Wald: Rehbrunft - Geheimnisvolle Blattzeit, uralter Spießer flirtet in der Wildnis
Von Wolfgang Alexander Bajohr

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Wenn der Sonne Gluthitze das Land erwärmt, und die Sonne über den Getreidefeldern flimmert, verwirren sich die Sinne der Rehböcke. Jetzt stürzen sie sich nicht nur auf jeden Artgenossen, der sich in ihr Territorium wagt. Sie rasen auch wie die Wilden hinter den Geißen her. Reh-Hochzeit ist meist etwas mit viel Schwung und Bewegung. In der letzten Juli-Woche und in den ersten beiden Wochen des August ist die Zeit, wenn Autofahrer in den Dämmerungsstunden aufmerksam sein sollten, denn der Zusammenstoß mit den liebestollen Rehen geht allemal nicht ohne große Schäden ab. Zuweilen aber vollzieht sich die Rehbrunft in aller Stille, und davon soll hier die Rede sein.

Das Hälsle ist ein einsames Waldmoor bei Riederau hinter dem Ammersee. Kaum jemand kennt dieses Wald-Naturschutzgebiet mit seiner undurchdringlichen Wildnis aus Fichten, Schwarz- und Grauerlen, Waldkiefern und Moorlatschen, Faulbaum und Zitterpappel, Hasel, Weiden und Schwarzpappeln, Schilf und schwellendem Torfmoos. Am Rande blühen im Frühling millionenfach die Märzenbecher, nicken blau die Leberblümchen, duftet Seidelbast, leuchtet stengelloser Enzian azurblau und rosa die Mehrprimel. Es blühen blaue und gelbe Schwertlilien und unendlich viele Orchideen, meist Knabenkräuter, neben der Wiesenraute und der akeleiblättrigen Wiesenraute.

Die Wildnis ist so dicht und meist schattig, dass es selbst den Mücken nicht gefällt, so dass sie sich am Rande aufhalten, weil es in der Wildnis zu kühl ist. Darum ist dieser Einstand wohl auch im Sommer und zur Blattzeit so beliebt bei den alten und vor allem bei den uralten Rehböcken, und immer wenn einer der sonst heftig gegen junge Artgenossen verteidigten Einstände frei wird, wandert zuweilen von weither wieder einer der uralten Böcke zu. Doch ist jagen schwierig hier, und wer sich geschworen hat, beim reduzieren der Rehe - dem Wald zuliebe - zu helfen, der beisst sich hier die Zähne aus. Vielleicht findet er eine der typischen knorrigen Abwurfstangen oder einen Schädel, der signalisiert, dass hier wieder einmal einer der begehrten alten Böcke eines natürlichen Todes gestorben ist. Den haben dann die Wildschweine aufgefressen, die man im Winter im Schnee wohl hier fährtet, aber nie zu Gesicht bekommt. Auch die Hirsche, die hier dauernd leben, obwohl es rotwildfreies Gebiet ist, bekommt man oft jahrelang nicht zu sehen, und die alten Böcke erst recht nicht.

So ein uralter Bock wird wohl einmal im Jahr vom Förster gesehen, aber meist ist dann Schonzeit und an die Fütterung am Rande kommt er auch nicht. Lieber bleibt er unsichtbar. Allenfalls ein Schmalreh, das im Randbereich des Moor-Urwaldes seinen Einstand hat, kann den Alten noch verwirren. So war das Frühjahr vorbei gegangen und dann trug der Wind den Duft von frischem Heu herein. Als das Getreide goldgelb wurde und auf dem Wildapfelbaum die Holzäpfel reiften, kam zum Ende des Juli bis in den August hinein die ersehnte Blattzeit. Ich bin keiner von jenen, der sie herbeisehnt, um jetzt die Böcke viel einfacher zu bekommen. Ich bin ohnehin skeptisch, wenn es um die Balzjagd oder Brunftjagd geht. Was würden wohl wir Menschen sagen, wenn man den Hauch des Todes über die Zeit der Minne breitet. Diese Blattjagd ist nur darum so beliebt, weil sie die größte Aussicht auf Erfolg bietet.

Zugegeben, beim Uralten habe ich es auch probiert, aber auch mein verführerisches Fiepen fand keinen Widerhall. Er wusste schon, warum er so alt geworden war. Warum sollte er auch austreten? Im Hälsle fand er alles, was ein Rehbock braucht. Denn das Unterholz ist dick voller Himbeeren und Brombeeren, dick ist auch der Teppich der köstlichen Heidelbeeren und Preiselbeeren. Unzählbar, die vielen Kräuter kaum übersehbarer Arten. Sein Bett findet er an den wenigen trockenen Stellen im Dickicht, denn in jedem Moor gibt es kleine mineralische Hügel, die trocken sind. Und in der Nadelstreu unter den überhängenden Zweigen mächtiger Altfichten plätzt er sich sein Bett. Keiner kann diese Fichten je fällen, da sie sich nicht heraus transportieren lassen. Bei einem Versuch versanken die Pferde bis über den Bauch.

Manchmal sinkt ein solcher Baumgreis in sich zusammen. Dann mag er 350 Jahre oder noch älter sein. Wenn er fällt, schlägt er eine Kerbe in die umgebende Wildnis. Dort, wo jetzt Platz ist, kommt Sonne an den Waldboden und gleich keimen Erlen und Weiden, doch auch die zerschmetterte Blütenpracht regeneriert sich, und bald schließen Goldrute, Baldrian, Dost und Wiesenraute die Wunden. In dem gesplitterten dürren Stumpf zimmern Buntspechte, wenn es dann verrottet ist, zimmern auch Grau- und Grünspechte, vielleicht sogar der Mittelspecht ihre Höhlen. In die verlassenen Höhlen ziehen dann später die zeternden Stare oder Kohlmeisen, Tannen und Weidenmeisen. Die Schwanzmeise hingegen hängt ihr Beutelnest in eine Weide. Haubenmeisen sind auch da, aber ihre Höhle habe ich nie gefunden. Manchmal höre ich auch den Wendehals, jenen seltsamen Vogel, der den Kopf ganz nach hinten drehen kann.

Im Torfmoos unter den Birken lässt sich gut schleichen, und lautlos klimme ich auf die kleine Leiter in einer Kiefer, an der nicht mehr bewirtschafteten Wildwiese. Vielleicht kommt eine Geiß. Um dabei zu helfen die viel zu vielen Rehe zu reduzieren, bin ich ja eigentlich hier. Vielleicht kommt auch Meister Reineke, aber den hebe ich mir für den Winter auf. Fern zetert eine Meise und einmal schnarrt ein Tannenhäher. Draußen vor dem Moor habe ich einen Knopfbock erlegt, noch grau und so schwach, dass ich beim ersten Blick durch das Fernglas glaubte, dass er ein Schmalreh sei, aber das Spektiv 30x80 zeigt doch mehr als ein Fernglas, und so hat er sich nicht durchmogeln können. Eines ist sicher, dass seine Mutter, die Geiß, alt war und zu wenig Milch hatte, so ist aus dem Kitz ein Kümmerer geworden. Dann, ebenfalls noch vor der Blattzeit fand ich einen Bock mit zurückgebogenen Krucken, einem Gehörn, so weit gebogen wie eine Gamskruke, aber ganz dünn und mickrig. Nur die breiten Rosen haben verraten, dass er schon 10 Jahre alt war oder noch älter. Hätten wir hier den Luchs, der hätte ihn längst gefangen.

Mittlerweile habe ich hier im Dickicht aber noch Fegestellen entdeckt, aber ich kenne den Bock nicht dazu. In der Zeit vor der Brunft waren Böcke äußerst heimlich. Jetzt aber steigt mit der Hormonkurve die Aktivität wieder an.
Da, im Dickicht aus Bäumen, Büschen und Farnen ein rotes Tier. Ach ein Schmalreh ist es. Das will ich hier vorerst schonen, denn wo Schmalrehe sind, da wohnen auch die alten Herren, die uralten Böcke. Und als das Schmalreh einen der verfallenen Entwässerungsgräben überspringt, jagt hinter dem hellen rot ein dunkelroter Schatten her. Ich habe nicht gesehen, was es war, aber der Farbe nach alleine schon ist zu sagen, dass es ein Bock war. Der poussiert hier natürlich mit dem Schmalreh. Flüchtig habe ich auch gesehen, dass er ein fast weißes Gesicht hatte. Schmalreh und weißes Gesicht, das kann doch nur ein alter Bock sein.. Wie er sonst aussieht, habe ich nicht erkannt. So zieht langsam die Dämmerung über den bleigrauen Himmel und lässt hier im grünen Dickicht die Schatten rasch verschwinden.

Gerade kann ich noch ahnen, was dort auf dem Grasweg äst. Es ist das Schmalreh von vorhin, und dann schiebt sich ein zweiter Schatten in das Blickfeld. Das ist er, der Bock mit dem schneeweißen Gesicht. Er ist kaum 20 m weg und ich kann mühsam nur erkennen, das es ein simpler Spießer ist, einer mit zwei zusammengesunkenen Stangen, nur Spießen, aber sicher ganz sakrisch zurückgesetzten mit Dachrosen, die zusammengewachsen sind. Er bleibt da und äst. Durch das Zielfernrohr ist nichts zu erkennen - aber mit dem Glas, und schießen darf ich den ohnehin nicht ohne gefragt zu haben. Das Herz aber bumpert vor Aufregung. Ein schwacher Alter nur, aber für mich als Jäger ist das ein Traumbock. Denn was ist wohl waidgerecht? Waidgerecht ist so zu jagen, wie auch die Natur jagen würde, wie der Luchs oder der Wolf jagen würden. Denn die fangen das wirklich Alte und natürlich auch  ganz Junges.

So einen urigen habe ich vorher noch nie geschossen. Er zählt mehr als jeder Sechserbock. Der ist zurückgesetzt bis auf die Spieße. Ein starker Träger (Hals), massig in der Figur, Hängebauch, Senkrücken und ein weißes Gesicht. Aber ich bin Gast und darf Böcke nicht ohne Absprache schießen, sondern nur Reduktionsabschuss beim weiblichen Wild und bei Jungwild machen, um dem Wald zu helfen. Aber der Bock verbeißt schließlich auch den Wald. Stockfinster ist es, als ich auf der Forstdienststelle ankomme und mit Tränen in den Augen vom alten uralten Trumbock schwärme. Er versteht mich, denn auch er liebt die urigen Böcke und verspricht um die Genehmigung zu kämpfen, denn damals war alles noch viel strenger, trotz des Wunsches nach Reduktion. Er schafft es, weil in den angrenzenden Bezirken die Reduktion nicht erfüllt wurde. Der Bock verbeißt ja auch. Nach einem Gewitter bin ich gleich wieder draußen, denn nach Gewittern ziehen die Rehe gerne. Ich versuche es im Hälsle in meinem Dickicht doch einmal mit dem sonst so verpönten Blatten. Ein Grashalm nur ist es, dem ich das Fiepen entlocke. Ich sitze in der Eiche am gluckernden Bach. Das Gluckern und mein Fieper mit dem ich den Bock von seinem Schmalreh weglocken will sind die einzigen Laute. Der Abend ist sehr still und viel zu rasch kriecht die Dämmerung über den Himmel. Wenn wenigstens zur Kurzweil ein Hase da wäre. Drei Rehe ziehen rasch heraus. Eine starke gesunde Geiß mit zwei Kitzen. Ich dürfte sie alle drei erlegen, aber ich lasse sie laufen. Der alte wird auch kein Interesse mehr am Schmalreh haben. Zweifel auch, dass ihn die Geiß interessiert. Mein Locken vielleicht???

Ich habe schon damit gerechnet, dass die Rehe sehr spät kommen. Als der Alte schließlich da ist, kann ich kaum noch mit dem Zielfernrohr zurecht kommen, aber am weißen Gesicht erkenne ich ihn doch, und mit dem Fadenkreuz schaffe ich auch das Ziel zu finden. Es sind runde 130 m und ich habe in meinen Stutzen den großen Lauf eingelegt mit der .375 HH Mag. Ein Großwildkaliber vielleicht, aber ich will kein Risiko und schieße mit dem 9,7 mm und 17,6 g schweren Corelokt-Geschoss. Ein Feuerschein, und dann sehe ich nichts mehr, weil ich geblendet bin. Habe ich mit der Donnerbüchse gefehlt? Wie oft habe ich beim Reduktionsabschuss pflichtgemäß mitgeholfen, und sonst jage ich ja nur noch mit der Kamera, aber bei diesem alten Bock ist doch der Jäger in mir erwacht. Die drei anderen Rehe äsen weiter und haben vom Schuss keine Notiz genommen. Nur 5 m von ihnen liegt etwas im Gras, das nicht zu erkennen ist. Mein Bock? Eine Todesflucht hat es mit der großkalibrigen Donnerbüchse mit Sicherheit nicht gegeben, sondern er lag schlagartig und so schnell, dass es die anderen Rehe nicht aufgeregt hat. Ich meinte vorbeigeschossen zu haben, und die Geiß mit den Kitzen hat nicht bemerkt, dass er plötzlich lag. Es war wirklich der uralte Spießer 12 bis 14 Jahre alt. Es war so, dass die Jagd befriedigend war. Ich hatte gejagt wie die Natur jagt, wie Luchs und Wolf und hatte den natürlichen Tod vorweg genommen.

Ob der Reduktionsabschuss dem Wirtschaftswald zuliebe immer das Nonplusultra ist, scheint zweifelhaft. Die Menschen wollen draußen Wildtiere sehen und erleben. Ob der Wald aufgefressen wird, ist ihnen egal.  Bleibt dennoch der Weg zu suchen, dass die Menschen den Jäger verstehen. Sicher kann man auf Rehe schießen, um dem Wald zu helfen. Aber der Wald, der dem Volk gehört und den das Volk will, ist der Naturwald. Wo man ihn ehrlich wieder schafft, werden auch die Menschen aus der Stadt verstehen, dass gejagt werden muss, wenn man den Naturwald wieder will. Sie verstehen nicht, wenn es um den Wirtschaftswald geht, schon gar nicht um den Holzackerbau.  Sie verstehen auch nicht, wenn es um Jagderlebnisse nach Gramm und Punkten der Geweihe geht, also ein Trophäenkult getrieben wird. Am ehesten verstehen sie, wenn auch der Jäger ein Teil der Natur ist, in der er jagt. Wenn er dann auf die ganz alten, die ohnehin bald sterbenden jagt, dann sollte auch keiner etwas gegen die Jagd und gegen die Jäger haben, denn Jagd ist Zwiesprache mit allem Lebendigen.