmelzend zu schluchzen. Der Feldschwirl schafft seinen viertelstündigen hochfrequenten grillenhaft trillernden Dauerton ohne zwischendrin auch nur einmal nach Luft zu schnappen. Feldlerchen sind Athleten, die in noch nächtlicher Morgenfrühe jubelnd senkrecht in den Morgenhimmel aufsteigen um die Sonne droben eher zu begrüßen als alle anderen.  Schon der senkrechte Steigflug ist ein beachtenswerter Kraftakt, aber sie singt auch noch dabei. Wie um den Schöpfer zu lobpreisen steigt sie jubilierend und tirilierend senkrecht hinauf in den endlosen blauen Äther. Dass sie zusätzlich zum  anstrengenden Steigflug auch noch singen kann,  ist als Kraftleistung unfassbar.

Nicht alle Vögel sprechen eine gleiche Sprache 
Etwa die Hälfte der 8000 Vogelarten der Welt singt. Allen Arten, die singen, ist ein gewisser Wortschatz an Tönen angeboren. Das sind ein oder auch zwei Dutzend Laute, die sie auch ohne besonderes Repertoire von sich geben können, die sie schon als Jungvögel beherrschen oder wenigstens verstehen. Die höchst komplizierten Tonmuster und Klangfolgen des kompletten Vogelliedes ihrer Art aber, müssen sie erst lernen, und erst der erfahrene Lehrmeister sorgt für ein einheitliches Klangbild ihrer Lieder. Ist der Vorsänger einer Gegend ein Virtuose, so singen alle jungen Männchen ebenso hervorragend. wie sie es lernen. Ist der Lehrmeister aber ein Stümper, so singen auch die jungen Männchen alle stümperhaft. 
Mir ist das besonders bei Buchfinken aufgefallen, die in manchen Gegenden die Schlussphase akzentuiert singen,  in anderen aber schludern und einen verwischten schlampigen Überschlag am Ende produzieren. Bei anderen Arten, wie Weidenmeisen und Sumpfmeisen erteilen die Eltern regelrechte Gesangs-Stunden.  Dabei sitzen die Vögel eng  aneinandergekuschelt und singen. Die alte Redensart ist also richtig,  die da verkündet: ”Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen.” Freilich doch nicht ganz, denn ihre Varianten zum gleichen Grundmotiv lassen sich manche Arten doch noch selber einfallen.

Einige Arten bemühen sich gar nicht erst um einen eigenen Gesang, denn sie kupfern bei anderen Arten ab, was ihnen gefällt.  Besonders auffällig ist das beim Eichelhäher, der auch quietscht wie eine  Schubkarre, miaut  wie eine Katze, ruft wie ein kreisender Bussard, und weit mehr lernen kann als dass er sein eigenes krächzendes Rätschen verwenden. Aber auch der Star ist ein Meister im Nachahmen weil ihm sein schleifendes quietschendes Klapperlied nicht gefällt, weshalb er dabei schon längst nach den Rezepten aus Omas Kochbuch zuständig. mit bei dem er auch noch mit den Flügeln schlägt. Er quietscht, dass es klingt als ob man einen Korken auf einer Flasche reibt. 
Er jubiliert wie eine Amsel. Er jubiliert wie eine Amsel, flötet, ahmt Pumpengeräusche nach und soll auch sprechen lernen. Der Gelbspötter beherrscht  sein  eigenes Liedchen: ,,Pastor Schmitt, ja Pastor Schmitt hat Töchter sieben, Töchter sieben, Töchter siebensieben, alle heiratsreif, alle heiratsreif". Aber dann schwätzt er auf einmal wie ein Rohrsänger, übernimmt Passagen von Garten- und Mönchsgrasmücke oder Rotkehlchen und Teichrohrsänger, dabei formt er daraus eine eigene Mischung. Aber auch der Sumpfrohrsänger ist ein virtuoser Nachahmer, der die Hälfte seiner Strophen einfach übernimmt, darunter auch solche, die er in Afrika von dortigen Arten lernte.

Weil es aber nun in den verschiedenen Regionen auch jeweils andere Lehrmeister gibt, hat das zur Folge, dass die Vögel in den diversen Gebieten ganz unterschiedliche Dialekte singen. Bei diesen Gesangsvarianten hat man bei einigen Arten bis über 60 Dialekte nachgewiesen, die von allen Männchen dieser Landschaft gesungen werden. Da es in anderen Gegenden andere Dialekte gibt, sprechen zuweilen die Vögel der gleichen Art nicht die gleiche Sprache, da sie ja durch Überlieferung weitergegeben wird. So gibt es beispielsweise Baumläufer, die zwar den Gesang von Ihresgleichen aus der Umgebung verstehen, aber nicht den Gesang der Baumläufer aus Spanien. 
Solche Dialekte sind sicher ein Teil der natürlichen Evolution, die erst Unterarten und schließlich Arten entstehen lässt, wie beim Sumpfrohrsänger und Teichrohrsänger, die zwar gleich aussehen, aber unterschiedlich singen und auch beim Niststandort andere Ansprüche stellen. Teichrohrsänger brüten im Schilf, Sumpfrohrsänger meist in Brennnesseln. 
Dialekte können aber auch durch Hörfehler entstehen, die zur Tradition werden, wenn sie immer wieder weitergegeben werden. Da auch die Weibchen auf den einheimischen Dialekt reagieren, werden sie natürlich nur dann ein Paar, wenn beide die gleiche Sprache verstehen.

Ein Ohrenschmaus, wenn der Wald erwacht 
Als wir das Haus verlassen um auf Vogelstimmenwanderung zu gehen, ist es noch finstere Nacht. Aber schon singt ein Vogel, der vor Tau und Tag schon munter ist der Hausrotschwanz. Er sitzt auf der Spitze des Giebels, vielleicht auch auf der Antenne und singt ganz einsam sein schnarrendes schleifendes Liedchen in der Finsternis. Auf der Skala einer Vogeluhr, ist das der erste Vogel, der um 3 Uhr morgens schon singt. 
Wenig später pirschen wir durch den noch schweigenden Wald, in dem wir bald in vollen Zügen die schönste Balz, die singenden Vögel genießen wollen. Hier ist es das Rotkehlchen, das mit seinem silberhellen Zwitscherlied als erstes die Stille der Finsternis durchdringt. Einem dahinperlenden Liedchen, das für uns hier auf 600 m Meereshöhe Glückseligkeit und einen Ohrenschmaus bedeutet, wie anderswo die Nachtigall. Wenn es heller wird, dann ist es bald lauter im Wald. ”Wietze, Wietze" schreit die Tannenmeise und turnt von Ast zu Ast. Haubenmeisen zetern in den Baumkronen, der Baumläufer ruft ,,Sieh sieh, wie ich hier sitz”, und fast unhörbar ist das in der Tonhöhe noch ansteigende Wispern der Sommergoldhähnchen.

Draußen auf der Windwurffläche sitzt der Buntspecht auf einem dürren Ast, der aus einer abgebrochenen Fichte spießt, ruft erst einige Male  „Glück, Glück", und dann haut er auf den Ast los, dass der zu vibrieren beginnt ,,Purrrrrrrrr,  Purrrrrrrrrr, Purrrrrrrrrrr” schwirrt das Holz heftig klangvoll,  es ist ein Resonanzboden, der in Schwingungen gerät. Derweile fragt der Buchfink seine Frau: „Liebe Frau, sag’ mir doch bitte mal was wünschte Dir?" Und dabei betont er das letzte Wort  gewaltig mit einem Überschlag. Das macht sie ganz narrisch, dass sie sich ,,Fink, Fink" zu ihm setzt. Was unter Buchfinken ganz gewiss eine Art von Liebeserklärung ist. Dazwischen höre ich wieder ,,Wietze, Wietze", die Tannenmeisen und ,,Glück, Glück” den Großen Buntspecht. Und dann trommelt er wieder ganz wild auf das Holz ein.

Das lässt den großen Schwarzspecht nicht ruhen, als er mit hellem Triller durch den Wald fliegt. Als er sich an einen Baum hängt, ruft er erst einmal richtig laut ,,Kliäh,  kliäh", und dann zeigt er es dem Buntspecht, wer hier der bessere Trommler ist. Er macht gleich einen so wüsten Krach, dass der Frühling werde wach. Und mit seinem Lärmen wird er das wohl auch schaffen. Der Gelbspötter fragt ganz verschämt ,,Pastor Schmitt, ja Pastor Schmitt, hat Töchter sieben, Töchter sieben, Töchter sieben, alle heiratsreif, alle heiratsreif". Wieder ruft die Tannenmeise ihr ,,Wietze,  Wietze".  ,,Tüihd, Tüihd” lockt die Kohlmeise und beginnt dann silberhell, wie mit Glöckchen ihr Frühlingsläuten. Dompfaffen flöten fragend im Tann, und auf dem Schlag krächzt  die  Dorngrasmücke. „Tüihtlalalalalala" singt eintönig der Waldlaubsänger und der Gesang des ihm äußerlich so ähnlichen Fitis, hört sich an, als habe er beim Buchfinken Töne geklaut, aber das Ende des Liedes vergessen.

Der Baumpieper auf dem Schlag hat sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Er steigt von der Spitze einer kleinen Fichte senkrecht in die Luft und schreit dabei kläglich: ,,Zieher,  Zieher,  Zieher," so als wolle er die Baumpflanzen ausreißen und mache es mit Ho-ruck, als wolle er die Fichte  ausrupfen, von der er aufsteigt. Aber so hoch wie die Lerche kommt er gar nicht erst. Er scheint vom steilen Singanflug erschöpft und sinkt nun mit Lerchengedudel wieder herab, schreit noch einmal ,,zipzipzipzieher zieher" und sitzt wieder auf der Spitze seiner Warte, um zu einem neuen Singflug anzusetzen.

Am Waldrand ruft ein kanariengelber Goldammer: ,,Oh wie hab ich Dich doch lieb”, ein anspruchsloses und doch wohlklingendes Lied. Immer 5-6 gleich hohe Töne und dann zwei tiefer liegende Schlussnoten. Das ist das ganze fertige Goldammerlied, aber unverwechselbar. Verglichen damit ist die Amsel ein viel anspruchsvollerer Sänger, mit ihrer Unzahl wohlklingend flötend vorgetragenen Strophen. Und auch die Misteldrossel, die sehr ähnlich singt, aber noch lauter flötet,  ist um Einfallsreichtum nicht verlegen. Singdrosseln flöten edel klingend ihre kurzen Sätze, die sie gleich mehrfach wiederholen, damit man sie sich auch merken kann. „Philipp, philipp, philipp, tschackedi, tschackedi, tschackedi” und noch vieles andere. Der kecke Zaunkönig schmettert so laut, als sei er riesengroß. Am Wildbach aber tönt ein Liedchen, das stark an die Laute des Bächleins erinnert. Wie es plätschert und perlt, gleicht es dem hüpfenden Bach, wie er über die Steine eilt und springt.

Und dann meldet sich aus hohen Baumwipfeln der Tauber. Ja die  Ringeltauben balzen und singen auch. Ich rufe ihn an und er ist eifersüchtig und  antwortet: Ruhgruh, ruhgruh, ruhgruhgruhrugruh, ruhgruhgruh rugruh, gru”. Je öfter ich seinen Gesang nachahme, desto zorniger antwortet er. Es scheint, dass er meint, dass ein Rivale im Revier ist, und er stürzt sich von oben herab, um den zu vertreiben. 
Und nicht viel später, da bin ich am Bachsaum hinter dem Wald, wo das Schilfmeer wogt. Ein Kuckuck ruft seinen Namen, und ich foppe ihn, wenn  ich ihn nachahme. Auf jedes Rufen hin eilt er herbei um den Rivalen wütend mit zischenden Kehllauten zu vertreiben. Noch einmal ahme ich seinen Ruf nach „Kuckuck,  Kuckuck”, denn das ist sein Gesang. So hat jede der Arten seine eigene Art zu singen. Vom Himmel hoch aus den Wolken, wo der Bussard die Thermik nutzt und kreist, dringt sein getragenes „Hiäh, Hiäh” von oben herab. Es ist seine Art im Flug zu singen, wenn er hoch oben unter dem Himmelsblau kreist. die Elster kann nicht mehr als schäckern, so als schüttele man eine Zündholzschachtel.

So singen sie alle, die Großen und auch die Kleinen, und wie die alten sungen, so zwitschern auch die Jungen. Manche rufen nur, einige singen stümperhaft. Jeder hat seinen arteigenen Ruf, mancher ein virtuoses und melodienreiches Lied, das selbst menschlichen Komponisten als Vorbild dient. Und  mancher Star im Piepkonzet ist viel ausdauernder und mit mehr Engagement noch dabei, als mancher Star auf der Bühne im Menschenreich. Alle sind sie Meistersinger im bunten Rock beim großen Piepkonzert in Wald und Flur. Ein Teil einer großen Schöpfung, von der doch auch der Mensch nur ein winziges Glied ist und von der auch er lebt.

Text und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr