Goldregenpfeifer. Der vereinzelte Wintergast im Ammer-Delta kommt als Brutvogel aus einsamer Bergtundra
von Wolfgang Alexander Bajohr

  Grau und tief hängen die Wolken herab auf den Ammersee. Eiskalt fegt der Sturm über das Wasser und treibt den Regen, vermischt mit wirbelnden Flocken, fast waagerecht daher, peitscht die eisgraue Flut, dass die Wogen gischtende Kronen tragen und donnernd am finsteren Strand zerschellen. Da streicht dicht über der Wogen wildem Spiel eine große Vogelschar  über den See. Sie eilen mit hastig schnellem Schlag ihrer schmalen spitzen Schwingen dem Südufer zu. Gut hundert mögen es sein. Sie scheinen grau oder braun und gefleckt zu sein. Manche haben einen längeren Schnabel und  weit über den Schwanz stehende Beine. Andere sind kurzschnäbelig und auch kurzbeiniger. Sie fliegen erst einen Bogen und wenden abrupt, aber alle gleichzeitig.

Offenbar suchen sie das Watt der Verlandungszone, doch der Sturm drückt das Wasser in die Bucht, und da ist Land unter. Die große Schar der Limikolen, denn solche sind es, sucht einen Rastplatz um nach vielen hundert Kilometern Zug zu essen und zu rasten. Ich höre ihre Rufe, wehmütig kurz flöten sie „pjüh, pjüh, pjüpjüh, pipjühhh, pluivieh...”. Erst sind es einzelne, die rufen, aber dann steigert sich ihr Flöten zu einem vielstimmigen Orkan, der einige andere Rufe übertönt, die unter ihnen sind, und schließlich flötet es hundertstimmig durcheinander.

Ich glaube zu wissen welche Vögel das sind. Als dann die Schar sich setzt und auf den Streuwiesen neben der Alten und Neuen Ammer rastet, klärt sich die Sache auf. Die da hundertfach so wohltönend, bald klagend flöten und zwitschern, das sind über 100 Goldregenpfeifer vermengt mit einigen Bekassinen, Dunklen Wasserläufern und Rotschenkeln. Die kurz gemähte Streuwiese gefällt ihnen, und sie stochern im Gras noch ehe sie die Nacht hier verbringen und südwärts weiterfliegen.

Ihre einstmals gefährliche Reise ist heute weit ungefährlicher geworden, seit Goldregenpfeifer nicht mehr im Topf landen und daher nicht mehr bejagt werden. Es  ist gerade 70 Jahre her, seit Bengt Berg in einem dem Mornell gewidmeten Buch „Mein Freund der Regenpfeifer” beklagt, dass man die Flötcher im Dutzend für einige Öre auf dem Markt in Kopenhagen feilbietet. Als das vorüber war, ist es für die Goldregenpfeifer aus dem Norden und Osten Europas auf dem Zug immer noch gefährlich gewesen, wenn sie sich nicht unter die auffälligen Kiebitze, sondern unter die noch lange jagdbaren Bekassinen gemengt hatten. Da ist dann statt des  Schnepfenvogels mancher Goldregenpfeifer in der Eile mit vom Himmel geschossen worden. Das muss kein Jäger entrüstet von sich weisen, ist es mir doch selber schon passiert, und ich habe genau gewusst, was ich da zu meiner Schande geschossen hatte, doch war es zu spät. Darum ist es gut und richtig, dass heute auch die Bekassinen verschont werden.

Eine so große Schar wie diese, ist am Ammersee freilich eine Rarität, besonders die große Anzahl der Goldregenpfeifer. Doch vergessen wir nicht, dass auch unter den auf den Moosen rund um München brütenden Vögel vor hundert Jahren alle bejagt wurden, und noch in diesem Jahrhundert haben sie auf allen noch intakten Hochmooren in Deutschland gebrütet. Vor fünfundvierzig Jahren habe ich durch Zufall ein solches Nest gefunden und es war eines meiner ersten Tierbilder  als ich mit primitivsten Mitteln einen Goldregenpfeifer fotografierte. Doch kaum ein Moor ist in der Folgezeit intakt geblieben.  

Aber Goldregenpfeifer sind eigentlich gar keine Moorvögel. Genauso wie der  kleinere Mornell brütet auch der kiebitzgroße Goldregenpfeifer vor allem in offener Tundra jenseits der Baumgrenze. Da die EU jetzt Inland ist, wollen wir daran denken, dass er z.B. im Schwedischen Hochgebirge noch regelmäßig zu finden, in den Alpen aber äußerst selten ist. Ruhig und einsam muss es halt sein, dann teilen sich Mornell und Goldregenpfeifer zuweilen gar den Lebensraum.

Mit wehmütig klagendem „djüh” vermittelt er dem erstaunt lauschenden Bergwanderer Einsamkeit und  die Weite der Bergtundra. Wo Flechten die Felsbrocken überkrusten, Zwergweide und Wacholder niedrig und zusammen mit  Erika- und Glockenheide kriechen, nur stengelloses Leinkraut und andere Polsterpflanzen mit spärlichem Borstgras und Renntierflechte den Boden decken, dort ist das Reich der beiden großen Regenpfeiferarten. Im Moor suchte ich sie oft vergeblich. Ich fand sie weder an den Gumpen noch an Bergseen. Sie leben aber bei der Krähenbeere und wo die bunte Ödlandschrecke schnarrt.

Dort oben fliegt der Kolkrabe und es singen Steinschmätzer und Bergpieper. Die großen Regenpfeifer sind auch dort oben äußerst selten, ja selbst im Nordland sind sie rar, denn die große Zahl der Schar, die hier am See im Ramsar-Schutzgebiet durchzieht, täuscht über Seltenheit hinweg. Auch Kiebitze gelten als selten und gefährdet, doch sind sie weit häufiger, denn sie brüten auf  Wiesen und Äckern. Doch den Goldregenpfeifer dort zu suchen, wo er hingehört, ist meist vergebliche Mühe. Es sind runde 45 Jahre vergangen ehe ich ihn wieder vor der Kamera hatte und gar noch sein Nest fotografiert habe.

 
Goldregenpfeifer-Gelege
Sein Flötenruf ist allerdings nicht zu überhören, nur deuten muss man ihn können. Auch sein Flug ist so typisch, wenn er pfeilschnell über Wasser oder Wiesengrund streicht, einem kleinen Falken gleichend, der mit schnellem Schlag der spitzen Schwingen gleitet. Man könnte doch das Nest suchen, denn dorthin kehrt er allemal zurück? Schlaumeier! Aber sein Nest sucht man nicht! Dieses Nest liegt, wenn das Schicksal es will, eines Tages neben des Bergwanderers Weg. Nur so ist es zu finden. Oder Du suchst danach, um den Vogel zu finden, aber Du findest ihn auf diese Weiser nie. Bis das eines Tages geschieht, hat auch der Kenner den Lockruf des Goldregenpfeifers im Ohr. Jenen Lockruf, mit dem er Dich fortlocken will, wenn er seine Eier hat, die immer mit der Spitze zur Mitte weisen.

4 Eier, die Kiebitzeiern gleichen und nur glänzender sind. Er wird dich fortlocken wollen, egal ob vom Nest oder von den Jungen. Er flötet dazu dauernd dieses durchdringende Piepen „plü-i-viuh”, mit dem lang gezogenen ersterbenden Ende, das nicht so jubelnd ist wie der Balzruf. „Pre-kürrieh, pre kürrieh” , mit dem beide Partner sich verständigen, denn es brüten beide. Beim Goldi ist jeder von beiden Vögeln in seine Pflichten beim Brutgeschäft eingebunden und nicht so ein Hallodri wie der Mornell, der das Brüten und Erziehen der Jungen dem Männchen alleine überlässt, während das Weibchen umherstreunt, desinteressiert an den Kindern.

Bei den Zugvögeln sind oft in großen Kiebitz-Scharen erwachsene Goldregenpfeifer im Schlichtkleid oder seine Kinder im Jugendkleid. Doch fallen sie in der großen Schar garantiert nie auf. Als vereinzelt brütende und auftretende Vögel reagieren die Goldregenpfeifer erst im allerletzten Moment auf eine Störung. Kaum einer kennt sie, und darum erkennen sie auch wenige. In der aller ärmsten kargen Gerölltundra bin ich fast auf einen der schönen Vögel getreten - dort, wo ich ihn gar nicht erwartet hatte.  Bin ich gar unaufmerksam auf ihn getreten und habe ihn mit meinem schweren Bergstiefel verletzt? Einen Augenblick lang verliert er die Scheu, aber er lässt den Schwanz hängen und schlägt mit einem Flügel flatternd um sich. Dann läuft er trippelnd weiter.

Wie konnte ich nur so unaufmerksam sein? Jetzt habe ich ihn verletzt! Helga, Mensch bleib stehen, keinen Schritt mehr weiter! Denn das habe ich gleich kapiert, der Vogel vor mir ist ein Goldregenpfeifer. Jetzt hat er sich doch aufgerappelt und ist ein Stück weitergeflogen, auf schmalen spitzen Schwingen und läuft nun, weil wir ihm gefolgt sind, ein Stück zappelnd und zuckend weiter.  Seine Oberseite ist grüngoldgelblich getönt und gefleckt, die Unterseite scharf umrissen kohlschwarz und das Gesicht ebenfalls. Zwischen dem Goldgefieder und dem schwarzen aber verläuft ein deutlich abgesetztes breites weißes Band. Der Schnabel ist lackschwarz und die Augen ebenfalls, doch groß und blitzblank.  
Er gibt sich alle Mühe unsere Aufmerksamkeit zu fesseln und auf sich zu lenken. Er will uns irgendwo hinlocken. Er müht sich trippelnd dich vor uns ein Stück Distanz zu lassen und bleibt stehen, wenn auch wir stehen bleiben. Aber er denkt auch nicht daran fortzufliegen, wie andere Vögel es getan hätten. Er hüpft auf einen Stein und fächert den Schwanz, zeigt all jene Federn die ihn nicht tarnen. Dabei macht er uns durch dauerndes Piepen auf sich aufmerksam. Er mahnt uns geradezu auf ihn zu schauen, und wenn ich wieder einen Schritt mache, läuft er weiter. Da er nicht wegfliegt, brauche ich doch eine Weile zu begreifen, dass ja sein verletzter Flügel herabhängt, aber dazwischen doch wieder zum Fliegen zu gebrauchen ist. Aber verletzt muss er sein, denn sonst wäre er ja nicht so verdreht?  Vielleicht fehlt ihm doch etwas und wir können ihm helfen? Ich möchte ihn einfangen und den Flügel untersuchen. Aber wenn ich auch nur einen Schritt auf ihn zu mache, stolpert er weiter und rennt wieder ein Stück. Aber die Beine scheinen auch beschädigt, denn eines davon zieht er nach. Dabei piept und jammert er dauernd, wenn ich auch nur einen Schritt gehe, und doch ist er imstande die Distanz beizubehalten. Wäre ich der Fuchs, dann würde dieser  Goldregenpfeifer mit seinem klugen Manöver sicher Erfolg haben. Ich bin aber auch kein Kolkrabe und seine Eier will ich auch nicht essen. Ich weiß welche Tricks ein Goldregenpfeifer anwendet in seinem Bemühen, mich von den Jungen oder seinem Nest wegzulocken. Ich weiß nur nicht ob er Junge oder Eier hat. Wir beschließen, dass Helga mit dem Terrier Rajah weitergeht und damit den Vogel von mir ablenkt. Ich aber laure hinter einem Steinhaufen, der den Pfad markiert mit dem großen Objektiv auf dem Stativ in Deckung. Denn auch so werde ich den Vogel fotografieren.

Gegen meinen Plan helfen dem Goldi auch alle seine Tricks nicht mehr, denn dass er einen Grund hat mich wegzulocken, ist sonnenklar. Ich schmiege mich an die von Flechten überkrusteten Steine und ziehe das Cameracape mit dem Camouflagemuster über den Kopf und rühre mich nicht mehr. Goldi ist gründlich verunsichert. Dass er mich nicht weglocken kann, merkt er bald, und er wird resignieren. Er rennt über die karge Tundra, flötet jämmerlich, klettert bald auf einen Stein, bald auf den Buckel einer Bodenwelle, umkreist blitzschnell laufend mich am Steinhaufen, und ich fotografiere ihn immer wieder, bis ich angesichts des sehr kühlen unfreundlichen Wetters abbreche, denn vorerst habe ich genug Bilder, und falls er Eier hat, soll er sich bald draufsetzen.

  Eine Woche später komme ich an einem Vormittag zurück in die Bergtundra, denn das Wetter ist warm und freundlich. Heute habe ich eine andere Kamera im 4,5x6 cm Großformat dabei, und  bei diesem besseren Wetter wird auch Goldis Goldfarbe besser glänzen. Ich klemme mich nicht wieder auf den Steinhaufen, sondern nahebei sitze ich in einer Bodenwelle inmitten eines Alpenwacholders. Das stachelt zwar etwas, aber in meiner grünen Fleece-Jacke falle ich darin nicht besonders auf. Ich vermute sein Nest direkt am markierten Steig. Man muss also nicht querbetein durch das Gelände trampeln, wenn man etwas sehen oder erleben will, vom Steig aus geht das genauso gut, ja in der Regel weitaus besser.

Wie auf Rädern rollt der Vogel über die kriechenden Bergheidepflänzchen. Dabei trampeln seine Füße so schnell, dass die Einzelbewegung gar nicht wahrnehmbar ist. Es scheint, dass er fährt und dabei auf Schienen dahinrollt. Bedrohlich findet er mich wohl nicht, denn er kommt sehr nahe heran, und das würde er nicht machen, wenn er sich vor mir fürchtet. Hoch aufgerichtet steht der Vogel, mal auf Steinen, mal auf Alpenwacholdern, oder einfach so in der Tundra. Er streckt mir dabei seine Brust entgegen, und ich erkenne, dass eben diese weiße Zeichnung, der Rand des Schwarzen anders ist. Es sind zwei Goldregenpfeifer, die sich um mich kümmern. Beim Männchen ist das Schwarz glatt begrenzt und makellos, beim Weibchen etwas ausgefranst. Richtet er sich auf um besser zu sehen, oder will er mir todesmutig die Brust entgegenhalten, die verletzbare Brust, da er mich ja nicht vertreiben und auch nicht weglocken kann? Dann fliegt er wieder ein Stück weg, in Richtung zum nahen Gipfel.

Aber von ganz anderer Stelle, wie hingehext, kommt ein Goldregenpfeifer herbeigetrippelt. Es sind  eindeutig zwei. Immer wieder rennt er am Steinmandel vorbei, das den Steig markiert, bleibt stehen, trippelt weiter und versucht es doch noch einmal mit dem lahm stellen. Das ist der Zeichnung nach jetzt das Männchen, das noch näher kommt und sich ganz hoch aufrichtet und dann wie eine Kugel heranrollt über Flechten und Heide.

Bewegen sich seine Beinchen, dann trommeln sie so schnell unter dem schwarzen Vorhemd, da mit dem Auge das schnelle Trippeln der Bewegung gar nicht zu erfassen ist. Die Beine wirken wie zwei Trommelschlegel. Jetzt zieht er das Köpfchen ein, steht und reckt sich noch höher als vorher. Die Äuglein blitzen, und er steckt die Brust noch einmal ein Stück mehr vor. Steht mal auf Fels, Kriechwacholder, Flechten, Heide, Kreichweide, pickt verlegen nach Mücken, Heuschrecken und Käfern und ist inmitten der mannigfachen Flechten-Farben auf den Steinen und Felsen. Mal verschwimmt er zu einer schattenhaften Figur der Tarnung, mal ist er so richtig auffällig. Wieder und wieder  trippelt er vor der Steinsäule am Weg, die eine Wegmarkierung ist, auffällig oft ist er nur noch 8 m, 10 m von mir, und rennt dann doch weiter. Reckt sich hoch, blickt keck aus den blanken schwarzen Augen und pfeift wieder und wieder, oder soll ich es klagen nennen? Noch näher rollt er, vorbei und wieder fort. Vielleicht entschließt er sich bald, nicht länger ängstlich zu sein. Immer noch pickt er nach Essbarem, doch nicht aus Verlegenheit, denn er schluckt es wirklich, nicht nur als Scheinäsen. Hochrecken, und da steht er ganz nahe, rührt mit dem Schnabel im Heidekraut und, das glaube ich wenigstens, dass er Eier wendet.

Noch einmal blickt er mich mit den großen schwarzen Knopfaugen an, als wolle er etwas sagen. Als wolle er betonen, alles getan zu haben. Weglocken lässt sich der Mensch nicht, also brüte ich jetzt. Einen Augenblick erstarre ich, denn er ist höchstens 6-8 m weg, und ich sitze völlig frei. Aber auch Goldi ist frei und setzt sich vor mir, vor dem nahen großen Menschen zum Brüten auf seinem Nest nieder und macht Anstalten weiter zu brüten. Es ist nicht zu fassen. Da sitze ich die ganze Zeit offen und ohne Versteck, einfach so am Wegesrand, und Goldi setzt sich vor mir um zu brüten. Weil er es nicht schaffte mich wegzulocken, beschloss er, mir zu vertrauen und den Menschen der sich mit ihm bespricht, vor dem er nicht fliehen kann, doch zu akzeptieren. Hätte ich das Nest gewusst, hätte ich kaum gewagt, mein Fotoversteck daneben aufzubauen, er aber akzeptiert viel weniger, also kein Versteck, sondern den frei sitzenden Menschen. Vertrauen gegen Vertrauen.

Der Zufall hat mir den Goldregenpfeifer auf diese Weise beschert. Was denkt er sich nur in seinem runden Köpfchen? Er hat abgehakt, dass ich kein Fuchs bin und auch kein Kolkrabe, obwohl ich ja zwei Beine habe. Denn sonst hätte ich ja wohl auch die Eier längst gefressen. Ich bin auch kein Hermelin, und solange ich da hocke, traut sich auch Habicht und Sperber nicht heran. Aber sonst bin ich eben ungefährlich. Es ist schon ein erhebendes Gefühl, dass so ein Vogel der Wildnis mich gründlich geprüft hat und nicht mehr fürchtet. Es ist aber auch deprimierend, dass ich erst in die Einsamkeit des Hochgebirges hochsteigen muss, um Tiere zu treffen, die zu uns Menschen noch Vertrauen haben und uns das auch zeigen.

Wir sehen es meist als normal an, dass Wildtiere vor uns fliehen, und wenn sie das nicht tun, dann wundern wir uns und glauben das Tier sei krank, habe Tollwut o.ä., wenn es uns nicht flieht. Das scheint uns unverständlich, weil ja wir es waren, die aus einem Lebewesen ein scheues Objekt machten, anstatt dass es uns gelingt, die Scheuen nicht zu fürchten. Weil immer nur die Scheuesten überlebten, haben wir heute so extrem scheue Füchse bei uns und Elstern, die auf große Distanz fliehen. Doch geschieht es auch, wie hier beim Goldregenpfeifer, dass besonders im Hochgebirge Wildtiere der hohen Berge uns nicht fliehen, weil sie den Menschen als bösartige und besonders blutrünstige Art noch nicht kennen lernten und daher Vertrauen finden, bis sie vielleicht die Erfahrung machen, dass Menschen vor allem bestrebt sind, mit ihrem Gebiss die Zähne vor der Kamera ins Fleisch zu schlagen und sie zu fressen. Beim Goldregenpfeifer waren es zuerst die Zugvögel aus dem Binnenland, welche die Spielregeln  kannten und sie bedenkenlos angewendet haben.

Hier aber hat nun der zauberhafte Goldregenpfeifer Vertrauen zum Menschen gefunden, der offen vor ihm sitzt. Damit hat er mir aber zugleich auch sein Nest gezeigt. Seit 45 Jahren ist es für mich das zweite Goldregenpfeifernest im Leben. Wie ich vor dem Aufbruch sehe, sind vier Eier darin, die genauso aussehen wie beim Kiebitz, nur glänzender sind sie. Auch hier liegen alle mit der Spitze zur Mitte, und es ist eigentlich kein richtiges Nest, sondern nur eine Mulde im Heidekraut, die ich flugs fotografiere, damit der Vogel seine Ruhe bekommt. Irgendwelche Experimente möchte ich mit dem Vogel nicht machen, obwohl ich sicher bin, dass die Beziehung zu diesem Vogel sich noch vertiefen lässt, genauso, wie Bengt Berg es einst beim Mornell praktizierte. Wir sind auch dann gute Freund, wenn ich ihn zurücklasse in seinem Lebensraum in der einsamen Bergtundra und ihm alles Gute in der Einsamkeit der Berge wünsche. Das zu vertiefen und die Tiere der Berge zu behüten und zu bewahren ist unsere Aufgabe. Goldregenpfeifer gibt es in vielen Bergen in Europa, überall dort, wo es eine einsame Bergtundra gibt und wo die Menschen sie in Ruhe lassen, aber auch ihren scheinbar so nutzlosen Lebensraum nicht durch Großprojekte erschließen und damit zerstören. Einsamkeit kann durchaus auch eine  sinnvolle Nutzung der Berge sein.